Podium 123 - Schönheit muss leiden

Illustration von Waltraud Palme

Einer. Anderen. Geschichte.

Doris Nußbaumer

jetzt haben sie den schmarrn. es hat sich was eingenistet im reich, seit neuestem klebt ein drachenvieh in der unzugänglichsten höhle des schwärzesten waldes und terrorisiert land und leute und ist durch nichts zu beseitigen als durch wahrscheinlich die opferung einer edlen jungfrau.

so ist die konstellation. ich erzähle euch eine geschichte.


der drache.

verhält sich wie die meisten exemplare seiner spezies. holt die schafe und geißen und kühe von der weide, stiehlt junge knusprige bauernmädchen von den feldern und aus den gemüsegärten etc., aber weil die kleinen tagelöhnerinnen halt selten so wirklich knusprig sind, sondern eher aushungert und knochig und tuberkulös, und weil das nutzvieh inzwischen viel zu gut bewacht wird, richtet der hungrige drache immer wieder was an: setzt eine scheune in brand mit seinem höllenhauch, verwüstet ein weizenfeld, kotzt aus purer bosheit in einen brunnen und ruiniert die qualität des quellwassers auf immerdar.

das wiederum bringt die bevölkerung in rage, weil: wenn alles knapp wird, das brot im schrank, das saubere wasser im krug, die weiber im bett, und wenn am festtag kein entsprechender braten auf den tisch kommt, dann ist das tragisch, dann wird einer dem anderen feind, und es muß dann nicht immer gleich der drache auftauchen, es genügt schon das wedeln eines drachenflügels am himmel, und manchmal genügt auch, daß einer erzählt, er habe so was flügeliges am himmel gesehen, um ärger zu verursachen, und zwar massiven ärger.

der könig weiß natürlich bescheid, er ist sehr beunruhigt, und er hat auch schon alles getan. gift legen lassen, aber der drache ist nicht ganz so blöd. zur muttergottes gebetet, aber die hl. jungfrau maria kann sich nicht um alles kümmern, und gott hilft ja nur den tüchtigen. söldner geschickt, aber die drachenresidenz ist wie gesagt sehr unzugänglich und die mannen des königs sind wirklich perfekt geschult in belagerung, turnier und zweikampf, aber vom krieg gegen partisanen haben sie, entschuldigung, nicht die geringste ahnung.

wie sie auf die idee mit der jungfrau gekommen sind, weiß ich nicht. vielleicht hat einer von den schriftgelehrten was in alten büchern gefunden, so eine sage, wo das schon einmal funktioniert hat, und sagen haben ja meistens einen wahren kern. der könig ist sofort einverstanden. die untertanen werden das mögen, diese geste: opferung des eigenen herzbluts. auch wenn es nichts hilft. aber: der wille für das werk. und wenn wenigstens eine von den töchtern weg ist, wird zumindest das leidige problem mit den mitgiften etwas entschärft.


der ritter.

taucht praktisch aus dem nichts auf und traut sich alles zu, ja, auch einen drachenkampf. seine früheren heldentaten aufzuzählen bleibt keine zeit, denn die jungfrau ist bereits an den drachenhort verbracht, in für die opferpriester sicherer entfernung, aber dennoch in riechweite des drachen an einen felsen geschmiedet, und die dinge nehmen längst ihren lauf.

der stahlgepanzerte ritter läßt sich auf sein pferd hieven, galoppiert davon und findet auch sofort die höllenschlucht. in der steilwand ist auf halber höhe eine weißgekleidete gestalt angekettet, und weiter hinten liegt der drache eingekringelt und schläft. das vieh hat seine potentielle beute noch nicht einmal bemerkt.

auf die entfernung ist nicht zu erkennen, wie das mädchen aussieht, der ritter kann nur etwas blondes ausmachen und das weiße zeug, das sie trägt, das brautkleid, das friedensfähnchen, das totenkleid. er ist aber überzeugt, daß alles stimmt: sie ist hold und rein und schön und leidend und leidenschaftlich und begehrenswert, die gekreuzigte, das opferlamm, das heilsversprechen. ich komme, meine venus dolorosa! schreit er, aber es kann sein, daß er jetzt ein bißchen die geschichten verwechselt. schließlich sind die schaumgeborene venus und die mater dolorosa doch recht unterschiedliche frauenspersonen, und von kreuzigungen, so glaubt sich der ritter aus dem religionsunterricht zu erinnern, redet man auch nicht so einfach daher, weil die sind für den herrn jesus reserviert.

