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Dieses von Harald Friedl initiierte und für
die Zeitschrift bearbeitete bzw. gekürzte Tagebuch vom 11.9.2002 (09/11),
dem Tag des Anschlags auf WTC und Pentagon in den USA, bis zum 7.10.2002, dem
Beginn des US-Bombardements in Afghanistan trägt als Titel die bekannte
Notrufnummer der Vereinigten Staaten, die mit dem Datum des Terroranschlags
korrespondiert.
DIENSTAG, 11. 9. 2001
Terror gegen die USA
erschüttert die Welt ... Terrorwelle löst Schock in Österreich
aus ... Kamikaze-Flug mitten in das Herz der USA ... Der erste Gedanke: Es war
Bin Laden ... (Der Standard, 12. 9.)
Sylvia Treudl (Wien)
Der
Herbst hat mich zu schnell gepackt, nach mir gegriffen mit viel zu kalten
Händen. Das Fieber will nicht kommen, Müdigkeit läßt alle
Glieder schmerzen. Ich schlafe. Ein Albtraum fällt über mich her.
Meldungen von unglaublicher Dimension sickern in mich wie Gift. Ich schlafe.
Unter den geschlossenen Lidern breiten sich Horrorbilder aus. Ich schlafe. Ich
träume. Ich muß aufwachen, damit das Grauen aufhört. Ich
versuche unter meinem Traum hervorzukommen wie unter zerwühlten, viel zu
schweren Tuchenten. Ich schlafe. Wie kann ich mit offenen Augen schlafen. Die
brennenden Türme von Manhattan sind nicht Kino. Das explodierende Flugzeug
ist nicht von Spielberg. Man zeigt mir hier nicht "Towering Inferno". Das hier
ist echt. Aber mein Verstand verarbeitet es nicht. Liegend starre ich auf den
Bildschirm. Ich quäle mich zum Telefon, das einzige, was krächzend
von meinen Lippen taumelt, ist die banale Frage: Hast du die Nachrichten
gehört? Vielleicht kann mir der am anderen Ende erklären, daß
ich doch nur geträumt habe. Aber auch seine Fassungslosigkeit kommt mit
müder Stimme zu mir und bestätigt, daß hier gerade etwas
passiert, das sich nicht mehr mit Worten beschreiben, beschwören
läßt.
Als Kind der Generation bewegter Bilder kann ich mich dem
Zwang immer wieder hinzuschauen nicht entziehen. Wie in einem entsetzlichen
Endlosfilm stürzen die Türme immer wieder in sich zusammen,
fällt tödlicher Staub, explodiert die Linienmaschine immer wieder.
Ich bringe Stunden bewegungsunfähig vor dem TV zu. Ich kann nicht
reagieren. Ich kann nicht fühlen. Ich kann nur schauen. Ich hasse es. Ich
bin ein voyeuristisches Scheusal, ein Monster. Wenn ich mich nicht dem
Bannkreis des Fernsehers entziehe, wird Blut aus dem Gerät
tropfen.
Nils Jensen (Wien)
Das Bild eines verstaubten Manhattan,
die Staubsäule himmelhoch. Und im Hirn das Wissen, daß an die 20-,
30-, 50.000 Menschen möglicherweise devastiert, ausgelöscht, weg
sind. Die Zufallsbilder von CNN: Leute, die Fenster aufschlagen im 30., 20.
Stockwerk und: SPRINGEN! Und Leute, die wie nach dem Ausbruch des Vulkans
Pinatubo zentimeterhoch in Staub gehüllt herumirren, in Straßen, wo
ich vor wenigen Jahren den Moloch Großstadt mit Aufmerksamkeit und
Vergnügen erlebte!
Comics-Bild: Der schräge Schatten eines
Flugzeugs, schemenhaft wie im schlechtesten SF-Movie, kommt und verschwindet
hinter dem Riesenturm. Und dann auf der anderen Tower-Seite der Flammenstrahl
einer Explosion. Wirklich? CNN? Nachrichten? Virtuelles Spiel? Wahrheit.
Realität! Es passiert! Welch Energie dahinter, welch emphatischer
Fundamentalismus (der ganze angebliche Kram von absoluten
Hochleistungssportlern, das ist doch nur die Ausrede von Versagern aus dem
Geheimdienstmilieu, die Millionen kriegen, und nix zuwege bringen). Bischof
Krenn kann eigentlich heute nur noch beten, daß er gleich in die
Hölle kommt und nicht im Fegefeuer verharren muß. So einer ist
schließlich, wie viele weitere, die den Munddurchfall zuließen, und
eigennützig dachten, mitschuld: Zulassen, daß Menschen "näher
bei Gott" oder wie immer auch sein könnten, wenn sie nur was "Besonderes"
tun.
Dine Petrik (Wien)
Spätnachmittag. Das Musikprogramm in
Ö1 wird unterbrochen. Unglaubliches lässt hören. Die Arbeit am
Computer verliert sich ins Starren; nach weiteren Meldungen hat sich der Hauch
Sommer, der eben noch auf den Dächern stand, aus dem Staub gemacht. Man
kann sich wappnen; den starren Rücken mit einem Pullover, das klamme
Innere ...
Harald Friedl (Hallein)
Fiktionen: Alles wirkte
amerikanisch. Übertrieben. Eine Computeranimation?
Die off-Kommentare
unterstrichen das Spektakel. Werner Fritz in Washington wirkt wie ein Spieler.
Wegen des technisch schlechten Bildes, dem wiederholten Verweis auf Rauchwolken
aus dem Pentagon, die man im Fernsehbild als solche nicht ausmachen kann. Der
Kameramann hat Mühe, bei seinen Schwenks zwischen Werner Fritz und dem
Hintergrund die Blende den unterschiedlichen Lichtverhältnissen zwischen
innen und außen anzugleichen. Das Gesicht des Korrespondenten ist
weitwinkelig aufgenommen, sein Gesicht etwas verzerrt. Das Bild wirkt trashig.
Wäre es schwarzweiß, dann wäre das Urteil klar gewesen:
Fiktion, eine fake documentary.
Der Riese, der sich unverwundbar glaubte,
wurde schwer getroffen. Er wird um sich schlagen. Und das wird noch
fürchterlicher sein als die Katastrophe heute in New
York.
Christopher Staininger (Wien)
rush hour: Ich war noch nie
in den Vereinigten Staaten, noch nie in New York. Nie in Manhattan. Ich kenne
das World Trade Center nur von Bildern aus dem Fernsehen oder aus
Zeitschriften. Die USA aus Büchern wie "Auf nach Amerika" von Michael
Scharang.
Und jetzt. Die Beschreibung von New York in diesem Buch stimmt
plötzlich nicht mehr.
Zum ersten Mal in meinem Leben fürchte ich
mich vor dem 3. Weltkrieg.
Krieg. Krieg. Krieg. Ich bekomme Kopfschmerzen.
Krieg. Ich habe keinen Krieg miterlebt, nicht unmittelbar. Ich bin 1970
geboren. Etliche Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs. Ich weiß nicht,
wie sich ein Fliegeralarm anhört, wie es klingt, wenn eine Rakete ihr Ziel
trifft. Der Krach einer Explosion. Das Einstürzen von Gebäuden.
Schreie von Tausenden Menschen. Blut, Trümmer. Abgetrennte
Gliedmaßen. Soldaten. Helme, Maschinengewehre. Detonation. Panik.
Zerfetzte Menschen. Abgetrennte Köpfe, Arme, Beine. Splitter. Bomben,
Handgranaten. Panzer. Jagdjets. Krieg. Pistolen. Männer, die andere
Männer hassen. Menschen, die andere Menschen hassen und die einander
deswegen umbringen, ermorden. Krieg.
Ich rufe meine Freundin an. Sie
weiß noch gar nichts. In ihrem Büro sind die Radiogeräte gar
nicht oder nur sehr leise aufgedreht. In kurzen Worten erzähle ich ihr,
was ich aus dem Radio weiß. Beinahe fängt sie an zu weinen. Ich
höre es an ihrer Stimme. Ich will weg aus dem Büro, zu ihr, aber ich
bleibe. Krieg? So schrecklich wird es ja doch nicht sein. Wir vereinbaren,
daß sie nach meiner Verabredung mit einem befreundeten Paar zu mir kommt.
Zum Glück, ich will heute Nacht nicht allein sein.
Der rote Knopf! Was
ist mit dem berühmten roten Knopf? Mir fällt das Musikvideo von
"Genesis" ein. "Land of Confusion". In diesem kurzen Film sind alle
dargestellten Personen "Spitting Image"-Puppen. Eine dieser Puppen ist der
damalige Präsident der USA, Ronald Reagan. Am Ende des Videos drückt
diese Puppe den roten Knopf und alles ist aus. Drückt Bush den Knopf? Was
ist dieser Knopf? Wo ist er? Ich konnte dieses Lied noch nie ausstehen.
Ich
fahre auf dem Gürtel zu Freunden. Das Autoradio ist an. Es ist nach 17
Uhr. Der Straßenverkehr ist heftig. "Rush hour" am Gürtel. Die
schrecklichste "Rush hour", die die Vereinigten Staaten jemals erlebt haben,
begann heute kurz vor neun Uhr New Yorker Ortszeit. Ich schaue durch
Autoscheiben auf andere Menschen. Die Ereignisse scheinen sich zu
überschlagen. Die Menschen in den Autos und auf den Straßen scheinen
alle Radio zu hören. Ich sehe, wie eine ältere Frau ihr Gesicht in
die Hände vergräbt. Weiß sie, was Krieg bedeutet?
Bei den
Freunden sind beide Fernseher eingeschaltet. Auf dem größeren
Fernseher läuft CNN, auf dem kleineren der französische Sender. Meine
Freunde nehmen die Berichte auf Videokassetten auf. Einmal in englischer, ein
zweites Mal in französischer Sprache. Ich sehe zum ersten Mal
Fernsehbilder von dem unfaßbaren Ereignis. Ein brennender Turm des World
Trade Center, und dann rast ein Flugzeug in den zweiten Turm. Live-Bilder!
Alles schaut unecht aus. Wie aus einem Hollywood-Action-Film. Alles erinnert an
James-Bond-Filme, an Bruce Willis in "Stirb Langsam, 1, 2 und 3". Aber alles
ist real. Ich kann nicht bei meinen Freunden bleiben, ich will nach Hause. In
meine Wohnung. In Sicherheit.
MITTWOCH, 12. 9. 2001
"Krieg gegen
Terror": Nato-Staaten sagen USA militärischen Beistand zu ... FBI hat
Urheber der Anschläge identifiziert ... Wall Street bangt um beste
Köpfe / Europas Börsen wieder im Plus ... Entführer wurden in
USA ausgebildet ... "Eine breite Spur" führt zu Bin Laden ...
Geheimdienste ohne Ahnung ... Sonderministerrat und Gedenkminute im Kanzleramt
... (Der Standard, 13. 9.)
Beatrix M. Kramlovsky (Bisamberg)
15
Uhr: Von unterwegs, in der Innenstadt, rufe ich die Kinder an. Wie vermutet
sitzen sie vor dem Fernseher. Ihre Stimmen klingen flach. Eine Mail aus
Amerika. Freunde sind betroffen, aus ihrer Familie liegt jemand in einer
Intensivstation. Außer Lebensgefahr. Andrea sprudelt die englischen
Sätze herunter, verhaspelt sich. Ruhig, Kind. Ich komme abends heim, so
früh wie möglich. Robert will nicht ans Telefon.
Unüblich.
Ich gehe an zwei Männern vorbei, Wiener Akzent.
"Mei
Yugo sagt, er find't des toll. Is er deppat? I hob eahm glei ane
aufglegt."
Wiederholungstäter.
Mir ist schlecht.
22 Uhr: Andrea
hatte am frühen Abend einen Feuerwehreinsatz, ein Kind in einem
steckengebliebenen Lift. Eine leichte, eine schnelle Rettung dieses Mal. Reden
sie über das, was gestern passiert ist? Welche Bilder geistern durch ihre
Träume?
Klaus hat diese Woche keine Flüge, kommt jede Nacht heim.
Ein vertrauter, warmer Körper neben mir. Ich darf glücklich sein.
Darf ich das?
Christa Nebenführ (Wien)
Tante Ela rief an, um
die Geburtstagstorte für meine Tochter zu besprechen. Kurz vor zehn Uhr
brach sie das Gespräch mit den Worten ab: "Wir müssen jetzt
aufhören, gleich ist die Schweigeminute!"
Natürlich ißt sie
am Karfreitag kein Fleisch.
Harald Friedl (Hallein)
Rache: In
den Medien ist viel von den Gefühlen der US-AmerikanerInnen die Rede:
Rache. Wer erkennt die Gefühle einer Nation?
Als gesellschaftlicher
Konsens wird vorausgesetzt. US-Medien produzieren eine antizipierte
Gefühlslage. Behauptungen werden aufgestellt: Die amerikanische
Öffentlichkeit erwartet ... Ausmerzung.
Die US-amerikanische Kultur
übt sich seit hundert Jahren darin, so "Die Zeit", den größten
gemeinsamen Nenner einer Population zu erkennen und in Produkte
umzusetzen.
Der größte gemeinsame Nenner ist eben nicht
nachdenken, Vernunft walten lassen, lernen, zuhören, verstehen. Das
Produkt des heutigen Tages lautet: kollektive Rachegefühle. Es kostet nur
den Strom für den Fernsehapparat und den Preis einer Tageszeitung, um
daran teilzuhaben.
Und der US-Präsident legt das Versprechen ab, diese
Gefühle durch Taten zu befriedigen.
DONNERSTAG, 13. 9.
2001
Terroristen kannten Geheimcode des Weißen Hauses: Spion vermutet
/ USA wollen Helferstaaten des Terrorismus "auslöschen" ... Wall Street
nimmt Handel am Montag wieder auf ... Anschläge auf Atommeiler
befürchtet ... Warten auf den angekündigten Vergeltungsschlag der USA
... Rohölpreis ist weiter zurückgefallen ... (Der Standard, 14.
9.)
Sylvia Treudl (Wien)
Keine Kraft heute. Nur eine Haut aus
Tränen, die mich vollständig einkapselt.
Vielleicht kann ich damit
wenigstens die aufsteigende Panik am Auflodern hindern.
Nils Jensen
(Wien)
Atemholen. Tagesgespräch alles natürlich. Vortag mit
Vorbehalt. Regen. Dann Sonne. Langes Aufstehen, Tee, grün.
Nachgrübeln, denken. Was mich noch weiter beschäftigt: Vor wenigen
Tagen in Durban wollte man die Israelis wegen ihrer Partie als Rassisten
verurteilen, welch Blendung! Eigentlich wollte man ihre staatliche und
persönliche Existenz aushebeln, formal zumindest. Ja, sind wir schon
wieder soweit? Nix gelernt? Daß die Formen der Auseinandersetzung jetzt
andere annehmen, davor haben uns schon große Köpfe gewarnt. Wer hat
zugehört? Oder wollen wir nur, daß es endlich heißt "einmal
abschließen", weiters "einmal muß Schluß sein"? Aber: Solange
aufrecht gehende Hominiden dieses Geoid bevölkern, solange - ach ich
weiß nicht, Rationalismus, Humanismus, Aufklärung hin und her.
Wenigstens regnet es nicht mehr. Die Kinder sind im Bett, schulisch geht alles
o.k. Aber sie fragen, und wie ihnen sowas Arges erklären? Verdeutlichen?
Beschreibbar machen? Co meint, ich trinke z. Zt. zuviel. So eine schöne
Frau. Drei Gedichte habe ich ihr gewidmet, was heißt das heute. Aber
meine Sprache bleibt, sogar wenn ich Märchen schreibe (übrigens die
schönste literarische Aktion, um der Zensur zu entfleuchen). Und bei allem
Greuel: die Zensur (Meldungen, Infos, Inhalte), die passiert.
Rückbesinnung also: auf den "Geschmack", auf das Haare-Aufstellen am
Hinterkopf, darauf muß ich mich bescheiden. Stimmt ja meistens, diese
Warneinrichtung, ich lebe schon lange genug mit Erfahrung und Geschichte. Als
Kennedy ermordet wurde, war ich im Internat, und in der Nacht haben die Patres
uns sogar informiert (und inständig gebetet). Wir lagen in den Betten im
Konvikt, und jedes Brummen eines Flugzeugs darüber war wie eine
Kriegserklärung. Damals war die Angst noch unbestimmt. Heute weiterhin und
größer.
Harald Friedl (Wien)
Krieg: Mail von Kathleen
Shull aus New Mexico (abgeschickt am 11. 9. um 23 Uhr 11 US-Zeit, eingetroffen
heute. Stilistisch nicht korrigiert):
"Harald, alles in Ausnahmezustand,
verrueckt, unglaublich, da waren schon Benzin Linien, nicht weil die
ausverkauft sind, aber alle sind so nervös, was passiern will, und
wütend schauen die Leute aus. [...] Beide meine Kinder sind in Deutschland
bei ihrem Vater und ich bin so nervös, dass sie English auf der Strasse
reden werden und vielleicht Probleme bekommen, you will think this is
overreacting, but I know we will go to war as soon as they find out who did it
and there will be immense repercussions from all of this and people will be
upset and hurt one another out of fear.
Gruesse und alles Liebe fuer euch
beide, people are very upset, though they aren't panicked or anything, just
stunned and shaken, but you can see the emotion on everyone's faces, they
closed the Starbucks I tried to get a coffee at and study at, they closed all
the stores in Tucson and my brother said they evacuated [...] They didn't let
anyone fly and I have never seen our politicians look so grim and
united."
Ein Terrorgruppe allein auszuschalten, wäre als Ziel der Rache
zu klein und zu minder.
Es werden Staaten sein, welche die USA mit ihren
Verbündeten angreifen.
Beatrix M. Kramlovsky (Bisamberg)
17
Uhr: Robert verschlingt die Zeitungen, aber er will nicht mit mir über die
Geschehnisse reden. Andrea hingegen fängt schon bei der Haustür an.
In der Schule gibt es glücklicherweise genügend Professoren, die auf
Fragen eingehen.
Die Freunde haben aus Los Angeles angerufen, sitzen dort
fest. Noch vor wenigen Monaten hatten wir nach hitzigen Diskussionen nur
zögerlich den Kontakt wieder aufgenommen. Das spielt nun keine Rolle. Es
scheint im Augenblick nur um die Tat an sich zu gehen.
Und wie stehst du
jetzt zum Islam?
Wir reden doch von Terrorismus, nicht über
Religion.
Bei gewissen Leuten scheint es das Selbe zu sein.
