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Ein Apfel gegen den Durst
Essay
Elisabeth Reichart
Elisabeth Reichart, geb. 1953
in Steyregg/OÖ, promovierte Historikerin und Germanistin, lebt als freie
Schriftstellerin in Wien. Längere Auslandsaufenthalte als
Writer-in-Residence in den USA und Japan. Zahlreiche Preise, u.a.:
Österreichischer Würdigungspreis für Literatur 1999, Anton
Wildgans Preis 2000. Publikationen u.a.: Februarschatten, Roman; Sakkorausch,
Ein Monolog; Nachtmär, Roman. |
Früher / wann früher?, viel früher,
als ich klein war, klein genug, um in einen Fahrradsitz zu passen, fuhren meine
Eltern mit mir baden, in den Flüssen haben wir gebadet, in der Krems, der
Traun, der Gusen, in der Feldaist und der Waldaist, und sogar in einem Strom
bin ich geschwommen, mein erster Fluß war ein Strom ... später /
wann später?, nicht viel später, ein paar Jahre, die ein Kind
braucht, um stark genug zu sein, von einem Ufer des Stroms zum anderen zu
schwimmen, durfte ich nicht mehr in die Donau baden gehen, bald nicht mehr in
die Traun, in die Krems schon gar nicht, ihr Wasser schäumte schwarz und
gelb - als die Krems noch weiß schäumte, die Donau noch nicht
für Schwimmer gesperrt war, wir am Samstag und Sonntag mit den
Fahrrädern schwimmen fuhren, gab es einen Apfel gegen den Durst.
So
konkret war das gemeint?
Ja, so konkret.
In der Volksschule, vielleicht
auch noch während der ersten Jahre in der Mittelschule, hatte ich immer
einen Apfel mit - in all den Schuljahren ein Apfel gegen den Durst. Heute
verkauft der Fleischhauer bei mir ums Eck Jausensackerl für
SchülerInnen: Darin ist eine Wurstsemmel, eine Kindermilchschnitte und ein
Apfelsaft. Immerhin Apfelsaft, dachte ich, als ich die Sackerl zum ersten Mal
in der Auslage liegen sah.
Der Apfel ist zum Saft zerronnen.
Bei
dieser Verwandlung fällt mir eine andere ein. Ich mache einen
Kleintextkurs. Letzthin erstand ich ein Trendwörterbuch. Und schlug nach
bei dem Wort Demo - ich weiß nicht, was für Sie Demo bedeutet,
für mich war es bis zu diesem Moment die Abkürzung für das Wort
Demonstration, Demo war somit ein Trendwort wahrscheinlich seit der
Studentenbewegung und, siehe da, in dieser Bedeutung kommt es unter den
Trendwörtern der Neunziger Jahre überhaupt nicht mehr vor. Demo
bedeutet heute: "Demonstrationsprogramm. Mit dem Demo veranschaulicht eine
Demo-Group ihre Fähigkeiten in den Bereichen Musik, Programmieren und
Grafik, wobei das optimale Zusammenspiel in den genannten Bereichen wichtig
ist. Im Computerbereich existiert bereits eine eigenständige
Demo-Szene."
Tja, jetzt wissen wirs: Sometimes silence can be very loud
... Eine eigenständige Szene waren die Demos früher auch. Der kleine
Unterschied, der leider sehr viel bedeutet, liegt darin, daß es bei den
früheren Demos oft oder sogar meistens um Anliegen ging, die über den
einzelnen hinausreichten, während es jetzt nur noch um materielle
Eigeninteressen geht.
Zurück zum Apfel.
Es gab die
Frühäpfel, die Sommeräpfel und die Winteräpfel. Im Keller
hatte mein Vater ein Holzgestell gebaut, auf dem lagen die Winteräpfel
aus. Kein Apfel durfte einen anderen berühren. Die angestochenen
mußten zuerst gegessen werden. Der Keller duftete. Unvergeßlicher
Duft/gesuchter Duft.
Heute kannst du dir Apfelschaumbäder kaufen, sagt
eine Stimme in mir. Diese Stimme interessiert sich nicht dafür, daß
ich seit Jahren umsonst einen Keller suche, der nach Äpfeln duftet. Oder
noch viel banaler: Nach einem Apfel, der den Durst stillt.
