Podium 125 - Polen

Illustration von Adam Adamczyk

Zwei Männer auf einer Straße in Warschau

Radek Knapp

An einem Oktobermorgen standen zwei Herren im Zentrum Warschaus und betrachteten ein PIZZA HUT-Gebäude, das gerade im Bau war. Beide sahen heruntergekommen aus. Ihre Mäntel hatten auf dem Rücken einen fast identischen bohnenförmigen Fleck. Einer der Herren namens Heniek hielt wegen der Kälte die rechte Hand in der Tasche. Mit der Linken, die in einem zu großen, schwarzen Lederhandschuh steckte, zeigte er auf die PIZZA HUT-Baustelle.

"Wenn das so weiter geht, brauchen sie nur noch ein Karussell dazuzustellen. Dann sieht die Stadt endgültig wie ein Spielplatz aus", sagte er.

Sein Kamerad, der auf den Namen Marek hörte, rieb sich die Nase, die in der Kälte ziemlich rot geworden war. Er fror in der letzten Zeit erstaunlich schnell. Er hatte nichts gegen die Baustelle. Wenn das Gebäude fertig sein würde, könnte er sich da drin wärmen. Daher sagte er: "Aber eins muß man schon zugeben: Das Ding ist fast nur aus Glas. Hast du schon je etwas Beeindruckenderes als das hier gesehen, was aus Glas war?"

"Ja. Letzte Woche", sagte Heniek. "Einen schwedischen Wodka. Die Flasche sah wie ein Iglu aus."

Marek warf seinem Kameraden einen geringschätzigen Blick zu. Da dieser aber auf die Baustelle schaute, nützte es nichts. Marek ärgerte das so sehr, daß er einen sehr dummen Satz sagte: "Scheiß auf den Wodka. Jetzt ist eine neue Ära angebrochen. Wir werden bald nur Wein trinken. Wir nehmen das Glas in die Hand, spreizen den kleinen Finger und prost."

"Jetzt bleib mal schön auf dem Teppich", sagte Heniek. Seine Hand schwenkte ein wenig nach rechts und zeigte auf die Aufschrift über dem Gebäude. "Was heißt das überhaupt - PIZZA HUT?"

"Das ist amerikanisch", erklärte Marek. Er hielt sich an eine einfache Regel. Alles, was er nicht verstand, war amerikanisch.

"Ich dachte, Pizza wäre italienisch", hakte Heniek ein.

Das wäre möglich, aber jetzt mußte sich Marek an das halten, was er vorher gesagt hatte. Er nickte: "Früher schon, aber jetzt nicht mehr. Auf dem Plakat da drüben steht: Hier werden schon in einem Monat Pizzas in fünfundzwanzig Sekunden gemacht. Sehr schmackhaft und gesund."

"In wie viel? Fünfunddreißig Sekunden?"

"In fünfundzwanzig Sekunden!"

Heniek sah Marek an wie einen geistig Behinderten: "Jesus Maria! Hast du es etwa eilig?"

Marek haßte es, wenn Heniek so mit ihm umsprang. Er machte sich wegen des Handschuhs wichtig. Diesen hatten sie im Hinterhof neben einer Mülltonne gefunden. Marek hatte ihn als erster gesehen, aber Heniek war schneller gewesen. Es war ein warmer, guter Handschuh. Doppelnaht. Die ganze Geschichte lag schon ein paar Monate zurück. Aber es war noch immer kein Gras darüber gewachsen.

"Nein. Aber zehn Sekunden können über Leben und Tod entscheiden", gab Marek mit säuerlichem Gesichtsausdruck zu bedenken.

"Bei einer Pizza? Ich habe dreißig Jahre auf eine Pizza gewartet, dann kommt es auf zehn Sekunden auch nicht mehr an. Weißt du, was mir an der ganzen Sache nicht paßt? Wir haben für die Amerikaner den Kommunismus ruiniert und als Kind amerikanische Western angesehen. Ich habe mich einmal für John Wayne sogar verprügeln lassen. Und die bauen uns dafür einen Laden hin, wo man Pizzas in zwanzig Sekunden macht."

"Jeder sagt danke, wie er kann", murmelte Marek.

Aber Heniek war in Fahrt geraten: "Dann sieh dir mal dieses ,Danke' an. Allein diese Leuchtreklame kostet sicher hunderttausend Dollar."

"Ist schließlich ein Kunstwerk."

