Podium 123 - Schönheit muss leiden

Tagebuch

911

Dieses von Harald Friedl initiierte und für die Zeitschrift bearbeitete bzw. gekürzte Tagebuch vom 11.9.2002 (09/11), dem Tag des Anschlags auf WTC und Pentagon in den USA, bis zum 7.10.2002, dem Beginn des US-Bombardements in Afghanistan trägt als Titel die bekannte Notrufnummer der Vereinigten Staaten, die mit dem Datum des Terroranschlags korrespondiert.


DIENSTAG, 11. 9. 2001
Terror gegen die USA erschüttert die Welt ... Terrorwelle löst Schock in Österreich aus ... Kamikaze-Flug mitten in das Herz der USA ... Der erste Gedanke: Es war Bin Laden ... (Der Standard, 12. 9.)

Sylvia Treudl (Wien)

Der Herbst hat mich zu schnell gepackt, nach mir gegriffen mit viel zu kalten Händen. Das Fieber will nicht kommen, Müdigkeit läßt alle Glieder schmerzen. Ich schlafe. Ein Albtraum fällt über mich her. Meldungen von unglaublicher Dimension sickern in mich wie Gift. Ich schlafe. Unter den geschlossenen Lidern breiten sich Horrorbilder aus. Ich schlafe. Ich träume. Ich muß aufwachen, damit das Grauen aufhört. Ich versuche unter meinem Traum hervorzukommen wie unter zerwühlten, viel zu schweren Tuchenten. Ich schlafe. Wie kann ich mit offenen Augen schlafen. Die brennenden Türme von Manhattan sind nicht Kino. Das explodierende Flugzeug ist nicht von Spielberg. Man zeigt mir hier nicht "Towering Inferno". Das hier ist echt. Aber mein Verstand verarbeitet es nicht. Liegend starre ich auf den Bildschirm. Ich quäle mich zum Telefon, das einzige, was krächzend von meinen Lippen taumelt, ist die banale Frage: Hast du die Nachrichten gehört? Vielleicht kann mir der am anderen Ende erklären, daß ich doch nur geträumt habe. Aber auch seine Fassungslosigkeit kommt mit müder Stimme zu mir und bestätigt, daß hier gerade etwas passiert, das sich nicht mehr mit Worten beschreiben, beschwören läßt.
Als Kind der Generation bewegter Bilder kann ich mich dem Zwang immer wieder hinzuschauen nicht entziehen. Wie in einem entsetzlichen Endlosfilm stürzen die Türme immer wieder in sich zusammen, fällt tödlicher Staub, explodiert die Linienmaschine immer wieder. Ich bringe Stunden bewegungsunfähig vor dem TV zu. Ich kann nicht reagieren. Ich kann nicht fühlen. Ich kann nur schauen. Ich hasse es. Ich bin ein voyeuristisches Scheusal, ein Monster. Wenn ich mich nicht dem Bannkreis des Fernsehers entziehe, wird Blut aus dem Gerät tropfen.

Nils Jensen (Wien)

Das Bild eines verstaubten Manhattan, die Staubsäule himmelhoch. Und im Hirn das Wissen, daß an die 20-, 30-, 50.000 Menschen möglicherweise devastiert, ausgelöscht, weg sind. Die Zufallsbilder von CNN: Leute, die Fenster aufschlagen im 30., 20. Stockwerk und: SPRINGEN! Und Leute, die wie nach dem Ausbruch des Vulkans Pinatubo zentimeterhoch in Staub gehüllt herumirren, in Straßen, wo ich vor wenigen Jahren den Moloch Großstadt mit Aufmerksamkeit und Vergnügen erlebte!
Comics-Bild: Der schräge Schatten eines Flugzeugs, schemenhaft wie im schlechtesten SF-Movie, kommt und verschwindet hinter dem Riesenturm. Und dann auf der anderen Tower-Seite der Flammenstrahl einer Explosion. Wirklich? CNN? Nachrichten? Virtuelles Spiel? Wahrheit. Realität! Es passiert! Welch Energie dahinter, welch emphatischer Fundamentalismus (der ganze angebliche Kram von absoluten Hochleistungssportlern, das ist doch nur die Ausrede von Versagern aus dem Geheimdienstmilieu, die Millionen kriegen, und nix zuwege bringen). Bischof Krenn kann eigentlich heute nur noch beten, daß er gleich in die Hölle kommt und nicht im Fegefeuer verharren muß. So einer ist schließlich, wie viele weitere, die den Munddurchfall zuließen, und eigennützig dachten, mitschuld: Zulassen, daß Menschen "näher bei Gott" oder wie immer auch sein könnten, wenn sie nur was "Besonderes" tun.