Einmal habe ich
nach einem Apfel gegriffen, eine Biene hatte sich in ihm verkrochen, sie stach
zu. Mehr Bienen als Stiche, sagte meine Großmutter. Ihre Tröstungen
waren von dieser Art.
Angestochene Äpfel, stechende Bienen,
STICHWORTE.
Stechen Worte wie Bienen? Noch schlimmer, hätte meine
Großmutter gesagt, ihr Stich schmerzt länger.
STICHWORT - im
Duden steht dazu: 15 -19. Jh. verletzendes (eigentlich stechendes) Wort,
"Beleidigung", seit dem 18. Jh. "Endwort eines Schauspielers, nach dem ein
anderer einsetzt oder auftritt." Ende des 19. Jhs. "behandeltes Wort in
Nachschlagewerken" und (Mehrz.) "Leitwörter für den Aufbau einer Rede
und dgl.", in diesen letzten Bedeutungen wohl eigentlich "herausgestelltes,
-gegriffenes (herausgestochenes) Wort".
In dem letztgenannten Sinn
verwendet es Schnitzler gerne. Gleich zweimal betont der Schriftsteller Stephan
von Sala gegenüber dem Maler Julian Fichtner in dem Stück: Der
einsame Weg, wie gut sie sich gegenseitig die STICHWORTE geben
würden.
Worte, mit der Kraft zuzustechen, ein Stich, ein Wort, in
welche Zeitverschiebung soll das führen, nein, in ein Fallen, hinein in
ein anderes, in ein Du, ich verlasse mich auf dein Wort, ein Mann, ein Wort,
vergessen, von allen Worten bleiben die häßlichsten, die an der
Oberfläche dahineilen, hinweggleiten über meine, inmitten der Worte
sein, jedes Wort ernst nehmen, einem schweigenden Mann kann man vertrauen,
Reden ist Silber, Schweigen ist Gold, die geschwätzigen Weiber, immer
diese Redensarten, nur keine neue Redewendung, im Anfang war das Wort / wo
kämen wir denn da hin, seit wann gilt die Bibel nicht mehr oder wann hat
sie gegolten, im Handschlag ist die Lüge verbürgt, schau mir in die
Augen, Kleines, in Casablanca siegte noch die Ethik, ich weiß, wo ich
bin, wenn die Worte mich tragen, untragbar gewordene Kleider, und die Worte,
passen sie noch, zieh sie aus, im Ausverkauf der Ehre, der Achtung, des
Respekts, woher kam der Fluch und wohin ging er, niemals vergessen die Angst
vor der Lüge - ich habe lügen gelernt ...
Ich würde so
gerne eine einfache Geschichte über einen einfachen Apfel schreiben
-
Es war vor Jahren / vor wie vielen Jahren?, vor nicht sehr vielen Jahren,
ich fuhr mit dem Zug nach München, mir gegenüber saßen zwei
Männer, die sich angesichts eines unfreiwilligen Publikums gegenseitig
permanent zum Scheinkampf herausforderten. Nach St. Pölten begann der eine
Mann, einen Apfel zu schälen. Der apfellose Mann zu dem Mann mit dem
Apfel: "Hat dir deine Mutter nicht erklärt, daß die Schale das
Gesündeste ist?"
"Tschernobyl, du hast Tschernobyl vergessen", konterte
der Apfelschäler.
Damals sind die Pilze von den Speisezetteln
verschwunden. Ein Wunder muß geschehen sein, kurz darauf hat sich die
gefürchtete Reststrahlung selbst aufgegeben, wie inzwischen die
überhöhten Ozonwerte, kein Ozonalarm mehr - doch, einen Tag lang in
Paris und irgendwo in Indonesien, aber mit Indonesien haben wir nichts zu tun
...
Vielleicht hätte ich eine einfache Geschichte über einen
einfachen Apfel, der den Durst stillt, erzählen können, wäre
nicht in diesem Sommer der letzte ...
