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Prosa
Piotr Sommer
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Menschen treffen
Oberstes Kriterium
von Übersetzbarkeit: "Hätten wir uns dort drüben getroffen,
wären wir dann auch Freunde?"
Unter uns
Ein
berühmter polnischer Autor, dem ich in New York vorgestellt werde, kurz
vor einer Lesung, die wir drei, Polen, dort haben werden. Er lebte seit fast
dreißig Jahren in den Staaten, wurde aber nicht viel gelesen, bis vor
kurzem, als er diesen berühmten Preis bekam, dessen Namen die Leute im
allgemeinen schon einmal gehört haben. Der andere Autor lebte seit sechs
Jahren in den Staaten, und er hatte noch keinen Preis bekommen, von dem die
Leute in diesem Land gehört haben könnten. Wir drei, Polen, sind in
einem Raum, doch der Veranstalter der Lesungen ist Amerikaner, und so findet
unser Small talk in der Lingua franca von heute statt. Der berühmte
Schriftsteller wendet sich an mich und fragt freundlich auf Englisch:
"Residieren Sie in Warschau?" "Ja", ich antworte langsam, versuche Zeit zu
gewinnen, um zu verstehen, was das Problem sein könnte - seit fast vierzig
Jahren fort aus Polen? Eine etwas altmodische Diktion? Schwierigkeiten beim
Visualisieren der häßlichen, billigen Wohnblocks mit den kleinen
Wohnungen, worin die meisten von uns leben, wenn wir überhaupt das
Glück hatten, an eine solche zu kommen? Meine eigene Unfähigkeit, von
der etwas anderen Vorstellung von "residieren" oder "Residenz" zu abstrahieren,
die sich irgendwie in meinem Kopf festgesetzt hat? - und dann, noch immer
unentschlossen, sage ich schnell: "Aber mir gefällt das Verb, das Sie
verwendet haben!" Er lacht und - offensichtlich im Gefühl, daß dies
eines der leicht zu beseitigenden Mißverständnisse ist -,
erklärt er: "Sie leben in Warschau, also ist es der Ort Ihrer
Residenz."
Der Zoo als Text
Eine der auf amüsante
Weise unschuldigsten Einstellungen zur Übersetzung - besonders zu
Lyrikübersetzungen, vielleicht - besteht darin, daß man versucht,
dem zu übersetzenden Originaltext erklärende Worte oder
Halbsätze hinzuzufügen, und somit der Integrität des Textes
Fußnoten einzuverleiben. Dies geht gewöhnlich einher mit der
Annahme, daß ja nichts wirklich verletzt wurde. Ist es denn etwa nicht in
der besten Absicht geschehen? Zum Wohl des Lesers? So daß der Leser
besser verstehen kann? Denn, klarerweise, hätte der Leser ja sonst nicht
die geringste Ahnung, was er denken soll. Und dafür wird jede Textstelle,
die ein wenig Anstrengung, ein wenig aktives Lesen, ein wenig Hausaufgabe
erfordert, verflacht oder mit integrierten Fußnoten versehen. Warum
sollst du dich mit einer richtigen Geburt abplagen, Kleines, wenn du doch einen
Kaiserschnitt kriegen kannst?
Beispiele für solche
Über-Übersetzungen kann man allenthalben finden. Ich fand eines davon
in einer bemerkenswerten Aufzählung am Käfig der Blaumaulmeerkatzen
im Zoo von San Diego. Sie lautete, die ersten vier Worte in Versalien,
folgendermaßen: "BITTE DIE TIERE NICHT: ärgern, belästigen,
nekken, plagen, piesacken, ängstigen, schurigeln, triezen, peinigen,
schikanieren, stören, inkommodieren, behelligen, reizen, drangsalieren,
herausfordern, aufbringen, irremachen, provozieren, beunruhigen,
durcheinanderbringen, bedrängen." Plötzlich war meine Fähigkeit,
das sogenannte Gute vom Schlechten zu unterscheiden und zu beurteilen wie
weggeblasen, fast der ganze Geschmacksinstinkt war in Frage gestellt. Und ich
fühlte mich den Tieren aufs Gröbste
fehlübersetzt.
Refrain
Was sollen wir mit all
unseren unübersetzten diakritischen Zeichen tun?
Die
Unübersetzbarkeit der Eichhörnchen
Manchmal scheint es,
als seien die Grauen in Amherst ausgebleicht, so als hätten sie
tatsächlich irgendwann ihre mehr oder weniger feuerrote Farbe verloren,
die Intensität, die vielleicht von Sonne und Jahreszeit abhängt, die
Farbe, die so charakteristisch für die Eichhörnchen in Osteuropa ist.
Im alten Lazienki-Park in Warschau gibt es viele von ihnen, und die Menschen
versuchen sie mit der Hand zu füttern - nicht so, wie sie den
monströsen Riesenkarpfen im Königsteich des Parks füttern, wo
sie das Futter einfach hineinwerfen. Angeblich lockt man die Eichhörnchen
am effizientesten an, indem man immer wieder, mehrmals hintereinander, mit
sanfter Stimme Basia-Basia-Basia ruft, eine Koseform des Namens Barbara. Dieser
Name - oder vielleicht seine Klangqualität - soll den Eichhörnchen
aus bestimmten Gründen vertrauter sein als andere, weniger raschelnde
polnische Namen. Aber das graue, freundlich gesonnene Amherst-Eichhörnchen
von der Amity Street dreht sich um und läßt uns mit unseren
wohlgemeinten Absichten stehen, unbeeindruckt von unseren Rhabarberbuchstaben:
"Barbara-Barbara-Barbara".
Aus: Things to translate, Bloodaxe
books, Newcastle upon Tyne, 1991.
Aus dem Englischen von Doreen Daume.
Piotr Sommer, geb. 1948, lebt als
Dichter (acht Gedichtbände), Literaturkritiker, Herausgeber,
Übersetzer aus dem amerikanischen Englisch (vorwiegend Lyrik) und
Chefredakteur der Literaturzeitschrift "Literatura na Swiecie" in Sulejowek bei
Warschau. Zeitweise Lehrtätigkeit an amerikanischen Universitäten.
Mehrfach mit Literatur- und Übersetzerpreisen ausgezeichnet, u.a. Preis
der Koscielski-Stiftung, Barbara Sadowa-Preis, PEN-Club-Preis. Eine
zweisprachige (polnisch-deutsche) Auswahl seiner Gedichte unter dem Titel "Ein
freier Tag im April" erschien 2002 in Wien in der Edition
Korrespondenzen.