Ich habe es
immer als mein größtes Talent angesehen, mit vielen Menschen sehr
unterschiedlicher Weltanschauung befreundet zu bleiben, auch wenn wir
konträr denken. Keine Missionierung, selbst wenn es manchmal schwer
fällt. S. versteht bei mir einfach nicht, warum ich freiwillig in den Iran
gereist bin, fasziniert mit Menschen arbeite, den Umgang mit ihnen pflege -
trotz Zensur, Schwierigkeiten, den Auswirkungen einer fundamentalistischen
religiösen Strömung. Ich habe es ihr gegenüber nie
beschönigt. Ich habe von meinem Gefühl der Erniedrigung gesprochen,
den Gesetzesauslegungen, die mich zornig und unvorsichtig machen. Aber ich habe
ihr auch von den vielen erzählt, deren Gedanken ich als Bereicherung
ansehe, trotz oder gerade wegen ihrer anderen Wurzeln. S. war entsetzt. Der
Begriff der Freiheit sollte mir doch heilig sein. Sie verteidigt den
Freiheitsbegriff der weißen, gebildeten, reichen, presbyterianisch
erzogenen Amerikanerin, der ihr persönlicher ist,
höchstwahrscheinlich wenig zu tun hat mit der Vorstellung, die ein
Farbiger pflegt.
Welche Freiheit hat man bei euch, wenn man nicht der
jeweiligen Norm entspricht?
Das ist jetzt dumm von mir und völlig
unnötig.
S. hat Angst vor anderen Kulturen. Sie hat schlechte
Erfahrungen gemacht, als sie, protestantisch in ihrem Denken durch und durch,
beruflich in einer jüdisch geprägten Branche auf ihr
Außenseitertum nicht immer nur subtil hingewiesen wurde. Muster,
Schablonen, Schnitte. Wir merken doch oft gar nicht, welche Ungeheuerlichkeiten
wir alle von uns geben. Das Gedankengut und die Erfahrungen der Eltern
schleppen wir mit, auch wenn wir es nicht wollen. Alle. Juden, Christen,
Moslems. Hindus. Wir lügen uns erfolgreich vor, daß wir unsere
Freiheit verteidigen, und geben doch nur der Gier nach Macht nach. Es hat
nichts mit religiösen Inhalten zu tun.
Du flüchtest dich in einen
Satzsalat und ich verstecke mich hinter einer Schwarzweißsicht.
Sie
lacht.
Beiden hilft es im Moment. Wir brauchen beide Krücken.
Wie
recht sie doch hat.
Barbara Neuwirth (KünstlerInnenhaus
Schloß Wiepersdorf)
Auf einen Anruf von Wolfgang Freitag aus dem
Presse-Spektrum hin setze ich mich am Tag nach der Katastrophe hin und
versuche, meine auseinanderlaufenden Gedanken in 1800 Zeichen zu komprimieren.
Die Endfassung des Textes vom 13. September:
"Wie das Zitat eines
amerikanischen Katastrophenfilms lief am 11. September 2001 auf diversen
Fernsehkanälen die Übertragung eines unerwarteten und
erschütternden Szenarios. Aber die Megakatastrophe war live, und die
amerikanischen Helden zur Rettung der zufälligen Opfer blieben aus. Die
Grausamkeit der Anschläge war umso wirksamer, weil sie sich vor unseren
Augen abspielte und weil sie nicht nur sensationelle Kraft gegen die politische
Weltmacht zeigte, sondern auch, weil die Zufälligkeit, Opfer zu sein, auf
jeden einzelnen von uns verwies.
Daran knüpfen sich die Erinnerungen an
Konflikte, an denen die US-amerikanischen Machtzentren in oft unrühmlicher
Weise beteiligt waren (und sind) und die ernüchternde Erkenntnis,
daß der sogenannte Kampf der Kulturen erneut angeheizt wird und die Wut
undifferenzierte Gewaltakte gegen Menschen aus anderen kulturellen
Zusammenhängen zu rechtfertigen scheint.
Aus der Sprachlosigkeit heraus
schälen die Helden der getroffenen Nation noch am selben Tag das
große Wort: Krieg. Zwar bezeichnet dieses Wort Kämpfe zwischen
großen Gruppen oder Staaten, aber die Wunde ist so groß, daß
auch der Feind groß sein muß. Für ihn gibt es bald auch Namen
und eine Verallgemeinerung. Schon ist der Kampf der Kulturen beschworen, auch
wenn zugleich zur Mäßigung aufgerufen wird. "Das Gute" will gegen
"das Böse" zurückschlagen, um den Krieg weiterzuführen, in den
es sich so überraschend und plötzlich gestellt sieht.
Mit Krieg
hat all das schon zu tun: daß Unschuldige ermordet werden. Daß man
"den Feind" demütigt. Daß Ideale beschworen werden. Terror und Krieg
haben weder Religion noch Nation, diese Aussage ist wahr. Aber ebenso wahr ist,
daß im Namen von Religion und im Namen von Nationen Kriege geführt
und unbeteiligte Menschen getötet wurden und werden. Ebenso richtig ist
auch, daß der Krieg ein Geschlecht hat. Daß die Täter, die
Militärs, die Politiker vor allem Männer sind, die für ihre
Ideale Menschen zu opfern bereit sind. Macht, die auf Gewalt basiert,
verursacht menschliches Unglück. Wir sind aufgerufen, statt über
Krieg über Konditionen des Friedens zwischen den Völkern zu
sprechen."
FREITAG, 14. 9. 2001
USA mobilisieren für
Gegenschlag/Bush holt sich Kongreßvollmacht ... Luftfahrt verliert 152
Milliarden Schilling ... Washington macht bereits mobil ... Amerikaner stehen
hinter George W. Bush ... Die Europäer zögern mit dem "Blankoscheck"
... Das Rezessionsgespenst geht um ... Wie im Kino. Wie im Krieg. Wie denn
wirklich? ... (Der Standard, 15. 9.)
Manfred Chobot (Wien)
beim
aufwachen beschäftigt mich seit den letzten tagen die vorstellung, was man
fühlt und denkt, wenn man bei der arbeit sitzt im soundsovielten stock
eines hochhauses und plötzlich ein düsenjet in den raum eindringt,
unvermittelt alles zerstört, feuer ausbricht, die fluchtwege versperrt,
einem keine chance läßt, in irgend einer weise zu reagieren. auf der
stelle zu sterben, ohne langwierige gedanken, ist ein glück. wenn der tod
dich aussichtslos einkesselt, bleibt dir zwar eine entscheidung, begrenzt auf
deine art des todes. wohl deshalb sind einige menschen aus den fenstern
gesprungen, wissend, daß aus dieser höhe keine hoffnung besteht,
selbst als krüppel zu überleben. da helfen weder sprungtücher
noch zufälle, weich zu landen.
die mehrmals gesehenen bilder von
verschiedenen perspektiven, wie das flugzeug in den turm eindringt, bekomme ich
nicht mehr aus meinem kopf. dennoch ertappe ich mich dabei, daß ich die
bilder noch einmal sehen möchte. als wäre es eine geilheit nach einem
computerspiel oder einem schlechten action-film.
Ludwig Laher
(Kopenhagen)
Ich gehe am Abend an der amerikanischen Botschaft in
Kopenhagen vorbei. Tausende Blumengebinde und Kerzen stehen vor dem
langgestreckten Gebäude, Hunderte Menschen stehen da, beten, singen "We
shall overcome". Bin ich schon so hinüber, daß mich Kundgebungen von
Solidarität mit den Opfern des Terrors nicht mehr anrühren, wie sie
sollten? Ist mein spontaner Gedanke, warum es der gleichgeschalteten Medienwelt
gelingt, für gewisse Betroffene, die Opfer der business class, alle
menschlichen Regungen aufzukaufen, während, sagen wir, die gesteinigten
Frauen und an lächerlichen Krankheiten sterbenden Mädchen
Afghanistans, denen medizinische Pflege verweigert wird, kalt lassen, Hunderte
vom Staat hingerichtete US-Bürger, deren Prozesse oft genug manipuliert
ablaufen, um irgendwen zum Totspritzen zu haben, wurst sind, ist dieser Gedanke
vor der US-Botschaft in Kopenhagen, wo ein vierjähriges Mäderl gerade
wieder einen Strauß Blumen ablegt, frivol?
Barbara Neuwirth
(KünstlerInnenhaus Schloß Wiepersdorf)
Abends bin ich mit 9
StipendiatInnen im Ranchhouse in Mainsdorf: wir essen in jenem Teil des Lokals,
der sich amerikanisch gibt. Der andere Raum, Märchenwald genannt,
dessentwegen Gil Shachar uns hierher geführt hat, ist ungeheizt und auch
ungemütlich. Die Märchenfiguren-Show allerdings beeindruckend. Statt
zwischen Zwergen und anderen Figuren aus Grimms Märchen,
drittellebensgroß, sitzen wir also zwischen Hunderten Ostdeutschen, die
ebenso wie wir das All-you-can-eat am Freitag ausnützen - und von denen
viele die Speisekarte buchstäblich rauf und runter essen. Angesichts der
Mengen, die verschlungen werden, rührt sich unser Mitleid mit dem Wirten.
Wie kann er das finanzieren? An der Wand hängt, unter der amerikanischen
Flagge, eine große Landkarte: Europa im 18. Jahrhundert.
Nach dem
Essen kommen wir müde ins Schloß zurück. Wie in den letzten
Tagen auch kommt nur mühsam Stimmung auf. Nadja Einzmann bemüht sich
zu erklären, daß die Kunst in einer künstlerischen Form auf
alles reagieren müsse, aber ihr ist selbst unklar, wie das geschehen
könnte.
Mich wirft das zurück: ich habe keine künstlerischen
Ausdrucksmöglichkeiten für aktuelle Fragen oder für Fragen der
Politik überhaupt. Und ich finde vieles, was sich mir als
künstlerische Auseinandersetzung mit den aktuellen Fragen darstellt,
überflüssig. Weil es mich nicht bewegt. Weil ich mich damit nicht
beschäftigen will - weil es mich in ein schlechtes Gefühl führt.
Ins Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit. Dorthin soll mich keiner
bringen. Auch die Kunst nicht.
Dine Petrik (Wien)
Dieses
Entflammen. Verbrennen. Nicht aus dem Kopf zu schlagen. Bersten.
Splittern.
Einbrechen. Stürzen: Stahlspieße - Hacksäbel -
Preßplatten - Glaspfeile.
Dieses Zerschneiden. Zerreißen. Was
für ein Material. Weich und warm. Tausende Leiber: Durchstoßen.
Zerquetschen. Erdrücken ...
Noch am Leben. Wie lang dauert Sterben.
Doch lieber gesprungen. Ein mutiger Sprung wäre der schnellere Tod
gewesen. Der schmerzlosere. Jetzt spürst du nichts mehr. Wo die Stimme
ist. Im Schutt begraben. Komm schnell - Lieber. Dort mein Fuß - Da mein
Kopf. Mein letztes Wort - Gilt es - Der Schlaf läßt sich suchen.
Bilderangriffe. Alles real. Live shows inside.
Großaufnahmen. Von oben
nach unten - und Schwenk. Jede Seite. Bilderwaffen. Feuerbelichtet.
Unschätzbare Werte. Ein Hoch der High Tech! Gehen ein in die Geschichte!
Wie das glorreiche Siegen im Golfkrieg: Der baffen Welt live präsentiert,
wie der "state of freedom" mit Schurkenstaaten verkehrt. "God Bless
America!"
Dieses Fallen und Schweben. Stürzen. Fliegen. Toll, dieses
neue Jahrtausend! Daß der Mensch zeigen kann, was seit Ikarus jedem
mißlang. Lang dauert es. Eine Minute ist eine Ewigkeit lang. Lang genug,
um das Warum nicht zu begreifen. Um abzuschließen. An Wunder denken.
Einer, der aus der achtzigsten Etage hüpft - aus der Schräge, die
unter den Füßen wegbricht, weg vom Feuerschlot, andere, die der
Explosionsdruck durchs Fenster weht.
Sprungtuchgedanken. Magen im Hals.
Erstickte Laute. Der Rest ist - Wo bleiben die Bilder? Man ist auf mehr
eingestellt, aufs Allerletzte! Das ist unerträglich. Feuerbälle
rollen aus dem Gesicht. "May God bless America!", wiederholt George W. Bush in
Gebetsmühlenart.
Gelingt mir auch die Bewunderung nicht, Amerika -
schon gar nicht unter diesem Präsidenten - mein Mitleid hast du, tiefes.
Mitleid und Achtung gegenüber den Opfern. Und auch mit denen im Irak - im
Kosovo - in Vietnam. Und auch das gehört auf kein anderes Blatt: Das die
Türkei unterstützende Wegschauen beim Ausradieren von
Kurdendörfern - beim Vertreiben und Töten der Kurden.
El
Awadalla (Wien)
Ein deutscher Journalist spricht von den "islamistischen
Staaten", statt von den islamischen. Ich zappe weiter, auf dem nächsten
Sender dieselbe Wortwahl. Zufall? Radio Orange diskutiert auch zum Thema,
erfrischend klug. Die Täter sind identifiziert, es sind Araber. Das war
nach dem Oklahoma-Attentat auch so. Ich hoffe, wenigstens wünsche ich mir,
daß es doch die amerikanischen Faschos waren. Der Wandertag gegen die
NATO morgen in Fohnsdorf ist abgesagt, obwohl das Manöver weitergeht, als
wäre nichts geschehen. Überall ist irgendwas abgesagt worden, nur die
NATO-Manöver gehen weiter, wie symbolisch.
Ich gehe auf die Bank, am
Marktamt hängt die österreichische Fahne mit Trauerflor. Ich glaube,
ich spinne. Wo war die Fahne, als Belgrad bombardiert wurde?
Mein Alltag
fängt wieder an. Ich gehe mit Michi1 Jeans kaufen, dann zum
Fußballtraining. Wenigstens dort redet niemand von New York. Die Hysterie
nimmt zu, wer einen arabischen Namen trägt, könnte verdächtig
sein. Mein Name ist arabisch, aber ich sehe nicht arabisch aus, was für
ein Glück. Yasser2 sieht ganz deutlich aus wie ein Araber. Er war mit
seiner großen schwarzen Sporttasche in der Stadt unterwegs. Viele Leute
hätten ihn mißtrauisch angesehen, erzählt er. Er fühle
sich seit Tagen nicht mehr wohl. Ich auch nicht, hoffentlich heißt keiner
der Verdächtigen Awadalla. Schon vor Monaten, als ein mutmaßlicher
Hamas-Aktivist namens Awadalla (mit dem ich weder verwandt noch
verschwägert bin, das funktioniert beim System arabischer Namen nicht,
aber wer weiß das schon) in den Medien genannt wurde, fragten mich viele
Leute, ob ich mit ihm verwandt sei. Kaum auszudenken, was jetzt, bei dieser
Hysterie alles passieren könnte.
Am Abend sitze ich wieder vor dem
Fernseher, dazwischen räume ich ein bißchen auf. Auf allen Sendern
Bin Laden, der Islam, AraberInnen. Europa trauert, die deutschen Kirchen sind
voll. Trauert ganz Europa? Nein, nur das christliche, das islamische wurde
nicht eingeladen.
Wenn ich mir die Stellungnahmen der USA und ihrer
eifrigen europäischen Unterläufel anhöre, glaube ich, daß
sie sich das Attentat selbst gemacht haben, zu geschmiert läuft die
Propagandamaschine.
Christopher Staininger (Wien)
Der dritte
Tag nach dem Luftangriff auf das World Trade Center und das Pentagon. Powell
spricht von Krieg. Von einem langen, auf vielen Fronten zu führenden
Krieg. Die Streitkräfte der USA sind in höchster Alarmbereitschaft.
Die amerikanischen Soldaten bereiten sich auf einen Angriff vor, ohne zu
wissen, wen sie angreifen werden.
Die Vereinigten Staaten haben den
nationalen Flugverkehr wieder aufgenommen. Angeblich war Michael Jackson die
einzige Person in Amerika, die am Dienstag nach dem Angriff New York mit ihrem
Privatjet verlassen durfte. Popstars dürfen das. Michael Jackson fliegt
auf und davon.
Die vergangenen beiden Tage waren anders. Nichts schien mehr
normal zu sein. In jeden Bereich meines Lebens hat sich das Unglück von
Amerika eingeschleust. In die Beziehung zu meiner Freundin, in meine Arbeit, in
meine Wohnung. Egal mit wem ich rede, jeder spricht über den Terrorkrieg.
Meiner Freundin ist es besonders am Mittwoch sehr schlecht gegangen. Sie
war traurig und verzweifelt. Und ich wußte nicht, wie ich sie
trösten sollte.
Abends: Meine Freundin ist heute abend nicht in Wien.
Sie ist zu ihrer Familie nach Niederösterreich gefahren. Es geht ihr
besser. Im Fernsehen immer wieder Bilder aus den USA. Sie sprechen von einem
Einsatz der US-Bomber gegen Afghanistan. Sie nennen es Selbstverteidigung.
Gefechtsbereitschaft. Einberufung von Reservisten. 40 Milliarden Dollar
für die Vergeltung.
Ich sitze in meinem Wohnzimmer. In Wien hat es
gerade zu regnen aufgehört. Möglicherweise sind neue Anschläge
gegen die USA geplant. Ich vermisse meine Freundin. Ihr Schwager feiert morgen
seinen 30. Geburtstag. Ich überlege immer noch, ob ich die Einladung zu
diesem Fest annehme. Mir ist nicht nach Feiern. Aber ich will meine Freundin
sehen. Ich hätte sie jetzt gern bei mir. Was, wenn sie ein Atomkraftwerk
in die Luft sprengen?
Tag der Trauer. Sie haben den 14.09.2001 zum Tag der
Trauer erklärt. Ich fahre um 20 Uhr zu einem Freund und bin froh, den
heutigen Abend nicht allein zu verbringen. Überall auf der Welt gedenken
die Menschen der Opfern der Anschläge von New York und Washington. Ich
denke an meine Freundin und freue mich auf morgen.
SAMSTAG, 15. 9.
2001
George Bush ruft zum ersten Krieg im 21. Jahrhundert auf ... USA
marschieren direkt in Richtung Krieg ... Das FBI glaubt, auf eine erste
heiße Spur gestoßen zu sein ... "Etwas tun, ganz egal, was" ...
Harter Schlag für die Weltwirtschaft ... 40 Österreicher: Schicksal
noch ungewiß ... Freddy Quinn wird 70 ... (Kurier, 16. 9.)
Beatrix
M. Kramlovsky (Bisamberg)
Ich weiß, daß ich in mir eine
Waffenkammer mitschleppe, deren Tür nur notdürftig verschlossen ist.