Hier käme nun unweigerlich das
Wort Baum ... doch das Wort Baum ist ein Tabuwort in der Literatur geworden: Um
die Bäume kümmern sich Umweltschützer, Bürgerinitiativen,
ja sogar Politiker entdecken ihre Liebe zu Baum und Wald kurz vor jeder Wahl,
doch in der Literatur unterliegen Baum und Wald der Zensur - nein, ich denke
dabei nicht an Brecht, und nicht an eine Zensur wie zu Nestroys Zeiten oder an
die der Katholischen Kirche heute, nein, kein Zensor sitzt im Zuhörerraum
und macht sich Notizen, um die Aufführung verbieten zu können. Eine
andere Zensur ist am Werk, die der Verhöhnung.
Erinnern Sie sich noch
an die Verhöhnung von Christa Wolfs Buch: Störfall? Ich habe
keineswegs alle Kritiken gelesen, ich werde mich hüten, das zu behaupten.
Aber die ich gelesen habe, sind mir in Erinnerung geblieben wegen ihres
geifernden Tonfalls, ihres Bedürfnisses, ein Buch der Lächerlichkeit
preiszugeben, das den Versuch wagte, sich mit der Katastrophe von Tschernobyl
zu befassen, die uns alle beschäftigte und betraf. Wäre es eine
ernsthafte Auseinandersetzung mit der Sprache, der Form gewesen, es wäre
nichts dagegen einzuwenden gewesen. Aber darum ging es diesen Kritiken nicht.
Sie wollten an Hand einer berühmten Autorin ein Exempel statuieren: Weg
mit den Anliegen der Menschen aus der Literatur, hieß die Botschaft, weg
mit den ungelösten und vielleicht sogar unlösbaren Problemen, weg mit
der Hand, die schreibend die Finger auf die offenen Wunden legt.
Die
Belehrung wurde von den Schreibenden verstanden.
Engagierte Literatur ist
längst ein Schimpfwort - und dazu hat diese Literatur auch selbst
beigetragen mit ihrer Oberflächlichkeit, ihrer Vernachlässigung der
Form und indem sie sich vor irgendwelche außerliterarische Vehikel
spannen ließ. Aber niemand stellt mehr die Frage: engagiert wofür?
wogegen?
Die Blüten der Kritik will ich Ihnen nicht vorenthalten: Da
ist davon die Rede, daß ein Autor "seine Angst vor Kitsch verloren"
hätte, der "Mut zum Populären" wird gelobt, die Versuche, "endlich
wie die Amerikaner zu schreiben", werden gebührend beklatscht ...
Was
uns Schriftstellern hier eingebleut wird, übertrifft jede vorstellbare
Dummheit. Die Angst davor, Kitsch zu schreiben, kann doch gar nicht groß
genug sein, dachte ich in meiner Naivität und verstand nicht, wieso es
mutig sein soll, populären Mist zu schreiben, der liegt doch in meterhohen
Stößen in jeder Buchhandlung und dient zu nichts anderem als zur
Verstopfung des Denkens und Fühlens sowie des Zugangs zu anderen
Büchern, die sich nicht dem widerspruchsfreien Unterhaltungsgeschäft
verschrieben haben, und die Aufforderung, daß deutschsprachige
Schriftsteller endlich wie amerikanische schreiben sollen - wobei damit nie ein
Thomas Pynchon gemeint ist, der längst als zu schwierig entlarvt wurde -,
klingt für mich genauso absurd, als würde jemand von den Historikern
verlangen, sie sollten doch endlich die europäische Geschichte erst mit
der Entdeckung Amerikas beginnen lassen.
Dazu kommt die Inflation der
Saisongötter: jeder Saison ihren eigenen Kleinstgott, der in der
nächsten vergessen ist. Am beliebtesten sind Einbuchgottheiten, bei ihnen
braucht man keine Bezüge zwischen ihren Büchern herzustellen,
muß man nichts wieder lesen. Und der Höhenflug zerbirst immer schon
an sich selbst, das heißt, er hat den unwiderstehlichen Drang, die
gesamte bisherige Literatur in den Abgrund zu schmeissen - da wird Proust
übertroffen und ein neuer James Joyce in lesbarer Form geboren und Kafka
überholt, als handle es sich bei der Literatur um einen Rennsport oder um
einen Verein für die Beglaubigung der Wiedergeburt auf einer banaleren
Ebene.
Es sind Einübungen ins Vergessen, die hier stattfinden.
