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Zwei Männer auf einer Straße in Warschau
Radek Knapp
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An einem Oktobermorgen standen zwei Herren im
Zentrum Warschaus und betrachteten ein PIZZA HUT-Gebäude, das gerade im
Bau war. Beide sahen heruntergekommen aus. Ihre Mäntel hatten auf dem
Rücken einen fast identischen bohnenförmigen Fleck. Einer der Herren
namens Heniek hielt wegen der Kälte die rechte Hand in der Tasche. Mit der
Linken, die in einem zu großen, schwarzen Lederhandschuh steckte, zeigte
er auf die PIZZA HUT-Baustelle.
"Wenn das so weiter geht, brauchen sie
nur noch ein Karussell dazuzustellen. Dann sieht die Stadt endgültig wie
ein Spielplatz aus", sagte er.
Sein Kamerad, der auf den Namen Marek
hörte, rieb sich die Nase, die in der Kälte ziemlich rot geworden
war. Er fror in der letzten Zeit erstaunlich schnell. Er hatte nichts gegen die
Baustelle. Wenn das Gebäude fertig sein würde, könnte er sich da
drin wärmen. Daher sagte er: "Aber eins muß man schon zugeben: Das
Ding ist fast nur aus Glas. Hast du schon je etwas Beeindruckenderes als das
hier gesehen, was aus Glas war?"
"Ja. Letzte Woche", sagte Heniek.
"Einen schwedischen Wodka. Die Flasche sah wie ein Iglu aus."
Marek warf
seinem Kameraden einen geringschätzigen Blick zu. Da dieser aber auf die
Baustelle schaute, nützte es nichts. Marek ärgerte das so sehr,
daß er einen sehr dummen Satz sagte: "Scheiß auf den Wodka. Jetzt
ist eine neue Ära angebrochen. Wir werden bald nur Wein trinken. Wir
nehmen das Glas in die Hand, spreizen den kleinen Finger und
prost."
"Jetzt bleib mal schön auf dem Teppich", sagte Heniek.
Seine Hand schwenkte ein wenig nach rechts und zeigte auf die Aufschrift
über dem Gebäude. "Was heißt das überhaupt - PIZZA
HUT?"
"Das ist amerikanisch", erklärte Marek. Er hielt sich an eine
einfache Regel. Alles, was er nicht verstand, war amerikanisch.
"Ich
dachte, Pizza wäre italienisch", hakte Heniek ein.
Das wäre
möglich, aber jetzt mußte sich Marek an das halten, was er vorher
gesagt hatte. Er nickte: "Früher schon, aber jetzt nicht mehr. Auf dem
Plakat da drüben steht: Hier werden schon in einem Monat Pizzas in
fünfundzwanzig Sekunden gemacht. Sehr schmackhaft und gesund."
"In
wie viel? Fünfunddreißig Sekunden?"
"In fünfundzwanzig
Sekunden!"
Heniek sah Marek an wie einen geistig Behinderten: "Jesus
Maria! Hast du es etwa eilig?"
Marek haßte es, wenn Heniek so mit
ihm umsprang. Er machte sich wegen des Handschuhs wichtig. Diesen hatten sie im
Hinterhof neben einer Mülltonne gefunden. Marek hatte ihn als erster
gesehen, aber Heniek war schneller gewesen. Es war ein warmer, guter Handschuh.
Doppelnaht. Die ganze Geschichte lag schon ein paar Monate zurück. Aber es
war noch immer kein Gras darüber gewachsen.
"Nein. Aber zehn
Sekunden können über Leben und Tod entscheiden", gab Marek mit
säuerlichem Gesichtsausdruck zu bedenken.
"Bei einer Pizza? Ich
habe dreißig Jahre auf eine Pizza gewartet, dann kommt es auf zehn
Sekunden auch nicht mehr an. Weißt du, was mir an der ganzen Sache nicht
paßt? Wir haben für die Amerikaner den Kommunismus ruiniert und als
Kind amerikanische Western angesehen. Ich habe mich einmal für John Wayne
sogar verprügeln lassen. Und die bauen uns dafür einen Laden hin, wo
man Pizzas in zwanzig Sekunden macht."
"Jeder sagt danke, wie er kann",
murmelte Marek.
Aber Heniek war in Fahrt geraten: "Dann sieh dir mal
dieses ,Danke' an. Allein diese Leuchtreklame kostet sicher hunderttausend
Dollar."
"Ist schließlich ein Kunstwerk."