Ich habe Angst davor, die Kontrolle zu verlieren, und genau davor habe ich auch
bei den anderen Angst. Nicht zu wissen, wohin alles führen mag,
entschuldigt nicht. Strahlende Kriegshelden sind immer blutverkrustete
Chimären.
Heute nacht wird Spielbergs Searching Private Ryan gezeigt.
Ich werde ihn mir nicht jetzt anschauen.
Robert wird morgen so alt, wie die
meisten Soldaten sind, wenn sie mit herausquellenden Gedärmen,
weggeschossenen Beinen, zerquetschten Augäpfeln dem Tod entgegenschreien.
Ich habe unsere lebenden Kinder nicht für so ein Ende geboren. Ich habe
unsere toten Kinder nicht wegen einer solchen Möglichkeit
verloren.
Harald Friedl (Wien)
Saturn Hansa, 4. Etage: 16:9
TV-Schirm (125 Zentimeter, 100 Herz um ATS 159.990.-), CNN. Moderatorin im
Studio, eingespielte dokumentarische Bilder. Als Fußzeile durchgehend:
"AMERICA'S NEW WAR". Ein Kunde sitzt im weißen Regiesessel. Testsehen,
testhören. In Quadrophonie.
Ich höre mit. Moderatorin: "See this
extremely powerful shot!"
Gezeigt wird ein Foto von Feuerwehrmännern,
die über den Trümmern des World Trade Centers eine US-Fahne
aufziehen. Gestellt sein als Momentaufnahme patriotischer Inszenierung?
George Double You Bush hält nah den eingestürzten Türmen
eine Rede vor Helferinnen und Helfern. Er spricht über Megaphon. Seine
Stimme klingt wie Blech: "Thank you for making a nation proud!"
George
Double You lacht. Ein Sprechchor antwortet ihm. "JU.ES.EI - JU.ES.EI - JU.ES.EI
-"
George Double You lacht. Ein Sprechchor antwortet ihm. "JU.ES.EI -
JU.ES.EI - JU.ES.EI -"
Bush fällt nicht in den Chor ein: "God bless
America."
Im Lift: 3. Etage / 2. Etage / 1. Etage. Erdgeschoß. Die
Menschen scheinen noch nicht so recht zu wissen, was sie von allem halten
sollen, von den Terroranschlägen, von der Stimmung in den USA, vom
angekündigten Krieg. Aber noch ist nicht Krieg. Am Abend wird getanzt
werden. Alles ist offen.
Wienenergie / Plaza / Minimundus.
Intersport. So
wirken auch die Menschen: unentschieden. Wenn die große Entscheidung auf
politischer Ebene gefallen ist, werden sich auch die kleinen Leute entscheiden
(wer wäre, gemessen an einem großen Krieg, nicht klein?). Daher
müssen die Menschen immerhin wissen, wo sie stehen. Sich am Faktischen zu
orientieren, ist nicht irritierend. Also wird entschieden, entweder prinzipiell
gegen Krieg zu sein oder ihn verständlich und gerecht zu
finden.
Tropical Drink / Bananamix / Bärenfit.
Fresh Power Mix. Wer
auf der Seite der USA ist, wird jeden Tag auf der Gewinnerseite stehen.
Dafür sorgen die Nachrichten. Das österreichische Fernsehen bezieht
seine Bilder von der Weltmacht. Bilder des Sieges. Bilder der Verlierer werden
spärlich geboten werden, anfangs gar nicht, weil die Verlierer verlieren,
weil sie zu langsam sind. Auch in der Produktion der Bilder.
Auch der Ton
der Nachrichtensprecher wendet sich speziell an die, welche den Krieg gerecht
finden. Es ist ein Sportton, ein Ö 3 Ton. Die Stimmen werden durch
Kompressoren technisch gepreßt und geboostet.
Ritter aus Leidenschaft
/ Schokolade zum Frühstück / Jurassic Park III.
Planet der Affen.
Die Menschen wollen auf der richtigen Seite stehen. Und da den meisten die
Argumente fehlen, wer denn nun recht hat, die Kriegsgegner, die Kriegstreiber,
werden sie sich auf diejenige Seite schlagen, die gewinnt (was kann falsch
daran sein zu gewinnen).
JU.ES.EI - JU.ES.EI.
Echtes Last Minute / Quick
Sandwich / Max.Shop.
Aurafotografie. Wer konsumiert, will genießen.
Medien werden konsumiert, genossen. Ihre Dauerbotschaft wird lauten: Dieser
Krieg ist verständlich, Amerika hat gelitten. Dieser Krieg ist gerecht.
Wir stehen im 16. Jahrhundert der gerechten Kriege. Bellum justum, postuliert
von einem Heiligen. Augustinus (354 bis 430 n.u.Z.): Der Krieg der Guten gegen
das Böse.
De civitate dei.
Augenarzt / Professional Piercing /
Frontline.
Zielpunkt. Die USA betrachten die Welt als eine Rugby-Liga, in
der sie die teuerste Mannschaft stellen und sämtliche Schiedsrichter. Sich
für oder gegen eine Kriegspartei zu entscheiden, ist eine sportliche
Entscheidung. Und wenn man nicht genügend Gründe kennt, für oder
gegen die eine oder andere Mannschaft zu sein, entscheidet man sich für
die stärkere. Wer will nicht am Ende mit dem Sieger jubeln. Und der Sieger
steht von vornherein fest. JU.ES.EI. Selbst die eher Skeptischen werden den
Krieg, wenn schon nicht toll, so doch zumindest spannend finden. Schnelligkeit
ist erregend. Und nichts ist schneller als eine Detonation. Die sieht man sich
dann auch gerne in Zeitlupe an.
Zum Abschied von der Mariahilfer
Straße sehe ich zum Flakturm hin: ZERSCHMETTERT IN STÜCKE (IM
FRIEDEN DER NACHT) steht darauf geschrieben.
Im Weitergehen lese ich:
Original Blaschke Kokoskuppel. Macht rundum glücklich.
El Awadalla
(Wien)
Das jemenitische Haus auf der Expo fällt mir ein.
Draußen hatte es 38 Grad im Schatten - wir waren gerade in der
größten Hitzewelle in Hannover -, drinnen war es angenehm kühl,
wir lagen auf Matratzen, sahen uns den Raum an. Danach lagen wir noch in
Usbekistan, in Afrika, in Österreich, in Argentinien. Aber am
schönsten war das Liegen im Jemen gewesen.
Die Lehmmoscheen in Mali
fallen mir ein. Die würde ich gern einmal sehen, betreten, berühren.
Der Felsendom und die al-Aqsa-Moschee sind auch beeindruckend in ihrer
Üppigkeit, auch die große Moschee von Dakar ist schön, aber die
Moscheen aus Lehm und Holz, jahrhundertealt und schmucklos, die würde ich
gern sehen.
Raymonda Tawil, Fatima Mernissi, Aicha Lemsine, Nawal
as-Sadacawi - arabische Autorinnen, deren Bücher mich sehr beeindruckt
haben, Nobelpreisträger Nagib Mahfus, Friedenspreisträgerin Assia
Djebar, Tahar Ben Jelloun, der erst letztes Jahr ein Buch für Kinder
herausgebracht hat, in dem er zur Verständigung zwischen den Kulturen
aufruft - sie alle sind BarbarInnen?
Ich suche die syrischen
Rittergeschichten von Usama bin Munqid (1095 - 1188) heraus. Der Namensvetter
von b. Laden machte sich während der Kreuzzüge über "die
Franken, Gott mache sie häßlich" und ihre Primitivität lustig.
Die Franken, für ihn alle Europäer, teilen sich, so erklärt er,
ebenso wie die Araber in verschiedene Stämme. Doch primitiv sind sie alle.
Er beschreibt ein Rennen von zwei alten Frauen um ein geschlachtetes Schwein.
Die beiden Alten werden während des Rennens von Rittern zu Pferd
gestoßen, und jedesmal, wenn sie hinfallen, brüllt das Publikum vor
Begeisterung. B. Munqid ist empört über solche Belustigungen. Die
medizinischen Kenntnisse der "Franken, Gott lasse sie allesamt im Stich"
kommentiert er auf das Abschätzigste. Die "Franken, Gott lasse sie
ertrinken", brachten ihre Verwundeten zu arabischen Ärzten, weil sie bei
den ihren gestorben wären. Noch ein Buch suche ich: Al-Mascudis (gest.
956) Reiseberichte. Er war in Indien, hat über China berichtet, vier
Jahrhunderte vor Marco Polo. Überall konnte der Marokkaner als arabischer
Gelehrter seinen und den Unterhalt seines Gefolges verdienen. Zu seiner Zeit
wurde in Timbuktu der Reichtum in Büchern gemessen.
Sylvia Treudl
(Wien)
Jakov Lind fällt mir heute in die Hand: "Wenn der Krieg
einmal vorbei ist, hat man auch nicht viel davon. Dann gibt's nämlich
einen dritten, vierten und fünften Weltkrieg, bis am Ende nur die
Blattläuse und Zecken übrigbleiben." ("Eine Seele aus
Holz")
Erschrocken lege ich das Buch zurück ins Regal. Ist die Welt
endgültig an einen Punkt gekommen, wo die Lebenden die Toten
beneiden?
Ich versuche herauszufinden, was meinen ganz individuellen Horror
bedingt. Zwar hat meine Generation bislang die Gnade erfahren, selbst nicht
unmittelbar von Krieg betroffen zu sein. Was aber nicht bedeutet, daß die
Welt friedlich organisiert wäre. Ein Freund aus Sofia erinnert mich daran,
daß Terror auch kein ganz neues Phänomen ist. Ich weiß, er hat
recht.
Ist es eine grauenhafte Rechnung, die sich an der Quantität der
Leichen orientiert? Ist es noch viel schlimmer, und geht es um die
Qualität der Toten, mit deren Auslöschung plötzlich nicht
anonyme Opfer eine schreckliche Statistik ergänzen, sondern auf einmal ist
die gesamte westliche Zivilisation bedroht? Ich rudere in meinen Ängsten,
meinen unsortierbaren Gedanken herum wie in zähem Schleim.
Ich
betrachte das Gesicht eines der mutmaßlichen Todespiloten in der Zeitung.
Nein, er sieht nicht aus wie der Teufel. Wären unsere
Geburtsjahrgänge kongruent, hätten wir uns vielleicht an der Uni
getroffen. Hätten wir vielleicht dasselbe Seminar auf der
Politikwissenschaft besucht, hätte er in Wien studiert. Hätten wir
uns vielleicht über Ideologien und Systeme unterhalten. Wären wir
wahrscheinlich nicht einer Meinung gewesen. Hätten wir vielleicht trotzdem
nach der Vorlesung ein Bier zusammen getrunken. Was treibt Menschen dazu, den
eigenen Tod und den von unzähligen anderen in Kauf zu nehmen, um eine
Ideologie zu vertreten? Wie haben sie gelebt, wie haben sie sich auf den Tag X
vorbereitet? Voller entrüstetem Unverständnis will mir die Emotion
durchgehen. Sich in gerechtem Zorn gegen jene wenden, die Individuen zu
menschlichen Bomben machen, den Tod auf allen Seiten kühl mitkalkulieren.
Bis mir einfällt, daß jede/r SoldatIn jedes Landes dieser Erde, das
eine Armee unterhält, gezielt zum Töten ausgebildet wird. Sind die
Unterschiede rein rechtsstaatlicher Natur oder philosophisch / moralisch
argumentierbar? Das erlaubte Töten versus das nicht erlaubte? Ich drehe
mich im Kreis. Die Bilder, diese schrecklichen Bilder. Und was ist mit jenen,
die nie gezeigt wurden, weil andere "Krisengebiete" dem medialen Achselzucken
anheim fielen? Nein, ich habe kein "Verständnis" für den Terror, und
es ist mir egal, von welcher Seite er kommt, ich habe auch kein
"Verständnis" für den Krieg, und es ist mir weiters egal, ob es sich
um zivile oder andere Opfer handelt.
Dem Tod ist es auch
egal.
SONNTAG, 16. 9. 2001
Taliban sollen binnen drei Tagen Osama
Bin Laden ausliefern / Pakistan sucht Vermittlung in letzter Minute /
Fluchtwelle aus Afghanistan ... Verdacht: Terroristen verdienten an der
Börse ... "Wir werden sie aus ihren Löchern ausräuchern" ...
Washington konzentriert Kräfte ... Drei Tage Frist zur Auslieferung ...
Kampfgeist / Kriegspropaganda der Taliban findet in Kabul wenig Widerhall ...
Fromm, schweigsam, sehr guter Studienerfolg / Wie Attentäter lebten ...
Behörden verfolgen 36.000 Hinweise / 27 Zeugen in Haft, 100 noch gesucht
... (Der Standard, 17. 9.)
El Awadalla (Wien)
Ich zappe zum
Frühstück durch die Kanäle, sehe amerikanische
Soldaten.
Haben sie schon mit ihrem Krieg angefangen? Nein, es ist nur ein
Hollywoodfilm. Ausatmen. Ich zappe weiter. Auf den Trümmern in Manhattan
prangt neben einer amerikanischen Fahne ein Transparent: We defend Freedom.
Welche Freiheit? Die Freiheit, die Welt weiterhin ausbeuten zu können? Die
Freiheit, nach Belieben Diktatoren ein- und absetzen zu können? Dieser
Freiheit sollen wir die Privatsphäre opfern? Nie wieder ohne drittes Ohr
telefonieren dürfen? Jede E-Mail in einem amerikanischen
Geheimdienstarchiv abgelegt wissen? Überall von der Videokamera verfolgt
werden? Wie war das mit der englischen Journalistin? Sie wurde vor ihrem
Haustor erschossen, ging davor durch die Blickfelder von vierhundert Kameras -
aber den Mörder hat niemand gesehen. So what?
Bin Laden weist in einer
Pressekonferenz alle Schuld von sich.
Israel greift Gaza an, verlangt aber
gleichzeitig zwei Tage Waffenstillstand von den Palästinensern als
Voraussetzung für Friedensverhandlungen. Wie soll das gehen? Israel
bombardiert vorzugsweise palästinensische Polizei- und sonstige
Sicherheitseinrichtungen und pudelt sich dann auf, daß die
Palästinenser nicht für Ordnung sorgen. Na wer denn? Der kleine Ali
von vis-à-vis? Es interessiert sowieso niemanden, weil alle Welt auf die
Trümmer in New York schaut.
In Afghanistan machen sich die Leute auf
die Flucht, der Iran will die Grenzen schließen, Pakistan auch.
Australien hat schon vor dem Attentat geschlossen. Nauru, der kleinste und
keineswegs reichste Staat der Welt hat fast 400 Flüchtlinge aus
Afghanistan aufgenommen, weil Australien sie nicht wollte, wegen Wahlkampf. Und
jetzt? Wohin sollen die Leute gehen? Was können sie für Bin Laden und
die Taliban? Sollen sie dem Deppen aus Texas geopfert werden?
Bolero von
Ravel in Ö1. Michi experimentiert mit Eis, friert Figuren aus
Überraschungseiern ein. Ich muß das Gefrierfach dauernd auf und zu
machen und erklären, warum Eis mehr Platz braucht als Wasser. Er fragt, ob
Kinder auch umgekommen sind. Anscheinend nicht, das beruhigt ihn. Ich muß
daran denken, daß vielleicht Haustiere, Kaninchen, Meerschweinchen,
wasweißich, was in New York üblich ist, in den Wohnungen der Toten
verhungern und verwesen.
Barbara Neuwirth (KünstlerInnenhaus
Schloß Wiepersdorf)
Auf eine seltsame Weise hat die ständige
Wiederholung der medialen Abbildung der Katastrophe bei mir bereits jetzt eine
Sättigung erreicht, die sich in einer Abkehr niederschlägt. Man
könnte auch sagen, daß die Verdrängung bereits funktioniert.
Seit fünf Tagen sprechen die US-Amerikaner vom Krieg, aber sie haben noch
keine übereilten Bombenabwürfe gestartet. Das allein überrascht
mich schon so, daß mir scheint, als wäre alles nun in Ordnung. Als
würde die "Gegenattacke" nicht mehr stattfinden, weil die Vernunft sich
bereits durchgesetzt hat. Ich bin eingelullt, bereit, die Nachrichten
abzudrehen, weil nichts mehr Neues zu berichten ist und ich die alten
Katastrophennachrichten schon längst abgespeichert habe.
Ich sitze hier
in einem Schloß in der von Arbeitslosigkeit gepeitschten Mark Brandenburg
- an die 20 Prozent Arbeitslose - umgeben von mehr oder weniger
schöngeistigen Menschen und empfinde, daß alles wieder seinen Gang
in die Normalität zu finden begonnen hat. Und dann weiß mein Kopf,
daß in den USA Sonderbudgets nicht nur für den Aufbau nach den
Zerstörungen locker gemacht wurden, sondern auch als Budget für die
Vernichtung der Schuldigen hinter den Schuldigen. Daß weiterhin in den
USA das Wort War benützt wird. Daß amerikanische Flaggen als Symbol
des Staates verteilt werden und die Wimpel von den Kindern geschwungen werden.
Und warum ist mir das widerlicher als die palästinensischen Kinder, die
auf der Straße tanzten, weil die Erwachsenen ihnen vorführten,
daß die Verletzung des Feindes Freude auslöste bei ihnen? Warum bin
ich so schnell bereit, die Schwächen und Symbole der Macht bei denjenigen
hinzunehmen, die ich für Benachteiligte, Unterdrückte halte? Warum
lege ich verschiedene Maßstäbe an? Denn selbst wenn dies
begründbar wäre und deshalb in einer gewissen Weise berechtigt - so
gerecht mag ich gar nicht sein, daß ich Sonderkonditionen für die
einen oder die anderen verteile.
Hat Pallas Athene deshalb die Augen
verbunden, weil sie nur die Gewichte fühlen will? Weil das Sehen dessen,
was dann gewogen wird, zum In-den-Rahmen-von-Bezügen-Stellen
verführt, das bloße Senken der Waagschalen nicht mehr allein
fürs Urteil heranzuziehen, sondern Tausende andere Erkenntnisse
mitzudenken? Wird die Ungerechtigkeit noch schlimmer, versucht man mehr als das
Gewicht der Taten zu berücksichtigen? Weil man unterschiedlich informiert
ist und einmal eine Begründung zur Entschuldigung findet, ein anderes Mal
die Begründung aber nicht wußte, die das Urteil hätte
verändern können. Wer schlägt, war vielleicht selbst Gewalt
ausgesetzt früher. Macht das seine Tat weniger verachtenswert? Die
Völker, denen der Wohlstand bisher in der Breite versagt geblieben ist,
wie wir ihn genießen, stehen auf und rebellieren - nicht
militärisch, sondern eben asymmetrisch. Das Attentat in New York ist
verabscheuungswürdig, das ist gewiß. Unter Berücksichtigung
bestimmter historischer Entwicklungen ist die der Tat zugrunde liegende
Aggression aber (selbst)verständlich.