Vergessen ist die Fähigkeit, dort Anfänge zu behaupten, wo eigentlich
keine sind. Das ist uns doch vertraut. Wie war das damals mit der Stunde
Null?
Aber, und das ABER schreibe ich sehr groß: dies ist letztlich
nur Geplänkel. Das Spiel einer kleinen Gruppe, die jetzt panisch um sich
rudert, weil sie um ihre eigene Macht bangt, die sie sich selbst genommen hat,
seitdem sie / wann war das nur? / vor nicht sehr vielen Jahren jedenfalls, das
Ende der Literatur verkündete. Zuerst wurden die einzelnen Gattungen von
der Kritik abgeschafft, indem das Ende des Erzählens, das Ende des Romans,
das Ende der Lyrik, das Ende des Theaters verkündet wurde, dann nur noch
banal das Ende der Literatur. Punkt. Aus. Basta.
Und das Kritikerurteil fand
Beifall. Sogar Schriftsteller haben bereits in diesen Abgesang eingestimmt.
Eine der harmlosen Varianten ist, daß auch sie nicht mehr auf das Wort
allein vertrauen wollen. Eines der lächerlichsten Anpassungsmanöver
finde ich die schwachsinnigen Performances diverser Wortstümperer - nur
wer sich selbst für einen Stümper hält, lenkt sein Publikum mit
Spielereien von seinen Worten ab - womit jedoch nicht das Gegenteil bewiesen
werden soll. Der Hokuspokus aber funktioniert. Das Publikum will unterhalten
werden. Nur eine Lesung? Keine Performance? Ich habe sie gesehen, die
Kerzenanzünder und -ausbläser, die Taschenaus- und -einpacker, und
bin vor Scham sprachlos geworden.
Aber Scham ist kein
gesellschaftsfähiges Wort mehr. Mit Scham erklärt man seinen Austritt
aus den Vereinbarungen dieser auf ein Kurzzeitgedächtnis eingeschworenen
Gesellschaft. Folgerichtig bin ich gegangen.
Wie die Literatur aus den
Schulen. Ich finde es ungeheuerlich, daß SchülerInnen die Matura
machen können, ohne je ein literarisches Werk von der ersten bis zur
letzten Seite gelesen zu haben. Bill Gates kann sich freuen über seine
Anhängerschar, so ernst werden nur wenige Menschen genommen. Er zählt
zu den mächtigsten Männern dieser Welt und rühmt sich, nie ein
Buch zu lesen. Die Schüler, die an seinen Computern lernen, SURFEN (hier
sind wir wieder beim Sport gelandet) dann durch sein Internet, das
großteils einem Gedankenschrottplatz gleicht und zur
Sprachverstümmelung beiträgt.
Der Apfel fällt nicht weit vom
Stamm, ein Sprichwort, mehr nicht.
Wir sind immer noch bei der
Todesanzeige für die Literatur.
Ich habe für diesen Text in meiner
Bibliothek geblättert und mit Schaudern, ach nein / wem schaudert noch /
altmodisch, ausgemerzt das Wort - also womit denn sonst? / mit Betroffenheit,
das würde gut passen, betroffen sind wir doch von allem und jedem, daran
sind wir gewöhnt, es ist ein gewöhnlicher Begriff geworden innerhalb
welcher Zeit? / ohne mich - dann habe ich doch lieber nur festgestellt,
daß es, der Anzahl der Bücher nach zu urteilen, die ich gefunden
habe, ein lawinenartiges Bedürfnis gibt, den Tod der Literatur zu
beschwören. Denn um eine Beschwörung handelt es sich, da die
Literatur, wenn auch unter biblischen Fluchbedingungen, immer noch existiert
und sicher weiterhin existieren wird. Was ist das für ein Bedürfnis,
frage ich mich. Es bedroht mich, es will mich überzeugen, daß es
mich nicht mehr geben soll, es meine Literatur - und damit meine ich nicht nur
die, die ich geschrieben habe, sondern ebenso die, die ich schätze, liebe,
mit der ich lebe -, in Zukunft nicht mehr geben wird. Welch eine
Anmaßung, diese Beschwörung, bedenkt man, seit wann es die Literatur
gibt und seit wann es die Literaturkritik gibt! Um jeden Irrtum
auszuschließen: In diesen Ergüssen über den Tod der Literatur
herrscht keine Panik vor Bücherverbrennungen. Nein. Ganz freiwillig - ich
nehme zumindest an, daß es freiwillig geschieht -, widmen sich
Intellektuelle genüßlich dem Tod der Literatur. Ich frage mich, ich
kann nicht anders, sind SIE todkrank oder Sadisten? Wollen diese
selbsternannten Prediger wirklich, daß wir gedächtnislos werden,
unkritisch, sprachlos?