"Was?" lachte
Heniek, "Wenn ich mal kotze, ergibt das ein größeres
Kunstwerk."
Marek wollte ihm widersprechen, hatte aber selber nicht viel
Ahnung von Kunst. Er starrte neidisch auf Henieks Handschuh und ging zum
Angriff über:
"Ich frag mich, warum du so viel mekkerst. Warum alle
bei uns so viel mekkern? Was sind wir bloß für ein Volk? Unter den
Kommunisten haben wir gemeckert und jetzt, wo wir frei sind, mekkern wir
genauso."
"Eine Pizza in fünfunddreißig Sekunden nennst du
Freiheit?"
"Siehst du. Genau das meine ich. An allem gibt es was zum
Herumnörgeln."
Heniek verstummte. Er schien einen neuen Gedanken zu
haben. "Weißt du was?" fragte er. "Etwas ist an diesem Ding doch gut. Je
länger ich mir das ansehe, desto mehr kriege ich Lust auf ein
Gläschen."
Obwohl Marek auch heftige Lust auf ein Gläschen
verspürte, widersprach er. Er fragte sich, woher er die Kraft dafür
nahm.
"Das ist natürlich die Lösung. Alles im Alkohol
ersäufen."
"Da hast du recht. Das ist keine Lösung", sagte
Heniek. "Aber ich gehe jetzt trotzdem einen heben. Kommst du mit?"
"Ich
denke nicht daran."
Heniek sah ihn verblüfft an. "Willst du hier
solange stehen, bis sie dir das Ding fertig bauen? Bis eine Pizza geflogen
kommt, direkt in den Mund?"
Die Verblüffung Henieks, die eigentlich
schon Bewunderung war, berührte Marek derart angenehm, daß sich
zwischen seinem Magen und der Leber eine wohlige Wärme ausbreitete. Es
bedeutete aber auch, daß er innerhalb der nächsten halben Stunde was
trinken mußte. Dennoch sagte er:
"Ich gehe nicht, weil ich mir
dein Herumgemecker nicht anzuhören brauche."
"Na, ist gut. Wie du
willst. Bis dann", sagte Heniek und zuckte mit den Achseln. "Ich gehe
jetzt."
"Ja. Geh nur."
Heniek ging los, und Marek wurde es auf
einmal klar, daß er gleich allein vor der amerikanischen Baustelle
bleiben würde.
"Warte mal. Wo willst du überhaupt hin?" rief
er Heniek nach.
"Zum Jurek, in die Kneipe", sagte Heniek im
Gehen.
Marek warf noch einen kurzen Blick auf die Baustelle und fragte
sich, ob er komplett verrückt war. Niemand, den er kannte, würde eine
amerikanische Baustelle der Aussicht auf ein Gläschen vorziehen. Er
überlegte, was er sagen sollte, um sein Gesicht zu wahren. Das Gesicht zu
wahren war für einen Mann wie ihn mit der Zeit immer wichtiger geworden.
Schließlich fiel ihm ein alter Trick ein.
"Also gut", sagte er.
"Ich komme mit. Aber bloß nicht zu Jurek."
"Was hast du
plötzlich gegen Jurek?" Heniek blieb stehen und sah seinen Kameraden
endlich so an, wie dieser es sich die ganze Zeit gewünscht hatte. Ohne
Hochnäsigkeit und Arroganz. Nur neugierig.
"Der hat sich letzte
Woche eine Mikrowelle gekauft", sagte Marek.
"Ich dachte, du stehst auf
so einen amerikanischen Scheiß."
Marek hatte der amerikanischen
Baustelle endgültig den Rücken gekehrt. Ein kalter Windhauch fuhr im
gleichen Augenblick unter seinen Mantel. Es war kalt für Oktober. Was sind
das für Zeiten, dachte er. Sogar das Wetter war kaputt. Er antwortete mit
einem Satz, der ihm in der letzten Zeit wie von selbst immer öfter
über die Lippen kam: "Ja, schon. Aber man muß auch wissen, wo der
Spaß wieder aufhört."
Radek Knapp, geb. 1964 in Warschau,
lebt in Wien, wo er Philosophie studiert und sich mit diversen Jobs über
Wasser gehalten hat. Schreibt auf deutsch. 1994 erschien sein Erzählband
"Franio" (Piper), für den er den ,"aspekte"-Literaturpreis erhielt,
weiters unter anderem: "Herrn Kukas Empfehlungen" (Piper 1999), über das
M. R.-R. eine vielzitierte Bemerkung machte.