Dem Täter an einem einzelnen
Opfer, einem, der ebenfalls zumeist in männlichem Körper steckt, wird
viel entschuldigt. Weil er ein Opfer gewählt hat, das sich in der Regel
zuvor schon in seine Obhut begeben hatte? Gewalt aus Leidenschaft ist
wahrscheinlich mit den geringsten gesellschaftlichen Sanktionen verbunden. Weil
das double-binding dem Opfer den Mund knebelt und es schweigt.
Und weil der
Täter die patriarchale Welt auf seiner Seite hat.
Zweierlei Maß
ist schlecht. Und trotzdem verführt mich die Lage, das Wimpelschwingen der
US-AmerikanerInnen mit Ablehnung zu beobachten, mit klarer Distanz,
während die jubelnden palästinensischen Kinder mein Mitgefühl
wecken. Weil ich ihre Chancenlosigkeit in diesen politischen Bedingungen nicht
vergessen kann, die der amerikanische Individuen aber schon. Weil der Blick auf
die basisbildenden großen Zusammenhänge mich blind macht für
die individuellen Möglichkeiten und Verantwortlichkeiten.
Nils
Jensen (Aigen im Mühlkreis)
Es regnet. Ausflug Moldaublick mit
Kindern und den lieben Aigner Freunden und dem Förster. Gespräche wie
stets in diesen Tagen. - Radionachrichten von heute Früh: Mehr als 70% des
US-Amerikaner würden "ihr Leben für das Vaterland opfern", sogar
Veteranen aus dem 2. Weltkrieg wollen sich freiwillig melden! Kriegstreiber.
Und dann? Nach ein paar Bomberln auf irgendwelche Hindukusch-Felsen kommt die
Retourkutsche: Flughafen Frankfurt geht in die Luft usw. usf. Sergio Leone ist
tot: Mit Companeros losgehen und dem Feind ins Auge sehen und dem Bösen
widerstehen. Dem Bösen? - hieß das früher nicht Breschnew und
dann Gadafi und Fidel und dann Sadam Hussein und dazwischen Carlos und jetzt
eben Laden (wirkt mittlerweile wie eine virtuelle Figur so mit Bart und MP und
sanft lächelnd)? Verteidigungsminister Scheibner meint, Ö. kann jetzt
auch ohne UN-Mandat Kampfeinsätze durchführen, denn "der Begriff
Neutralität ist völlig abgekuppelt von den realen und
völkerrechtlichen Rahmenbedingungen". Immerhin ist die Neutralität
Staatsgrundgesetz, aber wer zeigt diesen Minister wegen seiner
staatszersetzenden Äußerung an? - Das gewaltigste Bild des gesamten
Szenarios aus Unfaßbarkeit, Erschrecken und Ohnmacht: Im Standard zwei
Fotos nebeneinander, eines zeigt das Plakat für einen Action-Reißer
(Armageddon), Riesenloch aus dem Inneren einer Behausung, viel Himmelblau,
schiach; daneben das verhältnismäßig klein wirkende Loch, das
das Flugzeug riß in dem einen Tower; und ein paar Stockwerke
darüber, am Foto kaum ausnehmbar, winzige Figuren, die aus den offenen
Fenstern hängen, in Trauben, wartend auf den Rettungshubschrauber.
Festgehalten für immer, wenige Minuten später versank jener obere
Teil des Towers in seiner unteren Hälfte, die Staubwolke wird wohl eine
ähnliche Ikone werden wie das Foto jener explodierenden Raumkapsel kurz
nach dem Start (Apollo sowieso). - Hunger, Ausweglosigkeit, ohne jede Chance,
und noch dazu "verlacht" von der Ersten Welt, sowas erzeugt in aller
Hoffnungslosigkeit den besten Nährboden für ohnmächtige Wut ohne
Ende, mit bekanntem Endergebnis.
MONTAG, 17. 9. 2001
Bush: USA
wollen Osama Bin Laden "tot oder lebendig" ... USA suchen Tor nach Afghanistan
... Bin Laden soll Anthrax gekauft haben ... "Pest des 21. Jahrhunderts" /
Putin sieht sich bestätigt / Tschetschenienkrieg als "antiterroristische
Maßnahme" ... Afghanische Massenflucht in die Nachbarstaaten ... (Der
Standard, 18. 9.)
Harald Friedl (Wien)
Minidrama
Osama Bin
Laden sitzt in seiner Höhle und sieht sich im Fernsehen den Krieg an, der
gegen ihn geführt wird.
Gespannt verfolgt er auf CNN die Detonationen
der Raketen auf Kasernen, Wohnhäuser, Krankenhäuser,
Raketenstellungen, Dörfer, Treibstofflager.
Bei jedem Einschlag
murmelt er vor sich hin:
"Daneben ..."
"Daneben ..."
"Daneben
..."
Ludwig Laher (Wien)
Noch liegt Rauch über Teilen
Manhattans, sind die Toten längst nicht geborgen. Erschreckend die Front
der Kriegshetzer, aber nicht überraschend. Auch immer breitere Teile der
ehedem kritischen Öffentlichkeit verzichten auf Analysen, haben keinen
Bock auf das Wechselspiel Ursache - Wirkung, machen einfach mit beim
Emotionenbacken, beim Sich-Einschießen auf Sündenböcke. Als ob
das auch nur einem der Zerquetschten unter den Zwillingstürmen hülfe.
Die drei bis vier pulverschwangeren Cowboystehsätze des amerikanischen
Präsidentendarstellers vor dem Hintergrund des noch immer fehlenden
Idealfeindes werden fast überall als noble Zurückhaltung
interpretiert, als besonnenes Vorgehen der USA. Na gut.
Nils Jensen
(Wien)
Töchterchen kommt nach der Schule verheult zu Hause an: Ein
Gleichaltriger hat sie am Schulhof angesprochen, er sammelt Unterschriften
für eine Petition: Österreich darf nicht bombardiert werden! "Werden
wir jetzt bald bombardiert?" fragt mich Johanna bang, und warum ich da nicht
unterschreiben werde. Taste mich langsam heran an sie, erfahre, daß der
Bub auch verbreitete, der 1. Weltkrieg hätte 10, der 2.
fünfundzwanzig Jahre gedauert und ähnliche Märchen. Ich
erkläre, vermittle, gebe Daten / Fakten her und so weiter, aber Johanna
ist so verzagt, daß sie erst ("Warum willst du wissen, was stimmt!")
glaubt, als ich ihr Daten und Fakten im Lexikon zeige. - Oberluft für alle
möglichen Wahrsager und andere Gaukler: Am Wochenende in der
"Oberösterreichischen Rundschau" gelesen (Aufmacher!), daß die
hauseigene Wahrsagerin bereits zu Silvester 00/01 alles gewußt und
vorausgesagt habe (Zeitungsausschnitt wird mitgeliefert: vages Gebrabbel der
üblichen apokalyptischen Neujahrsansagen sog. Sterndeuter. Auswurf
verängstigter Kleinbürger und Abbild ihrer verworrenen, verquasten
Weltsichten). - Erinnerungen an den Physikunterricht (wieso?) zu jeder
TV-Wiederholung der in sich stürzenden WTC-Türme: Die von unten
beleuchtete Strömungswanne im verdunkelten Klassenzimmer, das zitternde,
an die Decke projizierte Bild, der knabenhafte Physikprofessor: "Sie sehen eine
Naturkraft im Kleinen." Minimundus. Am TV-Schirm. Das Medium macht es so
unwirklich, es ist die Schwierigkeit des Übersetzens in die
alltägliche Realität, in die richtige Größenordnung. Das
putzige, kleine Manhattan am Bildschirm, Minimundus, die hübsche, runde
Staub-Rauchwolke, Märklin-Bahn-Rauch, aber: alles kein Computerspiel,
nicht virtuell, sondern wahr, Brand, Blut, Rauch, Husten, Fetzen, Kot,
Schweiß, Endzeit für die direkt Betroffenen, Angst, Angst.
Regen
und Kälte. Erstmals Heizung angeworfen diesen Herbst.
El Awadalla
(Wien)
Verschwörungstheorien machen die Runde. Alle möglichen
Leute haben alle möglichen Ziffernummern und sonstigen zahlenmagischen
Zusammenhänge für den 11. 9. 2001 errechnet: 23 kommt heraus, das ist
eine wichtige Zahl, kennt man die Illuminaten. Fünf kommt heraus, das
Pentagramm, das Pentagon. 666 ist auch drin, sowohl neun wie auch null stehen
für sechs. Numerologie und Kabbala erleben fröhliche Urständ.
Niemand hat noch das islamische Datum nach solchen Gesichtspunkten berechnet.
Aber Nostradamus wird ins Spiel gebracht. Angeblich verkaufen sich Bücher
dieser Art wieder einmal recht gut.
Ich fange wieder an, Zeitungen zu lesen
und sitze nicht mehr nur atemlos vor dem Fernseher. Das Fernsehen ist das
schnelle Medium, das ein Programm unterbricht, falls irgendwo ein Krieg
ausbricht, die Zeitung kann da nicht mithalten. Aber ich habe die Ruhe
gefunden, nicht ständig an einen Kriegsausbruch zu denken.
Ich
weiß nicht mehr, auf wievielen deutschen Sendern ich jetzt schon zum
Beweis der Barbarei der Taliban die Sprengung der Buddhastatuen gesehen habe.
Über die Behandlung der Frauen pudelt mann sich da weitaus weniger auf.
Barbarei, das ist die Sprengung von Buddhastatuen; die Bombardierung von Bagdad
und Belgrad ist dagegen ein zivilisatorischer Akt? Was ist mit den Frauen in
Afghanistan? Ach, jetzt plötzlich wurden sie entdeckt, als kleine
Feigenblatterln für einen Krieg, als ob Bomben schon je auch nur eine
einzige Frau befreit hätten.
Christa Nebenführ
(Wien)
Maria kommt aus dem ruralen Rumänien. Sie putzt in Wien. Sie
hat Verwandte in den USA. Sie erzählte mir heute, daß ihr Cousin,
der bereits einmal ihre Geschwister in den USA besucht hat, erzählt
hätte, daß die USA über eine Bombe verfügten, die erst
einen 500 Meter tiefen Krater in die Erde schlüge, ehe sie explodiere. Sie
erzählt es um mir, die auf die Information aus den Medien angewiesen ist,
gewissermaßen Infos aus erster Hand zukommen zu lassen. Maria
mißbilligt einen militärischen Gegenschlag der USA. Sie hat Angst
davor.
Am Beginn des Balkankrieges hatte mir eine serbische Putzfrau
erzählt, daß sie mündliche Informationen hätte, nach denen
die Serben über eine Atombombe verfügten, die bei einem Angriff der
USA zum Einsatz käme. Auch wußte sie zu berichten, daß Kroaten
schwangeren Serbinnen die ungeborenen Kinder aus den aufgeschnittenen Leibern
gerissen hätten.
Als mein Mann heute Abend heimkam, hatte er folgende
Theorien zu hören bekommen:
1) Es sind in Wirklichkeit 8 Flugzeuge
gewesen.
2) Der CIA hat schon vorher alles gewußt.
Nun wäre
es ein Kapitel für sich, den Mythos der Allmacht, der da statt Allah dem
CIA zugeschrieben wird, zu untersuchen.
DIENSTAG, 18. 9.
2001
Riesige Börsenspekulationen vor den Terroranschlägen /
Behörden prüfen auffällige Transaktionen in Richtung sinkender
Kurse ... US-General Ralston: "Es wird Opfer geben" / USA planen vielschichtige
Operation ... Den USA genügt Auslieferung nicht ... "Unappetitliche
Methoden" gegen Terror ... (Der Standard, 19. 9.)
Dine Petrik
(Wien)
Ich hab geträumt, daß alles ein Traum war. Aber
Strichlippen und Müdaugen sagen: Alles real. Und das Wort WAR ist real,
das den Tag einstimmt. Aus den Staubgebirgen Manhattans aufsteigend sticht es
durch die TV-Kanäle der Welt. Nur sehr wenig Geborgene ... Schämen
sich.
Lieber nicht finden - Zusammenkratzen. Zu Schutt geworden. Zu Staub
zerfallen. Schwarzer Rauch. Heller Lufthauch. Fünftausend Seelen. Haben zu
tun. Sich den Weg zu bahnen. Heraus aus dem Schutt. Staubbeschwert. Vom Staub
zur Stille.
Erschöpfende Überflüge. An Bord eine Bombe! Im
Flugzeugrumpf tobt die Angst. Angeschnallt bleiben!, bellt es. Eine
Entführung! Wir sterben, sagt einer. Alles zielt darauf ab. Kann nicht
sein. Fünfundzwanzig. Wo die Stimme ist ... Babygeschrei. Ein
Widerständischer wird mit gezielten Hieben gefällt. Eine kotzt neben
dir. Einer heult "Allah, Allah!" Gott, laß es nicht - Es wird sein - Und
jäh: Kein Sturz aus dem Himmel - geradewegs in die Wand. Wer die Wand
überlebt - Kommt um in den Flammen -
Barbara Neuwirth
(KünstlerInnenhaus Schloß Wiepersdorf)
Ich sitze im
Schloß und blicke durchs Fenster in den Park. Alles ist ruhig, langsam
fallen Blätter von den Bäumen ins Gras, der Wind wiegt sie noch ein
wenig, ehe sie die nassen Gräser berühren und liegen bleiben. Ich bin
abseits der Welt, hier ist ein Ort außerhalb der Zeit, und das
Eichhörnchen, das den dicken Stamm der Eiche hinauf- und
herunterläuft, hat keine Botschaften der Nornen bei sich. Le Canterine
Romane - Cantatas von Luigi Rossi klingt nun aus der Stereoanlage in meinem
Rücken, glockenhelle Soprane intonieren barocke Gesänge:
untröstliche Hoffnungen, lebt wohl, lebt wohl - heißt es da zwar
zunächst, wird aber besser: verlogene Hoffnungen, flieht hinweg befiehlt
der Klagende schließlich. Dann disputieren der Gedanke und der Liebende,
und es findet sich die schreckliche Zeile: Die Hoffnung, Dienerin im Meer der
Schmerzen, erlosch und schwand in der Nähe der Sonne - noch später
tauschen sich drei Schwestern über die Männer aus, und die Erste
singt folgendes: Hört, wenn in Amors Reich Fortuna herrscht, Liebende,
dann gute Nacht. Wer ihr dient in der Hoffnung auf Belohnung, erwartet nur
Verachtung. Sie ist eine Frau, und die Frauen lieben das Schlechte. Zweite: Auf
mein Wort, wenn ich es gewußt hätte, hätte ich sofort wohl so
geantwortet: Wißt Ihr, treulose Mäner, warum sich die Frauen an das
Schlechte klammern? Da Ihr sehr schlecht seid in dieser verteufelten
Geschichte, ist es angebracht, daß, wer das Beste wählen will, das
Schlechtere nimmt. Ich sehe aus dem Fenster und bin in meiner Welt, die nichts
zu tun hat mit den Disputen über Angriffsziele, Bombenmengen, medialen
Diskussionslenkungen, Niederlagen und nationalen Symbolen. Was macht
"Zivilisation" aus? Die Harfe und die Lyra, deren Klänge an meine Ohren
dringen, sind wohl Teile von Kultur, aber wann wandelt sich Kultur in
"Zvilisation"? Das Eichhörnchen hastet den Stamm empor, hält inne,
blickt um sich. Nicht weil Gefahr droht, sondern um Unterhaltung zu
erspähen. Aus den Fäden der Nornen gewebt ist der Vorhang, der mich
vom Fenster trennt, durchscheinend zwar, aber von außen verbirgt er mich
vor Blicken, die den Raum zu ergründen suchen, und von herinnen vermindert
er mein Blickvermögen nach draußen. Weil die Fäden auf andere
Geschichten verweisen, auf innere Erkenntnisse, die mit anderen Geschichten
verbunden sind.
Massoud, ein Gegenspieler der Taliban, der für die
Allianz der nördlichen Stämme stand, wurde ermordet. Angeblich kamen
als Journalisten getarnte Schergen von Osama bin Laden, um ihn zu töten.
Als Jounalisten - die Macht der Feder, immer wieder überrascht sie
uns.
Sylvia Treudl (Wien)
Noch bevor der erste Morgenkaffee mich
vom schlechten Nachgeschmack einer unguten, unruhigen Nacht befreien kann,
lerne ich, daß der Krieg auch der Vater aller Bildung ist. An der
Schwelle zu einer Bedrohung, die tatsächlich WWIII bedeuten kann, erfindet
das österreichische Bildungssystem plötzlich aus betroffenem
Anlaß den "fächerübergreifenden Unterricht", weil auf einmal
allen SchlaumeirerInnen, die sich vor der Tafel produzieren dürfen, ein-
und auffällt, daß Deutsch, Geographie und Geschichte nicht isoliert
betrachtet und vermittelt werden können. Der letzte Weltkrieg hat zu
dieser weisen Entscheidung offenbar nicht ganz gereicht. Wie viele Tote braucht
ein Bildungssystem?
Angeekelt wechsle ich den Sender. Um zu erfahren,
daß der designierte Formel-I-Weltmeister gerade dabei ist, sich mit
seinem Rennstall Probleme einzuhandeln. Er und sein Bruder möchten nicht
beim nächsten Um-die-Wette-Fahren in Amerika dabei sein. Was man den
Schumachers nicht wirklich übel nehmen kann, egal wie die Gründe
lauten mögen. Der Boß tobt und Niki Lauda leistet den
österreichischen Beitrag. Er findet, daß man sich in der Formel I
persönliche Empfindlichkeiten nicht zu leisten hat. Business is business,
the show must go on. Hauptsache cash. Paßt gut zu den weiteren
Nachrichten. Eine Woche nach der Katastrophe redet man nicht mehr von den
Opfern, sondern davon, daß die Börse wieder geöffnet
hat.
Die Menschenhatz hat bereits begonnen. Zwei Menschen sind in den USA
dem "Patriotismus" im Wege gewesen. Zwei, die nichts mit dem Terror zu tun
hatten, aber "Ausländer" waren. "Ich habe es für Amerika getan", sagt
angeblich einer der Mörder.
Für Gott, Kaiser und Vaterland.
Für Reich und Führer.