Wir leben in einer Demokratie. Doch das ist nur der
äußere Schein. Die Hülle, in die sich der Kapitalismus verpackt
hat, der mit jedem Tag brutaler agiert, lassen wir uns da nichts vormachen,
braucht nichts dringender als Kritik. Die Literatur, die sich selbst ernst
nimmt, war nie eine Anbeterin der Demokratie. Eine Demokratie, die Lobeshymnen
nötig hat, ist keine mehr. Das entlarvt all diejenigen, die auf die
Literatur, die diesen Namen verdient, pissen. Die Pisse spritzt ihnen ins
Gesicht. An uns liegt es, die Spuren zu sehen.
Explizit gesagt: Mich
interessiert nur eine Literatur, die kritisch ist und etwas zu sagen hat, und
es anders sagt, als es bereits gesagt wurde, das heißt, sie hat
zuallererst kritisch gegenüber sich selbst zu sein. Doch statt dessen
Ödnis. Kaum noch ein Buch, das ein Risiko eingeht, als wäre es eine
Schande für die Literatur zu scheitern und nicht, sich die Quotenregeln
der Unterhaltungsindustrie zum nie erreichbaren Vorbild zu nehmen.
Und der
Leser, die Leserin ist verpflichtet, die Literatur in ihrer Zeit zu sehen. Ein
Analphabet kann nicht lesen. Ein geschichtlicher Analphabet kann nichts
verstehen - was nach 1945 revolutionär war, angesichts der
Mördersprache, die keine Ausgangsbasis für eine neue Generation von
SchriftstellerInnen war, ist heute, da es diese wunderbaren Versuche, aus dem
Sprachmist unsere Sprache zu retten, gibt - und es ist unsere Sprache, wir
haben nur eine Muttersprache, und jeder, der länger in einem fremden
Sprachraum gelebt hat, weiß, wie wichtig sie ist, oder denken Sie daran,
wie wenige Schriftsteller es gibt, die fähig sind, in einer anderen als
ihrer Muttersprache zu schreiben -, was also nach 45 revolutionär war,
kann heute durchaus reaktionär sein.
Welch eine Leistung,
Selbstüberwindung und Sprachschöpfung war doch, um nur ein Beispiel
zu nennen, das Buch "Die größere Hoffnung" von Ilse Aichinger,
erschienen 1948. Sie mußte für ihren Roman, der in der ersten
Auflage übrigens gerade ein paarmal verkauft wurde, eine neue Sprache
finden, sie hatte für dieses Werk absolut keinen Rückhalt in der
österreichischen Bevölkerung, die ja noch nicht einmal zugeben
mußte, daß sie Menschen mit einem Judenstern bemerkt hatte.
Entgegen der offiziellen Meinung und den Bestrebungen der Politik war es die
Literatur, die uns davor bewahrte, zu Vollidioten zu werden, sich vor sich
selbst und in der Welt lächerlich zu machen. Die Politik hat es inzwischen
eingesehen. Ich behaupte, diese Einsicht ist ein Werk der Literatur.
Ist
Literatur also doch nicht wirkungslos?
Wenn sie sich selbst ernst nimmt, ist
sie es nicht.
Nur ist sie nicht berechenbar in ihrer Wirkung.