"Was?" lachte Heniek, "Wenn ich mal kotze, ergibt das ein größeres Kunstwerk."

Marek wollte ihm widersprechen, hatte aber selber nicht viel Ahnung von Kunst. Er starrte neidisch auf Henieks Handschuh und ging zum Angriff über:

"Ich frag mich, warum du so viel mekkerst. Warum alle bei uns so viel mekkern? Was sind wir bloß für ein Volk? Unter den Kommunisten haben wir gemeckert und jetzt, wo wir frei sind, mekkern wir genauso."

"Eine Pizza in fünfunddreißig Sekunden nennst du Freiheit?"

"Siehst du. Genau das meine ich. An allem gibt es was zum Herumnörgeln."

Heniek verstummte. Er schien einen neuen Gedanken zu haben. "Weißt du was?" fragte er. "Etwas ist an diesem Ding doch gut. Je länger ich mir das ansehe, desto mehr kriege ich Lust auf ein Gläschen."

Obwohl Marek auch heftige Lust auf ein Gläschen verspürte, widersprach er. Er fragte sich, woher er die Kraft dafür nahm.

"Das ist natürlich die Lösung. Alles im Alkohol ersäufen."

"Da hast du recht. Das ist keine Lösung", sagte Heniek. "Aber ich gehe jetzt trotzdem einen heben. Kommst du mit?"

"Ich denke nicht daran."

Heniek sah ihn verblüfft an. "Willst du hier solange stehen, bis sie dir das Ding fertig bauen? Bis eine Pizza geflogen kommt, direkt in den Mund?"

Die Verblüffung Henieks, die eigentlich schon Bewunderung war, berührte Marek derart angenehm, daß sich zwischen seinem Magen und der Leber eine wohlige Wärme ausbreitete. Es bedeutete aber auch, daß er innerhalb der nächsten halben Stunde was trinken mußte. Dennoch sagte er:

"Ich gehe nicht, weil ich mir dein Herumgemecker nicht anzuhören brauche."

"Na, ist gut. Wie du willst. Bis dann", sagte Heniek und zuckte mit den Achseln. "Ich gehe jetzt."

"Ja. Geh nur."

Heniek ging los, und Marek wurde es auf einmal klar, daß er gleich allein vor der amerikanischen Baustelle bleiben würde.

"Warte mal. Wo willst du überhaupt hin?" rief er Heniek nach.

"Zum Jurek, in die Kneipe", sagte Heniek im Gehen.

Marek warf noch einen kurzen Blick auf die Baustelle und fragte sich, ob er komplett verrückt war. Niemand, den er kannte, würde eine amerikanische Baustelle der Aussicht auf ein Gläschen vorziehen. Er überlegte, was er sagen sollte, um sein Gesicht zu wahren. Das Gesicht zu wahren war für einen Mann wie ihn mit der Zeit immer wichtiger geworden. Schließlich fiel ihm ein alter Trick ein.

"Also gut", sagte er. "Ich komme mit. Aber bloß nicht zu Jurek."

"Was hast du plötzlich gegen Jurek?" Heniek blieb stehen und sah seinen Kameraden endlich so an, wie dieser es sich die ganze Zeit gewünscht hatte. Ohne Hochnäsigkeit und Arroganz. Nur neugierig.

"Der hat sich letzte Woche eine Mikrowelle gekauft", sagte Marek.

"Ich dachte, du stehst auf so einen amerikanischen Scheiß."

Marek hatte der amerikanischen Baustelle endgültig den Rücken gekehrt. Ein kalter Windhauch fuhr im gleichen Augenblick unter seinen Mantel. Es war kalt für Oktober. Was sind das für Zeiten, dachte er. Sogar das Wetter war kaputt. Er antwortete mit einem Satz, der ihm in der letzten Zeit wie von selbst immer öfter über die Lippen kam: "Ja, schon. Aber man muß auch wissen, wo der Spaß wieder aufhört."


Radek Knapp, geb. 1964 in Warschau, lebt in Wien, wo er Philosophie studiert und sich mit diversen Jobs über Wasser gehalten hat. Schreibt auf deutsch. 1994 erschien sein Erzählband "Franio" (Piper), für den er den ,"aspekte"-Literaturpreis erhielt, weiters unter anderem: "Herrn Kukas Empfehlungen" (Piper 1999), über das M. R.-R. eine vielzitierte Bemerkung machte.

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