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Einer. Anderen. Geschichte.
Doris Nußbaumer
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jetzt haben sie den schmarrn. es hat sich was
eingenistet im reich, seit neuestem klebt ein drachenvieh in der
unzugänglichsten höhle des schwärzesten waldes und terrorisiert
land und leute und ist durch nichts zu beseitigen als durch wahrscheinlich die
opferung einer edlen jungfrau.
so ist die konstellation. ich
erzähle euch eine geschichte.
der
drache.
verhält sich wie die meisten exemplare seiner spezies.
holt die schafe und geißen und kühe von der weide, stiehlt junge
knusprige bauernmädchen von den feldern und aus den gemüsegärten
etc., aber weil die kleinen tagelöhnerinnen halt selten so wirklich
knusprig sind, sondern eher aushungert und knochig und tuberkulös, und
weil das nutzvieh inzwischen viel zu gut bewacht wird, richtet der hungrige
drache immer wieder was an: setzt eine scheune in brand mit seinem
höllenhauch, verwüstet ein weizenfeld, kotzt aus purer bosheit in
einen brunnen und ruiniert die qualität des quellwassers auf
immerdar.
das wiederum bringt die bevölkerung in rage, weil: wenn
alles knapp wird, das brot im schrank, das saubere wasser im krug, die weiber
im bett, und wenn am festtag kein entsprechender braten auf den tisch kommt,
dann ist das tragisch, dann wird einer dem anderen feind, und es muß dann
nicht immer gleich der drache auftauchen, es genügt schon das wedeln eines
drachenflügels am himmel, und manchmal genügt auch, daß einer
erzählt, er habe so was flügeliges am himmel gesehen, um ärger
zu verursachen, und zwar massiven ärger.
der könig weiß
natürlich bescheid, er ist sehr beunruhigt, und er hat auch schon alles
getan. gift legen lassen, aber der drache ist nicht ganz so blöd. zur
muttergottes gebetet, aber die hl. jungfrau maria kann sich nicht um alles
kümmern, und gott hilft ja nur den tüchtigen. söldner geschickt,
aber die drachenresidenz ist wie gesagt sehr unzugänglich und die mannen
des königs sind wirklich perfekt geschult in belagerung, turnier und
zweikampf, aber vom krieg gegen partisanen haben sie, entschuldigung, nicht die
geringste ahnung.
wie sie auf die idee mit der jungfrau gekommen sind,
weiß ich nicht. vielleicht hat einer von den schriftgelehrten was in
alten büchern gefunden, so eine sage, wo das schon einmal funktioniert
hat, und sagen haben ja meistens einen wahren kern. der könig ist sofort
einverstanden. die untertanen werden das mögen, diese geste: opferung des
eigenen herzbluts. auch wenn es nichts hilft. aber: der wille für das
werk. und wenn wenigstens eine von den töchtern weg ist, wird zumindest
das leidige problem mit den mitgiften etwas entschärft.
der
ritter.
taucht praktisch aus dem nichts auf und traut sich alles zu,
ja, auch einen drachenkampf. seine früheren heldentaten aufzuzählen
bleibt keine zeit, denn die jungfrau ist bereits an den drachenhort verbracht,
in für die opferpriester sicherer entfernung, aber dennoch in riechweite
des drachen an einen felsen geschmiedet, und die dinge nehmen längst ihren
lauf.
der stahlgepanzerte ritter läßt sich auf sein pferd
hieven, galoppiert davon und findet auch sofort die höllenschlucht. in der
steilwand ist auf halber höhe eine weißgekleidete gestalt
angekettet, und weiter hinten liegt der drache eingekringelt und schläft.
das vieh hat seine potentielle beute noch nicht einmal bemerkt.
auf die
entfernung ist nicht zu erkennen, wie das mädchen aussieht, der ritter
kann nur etwas blondes ausmachen und das weiße zeug, das sie trägt,
das brautkleid, das friedensfähnchen, das totenkleid. er ist aber
überzeugt, daß alles stimmt: sie ist hold und rein und schön
und leidend und leidenschaftlich und begehrenswert, die gekreuzigte, das
opferlamm, das heilsversprechen. ich komme, meine venus dolorosa! schreit er,
aber es kann sein, daß er jetzt ein bißchen die geschichten
verwechselt. schließlich sind die schaumgeborene venus und die mater
dolorosa doch recht unterschiedliche frauenspersonen, und von kreuzigungen, so
glaubt sich der ritter aus dem religionsunterricht zu erinnern, redet man auch
nicht so einfach daher, weil die sind für den herrn jesus
reserviert.