es bleibt aber keine zeit mehr für geschichten, jetzt heißt es handeln, der drache hat im traum auch schon mit der pfote gezuckt, der ritter schickt ein stoßgebet zum himmel, bringt die lanze in anschlag und stürmt los. ich glaube, es geht alles gut. die jungfrau leidet auch recht schön in ihren stählernen fesseln, der ritter kämpft also mit dem drachen, und nachdem sie noch ein weilchen gelitten hat, sticht der ritter den drachen ab.

er seufzt erleichtert auf, nimmt den helm ab, putzt sich die schweißnasse stirn, plumpst vom pferd und beginnt, zu der weißen hochzuklettern, was gar nicht so einfach ist in dieser bleischweren rüstung. aber er möchte doch aus der nähe sehen, wen er da eigentlich gerettet hat.

die jungfrau ist gewiß recht schön und lieblich, blond und hold und rein. damit ist die geschichte dort, wo sie hin muß, und alles ist so, wie es sein soll. weil für eine schiache krähe riskiert kein ritter sein fell, entschuldigung, aber mann weiß, was mann sich schuldig ist. und das halbe königreich gibt's als bonustrack dazu.


die jungfrau.

die jungfrau hockt in ihrer kemenate, heult und leidet. dafür, daß ihre stirn klar ist, ihr haar gold und seide und ihre haut weiß, dafür kann sie nun wirklich nichts. sie ist nicht schuld an den phantasien, die der veilchenton ihrer augen in zerrappelten mannsgehirnen auslöst. in der kronhalle verhandeln vater und gatte über herrschaft und lehen. es kann zum krieg kommen darüber. ihr, der jungfrau, ist es egal, sollen sie einander umbringen, denkt sie, sie glotzt in die wolkenformationen und sehnt sich nach allem, was sie verloren hat, vielleicht. fliegen hätte sie können, einen gefährten haben, der feuer atmet und dunkle weltumspannende schwingen spreizt, der einen kalten reptilpanzer gegen ihren brustkorb preßt und einen drachenschwanz zückt, schuppig, stark, herzgespitzt.

vorbei. die enthauptete drachenleiche liegt am marktplatz, der personifizierte volkszorn trampelt darauf herum, begeilt sich an blut, schleim und dem stampfenden takt der stiefel. wahrscheinlich kommen sie sich unsterblich vor, wenn sie einem drachen die klaue seines kleinen fingers zertreten können, denkt die jungfrau. sie wünscht sich wie nichts anderes ohnmacht, vergessen und tod, aber sie ist nicht fragil genug gebaut und muß wachbleiben und alles durchträumen und fertigleiden, was zur geschichte gehört. kein wahnsinn erlöst sie.

der kopf des drachen wird vor das burgtor gespießt. ein altes, unmenschlich kluges und trauriges gesicht sieht drei tage lang auf alle ankommenden nieder. dann zerfällt es zu grünem schleim. so geht die sage. die jungfrau, die inzwischen mit dem ritter verheiratet und entjungfert und auch schon geschwängert ist, hat keine möglichkeit, es nachzuprüfen. eine lady latscht nicht im schlammigen burggraben herum. eine lady betreibt keine archäologie, und sie muß nichts wissen. der wackelthron des vaters ist wieder festgekeilt, ritter-georg-statuen überziehen das katholische land, die kirchenglocken bimmeln ihr ave maria in den abendhimmel, und alles ist gut.

Doris Nußbaumer, geb. 1973 in Gmunden/OÖ, Psychologiestudium in Wien. 1997 Lise Meitner-Literaturpreis. Ausbildung zur Schreibpädagogin. Arbeit v.a. an längeren Prosatexten. Mitorganisation der zwölfstündigen Widerstandslesung "Sprache ist Handeln" (Februar 2000).

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