Meine Angst gilt dem Pöbel, der jetzt
wieder die Oberhand zu gewinnen droht - dem Pöbel in den Straßen,
der sich bestärkt und mächtig fühlt, berufen zu töten, zu
vergewaltigen, zu richten - egal in wessen Namen, Hauptsache der Haß darf
endlich frei laufen. Und dem Pöbel in den politischen Ämtern, diesen
"Entscheidungsträgern", deren Motive dürftig verhüllt sind,
egal, in welcher Hemisphäre sie an den Hebeln sitzen, die die ganze Welt
in Brand setzen können.
MITTWOCH, 19. 9.
2001
US-Militärschläge gegen mehrere Länder möglich ...
"Dead or alive" ... Luftfahrt verliert Zehntausende Jobs ... Gemeinsamer Kampf
gegen "das Böse" ... Fehlinvestitionen und schiefe Optik / Die US-Firma
Unocal und ein umstrittenes Pipeline-Projekt ... Taliban wollen Zeit gewinnen
und bieten Verhandlungen an ... USA ziehen Streitmacht am Golf auf ...
Überflüge: Grüne wollen UNO-Mandat ... (Der Standard, 20.
9.)
Christopher Staininger (Wien)
Mir kommt es so vor, als
würde jeder auf eine Entscheidung warten. Auf eine Entscheidung vom
amerikanischen Präsidenten. Alle warten. Ich warte mit. Alle schauen zu.
Ich schaue zu.
Die ganze Welt wartet auf die Entscheidung eines einzigen
Mannes. Unglaublich, wie mächtig ein Mensch sein kann. Milliarden von
Menschen schauen zu. Können nichts anderes tun. Ich kann nichts tun.
Bücher über den Islam stehen plötzlich auf den
Bestsellerlisten des Buchhandels. Die Menschen informieren sich über
Themen, von denen sie bisher nichts oder nur wenig wußten. Mir geht's
ebenso. Vor dem 11. 9. 2001 wußte ich nicht, daß Kabul die
Hauptstadt von Afghanistan ist. Ich habe das Gefühl, mir diesen ganzen
Wahnsinn nicht einmal vorstellen zu können. Wie auch alle
Zusammenhänge - und von denen muß es viele geben - erkennen
beziehungsweise verstehen? Die Dimensionen der Geschehnisse übersteigen
meine Vorstellungskraft.
"Sex and the City" ist bei weitem nicht so gut, wie
viele Medien vor der Ausstrahlung der ersten Folge behauptet haben. Und DJ
Ötzi ist mit "Hey Baby" die Nummer 1 in den britischen Charts.
Verrückt. Business as usual.
DONNERSTAG 20. 9.
2001
Marschbefehl für Operation "Grenzenlose Gerechtigkeit" ...
Börsen auf Tiefststand ... Aufmarsch für "Infinite Justice" ...
Pakistan: Djihads an allen Fronten ... Bush Sohn soll den "Job zu Ende
führen" ... Hitze verringert Hoffnung auf Überlebende ...
Terroristenzentrum in Hamburg ... (Der Standard, 21. 9.)
Harald Friedl
(Wien)
Prozessionen: Robert Menasses Roman "Die Vertreibung aus der
Hölle" beginnt mit einer Prozession. Zwei geschmückte Rappen ziehen
einen Leichenwagen durch Vila dos Comerços. Dahinter schreiten, "mit
beiden Händen ein Kruzifix in die Höhe haltend", der Kardinal "in
blutrotem Talar" und vier Domherren "in lila Talaren". Die Stimmung ist von
"Wut, Haß und Mordlust geprägt". Im Sarg, der einem neugeborenen
Kind angemessen sein könnte, liegt eine Katze. Sie war mit schweren
Eisennägeln auf ein Holzkreuz geschlagen worden. Gekreuzigt.
Die
Wirklichkeit des Fernsehens erzählt von einem terroristischen Anschlag,
dem fünftausend Menschen zum Opfer fallen. Der Präsident steht auf
einem Trümmerhaufen und spricht zu den Umstehenden, die stellvertretend
sind für die ganze Nation. Die Stimmung der Menschen ist von Nationalismus
geprägt. Befragte Passanten fordern Rache.
Zurück zum Buch: "Auf
dieses Dach mit euren Fackeln!" schreien die Menschen des 17. Jahrhunderts in
Vila dos Comerços den Fackelträgern zu, während der Klerus in
blutroten und lila Soutanen den Choral "Martyrium Christi"
singt.
"Purpurroten, flammenden Zorn" brauchen wir jetzt, fordert 2001 der
Kolumnist Lance Morrow im Time-Magazine.
"Auf dieses Dach mit euren
Fackeln!" läßt Menasse den Mob rufen. Die Juden von Comerços
fürchten um ihr Leben. Die Dächer brennen. Wer auf die Straße
rennt, wird erschlagen. USA, 2001: Schüsse auf Moscheen in den USA.
Mehrere Araber werden ermordet. Auch ein Sikh. Sein Turban und sein Bart waren
Symbole, auf die ein Mörder seinen Haß richten konnte.
Eine tote
Katze, die Twin Towers. In Vila dos Comerços wird ein Fall von
Tierquälerei zu einem Angriff auf die Religion stilisiert. Im New York des
21. Jahrhunderts wird ein geplanter Massenmord zu einem Angriff auf die
Zivilisation stilisiert.
Prozessionen der Emotionen in New York, Chicago,
Michigan, Los Angeles, Tucson: Frustration, Wut, Vorurteil, Haß bilden
eine emotionale Kette, die in Gewalt und Grausamkeit mündet. In Illinois
werden Mitte September zwei islamische Mädchen zusammengeschlagen.
17.
Jahrhundert, Vila dos Comerços: Die Prozession dient dem Zweck, der
Kreuzigung ihre Würde zurückzugeben. Die Prozessionen des
Fernsehzeitalters führen zu bestimmten Tageszeiten vor die
Fernsehapparate. In der Beschwörung archaischer Formeln versuchen die
verletzten USA ihre Würde zurückzugewinnen. Morde an Menschen, die in
Kultur und Aussehen den Schuldigen ähneln, sind Nebenwirkungen dieser
Prozessionen. In Bridgeview, Illinios, versuchen 300 Menschen, eine Moschee zu
stürmen.
Aus Verunsicherung scharren sich die Menschen um Symbole. In
Comerços folgen alle dem Kruzifix.
God bless America. Die New York
Times vom Sonntag druckt auf der letzten Seite eine US-Flagge ab. America is
god´s own country. Überall in New York sind Stars and Stripes
gehißt. Menschen werden gezeigt, die sich in die Nationalflagge
einhüllen. Amerika mein Schutz, mein Hafen, meine Haut. Die US-Fahne hat
einen Namen: Old Glory.
Die Säkularisierung der westlichen Welt hat
dazu geführt, daß politische Führer quasi-religiöse
Funktionen übernehmen. Der Papst dagegen fliegt nach Kasachstan, nicht
nach Washington. Bush ruft auf zum Gebet. Er ruft erst zu einem Kreuzzug,
später zum Feldzug mit neuem Namen auf: INFINITE JUSTICE, GRENZENLOSE
GERECHTIGKEIT.
Kampf des Guten gegen das Böse. Wer hat die Katze
gekreuzigt? Es ist egal. Wer hat den Anschlag auf die Twin Towers verübt?
Die sind tot! Ihre Helfershelfer, oder wen wir dafür halten, kriegen wir.
Wanted: dead or alive.
Die Juden von Comerços müssen brennen.
Der jüdische Junge hört von ferne rhythmisch skandiertes
Geschrei.
JU-ES-EI, JU-ES-EI. Miss Liberty mit Maschinenpistole als
Karrikatur einer pervertierten Freiheit. Gegenschlag, Amerikas neuer Krieg.
Auch österreichische Medien sprechen bezüglich der kommenden
US-Attacken nur noch vom "Gegenschlag". Der Begriff "Gegenschlag" setzt aber
voraus, daß jene, die er trifft, auch wirklich die waren, die den ersten
Schlag gesetzt haben. Der Begriff "Gegenschlag" rechtfertigt jeden Einsatz von
Gewalt.
Berater haben George Double You Bush überzeugt, den Begriff
Kreuzzug nicht mehr zu verwenden. Ein Kreuzzug ist eine Prozession der
Waffengewalt. Der Pomp der Würdenträger, die sie anführen,
strahlt auf den Pöbel ab. Selbst die gemeinsten und ruchlosesten Racheakte
geschehen in den Farben der Würde: Blutrot und Purpur - in Comerços
sowie in den USA.
Purpurroter, flammender Zorn.
Dine Petrik
(Wien)
Die Weltmetropole im Mark getroffen. Lower Manhatten geht unter
im Staub.
Heftigster Regen wäscht ihn nicht ab. Die Medien schüren
und heulen.
Fluchtwellen und humanitäre Katastrophen in Afghanistan.
Haß- und Rachepredigten beschwören Kreuz- und Heilige Kriege. Der
Terror hat längst einen Namen.
"Allah, der Allerhöchste, hat uns
in vielen Versen aufgetragen, in seinem Namen zu kämpfen und die
Gläubigen zu überzeugen, diesem Kampf zu folgen", predigte Osama Bin
Laden. "Sie sollen kämpfen in Allahs Weg, sollen töten und
getötet werden. Eine Verheißung ist gewährleistet in der Tora,
im Evangelium und im Koran ..."
Ob ihn religiöser Wahn und blinder
extremistischer Fanatismus leiten - die Angst vor Säkularismus,
Aufklärung oder einzig sein kranker Haß auf den Westen mit seinen
Teufelswerken, das Machtstreben der Amerikaner, das auf arabischem, sprich
islamischem Boden ständig ansteigende Existenzangst und Abhängigkeit
fürchten läßt, wenn er sich hinter die menschenverachtenden
Abscheulichkeiten der Taliban stellt - und Allah zitiert: "O ihr, die ihr
glaubt, kämpfet wider die Ungläubigen an euren Grenzen, und wahrlich,
lasset sie die Härte in euch verspüren. Und wisset, daß Allah
mit den Gottesfürchtigen ist. Und wenn ihr die Ungläubigen trefft,
dann herunter mit dem Haupt ..."
Soweit Allah, sprich Bin Laden, der den ihm
hörigen Männern - in der einen Hand das Maschinengewehr, in der
anderen den Koran - suggeriert, Engel Allahs werden zu dürfen, wenn sie in
blutigen Anschlägen ihr Leben lassen. Auch das Christentum versprach -
beispielsweise während der Kreuzzüge - im Kampf gegen den Islam -
Sündenvergabe und ewiges Leben. Nach entsetzlichem Blutvergießen -
auch auf europäischem Boden - ergab sich im Namen Christi die Chance der
Reformation. Eine solche im Namen Allahs herbeizuführen ist aus dem Islam
bisher nicht verlautet worden. Muslimische Religionswissenschafter, die den
Koran anders oder "moderner" interpretieren, sind in Gefahr. Bleibt zu hoffen,
daß Bin Laden, der Drahtzieher noch weiterer Anschläge gewesen sein
soll, ebenfalls Engel - Erzengel - göttlicher Engelausbildner werden will
- oder als zeitgenössischer Märtyrer in die Geschichte eingehen,
indem er sich ausliefert.
El Awadalla (Wien)
Für die
heutige Widerstandslesung haben wir Texte aus der Zeit der Kreuzzüge
vorbereitet - und zwar ausschließlich von arabischen Autoren. Ein Text
behandelt die Gestalt der Erde. Sie ist eine Kugel - Al-Mascudi wußte das
schon im 10. Jahrhundert. Die Berechnungen, die er präsentiert, sind
ziemlich genau, nur beim Durchmesser der Sonne hat er kräftig
danebengegriffen. 600 Jahre vor Galilei wußte die gebildete arabische
Welt, daß die Erde nur ein Punkt im Universum ist. Soviel zu Barbarei und
Zivilisation. Mehr als 25 Leute sind gekommen, das Wetter ist erstmals seit
Tagen wunderschön. Da tlane Woifi spaziert vorbei, aber weit hinten an der
Mauer der Hofburg, nicht vorne bei der Lesung. Nur Hoppelmann Karottnig liest
eigenes: über Katzen, Katzenfutter, den Alltag, der zur Zeit ziemlich
unwichtig zu sein scheint.
Unter Jugendlichen in Wien gibt es einen neuen
Gruß: Victory-Zeichen und dazu rhythmisch: King Bin Laden. Den Alten
Harry-Belafonte-Hadern haben sie auch umgedichtet: He Mista Taliban, Taliban
Bin Laden. So entstehen Helden: Nur lange genug öffentlich draufhauen,
dann finden sich auch die Fans.
N-TV berichtet ganz aufgeregt von neuen
Verdächtigen in Deutschland, die Indizien sind dürftig:
Zugehörigkeit zu einer vermutlich islamistischen Gruppe, vermutlich
Kontakt mit den mutmaßlichen Attentätern, Flugpläne
amerikanischer Luftlinien - das wird dem Verdächtigen zur Last gelegt, ach
ja, einen arabischen Namen hat er natürlich auch. Irgendein kriegsgeiler
Journalist versteigt sich zu der Forderung, gerade die Unauffälligen
müßten von den Geheimdiensten beobachtet werden.
FREITAG,
21. 9. 2001
Taliban lehnen Ultimatum ab: Bei Angriff "heiliger Krieg" ...
Angst vor Militärschlag der USA sorgt für Unruhe an den Börsen
... EU zeigt sich solidarisch ... Massenflucht der Afghanen ... Finanzminister
beraten über Terrorfolgen ... Kursmassaker an den Börsen ...
Geschäft mit dem Patriotismus läuft in den USA auf Hochtouren ...
(Der Standard, 22. 9.)
Manfred Chobot (Wien)
wieder die
vorstellung, in einem hochhaus zu sein, wenn es rundum brennt und keine chance
zu entkommen, die angehörigen, den mann, vom handy anzurufen und aus dem
fenster zu springen. eine schreckliche vorstellung, zwischen zwei ausweglosen
situationen zu wählen. dennoch schlafe ich irgendwann ein.
Ludwig Laher
(Luzern)
Kampf der Kulturen? Ich sitze bei einer Konferenz in Luzern, Ziel
der KünstlerInnen und KulturarbeiterInnen aus 52 Ländern der Welt ist
es, ein Parallelinstrument zur WTO zu entwickeln. Kunst dürfe nicht wie
jedes andere Gut ungeschützt den Kräften des neoliberalen freien
Marktes ausgesetzt werden. Von Kulturstaatstradition ist viel die Rede.
Delegierte aus Pakistan, Jordanien etc. konnten durch den Gang der Ereignisse
nicht kommen. Wir anderen sind uns schnell einig, daß man natürlich
nicht vom Kampf der Kulturen sprechen kann, sondern allenfalls vom Kampf
Hegemonismus gegen welche, die für ihre Überzeugung sogar in den Tod
gehen, wenn auch als Verbrecher und tausendfache Mörder, vom Kampf aber
auch Zynismus gegen Zynismus.
Nils Jensen (Wien)
Die ungeheure
Unsicherheit, die Furcht vor flächenbrandartigen Kriegs- und
Zerstörungsszenarios nehmen das Alltagsdenken derart gefangen, daß
kaum mehr Platz bleibt für "Alltägliches", das ja auch weitergeht;
und wie: Rasterfahndung und der große Lauschangriff, bei uns zur Probe
eingeführt, wurden gestern ohne viel Aufsehen ad infinitum
verlängert! Einfach so! Potz Twin-Towers&Terrorism - da passiert was
Ungeheuerliches. Sicherheitsdoktrin, nationaler Sicherheitsrat: Diskussion mit
Opposition wird zwar verkündet, aber letztendlich geht es auch ohne sie,
falls sie (die Opposition) doch noch nicht alle Schwänze einzuziehen
bereit sein sollte. Und die Neutralität will man, da Verfassungsgesetz,
über das Strafgesetzbuch aushebeln: Statt Neutralitätsgefährdung
sollte jetzt "Gefährdung völkerrechtlicher Verpflichtungen" stehen.
Hat damit zu tun, daß unsere Geheimdienste, vor allem die vom Heer, schon
längst mit ausländischen Diensten packeln, was als
Neutralitätsverletzung / Gefährdung angesehen werden kann. So
läuft's. - Herbst jetzt, heute geht es zu Sykoras in die Steiermark.
Wanderwetter. Blaßblauer Himmel, müde Sonne.
El Awadalla
(Wien)
An der Bar und an den Tischen höre ich immer wieder
Gesprächsfetzen zum Thema Nummer eins: Wird es Krieg geben? I. ist
ziemlich betrunken und muß mir unbedingt seine neueste
Verschwörungstheorie erklären.
Ich gehe heim, bis zum Konzert ist
noch genug Zeit. Natürlich drehe ich den Fernseher auf. Da sitzt eine
US-Soldatin in Tarnuniform auf der Couch, im Arm ihr drei Monate altes Baby -
und jetzt muß die arme Frau einrücken. Das ist dieselbe
Kriegspropaganda wie vor dem Golfkrieg, die Bilder gleichen sich erschreckend.
Danach werden zwei Frauen präsentiert, deren Männer bei dem
WTC-Attentat umgekommen sind. Sie haben beide danach ein Kind geboren. So
traurig das für sie ist - mir kommen bei solchen Geschichten sowieso immer
gleich die Tränen - so wie diese Schicksale präsentiert werden, ist
nur Kriegstreiberei inszeniert. Wo bleiben die afghanischen Frauen, die gerade
ein Kind geboren haben und jetzt auf der Flucht sind?
Danach im Siebenstern:
Die Stammgäste trudeln ein, wieder müssen wir über das WTC
reden. Stammgäste, Stammplätze, Stammgespräche. Das Konzert ist
gut, die Burschen sind viel besser als auf der Demo-CD. Die Stammgäste
sitzen nach dem Konzert noch immer an der Bar, versuchen, das Thema Nummer eins
zu vermeiden, es gelingt nicht. Wir stellen fest, daß wir nichts tun
können, daß es nichts nützt, Petitionen zu unterschreiben; wir
können danach höchstens den Flüchtlingen helfen, meint W. ohne
jeden zynischen Unterton.
SAMSTAG, 22. 9.
2001
US-Truppenaufmarsch sorgt weltweit für Hochspannung ...
Truppenaufmarsch hält die Welt in Atem ... Von vielen blieb nur der Name
... Oktoberfest in München eröffnet ... (Kurier, 23.
9.)
SONNTAG, 23. 9. 2001
Raketen rund um Temelin / Tschechien:
Angst vor Terroranschlag ... Leidender Papst in Asien: Für eine
"Zivilisation der Liebe" ... Regierung in Israel vor dem Aus ... Europäer
wollen mäßigend wirken ... Taliban: Bin Laden "unauffindbar" ...
