Podium 125 - Polen

Illustration von Adam Adamczyk

Prosa

Piotr Sommer

Menschen treffen

Oberstes Kriterium von Übersetzbarkeit: "Hätten wir uns dort drüben getroffen, wären wir dann auch Freunde?"


Unter uns

Ein berühmter polnischer Autor, dem ich in New York vorgestellt werde, kurz vor einer Lesung, die wir drei, Polen, dort haben werden. Er lebte seit fast dreißig Jahren in den Staaten, wurde aber nicht viel gelesen, bis vor kurzem, als er diesen berühmten Preis bekam, dessen Namen die Leute im allgemeinen schon einmal gehört haben. Der andere Autor lebte seit sechs Jahren in den Staaten, und er hatte noch keinen Preis bekommen, von dem die Leute in diesem Land gehört haben könnten. Wir drei, Polen, sind in einem Raum, doch der Veranstalter der Lesungen ist Amerikaner, und so findet unser Small talk in der Lingua franca von heute statt. Der berühmte Schriftsteller wendet sich an mich und fragt freundlich auf Englisch: "Residieren Sie in Warschau?" "Ja", ich antworte langsam, versuche Zeit zu gewinnen, um zu verstehen, was das Problem sein könnte - seit fast vierzig Jahren fort aus Polen? Eine etwas altmodische Diktion? Schwierigkeiten beim Visualisieren der häßlichen, billigen Wohnblocks mit den kleinen Wohnungen, worin die meisten von uns leben, wenn wir überhaupt das Glück hatten, an eine solche zu kommen? Meine eigene Unfähigkeit, von der etwas anderen Vorstellung von "residieren" oder "Residenz" zu abstrahieren, die sich irgendwie in meinem Kopf festgesetzt hat? - und dann, noch immer unentschlossen, sage ich schnell: "Aber mir gefällt das Verb, das Sie verwendet haben!" Er lacht und - offensichtlich im Gefühl, daß dies eines der leicht zu beseitigenden Mißverständnisse ist -, erklärt er: "Sie leben in Warschau, also ist es der Ort Ihrer Residenz."


Der Zoo als Text

Eine der auf amüsante Weise unschuldigsten Einstellungen zur Übersetzung - besonders zu Lyrikübersetzungen, vielleicht - besteht darin, daß man versucht, dem zu übersetzenden Originaltext erklärende Worte oder Halbsätze hinzuzufügen, und somit der Integrität des Textes Fußnoten einzuverleiben. Dies geht gewöhnlich einher mit der Annahme, daß ja nichts wirklich verletzt wurde. Ist es denn etwa nicht in der besten Absicht geschehen? Zum Wohl des Lesers? So daß der Leser besser verstehen kann? Denn, klarerweise, hätte der Leser ja sonst nicht die geringste Ahnung, was er denken soll. Und dafür wird jede Textstelle, die ein wenig Anstrengung, ein wenig aktives Lesen, ein wenig Hausaufgabe erfordert, verflacht oder mit integrierten Fußnoten versehen. Warum sollst du dich mit einer richtigen Geburt abplagen, Kleines, wenn du doch einen Kaiserschnitt kriegen kannst?

Beispiele für solche Über-Übersetzungen kann man allenthalben finden. Ich fand eines davon in einer bemerkenswerten Aufzählung am Käfig der Blaumaulmeerkatzen im Zoo von San Diego. Sie lautete, die ersten vier Worte in Versalien, folgendermaßen: "BITTE DIE TIERE NICHT: ärgern, belästigen, nekken, plagen, piesacken, ängstigen, schurigeln, triezen, peinigen, schikanieren, stören, inkommodieren, behelligen, reizen, drangsalieren, herausfordern, aufbringen, irremachen, provozieren, beunruhigen, durcheinanderbringen, bedrängen." Plötzlich war meine Fähigkeit, das sogenannte Gute vom Schlechten zu unterscheiden und zu beurteilen wie weggeblasen, fast der ganze Geschmacksinstinkt war in Frage gestellt. Und ich fühlte mich den Tieren aufs Gröbste fehlübersetzt.


Refrain

Was sollen wir mit all unseren unübersetzten diakritischen Zeichen tun?


Die Unübersetzbarkeit der Eichhörnchen

Manchmal scheint es, als seien die Grauen in Amherst ausgebleicht, so als hätten sie tatsächlich irgendwann ihre mehr oder weniger feuerrote Farbe verloren, die Intensität, die vielleicht von Sonne und Jahreszeit abhängt, die Farbe, die so charakteristisch für die Eichhörnchen in Osteuropa ist. Im alten Lazienki-Park in Warschau gibt es viele von ihnen, und die Menschen versuchen sie mit der Hand zu füttern - nicht so, wie sie den monströsen Riesenkarpfen im Königsteich des Parks füttern, wo sie das Futter einfach hineinwerfen. Angeblich lockt man die Eichhörnchen am effizientesten an, indem man immer wieder, mehrmals hintereinander, mit sanfter Stimme Basia-Basia-Basia ruft, eine Koseform des Namens Barbara. Dieser Name - oder vielleicht seine Klangqualität - soll den Eichhörnchen aus bestimmten Gründen vertrauter sein als andere, weniger raschelnde polnische Namen. Aber das graue, freundlich gesonnene Amherst-Eichhörnchen von der Amity Street dreht sich um und läßt uns mit unseren wohlgemeinten Absichten stehen, unbeeindruckt von unseren Rhabarberbuchstaben: "Barbara-Barbara-Barbara".


Aus: Things to translate, Bloodaxe books, Newcastle upon Tyne, 1991.
Aus dem Englischen von Doreen Daume.


Piotr Sommer, geb. 1948, lebt als Dichter (acht Gedichtbände), Literaturkritiker, Herausgeber, Übersetzer aus dem amerikanischen Englisch (vorwiegend Lyrik) und Chefredakteur der Literaturzeitschrift "Literatura na Swiecie" in Sulejowek bei Warschau. Zeitweise Lehrtätigkeit an amerikanischen Universitäten. Mehrfach mit Literatur- und Übersetzerpreisen ausgezeichnet, u.a. Preis der Koscielski-Stiftung, Barbara Sadowa-Preis, PEN-Club-Preis. Eine zweisprachige (polnisch-deutsche) Auswahl seiner Gedichte unter dem Titel "Ein freier Tag im April" erschien 2002 in Wien in der Edition Korrespondenzen.

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