Doch
zurück zu dem Satz: Was nach 45 revolutionär war, kann heute durchaus
reaktionär sein. ABER: revolutionär und reaktionär sind wohl
auch Tabuworte inzwischen. Reden wir also unsere Jetztsprache: Was nach 45
innovativ war, KANN heute ausgekochter MIST sein - die Jünger der Wiener
Gruppe KÖNNEN Sprachstümper sein, Romane über die Vernichtung
der Juden KÖNNEN Konjunktursplitter sein, und Romane über Frauen, die
von dumpfen, unwissenden Geschöpfen handeln oder auf dem Niveau von
Pubertätsträumen stehen bleiben, halte ich angesichts der
Realität einfach für reaktionär (schon wieder dieses Wort!), als
wären sie alle bestellt (was sie, wie ich weiß, nicht sind - sie
werden nur hochgejubelt, um uns kleinzuhalten), um mit den inzwischen fast
anonym gewordenen Machthabern dafür zu sorgen, daß dem Menschen -
diesem so verletzlichen Wesen -, endlich klar wird, wie sehr er stört, wie
wenig perfekt er ist (welch eine Erwartung!) angesichts der von ihm
geschaffenen Dinge, mit dem Ziel, ihn darauf einzustimmen, daß er
überflüssig ist, vorerst auf dem Arbeitsmarkt, mit einer 2/3
Gesellschaft sollen wir uns abfinden, andere reden gar von einer 4/5
Gesellschaft, womit jeweils die Zahl der "Überflüssigen" gemeint ist
- unter diesem Druck werden wir bald zu dem werden, was wir bisher nur anderen
zugemutet haben: zu einem Billiglohnland.
In solchen Momenten kann ich nicht
anders als zu denken: die Nazis haben doch gesiegt. Mit ihrer
Menschenverachtung, ihrem ganzen biologistischen Rassenwahn haben sie gesiegt.
Die STICHWORTE dazu liegen auf der Hand: die zunehmende Euthanasiediskussion,
die Genmanipulation zur Erzeugung standardisierter Menschen, Leihmütter,
künstliche Befruchtung - mit dem Ziel der künstlichen Züchtung
von Gen-Norm-Menschen außerhalb des Mutterleibes, also der Erfüllung
des uralten Traums, der schon in der Schöpfungsgeschichte ersichtlich
wird: ein von den Frauen unabhängiges Sein ...
Diese Zukunftsplaner
wollen nicht gestört werden - nicht durch Kritik. Leider haben zu viele
Autoren die Botschaft verstanden und kümmern sich lieber um ihre
Medienpräsenz als um die Literatur. Sie werden dafür gut bezahlt. Sie
werden dafür beklatscht. Heute. Morgen hat man sie vergessen. Da sie
wissen, daß sich morgen niemand mehr für diese Nichtigkeiten
interessieren wird, stimmen sie mit dem herrschenden Wahn überein in der
Haltung: Nach uns die Sintflut!
Wir, die wir selbst Nachgeborene von
Nachgeborenen sind, sollen an keine Nachgeborenen glauben? Das erinnert doch
fatal an die Haltung Hitlers, als er in seinem Bunker in Berlin saß und
seine Herrenrasse dem Untergang überließ, da sie es nicht wert war
zu überleben.
Wenn ein Autor heute wagen würde zu behaupten,
für die Nachwelt zu schreiben - hören Sie das Gelächter? Oder
hören sie die Stille, der er überlassen wird?
Damit komme ich
zurück zum Apfel.
Denn kurz vor der Sintflut - beim Wiederlesen der
Bibel war ich überrascht, wie schnell Gott seine Menschenschöpfung
fast schon wieder aufgegeben hatte -, beginnt das Menschenschicksal - und,
soweit die Bibel in mich eingegangen ist, spielt da eine Frucht eine
große Rolle, und auch, und jetzt ist das Wort nicht mehr vermeidbar, ein
Baum.
Aber von Anfang an -
Gott spricht (im Anfang war das Wort)
- es
werde -
Gott spricht nur mit sich selbst, er lobt sich für sein Werk,
ist zufrieden damit ...
Dann spricht Adam - der Art seiner Rede nach
offensichtlich zu sich selbst ...
(In der Buber /
Rosenzweig-Übersetzung liest sich das so:)
Der Mensch
sprach:
Diesmal ist sies!
Bein von meinem Gebein,
Fleisch von meinem
Fleisch!
Die sei gerufen
Ischa, Weib,
denn von Isch, vom Mann, ist die
genommen.
Darum läßt ein Mann seinen Vater und seine Mutter und
haftet seinem Weibe an,
und sie werden zu Einem Fleisch.
DIE hat dazu
nichts zu sagen.
Bisher haben Gott und Adam nur monologisiert. Das erste
GESPRÄCH in der Bibel findet zwischen Eva und der Schlange statt.