Immer noch steigt Rauch und Gestank aus den Ruinen ... 150.000 Hinweise zu
prüfen ... (Der Standard, 24. 9.)
Harald Friedl
(Hallein)
Ein Nachmittag mit Filmen von Alain Resnais: "Nacht und Nebel"
und "Hieroshima mon amour".
Der Schluß von "Nacht und Nebel" - Bilder
eines verfallenden Konzentrationslagers der Nazis, dazu der Text: "Wir tun, als
schöpften wir neue Hoffnung. Als glaubten wir wirklich, daß all das
nur einer Zeit und nur einem Lande angehört. Uns, die wir vorbeisehen an
den Dingen neben uns und nicht hören, daß der Schrei nicht
verstummt."
Mein Optimismus kehrt zurück dieser Tage. Er war versickert
am 11. September und in den folgenden Tagen in eine dumpfe Eingenommenheit vom
Nachhall der Drohungen. Ich hielt mich für einen Narren, weil ich an eine
langsame aber beständige Besserung der Welt geglaubt hatte. Doch es waren
Worte wie Krieg, Kreuzzug und Atombombe gefallen. Kriegen gehen immer Worte
voraus, damit wird gelogen, gedroht, in die Pflicht genommen. Das erste Opfer
eines Krieges ist die Wahrheit, hat Fried geschrieben.
Die erste Lüge:
Amerika ("der zivilisierten Welt") sei der Krieg erklärt worden.
Die
erste Drohung: Gegenschlag. Ein Krieg des Guten gegen das Böse stehe
bevor.
Das erste Versprechen: Rache.
Aber nun, 12 Tage später: Die
Sprache der mächtigsten Politik ist gemildert. Ein besinnungsloser
Rundumschlag der USA und ihrer Verbündeten ist vorerst ausgeblieben.
Hoffnung erwacht. Vorsichtig, langsam.
Im Standard wird ein Elektriker
namens Donald Goman zitiert. Er verlangt "eine A-Bombe auf Afghanistan. Wir
schicken sie zurück in die Steinzeit, von der sie nicht weit entfernt
sind. "
"Hieroshima mon amour", ein Film über die Liebe. Im Museum: Ein
Modell Hieroshimas, von der Stadt nach der Bombe. Besucherinnen und Besucher
des Museums betrachten es. Dazu der Offtext von Marguerite Duras: "Sie
betrachten riesige Fotografien und Nachbildungen an Stelle der Wirklichkeit.
Fotografien und Nachbildungen an Stelle der Wirklichkeit. Sie betrachten
Erklärungen und Nachbildungen an Stelle der Wirklichkeit." Der Film zeigt
Metallkapseln, die zu bizarren Blumensträußen zusammengeschmolzen
waren, verbrannte Steine, Haarschöpfe, verbrannte Haut, blankgefetzte
Schädelknochen. Ein Kind, das rhythmisch von einem Fuß auf den
anderen tritt, als versuche es, den Geist abzuheben vom Schmerz seines
verbrannten Körpers. Ein Junge, dem die Lippen weggebrannt sind, seine
Zähne liegen blank, eine entsetzliche Grimasse. Die ledrige wie
mumifiziert wirkende Haut einer Jugendlichen, eine Frau ohne Auge, ein
versehrtes Baby.
So viele gute Filme gemacht, so viele Tausend Seiten
Literatur für Vernunft und Einfühlung, gegen Faschismus und Krieg und
doch ... In den Köpfen vieler Menschen heute ist die Atombombe die
richtige Antwort auf die Attentate. "... auf Afghanistan", sagte der
Elektriker.
"Wir müssen uns erinnern", heißt es im Text von
Duras. "Sonst wird sich alles wiederholen."
El Awadalla (Wien)
G.
erzählt, er hätte sofort die Milizias und andere amerikanische
Rechtsextreme verdächtigt, als er die ersten Fernsehbilder aus New York
gesehen habe. Ich bin also nicht allein. Er hat ein Buch namens "Wag the Dog"
gelesen, in dem ziemlich genau beschrieben wird, was jetzt gerade passiert: Ein
schwacher Präsidentschaftskandidat wird durch einen fingierten Krieg zum
beliebten Helden. G. erzählt auch, kurz vor dem Attentat soll CNN am Rande
des Konkurses gestand sein, dank der vielen Bilder des Grauens, die der Sender
nun rund um die Welt verkaufen konnte, geht es nun wieder aufwärts.
Bei
meiner letzten Zigarette vor dem Schlafengehen zappe ich noch durchs deutsche
Fernsehen. Ich bleibe bei meinem derzeitigen Lieblingssender N-TV hängen.
Dort fängt gerade ein Bericht über die Verluste der Werbebranche
wegen des WTC-Attentats an. Viele Sujets seien "nach dieser Katastrophe
unmöglich und pietätlos" geworden, Millionenverluste, in Mark
natürlich, seien die Folgen. Als Beispiel wird ein Werbefilm für die
Telefonauskunft gezeigt, bei dem ein Flugzeug aus einem Wolkenkratzer
herausfliegt und in anderen Gebäuden verschwindet, drinnen sitzen
zitternde Leute. Ich erinnere mich, daß ich diesen Werbefilm
tatsächlich schon einmal gesehen habe, das muß vor dem 11. September
gewesen sein.
Dine Petrik (Wien)
Bisher ließen sich
bloß durchstaubte Betrachtungen abringen fürs Tagebuch. Menschen aus
aller Herren Länder sollen sich unter den rund 6000 Vermißten
befinden, sprich Toten, hieß es. Auch sonst wird nach oben revidiert:
"Total WAR", berichtigt George W. Busch, spricht von "einem langfristigen, nie
da gewesenen Feldzug", von "Großangriffen, die teilweise per Fernsehen zu
sehen sein werden", und "daß sich jedes Land für Gut und Böse
entscheiden müsse", usw. usf. Einstimmungsmusiken für
Gegenschläge. Babyleicht spuckt er aus, was gewaltige Brände
auslösen kann. Zum Heulen! Gottlob oder Allah sei Dank!, wir sind nicht
bei der Nato! Und unsere Neutralität? Wird auch sie von
Terroranschlägen begraben werden? Untergraben ist sie bereits. Bewahren!
Behüten! Man muß sich wappnen: Noch einen Pullover. Gedanken ans
Demonstrieren. Ist doch kein Problem als "Links-Linke", sogar als bezahlte
...
Ums Leben gern - ja, so empfand ich es - hätte ich meinen Bruder
gekannt, der - 17 Jahre älter als ich - umgekommen ist. Im Nirgendwo, im
Raum Berlin wahrscheinlich, hieß es. Knapp Siebzehn war er und feig, weil
er nicht Vaterlandretten gehen wollte. Meinen zweiten Bruder, ein noch
größerer Feigling, der aus dem Krieg desertiert war, holte sich der
Krieg - der ihn nicht hart gemacht, sondern ausgebrannt hat - ein paar
Jahrzehnte später.
Von meinem Vater ließ ich mich tragen. Nicht
lang. Ich erinnere mich nicht. Es gab Wichtigeres als mich. Umgekommen im
Nirgendwo. Zu Kriegsende umgekommen. Dieses so harmlos daher kommende Wort
"umgekommen" hat mich vor den Kopf geschlagen die Kindheit entlang. Als der
Soldat Vater umkam, war er neunundvierzig und ich drei. Ich habe ihn mir
ausmalen dürfen. Der Anblick anderer Kinder Väter war Terror inside.
Großväter hatte ich nicht. Ob am Isonzo oder an der Piave
umgekommen, ob im Jahr 1917 oder davor? Ich ging ihnen nach. Jedem von ihnen
gehe ich nach. Ich habe zu tun.
Mein Sohn hat das Bundesheer hinter sich.
Einen Kriegseinzug wird es für ihn nicht geben. Für keines Landes
Krieg oder Solidartätsabkommen wird er einstehen. Ich habe zu
tun.
MONTAG, 24. 9. 2001
Auch die Taliban machen mobil: 300.000
Mann unter Waffen ... Wachstum der Wirtschaft auf null gebremst .... AUA zieht
Notbremse ... USA wollen Schuld Bin Ladens klar belegen ... EU-Troika reist in
die Krisenregion / Europäer auf Vermittlungs- und Informationsmission -
Humanitäre Hilfsangebote ... "Bei einem Angriff werden die USA leiden" /
In Pakistan pflegen die Islamisten Verschwörungstheorien und bereiten sich
auf den Kampf vor ... Terror macht "Gott zur Geisel" / Papst fordert Respekt
vor authentischem Islam ... Verwirrung im Dickicht ungesicherter Opferzahlen
... (Der Standard, 25. 9.)
Manfred Chobot (Prag)
im zug nach prag
lese ich im "profil" einen artikel von susan sontag, in dem sie sagt "feige
waren die mörder nicht" und gegen die medienberichte der letzten wochen
argumentiert. "die stimmen, die zuständig sind, wenn es gilt, ein solches
ereignis zu kommentieren, schienen sich zu einer kampagne verschworen zu haben.
ihr ziel: die öffentlichkeit noch mehr zu verdummen." dies schreibt eine
autorin, die in new york lebt. "früher haben wir die einstimmig
beklatschten und selbstgerechten plattitüden sowjetischer parteitage
verachtet. es ist klar zu erkennen, daß unsere führer - jene, die im
amt sind; jene, die ein amt begehren; jene, die einmal im amt waren - sich mit
der willfährigen unterstützung der medien dazu entschlossen haben,
der öffentlichkeit nicht zu viel wirklichkeit
zuzumuten."
DIENSTAG, 25. 9. 2001
Warnung vor Anschlägen mit
chemischen Waffen ... Zuwanderer: Deutschkurse ab Juli Pflicht ... Arafat
wickelt Ferrero-Waldner ein ... Schmieden an Anti-Terror-Allianz ... Die
Atombombe der Armen ... Die Lizenz zum Zustechen: Schule für
Stierkämpfer ... (Kurier, 26. 9.)
Ludwig Laher (St.
Pantaleon)
Steinzeitpatriotismus ist der letzte Schrei, Steinzeitislam
ist Steinzeit. Die schöne Karikatur von der US-Hausfrau, die meint, sie
habe den Aufruf beherzigt, zur Normalität zurückzukehren und wieder
zu shoppen: Sie steht mit vollgepackten Einkaufstaschen in der Tür. Aus
ihnen, ihren Manteltaschen usw. ragen viele hundert
Sternenbanner-Fähnchen.
Beatrix M. Kramlovsky
(Bisamberg)
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer islamischen
Intellektuellen, die sich selbst als streng gläubig einstuft und in einem
Spagattanz gefangen ist, um ihr universitäres, westliches Wissen und ihre,
dem Buchstaben des Gesetzes folgende Religiosität unter einen Hut zu
bringen. Mitten in einer Auseinandersetzung über die Aufgaben der
Literatur stutzte ich plötzlich und mir wurde bewußt, daß sie
nicht an Evolution glaubte.
"Der Mensch ist als Mensch geschaffen, nicht als
Affe, nicht als Neandertaler, nicht als Cro Magnon," dann lachte sie verlegen
und fügte hinzu, "sagen wir."
"Kein Darwinismus?"
"Nein,
natürlich nicht!"
"Es genügt also nicht, wenn ich sage, der Mensch
wurde mit den Möglichkeiten, den Anlagen zur Veränderung und besten
Adaption geschaffen?"
"Nein. Es steht geschrieben ...", sie unterbrach sich,
"wir erscheinen dir vermutlich sehr statisch. Wie kann es Forschung und
Erkenntnis geben, wenn ich außer meiner Neugier keinen Zweifel
habe?"
Manfred Chobot (Prag)
in prag bei wanda. wir schlafen bis
mittag, fahren dann in die stadt. wanda hat magenschmerzen, also kehren wir ein
auf zwei bier. schon lange sind wir nicht über die karlsbrücke
gegangen. da der turm diesmal geöffnet ist, klettern wir hinauf. beim
blick in die tiefe fällt mir das telefongespräch ein, das eine frau
mit ihrem mann geführt hatte, nachdem der jumbo-jet in den WTC-tower
gekracht war. sie sagte, daß sie ihn liebe und er solle auf die kinder
acht geben, daß keine chance bestünde und sie jetzt aus dem fenster
springen werde. ich würde versuchen, durch das inferno zu entkommen, sage
ich, da hat man wenigstens den funken einer chance. mein magen krampft sich
zusammen trotz der vergleichsweise geringen höhe, dessen sturz man
vielleicht überleben könnte.
wanda entgegnet, daß sie auch
springen würde.
aber bei einem sprung aus dem fenster eines hochhauses
ist der tod hundertprozentig. dennoch beharrt sie darauf. im feuer umzukommen
ist schlimmer, als ein sicherer tod im freien fall. doch vielleicht reden wir
wie ein blinder von der leuchtkraft der farben.
wir stellen uns vor, wie
wohl damals die turmwachen gelebt haben. wann und wie oft sind sie herunter
gekommen oder waren sie dauerhaft auf den turm verbannt? ich bin froh, als wir
uns wieder ins gedränge auf dem erdboden einfügen.
Sylvia
Treudl (Wien)
Genau zwei Wochen nun. Und? Ich pendle in einem seltsamen
Zwischenzustand, der sich am ehesten mit Erschöpfung beschreiben
läßt. Ich kann tageweise keine Berichterstattung ertragen, aber sie
läßt mich auch nicht los, diese angelernte Sucht nach "Information".
Ich informiere mich darüber, daß die weltweite Reaktion auf den
Schock der Ereignisse eine Art Kollektivbewußtsein ist. PsychologInnen
kennen die Schritte, in denen sich das abspielt. Ich bin offenbar gerade in der
Phase, in der ich mich emotional sozusagen "leergeweint" habe. Nicht mehr
"darüber" reden will - aber in jeder Runde kommt es natürlich zu
einer Diskussion über alle nur erdenklichen Aspekte der Weltlage. Ich
informiere mich über die ungewissen Opferzahlen, die täglich neu
veröffentlicht werden. Informiere mich darüber, daß in den USA
der dritte Mord an einem "Ausländer" begangen wurde, Übergriffe auf
Moscheen zur Tagesordnung gehören. Ich informiere mich darüber,
daß ein österreichischer Bischof vor dem Islam warnt und ein
"starkes Christentum" fordert. Fundis unter sich. Ich informiere mich über
Osama Bin Laden. Ich informiere mich über Internet-Razzias. Ich werde mit
geschmacklosen Details gefüttert, die bunten Wochenmagazine erleben eine
Hochblüte. "Nur zwölf Stunden vergingen zwischen dem Anschlag auf das
New Yorker World Trade Center und dem endgültigen Redaktionsschluß
unserer letzten Ausgabe. Wir konnten im letzten Moment die Druckmaschinen
stoppen, unser Heft komplett umstoßen und ..." Und so weiter. So
seriös kann man sich im Editorial gar nicht geben, Spendenaufruf hin oder
her, daß einem dann nicht doch der "professionelle Journalismus"
durchgeht. Bei den Bildern vor allem. Sterbende Opfer, notdürftig
verhüllte Leichen, verzweifelte Angehörige auf der hilflosen Suche,
entblößt in ihrem Leid, zu einer auflagensteigernden Pixeleinheit
gemacht. Was suche ich in diesen Seiten? Hinter welche Kulisse versuche ich zu
schauen?
Das Grauen läßt sich auch zwei Wochen später nicht
fassen, nicht für mich, es hat für mich eine statische Qualität
erreicht, eingepackt in einen bleiernen Zustand, mir helfen die
"Hintergrundberichte" nicht weiter, ich bin andererseits nicht bereit, meine
ganz private Paranoia zu entwickeln, egal ob es sich um die perfekte
Orwell-Gesellschaft, um worst case-Szenarien mit giftsprühenden Flugzeugen
oder Angriffen auf AKWs handelt.
"Das Leben geht weiter" ist zu einem
Zynismus geronnen. Quatsch. Ich gehe meinen täglichen Verrichtungen nach.
Unbehelligt. Ganz normal. So wie immer. Private Interessen, Probleme,
berufliche Anforderungen stehen im Vordergrund meines Alltags. Natürlich
geht das Leben weiter. Für die, die den Dienstag vor zwei Wochen
überlebt haben. Die anderen, Opfer dieses Tages, haben schlechte Karten
für ihr Epitaph gezogen - wie an jedem anderen Tag auch: diejenigen die an
Krankheiten sterben, bei Verkehrsunfällen ums Leben kommen, in
Bürgerkriegen ermordet werden.
Die Welt tut einen Dreck, um den Atem
anzuhalten. Langsam verzieht sich der Schock, der Nebel lichtet sich. Die
Katastrophe ist nicht mehr rückgängig zu machen. Und für manche
ist sie ein riesiges Geschäft. Nostradamus boomt (wieder einmal) und in
Großbritannien geht die Post ab beim Verkauf von Gasmasken und
Spezialanzügen gegen Viren. Vielleicht erlebt auch der Ausbau von privaten
Bunkern eine Renaissance.
"We will never forget", versichert ein Transparent
in den Ruinen des WTC.
Ich versuche zu verstehen, zu fühlen. Die
direkt Betroffenen müssen irgendwie mit ihrem Schmerz umgehen. Trotzdem
beunruhigt es mich, liest sich wie never forgive, was ich auch noch
nachvollziehen kann, aber der nächste Gedankengang zitiert schon wieder
eine Schlagzeile, die da lautet: Das bedeutet Krieg. US-Soldiers in
Bereitschaft lesen eine Tageszeitung, deren halbe erste Seite von 3 Buchstaben
beherrscht wird: WAR. Ich bin informiert. Und immer wieder laufe ich auf den
Bildern auf. Bin Laden-Anhänger in Pakistan, die ein offenbar selbst
hergestelltes Transparent dabei haben: OSAMA IS OUR HERROW. Mich stoßen
die fanatisch verzerrten Gesichter ab. Ich stolpere unwillkürlich
über die falsche Orthographie. Eine Berufskrankheit. Meine Güte, habe
ich in dem Zusammenhang keine anderen Sorgen? Auch die andere Seite fährt
ihre Helden auf. Der amerikanische Präsident mit einem Feuerwehrmann auf
den Trümmern der Twin Towers. Der Mann mit dem Helm wirkt wie eine Puppe,
wie etwas plötzlich Erstarrtes. Versteinerte Gesichtszüge. Wen
wundert es. Der Präsident sondert grimmige Zuversicht ab, wie er dem
Menschen, der seine Horrorbilder im Kopf wahrscheinlich sein restliches Leben
nicht mehr los werden wird, jovial den Arm um die Schultern legt. Das Klischee
wird mit dem Klischee erschlagen. Der Präsident der zivilisierten
westlichen Welt und der Held aus dem Volk. Das Land der unbegrenzten
Möglichkeiten. Seit zwei Wochen eine Gesellschaft mit begrenzter ...