es bleibt aber keine zeit mehr für geschichten, jetzt
heißt es handeln, der drache hat im traum auch schon mit der pfote
gezuckt, der ritter schickt ein stoßgebet zum himmel, bringt die lanze in
anschlag und stürmt los. ich glaube, es geht alles gut. die jungfrau
leidet auch recht schön in ihren stählernen fesseln, der ritter
kämpft also mit dem drachen, und nachdem sie noch ein weilchen gelitten
hat, sticht der ritter den drachen ab.
er seufzt erleichtert auf, nimmt
den helm ab, putzt sich die schweißnasse stirn, plumpst vom pferd und
beginnt, zu der weißen hochzuklettern, was gar nicht so einfach ist in
dieser bleischweren rüstung. aber er möchte doch aus der nähe
sehen, wen er da eigentlich gerettet hat.
die jungfrau ist gewiß
recht schön und lieblich, blond und hold und rein. damit ist die
geschichte dort, wo sie hin muß, und alles ist so, wie es sein soll. weil
für eine schiache krähe riskiert kein ritter sein fell,
entschuldigung, aber mann weiß, was mann sich schuldig ist. und das halbe
königreich gibt's als bonustrack dazu.
die
jungfrau.
die jungfrau hockt in ihrer kemenate, heult und leidet.
dafür, daß ihre stirn klar ist, ihr haar gold und seide und ihre
haut weiß, dafür kann sie nun wirklich nichts. sie ist nicht schuld
an den phantasien, die der veilchenton ihrer augen in zerrappelten
mannsgehirnen auslöst. in der kronhalle verhandeln vater und gatte
über herrschaft und lehen. es kann zum krieg kommen darüber. ihr, der
jungfrau, ist es egal, sollen sie einander umbringen, denkt sie, sie glotzt in
die wolkenformationen und sehnt sich nach allem, was sie verloren hat,
vielleicht. fliegen hätte sie können, einen gefährten haben, der
feuer atmet und dunkle weltumspannende schwingen spreizt, der einen kalten
reptilpanzer gegen ihren brustkorb preßt und einen drachenschwanz
zückt, schuppig, stark, herzgespitzt.
vorbei. die enthauptete
drachenleiche liegt am marktplatz, der personifizierte volkszorn trampelt
darauf herum, begeilt sich an blut, schleim und dem stampfenden takt der
stiefel. wahrscheinlich kommen sie sich unsterblich vor, wenn sie einem drachen
die klaue seines kleinen fingers zertreten können, denkt die jungfrau. sie
wünscht sich wie nichts anderes ohnmacht, vergessen und tod, aber sie ist
nicht fragil genug gebaut und muß wachbleiben und alles durchträumen
und fertigleiden, was zur geschichte gehört. kein wahnsinn erlöst
sie.
der kopf des drachen wird vor das burgtor gespießt. ein
altes, unmenschlich kluges und trauriges gesicht sieht drei tage lang auf alle
ankommenden nieder. dann zerfällt es zu grünem schleim. so geht die
sage. die jungfrau, die inzwischen mit dem ritter verheiratet und entjungfert
und auch schon geschwängert ist, hat keine möglichkeit, es
nachzuprüfen. eine lady latscht nicht im schlammigen burggraben herum.
eine lady betreibt keine archäologie, und sie muß nichts wissen. der
wackelthron des vaters ist wieder festgekeilt, ritter-georg-statuen
überziehen das katholische land, die kirchenglocken bimmeln ihr ave maria
in den abendhimmel, und alles ist gut.
Doris Nußbaumer, geb. 1973 in
Gmunden/OÖ, Psychologiestudium in Wien. 1997 Lise Meitner-Literaturpreis.
Ausbildung zur Schreibpädagogin. Arbeit v.a. an längeren Prosatexten.
Mitorganisation der zwölfstündigen Widerstandslesung "Sprache ist
Handeln" (Februar 2000).