Wo
bleibt der Apfel?
Nun, in der Bibel ist von einem Apfel keine Rede, nur von
einer Frucht. Meine Erinnerung weiß es anders, in ihr ist die Frucht ein
Apfel. Zum Glück gibt es Lexika. In einem finde ich die Erklärung
für diese Diskrepanz: Seit dem Spätmittelalter werden die
verbotenerweise verzehrten Früchte des biblischen Erkenntnisbaumes meist
als Äpfel dargestellt. Bei Goethe heißt es in der
Walpurgisnacht:
Faust (während er mit der Jugend tanzt):
Einst
hatt' ich einen schönen Traum;
Da sah ich einen Apfelbaum,
Zwei
schöne Äpfel glänzten dran,
Sie reizten mich, ich stieg
hinan.
(Kein Kommentar!)
Die Schöne:
Der Äpfelchen
begehrt ihr sehr,
Und schon vom Paradiese her.
Von Freuden fühl' ich
mich bewegt,
Daß auch mein Garten solche trägt.
Vor
der biblischen Apfelgeschichte waren viele andere. Ich will nur auf eine
zurückgreifen: Paris hatte die Wahl / aber hatte er wirklich eine?, einer
der drei Göttinnen: Hera, Athene oder Aphrodite den GOLDENEN APFEL mit der
Aufschrift "der Schönsten" zu geben. Er entschied sich bekanntlich
für Aphrodite. Der griechischen Mythologie nach sann daraufhin die
Göttin Hera auf nichts anderes mehr als den Untergang Trojas. Nun, wie es
sich fügte, soll Paris als Lohn von Aphrodite die schönste Frau
bekommen haben, Helena, deretwegen schließlich Troja zerstört
wurde.
Nicht nur die Götter haben sich verändert - die
Menschen hatten die Freiheit entdeckt:
Paris konnte sich nur falsch
entscheiden, ihm haben die Göttinnen nur die Wahl der falschen Wahl
gelassen - hätte er sich anders entschieden, hätten die anderen
Göttinnen ihre Rachepläne ausgeführt.
Hingegen hat der Gott
der Bibel die Menschen nicht vor ein unabwendbares Schicksal, sondern vor ein
Paradox gestellt: Nicht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse essen zu
dürfen, hieß doch, über den Unterschied zwischen Gut und
Böse bereits informiert zu sein: Es ist gut, nicht davon zu essen. Es ist
böse, davon zu essen. Die Freiheit der Menschen bestand einzig und allein
darin, Gottes Verbot zu akzeptieren oder nicht. Aber, und Sie ahnen es sicher
bereits, was jetzt naturnotwendig noch kommen muß: Parallel mit der
Entdekkung der Freiheit war Eva zu einer Rippe verkümmert. Gott war zum
Mann geworden, die Göttinnen waren entmachtet, die Freiheit war eine Sache
des Mannes. Insofern gibt es mich nicht. Und da schließt sich der Kreis
zu vorhin, als ich behauptete, es ginge bei der Abschaffung der Literatur um
die Abschaffung der kritischen Elemente in ihr - jetzt, da Frauen nicht mehr
nur vereinzelt und isoliert schreiben, jetzt, da die Gefahr besteht, daß
Eva nicht länger die Rippe ist und sie gleichzeitig sogar als Rippe
abgeschafft werden soll, jetzt gilt es, sie dafür zu loben, wenn sie sich
selbst enthauptet. Und sie tut es. Nicht jede. Aber zu viele lassen sich von
der irrigen Vorstellung benebeln, Kunst sei für die Kunstkritik erfunden,
anstatt die Freiheit anzunehmen, angesichts des Nichtseins auch von jedem
angepaßten Sein befreit zu sein.
Wir sollten von Schneewittchens
Erfahrungen lernen - ihre Stiefmutter hatte den Apfel so präpariert,
daß nur die Schneewittchen hingehaltene Hälfte giftig
war.
Ach ja, Apfelessig sei wieder in Mode, hat man mir gesagt.
Dieser Text wurde erstmals abgedruckt
in der Anthologie "Hier spricht die Dichterin. Wer? Wo?", hrsg. von Friedbert
Aspetsberger, 1998.