Unantastbarkeit?
In den letzten Tagen beobachte ich an mir, die ich an sich
eine ziemlich ordentliche Person bin, ein geradezu obsessives Bedürfnis,
Ordnung rund um mich zu schaffen.
Als könnte ich mit einer blitzblank
aufgeräumten Küche, einem ausgemusterten Kleiderkasten, einem
mustergültigen Schreibtisch die Welt in Ordnung
bringen.
MITTWOCH, 26. 9. 2001
FPÖ will Fingerabdrücke
von allen Bürgern / Westenthaler fordert Identifikationssystem - Briten
überlegen neue Ausweise ... USA wollen militärische Antwort ohne die
NATO ... weiterer Abschwung der Wirtschaft ... Schlingerkurs in Richtung
Bündnisfall ... erneut Warnung vor Giftstoffanschlägen ...
Gemäßigte und verschärfte Töne / Das Weiße Haus
fährt derzeit eine zweigleisige Kommunikationsstrategie ... "Es sind
genügend Unschuldige gestorben" / Eine kleine aber lautstarke
US-Friedensbewegung kämpft gegen die Mobilmachung ... (Der Standard, 27.
9.)
Beatrix M. Kramlovsky (Bisamberg)
Gleich in der Früh:
Nun wird medienweit an einem neuen Katastrophenbild gemalt. Chemische Waffen.
Sprühnebel, Gase, Seuchen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß
jemand, der genügend Geld hat, um das kaufen zu können - und auch die
Menschen, die er dazu braucht, um es weiter zu transportieren, zu portionieren,
die Lagerung und Verteilung logistisch zu bewältigen, daß so jemand
dieses Geld und sein Leben dafür hergibt. Selbstmordterroristen sind keine
Milliardäre. Und artifizielle Seuchen sind nicht einschränkbar.
Schlag nach bei Chargaff: Nichts ist rückholbar. Also dieses Szenario
glaube ich einfach nicht. Und was ist mit den USA-Entlaubungsmitteln im
Vietnamkrieg? sagt meine kleine lästige Innenstimme. Ich stürme
hinaus in den Garten und schneide tropfnassen Zwergahorn und starre wütend
auf die Nebelschwaden, graue Leichentücher über den Dorfdächern.
Gehöre ich nicht einer schrecklichen Spezies an?
FREITAG, 28.
9. 2001
Wirtschaftsforscher: Nulldefizit hält nicht ... Pakistan
scheitert mit Vermittlung ... Asylpolitik entzweit die Koalition ... Mubarak
warnt vor Aufständen bei übereilter Militäraktion ...
Handlungsanweisungen für die letzte Nacht / Aus dem "Todestraktat" der
Attentäter ... UNO befürchtet 1,5 Millionen Flüchtlinge ... Noch
kein direkter Konnex Attentäter - Bin Laden bekannt ... (Der Standard,
29/30. 9.)
Beatrix M. Kramlovsky (Bisamberg)
Nachts: Regina hat
aus den USA gemailt. Als Journalistin liest sie die Arbeiten ihrer Kollegen
natürlich auch mit professionellem Interesse. Panik, sagt sie. Von einem
ganz anderen Meinungsbild umgeben als wir hier in Europa. Friedensaufrufe,
natürlich. Sie fragt sich, ob das private Entsetzen während Vietnam
ebenso entwickelt war - zumindest in den Familien, die ihre Söhne und
Väter verloren hatten. Vietnam wurde noch nicht live übertragen,
antworte ich. Jetzt haben wir das Gefühl, dabei gewesen zu sein. Und
jederzeit dabei sein zu können - auch wenn das zynisch klingt. Wir
können nicht mehr so tun, als ginge es uns nichts an. Sie meidet
öffentliche Plätze - arbeitet wieder mehr an ihrem Buch, zu Hause.
Noch eine, die festklebt an ihrem Computer.
Von amerikanischen Freunden
bekomme ich per Mail Gebete. Gott ist uns nahe, wenn wir es nur zulassen. Ich
weiß, daß sie es lieb meinen. Aber sie machen mich
fürchterlich wütend.
SAMSTAG, 29. 9.
2001
Schüssel: jeder Flüchtling wird in Österreich
aufgenommen ... Prominenter Journalist in Nordirland erschossen ... "Im Namen
Osama bin Ladens" / Soldaten des Islam suchen die Schlacht ... Schleierzwang
nicht aus Religion abzuleiten ... Krenn will Konflikt mit dem Islam ...
(Kurier, 30. 9.)
SONNTAG, 30. 9. 2001
Taliban verstecken Bin
Laden: Countdown für Militärschlag läuft ... Afghanisches Elend
in den "befristeten Siedlungen" ... Tony Blair sah "unbestreitbare Beweise"
gegen Bin Laden ... Letzter Wille des Mohammed Atta ... keine Hoffnung mehr:
Die Suche ist beendet ... (Der Standard, 1. 10.)
Barbara Neuwirth
(KünstlerInnenhaus Schloß Wiepersdorf)
"Rasterfahndung
beginnt am Montag" titelt die Märkische Allgemeine in der
Samstag/Sonntag-Ausgabe. Die Falken sind also weiterhin munter und auf der Jagd
nach Schläfern. Hier in Deutschland, wo sich ja einige der Attentäter
aufgehalten haben, wo man durch die Mitgliedschaft in der NATO Angst vor einer
Kriegsbeteiligung im praktischen Sinn hat(te), wird das "Sicherheitssystem" des
Staates diskutiert und verschärft. Ein hilfloser Versuch, das zu
erreichen, was nie erreichbar sein wird: In die Köpfe von Menschen zu
schauen, um ihre bösen Gedanken rechtzeitig zu wissen und sie an der
Ausführung der Taten zu hindern.
Von der "Zwei-Klassen-Gesellschaft der
Toten" wurde gesprochen. Jene, die wir auch hätten sein können,
bedeuten uns mehr als jene, die wir nie sein werden: Mitglieder von Gruppen,
die zu wenig zum Essen haben, zu wenig medizinische Betreuung, zu wenig Zugang
zur Bildung.
"Armut entsteht durch Faulheit" ist ein Plakat, das laut Stern
in den Internatszimmern einer deutschen Elite-Schule betrachtet werden
kann.
Entsteht Zynismus durch Wohlstand?
Dine Petrik
(Wien)
"Nicht jedes Volk, das konsumiert, ist zivilisiert", ist auf
Transparenten demonstrierender Berliner zu lesen, die sich gegen den
beschworenen Kreuzzug und die EU-Solidarrufe richten. Und siehe da, auch
hierzulande wird Solidarität bekundet, anstatt zu schweigen und andere
reden zu lassen ...
Wie nicht zu überhören war, hat seinerzeit
US-Amerika Saddam Husseins Krieg gegen die Ajatollahs unterstützt - soll
halb Europa dem Irak nicht nur Waffen sondern auch Grundbasen zur Herstellung
chemischer geliefert haben. Während des ersten Golfkriegs sind
Giftgasabwürfe gegen die Kurden zum Einsatz gekommen. Saddam Hussein ist
nicht davor zurückgeschreckt, womit die USA im Vietnamkrieg Schule gemacht
haben. Nach den Golfkriegen war die Suche nach Saddams Waffen- und
Chlorgasfabriken monatelang die Nummer eins in den westlichen Medien. Wie nicht
zu überhören war, haben die USA Bin Ladens Ausbildung
unterstützt und Afghanistan mit Geld und Waffen versorgt gegen die
Sowjetunion.
Der Verlust eines Kindes ist für die Hinterbliebenen oft
ein lebenslang unbewältigbarer Prozeß, an dem afghanische
Mütter und Väter nicht minder als kurdische tragen dürften,
reiche nicht minder als arme. Wie wird das Erinnern an jene verarbeitet, die
nach grausamen Folterqualen starben? Wie können jene Verkrüppelten
(Kinder), die es durch die Minen der Waffenkonzerne geworden sind, das Erinnern
an ihre noch "heile" Welt bewältigen? Werden sie es mit Hilfe des IGH
schaffen, oder mit dem EuGH oder eher mit dem EGMR, dem Internationalen Komitee
des Roten Kreuzes, oder mit dem IKRK, das an seinen Fünfzigsten Geburtstag
mit einer Anthologie von Betroffenen erinnert, oder eher mit Hilfe des IKRK,
das ein Mandat zur Wahrung des humanitären Völkerrechts hat und 1997
in Ottawa das Verbot von Anti-Personen-Minen erwirkte, ein Verbot, das 140
Staaten unterzeichneten, wobei zu den Nichtunterzeichnern und zugleich
mächtigsten Minen-Herstellern China, Russland und USA gehören? Ist es
besser, auf den 1998 in Rom beschlossenen ICC, den International Criminal Court
(Internationaler Gerichtshof für Verbrechen gegen die Menschlichkeit) zu
warten, dem China und Amerika nicht beigestimmt haben, was bei China nicht
weiter verwundern kann, doch bei der Supermacht USA? Die nicht zustimmten, weil
danach vielleicht nichts mehr unter den Teppich gekehrt werden könnte,
Hegemonie- und Quotenwachstum gestört wären. Wenig Dialogbereitschaft
bei der Handhabung des Biowaffenverbots, blind für die ansteigende
Verstörung, die diese Supermacht hinter sich nachzieht, grenzt es schon an
ein Wunder, daß sie sich doch zur Unterzeichnung der
UN-Kinderrechtskonvention hat bewegen lassen, eine über zehn Lenze
zählende Organisation. Nicht zu überhören ist auch, daß
die USA weltweit die zweite Stelle bei Hinrichtungen nach China einnehmen.
Weiters befremdet das Faktum, daß nach Ablehnung des
Atomtest-Stoppvertrags der US-Senat jede Hoffnung auf weiteres Abrüsten
zerstört hat.
Beatrix M. Kramlovsky (Bisamberg)
23 Uhr:
Essen mit Freunden beim Italiener, der (natürlich) Ägypter ist. Er
lädt alle seine Stammgäste ein, sein erstes, erfolgreiches
Geschäftsjahr mit ihm zu feiern. Toskanische Küche, orientalische
Herzlichkeit, amerikanischer Jazz. Wir reden nicht über Politik. Wir
erzählen einander Anekdoten. Die Gruppen vermischen sich, ich zähle
zumindest fünf Nationalitäten von drei Kontinenten. Ein durch und
durch politischer Abend, aber mit offenen Armen und Ohren.
Eine befreundete
Malerin hatte immer schon die Idee, Menschen unterschiedlicher Herkunft und
Kultur zu gemeinsamen Essen zu verpflichten.
"Darauf achten, daß alle
satt sind und Geschichten austauschen können, dann kommt keiner auf
blöde Ideen. Bloß kann man damit kein Geld machen und daher fehlt
das Interesse."
Seifenblasen aus dem Kulinarium.
MONTAG, 1. 10.
2001
Flüchtlinge: Koalition läßt Haider abblitzen ...
Kampfpiloten warten auf den Einsatzbefehl ... Weltweite Nervosität vor
möglichem US-Militärschlag ... Labour will Terrorgruppen die
Schlagadern durchschneiden ... Platzmangel: Tausend Elefanten sollen umziehen
... (Kurier, 2. 10.)
Beatrix M. Kramlovsky (Bisamberg)
In Rom
wird der afghanische König zu einem gesuchten Gesprächspartner. Keine
Zeit mehr für Archäologie, philosophische Diskurse. Der alte Herr
wird eingespannt.
Ich lese wieder die alten Berichte reisewütiger
Frauen aus dem vorigen Jahrhundert, die autobiographischen Passagen Micheners
zu seinem Afghanistanbuch, die hinreißenden Skizzen Bruce Chatwins. Ich
stelle mir die Farben des Landes vor wie die Wüstenberge hinter Yazd,
viereinhalbtausend Meter hoch, onyx, sepia, zinnober, senf. Ein
frühlingsgrüner Baum wie ein Smaragdeinschluß. Ein
plötzlicher Regen, unter dem die Felsen schwarz leuchten. Bauern, die
einen Esel antreiben. Ein ausgebrannter Lastwagen in einer Straßenkurve.
Iranisch. Afghanistan stelle ich mir in Teilen ähnlich vor. Noch ein
bißchen höher. Noch wilder. Zerschossen, zerstört.
Ich
erinnere mich an das Gesicht eines Studenten in Isfahan. Am dritten Tag legte
er mir in der Pause zu den vielen Aufgaben der anderen einen Brief, gefaltetes
Papier, sorgsam darauf bedacht, daß es nicht auffiel, daß keiner
etwas lesen konnte. Ein Kriegsgedicht. Ein Schrei. Deshalb beschloß ich,
das Programm meiner Lesung zu ändern. Afghanische Asylanten in
Österreich, Wien und Kabul. Ich kenne Kabul nur aus Reiseberichten, aber
ich habe zugehört, wenn Flüchtlinge ihre Heimat beschreiben. Jeder
trägt eine Schilderung eines bestimmten Bildausschnittes in seinem Herzen
- so wie wir, bloß ist es uns vielleicht nicht bewußt, weil wir uns
ja nicht trennen müssen. Während ich aus meiner Erzählung las,
blickte ich hoch in die vielen aufmerksamen Gesichter. Konzentriert, der
fremden Sprache verfallen. Neugierig. Da kannte ich sie schon ein
bißchen, war eingeweiht in Familiengeschichten, wußte so vieles,
das sie unbewußt preisgegeben hatten, die Exilanten, die im
Iran-Irakischen Krieg Verwundeten, die jungen Mütter, die
Aufmüpfigen, die Liebenden, die in ihrem Gottesbild Ruhenden, die
Zweifler, die Hoffenden - Schreiben ist verräterisch. Er mit seinen tiefen
Blessuren. Er saß da wie ein Klotz. Und er weinte bitterlich.
Heute
muß ich an ihn denken. Ich frage mich, ob seine Mutter, unter dem
blickdichten Tuch verborgen, noch in den zerschossenen Häusern lebt. Und
ich bin wütend, oh so wütend, auf die erfolgreichen Ideologen, die
Frauen dazu bringen, den Verlust ihrer Kinder als möglicherweise
politischen Gewinn zu sehen, stolz auf ein sinnloses
Märtyrertum.
MITTWOCH, 3. 10. 2001
Riesiges Chaos um Pleite
der Swiss Air ... USA fordern jetzt Unterstützung durch die Nato an /
Beistandspflicht wurde aktiviert ... Wunschliste aus Washington ... Kaum
Hoffnung auf Waffenruhe im Nahen Osten ... Taliban wollen verhandeln / USA
lehnen Gespräche ab ... Putin signalisiert Einverständnis mit einer
Nato-Osterweiterung ... Urnen mit Staub von der Terror-Ruine ... (Der Standard,
4. 10.)
El Awadalla (Wien)
Elisabeth Ziernhöld und Band im
Siebenstern, 42 BesucherInnen, ich bin baff. Die Lesung ist eher ein Konzert.
Danach sitzen noch einige Leute zusammen; was ist das Gesprächsthema? Wird
es Krieg geben oder nicht? Was sonst? Danach wird noch mehr Terror kommen, noch
mehr Krieg. Die Stimmung ist düster. Aber dann kippt alles wieder ins
Lustige, ins Lächerliche, George Bush wird zum Stauden-Schurl. Jemand hat
mir heute eine E-Mail mit der verschleierten Freiheitsstatue aus dem Jahr 2006
geschickt und dazu den Stauden-Schurl mit Bart und Taliban-Kapperl. G. will nur
mehr auf Parties gehen und das Leben genießen, ein Rausch soll es sein
bis zum Ende.
Beim Heimgehen kaufe ich mir am Würstelstand ein Bounty,
was sonst gibt's dort schon für Vegetarierinnen. Ein junger Schwarzer
bedient mich, könnte ein Ostafrikaner sein, denke ich, will ich
herausfinden. Zum Abschied sage ich Marahaba, ein Strahlen geht über sein
Gesicht, Marahaba, sagt er. Ich muß daheim in meinen Suaheli-Büchern
kramen. Viel Suaheli habe ich nicht mehr im Kopf.
Natürlich drehe ich
noch den Fernseher auf: Halbverhungerte afghanische Kinder; sie werden den
Winter nicht überleben. Wir sollen spenden für Lebensmittel. Wie
viele Spenden braucht es, damit diese Kinder über den Winter kommen? Was
kosten die Flugzeugträger, die Richtung Afghanistan aufbrechen?
Wie
schön erklären doch die Wirtschaftsfachleute in N-TV, daß
Afghanistan ein besonders wichtiges Land für die Öl-Pipelines ist.
Diese sind gut für den Reichtum der Konzerne; die Kinder, die gleich neben
der Pipeline leben, verhungern. Das war schon vor einigen Jahren in Somalia so:
Die USA wollten Frieden schaffen und haben nur noch mehr Tote hinterlassen.
Heute sagt der deutsche Bankenfachmann, daß es dort um die Interessen
eines US-Ölkonzerns ging. Damals waren alle, die so etwas auch nur
vermuteten, paranoide Linke.
DONNERSTAG, 4. 10. 2001
Flugzeug aus
Tel Aviv über dem Schwarzen Meer explodiert / Fehlgeleitete ukrainische
Rakete als wahrscheinliche Ursache / Terrorakt nicht ausgeschlossen ...
Ländermatch gegen Israel abgesagt ... Nato-Mitglieder stellen Schiffe und
Aufklärungsflieger ... Rumsfeld versucht Reihen zu schließen ...
Blair: Schuld Bin Ladens ist erwiesen ... Nach dem Terror: US-Bürger
rüsten auf ...WTC-Wiederaufbau/Zwei Drittel der New Yorker sind dafür
... Griff zu Drogen im Terrortrauma ... Terrorverdacht in Toulouse ...
Terroranschlag in Nord-Israel ... (Der Standard, 5. 10.)
Sylvia Treudl
(Wien)
Ein russisches Flugzeug explodiert über dem Schwarzen Meer.
Man mag sich gar nicht vorstellen, was das wieder bedeutet. Bedeuten
könnte. Tatsache: wieder an die 100 Tote. Ein Freund ist gestern nach
Moskau geflogen. Meine Freundin ist aus Amerika gut nach Hause gekommen.
Der
Begriff "Vaterlandsverräter" ist im Zusammenhang mit den verweigernden
Fußballspielern gestern tatsächlich in den Medien gefallen. Gleich
darauf hat sich Ö3 wieder einen besonders lustigen Joke einfallen lassen
und einen gefakten Anruf ("Der Handyman") getätigt. Da wurde also ein
gutgläubiger Mensch, der aus Vergnügen in irgendeiner
österreichischen Mannschaft spielt, die wahrscheinlich nicht einmal am
Toto-Schein vorkommt, zum Trottel gemacht. Ihm wurde versucht einzureden,
daß aus Not am Mann für die 9 Spieler, die partout nicht nach Israel
wollen, Ersatz gesucht wird und er jetzt die Chance hätte, in die
Nationalmannschaft auf die Besetzungsliste zu kommen. Verarschung und
Erniedrigung als Hetz. Das ganze live auf Sendung, zur allgemeinen Belustigung
beim Frühstückskaffee.
Gestern den ganzen Tag über mit
verschiedenen Leuten über Radikalismus und Frauenfeindlichkeit diskutiert.
Mila Haugová, die gerade Ateliergast im ULNÖ (Unabhängiges
Literaturhaus Niederösterreich) ist, erzählt mir von einem Aufenthalt
an einer Uni in Iowa, wo sie mit anderen internationalen AutorInnen creative
writing unterrichtet hat. Unter anderem war da auch ein strenggläubiger
Moslem, ein distinguierter Herr und renommierter Autor, der penibel seine
Gebetszeiten und Ernährungsvorschriften einhielt. Und sich jedes Mal,
nachdem er die anwesenden Frauen begrüßt hatte, die Hände
waschen ging. Und der erzählte, daß er bei der Pilgerreise nach
Mekka nicht einmal seine eigene Frau mit bloßen Händen berühren
darf.
Natürlich ist mir das nicht nachvollziehbar. Natürlich kann
ich argumentieren, daß das einfach die Rituale einer anderen Kultur,
einer anderen Ideologie sind. Sympathisch ist mir das natürlich trotzdem
nicht. Und es ist so frauenfeindlich wie es die katholische Kirche auch ist.
FREITAG, 5. 10. 2001
Terrorbekämpfung sprengt Bankgeheimnis
... US-Geheimdienst fürchtet Attentate ... "Strategien gegen den Terror
wie im Kalten Krieg" ... Neue Schadensrechnung in den USA / Gesamtschäden
von 1569 Milliarden Schilling ... (Der Standard, 6. 10.)
SAMSTAG, 6.
10. 2001
Angst vor dem Fliegen wächst, Bahn fahren ist wieder gefragt
... Bush bekräftigt Warnung an Taliban: Die Uhr tickt ... Schily will
Anti-Terror-Paket durchpeitschen ... Flughafen Wien: Stille statt Reisehektik
... (Kurier, 7. 10.)
Harald Friedl (Wien)
Kalter Krieg: Saturn
Hansa, 4. Stock: Der große 16:9 TV-Schirm zeigt heute Eurosport. Habe die
neuen CDs von Björk und Bob Dylan gekauft: Zwei zerbrechliche Stimmen
einer brüchigen Welt.
3. Etage / 2. Etage / 1. Etage / Parterre.
Pizzaschnitten / Hühnerkebap. Auf der Straße geht alles seinen
gewöhnlichen Gang. Die Welt wird nicht mehr so sein, wie sie vor den
Anschlägen war, hat es in den letzten Wochen oft geheißen. Die
Medien brauchen Futter, die Medien brauchen Neues, also rufen sie eine neue
Zeit aus.
Aber es gibt keine neue Qualität. Nur eine neue Ästhetik
der Bilder des Unterganges. Sonst nichts.
Kathedralen der Globalisierung
sind eingestürzt. Kathedralen der Verantwortung wurden nie gebaut.
Hungernde Menschen beeindrucken nicht so nachhaltig wie einstürzende
Neubauten. Weil die Bilder von Hungernden immer wieder die gleichen sind und
eine Inszenierung wie das Attentat vom 11. 9. sich noch nie angeboten hat.
Hungertote sind ein Fall für die Caritas.
Die Toten vom WTC ein
Fall für Weltpolitik.
Diesel / Anker / Bank für Arbeit und
Wirtschaft.
Flic flac. Ich sehe gelangweilte, junge Frauen an den
Händen abschätzig blickender Männer. Dabei scheint eine
epochemachende Entscheidung gefallen zu sein, die niemanden so beeindruckt wie
der epochemachende Einsturz der Twin Towers: Es wird kein großer Krieg
geführt werden, so heißt es aus dem Pentagon, sondern etwas, das dem
Kalten Krieg ähnelt.
Kalter Krieg. Klingt harmlos verglichen mit einem
heißen. Kalter Krieg, was beinhaltet er: Gleichschaltung der Medien;
simples Freund-Feind Schema; Unterstützung für befreundete
Regierungen, egal, was die in ihren Staaten trieben; wachsende
Militärbudgtes; höhere Zinsen; verdeckte Militäroperationen;
surgic interventions; klare Definition des Feindes / des Bösen; breiten
Interpretationsspielraum, wer zu den Bösen gehört; Repression von
Oppositionellen; dosiertes, punktuelles Morden; staatlich sanktionierte
Liquidationen; Menschen werden spurlos verschwinden. Ein Kalter Krieg nur.
Zeithorizont: Jahre? Jahrzehnte? Kontrolliert / geplant / getimed.
Flotten-Center: "Das Original von der Der Schuh des Manitou: Winnetou und
Old Shatterhand im Tal des Todes. 16 Uhr 15."
In der Telefonzelle an der
Ecke Neubaugasse brüllt ein Mann in den Hörer: WO? WO? WO? WANN?
Zwischen den Fragen schimpft und flucht er hysterisch. Mit hochgezogenen
Schultern und schwitzendem Gesicht stürzt er aus der Zelle. Nein, ich
werde hier nicht telefonieren, ich will nicht die selbe Luft atmen wie dieser
Mensch.
Solinger / New Yorker / Bank Austria.
Eine ältere Frau mit
asch-grau-blau bemaltem Gesicht überquert die Straße.
Auf einem
Baum hängt die Xerox-Kopie einer Suchanzeige: Nicole, verschwunden seit
15. September. Das Foto zeigt eine hübsche Mittzwanzigerin. Sie
lächelt. Für wen lächelte sie? Für den, der sie jetzt
sucht? Darunter ist eine Handynummer geschrieben. 0664 / ...
Aurafotografie
/ Max Shop / Quick Shop.
Echtes Last Minute. Ein Mann schreit: "A poa
Schilling, a poa Schilling. A poa Schilling fia wos zan Essn!" Jeder, der
öfter die Mariahilfer-Straße entlang geht, kennt diesen
Verrückten. Er schweigt oder er brüllt, stets nur das eine oder das
andere. Sein Kopf ist geschoren, sein Hautfarbe rosa. Wie bemalt.
Der
Rosa-Kopf-Mann läuft die Straße rauf und runter, redet wirre
Beschimpfungen / Anklagen. Dann: "Bitte, bitte, bitte!" Er sinkt am Trottoir in
die Knie, streckt die Hände vor sich aus, offen, bereit für Gaben,
die er aufgeregt fordert. "Bitte, bitte, bitte! Bitte, bitte, bitte! Bitte,
bitte, bitte!"
Die UNO kann sich nicht auf eine Definition einigen, was
unter Terrorismus zu verstehen sei. Ein Dauerthema für die kommenden Jahre
ist angelegt. Was ist eine Terrororganisation? Was eine Befreiungsbewegung, die
auf staatliche Gewalt mit organisierter Gewalt antwortet? Kolumbien. Wenn wir
die Begriffe Menschrechte / Menschenwürde ernst nehmen, müssen wir
auch das Recht zugestehen, sich gewaltsam gegen staatliche, militärische
Gewalt zu wehren. Ost-Timor. Gegen eine Konfusion der Begriffe Terrorismus /
Widerstand! Palästina. Wer definiert die Linie? Es kann keine Einigung
darüber geben, was Terrorismus ist, ohne einerseits jeder
Befreiungsbewegung das Recht abzusprechen, AUCH bewaffnet vorzugehen, ohne
andererseits den Staaten das exklusive Recht auf Gewaltausübung
einzuräumen. Nicaragua, Guatemala, Vietnam - Beispiele dafür,
daß ich nicht an Pazifismus glauben kann. Auch Terrorismus kann man nicht
nur mit Diplomatie begegnen. Es kann Gewalt nötig sein (im Sinne von
polizeilicher Gewalt).
Der Verrückte mit dem rosa Kopf trägt eine
Windjacke mit einem Aufdruck am Rücken: HOME BOY. LOUD COUTURE. Er
brüllt nicht, jetzt. Er kniet am Trottoir. Seine Hände sind an den
Kanten aneinandergepreßt, zu einem kleinen Becken geformt. Als
befände sich vor ihm eine Bassin, aus dem er Wasser schöpfen will.
Viele Menschen werfen Münzen in Brunnen, warum nicht in den seinen, den er
sich vielleicht vorstellt in seinen Händen?
Die Sonne steht tief, es
ist 16 Uhr.
SONNTAG, 7. 10. 2001
US-Bomben auf die Taliban /
Luftangriffe und Cruise Missiles auf Afghanistan / US-Präsident Bush: "Die
Taliban zahlen den Preis" / Bin Laden übernimmt Verantwortung für
Terror/B-52-Bomber warfen Lebensmittel für Zivilisten ab ... Bomben und
Brot ... Nach vierwöchiger Vorbereitung beginnt militärischer
Gegenschlag ... ... "Friede und Freiheit werden siegen" ... Rauchwolken
über Kabul und ein Bekenner-Video Bin Ladens in der ersten Nacht der
US-Angriffe ... (Der Standard, 8. 10.)
Ludwig Laher (Visegrad)
Ab
heute wird zurückgeschossen. Vom amerikanischen Gegenschlag ist im
Fernsehinsert die Rede, fast die ganze Welt ist uneingeschränkt
dafür. Medienwirksam werden Bomben und Freßpakete abgeworfen.
Muß man ein großer Prophet sein, um vorauszusagen, daß die
Welt dadurch weder sicherer noch gerechter wird? Nichts gegen ein eventuelles
Ende des Taliban-Unrechtsregimes, aber ein nüchterner Blick auf
dreißig Jahre Geschichte der Region legt nahe, daß wir einer
grotesken Farce applaudieren: Zuerst alle nur denkbare materielle und ideelle
Unterstützung für Radikalislamisten gegen die bösen Russen,
Aufrüstung und Sieg der Mullahs, interne Kämpfe und Aufstieg der
mutigsten Burschen, koranschulerprobt und ohne sonstiges Wissen von der Welt,
eine Brutaloherrschaft ohnegleichen. Nun mit den braven Russen die neuen
bösen Buben abstrafen, aber nicht, weil sie Frauen steinigen und Musik
verbieten und Buddhastatuen sprengen und und und, sondern weil wer
Südmanhattan in Schutt und Asche gelegt hat und die Beweise der
Geheimdienste hieb- und stichfest sind wie immer, hieb- und
stichfest.
Manfred Chobot (Wien)
beim morgendlichen duschen
höre ich wie so oft eine kassette mit alten songs von bob dylan.
zufällig ist es diesmal "with god on our side". natürlich kenne ich
das lied und den text, aber der text trifft mich heute mit voller wucht. ich
bin perplex, erschüttert und zugleich bestärkt: genau so ist es, und
dylan hatte bereits 1964 jenes bewußtsein und jenes
selbstverständnis ausgedrückt, das wir in den letzten wochen
ständig erfahren mußten: gott ist auf unserer seite und dadurch sind
wir im recht. ein postulat, das niemals in frage gestellt, sondern auf allen
gesellschaftlichen und politischen ebenen exekutiert wird und eine grundfestung
US-amerikanischen denkens darstellt, dieser unerschütterliche glaube,
daß ihrem land recht und macht zugeteilt wurde. alle herrscher dieser
welt, ob sie nun könige von hawaii, aztektische häuptlinge oder
afrikanische stammesfürsten waren, beriefen sich auf ihre göttliche
abstammung. als in aufgeklärten gesellschaften nicht mehr mit
göttlichen vorfahren argumentiert werden konnte, jedoch sehr wohl mit
göttlichem willen, wurde ihre macht damit legitimiert. die habsburger
konnten sich nicht mehr als urahnen gottes darstellen, also beriefen sie sich
auf gottes willen, der sie zu königen und kaisern gemacht hatte. franz
joseph hat diese these bis ans ende seines lebens vertreten.
und die
"parade-demokratie" der westlichen welt benützt exakt dieselben
argumentationsmuster, die nation gottes zu sein. mit gott auf ihrer seite sind
sie zu hundert prozent im recht, wie es bob dylan in seinem text "with god on
our side" vor fast vierzig jahren formuliert hat. - und zugleich hat er die
existenz gottes in frage gestellt, indem der dann wohl den nächsten krieg
verhindern würde.
am abend nach der rückkehr von meiner lesung im
funkhaus eisenstadt höre ich in den nachrichten, daß die amerikaner
kabul und kandahar bombardiert haben. radios, die ohne batterien funktionieren,
wurden abgeworfen, um die bevölkerung in der landessprache zu
informieren.
der dylan-text:
mein name bedeutet nichts / noch
weniger mein alter / das land woher ich komme / heißt mittelwesten / ich
wuchs dort auf und lernte / das gesetz zu achten / und daß das land in
dem ich lebe / gott auf seiner seite hat.
die geschichtsbücher
erklären es / erklären so gründlich / daß die kavallerie
angriff / die indianer fielen / die kavallerie griff an / bis die indianer
starben / der staat war jung / mit gott an seiner seite.
der
spanisch-amerikanische krieg / war voll im gang / und auch der bürgerkrieg
/ war bald vorbei / die namen der helden / lernten wir auswendig / mit den
gewehren in ihren händen / und gott war auf ihrer seite.
der erste
weltkrieg / schloß unser schicksal mit ein / den grund für die
kämpfe / fand ich nie heraus / aber ich lernte zu akzeptieren / mit stolz
zu akzeptieren / daß man die toten nicht zählen muß / wenn
gott auf unserer seite ist.
als der zweite weltkrieg zu ende ging /
verziehen wir den deutschen / und wurden freunde / obwohl sie sechs millionen
umgebracht hatten / in den öfen verbrannten / haben die deutschen jetzt /
auch gott auf ihrer seite.
aber nun haben wir waffen / von chemischem staub
/ wenn wir gezwungen sind / sie abzufeuern muß es sein / jemand
drückt auf den knopf / und ein schuß trifft die ganze welt / aber
niemand stellt fragen / wenn gott auf unserer seite ist.
in manch dunkler
stunde / habe ich darüber nachgedacht / daß jesus christus / von
einem kuß verraten wurde / aber ich kann nicht für euch denken / ihr
müßt selbst entscheiden / ob judas iscariot / gott auf seiner seite
hatte.
damit will ich mich verabschieden / bin höllisch müde /
meine verwirrung / kann keine zunge ausdrücken / worte erfüllen
meinen kopf / und fallen zu boden / wenn gott auf unserer seite ist /
verhindert er den nächsten krieg.
El Awadalla, geb. 1956 in Wien.
Literarische Veröffentlichungen seit 1982, zuletzt erschienen: Kraftorte -
Geldquellen. Österreichischer Sekten- und Esoterikatlas (Wien 2000); mia
san mia - wean und de wööd (Uhudla Edition, Wien
2001).
Manfred Chobot, geb. 1947 in Wien. Seit Anfang der 70er Jahre
freiberuflicher Schriftsteller und Galerist. Veröffentlichte zahlreiche
Bücher und rund 50 Hörspiele und Features. Auswahl: ansichtskarten
(Literaturedition NÖ, St. Pölten 1997); Kumm haam in mei Gossn
(Dialektgedichte, Bibliothek der Provinz, Weitra 2000); Römische Elegien
(Deuticke, Wien 2000).
Harald Friedl, geb. 1958 in Steyr/OÖ, lebt
in Salzburg, Mitter-Retzbach und Wien. 1991-93 Leiter des Salzburger
Literaturhauses, seit 1993 freischaffender Dokumentarfilmer, Musiker und
Schriftsteller. Zuletzt erschien: Belohlaveks Geheimnis (Erzählung,
Edition Thurnhof, Horn 2001).
Nils Jensen, geb. 1947 in St. Pölten,
lebt in Wien und in Aigen im Mühlkreis. Herausgeber der Zeitschrift
"Buchkultur". Veröffentlichte u.a. Gedichtbände und
Theaterstücke.
Beatrix M. Kramlovsky, geb. 1958 in Steyr/OÖ,
Studium der Anglistik und Romanistik, langjähriger Aufenthalt in der DDR;
lebt jetzt in Bisamberg/NÖ; bildende Künstlerin und
Autorin.
Ludwig Laher, geb. 1955 in Linz. Studium der Germanistik,
Anglistik und Klassischen Philologie in Salzburg, danach Arbeit als Lehrer (AHS
und Universität). Lebt als freier Schriftsteller in St. Pantaleon/
OÖ. Neben zahlreichen Hörspielen und Übersetzungen
veröffentlichte er zuletzt: Herzfleischentartung (Roman, Haymon, Innsbruck
2001).
Christa Nebenführ, geb. 1960 in Wien. Studium der
Philosophie, Theaterwissenschaft, Psychologie und Soziologie. Als
Schauspielerin tätig; Gedichtbände erschienen im Grasl Verlag und bei
Deuticke.
Barbara Neuwirth, geb. 1958 in Eggenburg/NÖ.
Schriftstellerin und Lektorin für Wissenschaftstexte. Zuletzt erschien:
"Tarot Suite" (Roman, Deuticke, Wien 2001). 2001 dreimonatiges
Aufenthaltsstipendium im KünstlerInnenhaus Schloß Wiepersdorf in der
Mark Brandenburg, Deutschland.
Dine Petrik, geb. 1942 in
Unterfrauenhaid/Bgl. Bücher u.a.: Was geschah wirklich mit Hertha K.
(Erzählung, 1997), befragung des zorns (Gedichte, 1999 - beide Otto
Müller Verlag, Salzburg).
Christopher Staininger, geb. 1970 in
Wien, lebt in Wien und in Retz/NÖ. Bücher: Und zum Schluß ich
(Erzählung, 2000), cognac & rotwein (Gedichte, 2001 - beide Resistenz
Verlag, Linz - Wien).
Sylvia Treudl, geb. 1959 in Krems, lebt in Wien
und NÖ; regelmäßige Publikation von Lyrik und Prosa seit 1986;
Einzelpublikationen zuletzt: Blues, Erzählungen 1999; windspiele, gedichte
2001; Zug um Zug, Reisenotizen 2002; freie Autorin, Herausgeberin und
Mitbegründerin/Mitbetreiberin des Unabhängigen Literaturhauses
NÖ in Krems.