Dine Petrik (Wien)

Spätnachmittag. Das Musikprogramm in Ö1 wird unterbrochen. Unglaubliches lässt hören. Die Arbeit am Computer verliert sich ins Starren; nach weiteren Meldungen hat sich der Hauch Sommer, der eben noch auf den Dächern stand, aus dem Staub gemacht. Man kann sich wappnen; den starren Rücken mit einem Pullover, das klamme Innere ...

Harald Friedl (Hallein)

Fiktionen: Alles wirkte amerikanisch. Übertrieben. Eine Computeranimation?
Die off-Kommentare unterstrichen das Spektakel. Werner Fritz in Washington wirkt wie ein Spieler. Wegen des technisch schlechten Bildes, dem wiederholten Verweis auf Rauchwolken aus dem Pentagon, die man im Fernsehbild als solche nicht ausmachen kann. Der Kameramann hat Mühe, bei seinen Schwenks zwischen Werner Fritz und dem Hintergrund die Blende den unterschiedlichen Lichtverhältnissen zwischen innen und außen anzugleichen. Das Gesicht des Korrespondenten ist weitwinkelig aufgenommen, sein Gesicht etwas verzerrt. Das Bild wirkt trashig. Wäre es schwarzweiß, dann wäre das Urteil klar gewesen: Fiktion, eine fake documentary.
Der Riese, der sich unverwundbar glaubte, wurde schwer getroffen. Er wird um sich schlagen. Und das wird noch fürchterlicher sein als die Katastrophe heute in New York.

Christopher Staininger (Wien)

rush hour: Ich war noch nie in den Vereinigten Staaten, noch nie in New York. Nie in Manhattan. Ich kenne das World Trade Center nur von Bildern aus dem Fernsehen oder aus Zeitschriften. Die USA aus Büchern wie "Auf nach Amerika" von Michael Scharang.
Und jetzt. Die Beschreibung von New York in diesem Buch stimmt plötzlich nicht mehr.
Zum ersten Mal in meinem Leben fürchte ich mich vor dem 3. Weltkrieg.
Krieg. Krieg. Krieg. Ich bekomme Kopfschmerzen. Krieg. Ich habe keinen Krieg miterlebt, nicht unmittelbar. Ich bin 1970 geboren. Etliche Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs. Ich weiß nicht, wie sich ein Fliegeralarm anhört, wie es klingt, wenn eine Rakete ihr Ziel trifft. Der Krach einer Explosion. Das Einstürzen von Gebäuden. Schreie von Tausenden Menschen. Blut, Trümmer. Abgetrennte Gliedmaßen. Soldaten. Helme, Maschinengewehre. Detonation. Panik. Zerfetzte Menschen. Abgetrennte Köpfe, Arme, Beine. Splitter. Bomben, Handgranaten. Panzer. Jagdjets. Krieg. Pistolen. Männer, die andere Männer hassen. Menschen, die andere Menschen hassen und die einander deswegen umbringen, ermorden. Krieg.
Ich rufe meine Freundin an. Sie weiß noch gar nichts. In ihrem Büro sind die Radiogeräte gar nicht oder nur sehr leise aufgedreht. In kurzen Worten erzähle ich ihr, was ich aus dem Radio weiß. Beinahe fängt sie an zu weinen. Ich höre es an ihrer Stimme. Ich will weg aus dem Büro, zu ihr, aber ich bleibe. Krieg? So schrecklich wird es ja doch nicht sein. Wir vereinbaren, daß sie nach meiner Verabredung mit einem befreundeten Paar zu mir kommt. Zum Glück, ich will heute Nacht nicht allein sein.
Der rote Knopf! Was ist mit dem berühmten roten Knopf? Mir fällt das Musikvideo von "Genesis" ein. "Land of Confusion". In diesem kurzen Film sind alle dargestellten Personen "Spitting Image"-Puppen. Eine dieser Puppen ist der damalige Präsident der USA, Ronald Reagan. Am Ende des Videos drückt diese Puppe den roten Knopf und alles ist aus. Drückt Bush den Knopf? Was ist dieser Knopf? Wo ist er? Ich konnte dieses Lied noch nie ausstehen.
Ich fahre auf dem Gürtel zu Freunden. Das Autoradio ist an. Es ist nach 17 Uhr. Der Straßenverkehr ist heftig. "Rush hour" am Gürtel. Die schrecklichste "Rush hour", die die Vereinigten Staaten jemals erlebt haben, begann heute kurz vor neun Uhr New Yorker Ortszeit. Ich schaue durch Autoscheiben auf andere Menschen. Die Ereignisse scheinen sich zu überschlagen. Die Menschen in den Autos und auf den Straßen scheinen alle Radio zu hören. Ich sehe, wie eine ältere Frau ihr Gesicht in die Hände vergräbt. Weiß sie, was Krieg bedeutet?
Bei den Freunden sind beide Fernseher eingeschaltet. Auf dem größeren Fernseher läuft CNN, auf dem kleineren der französische Sender. Meine Freunde nehmen die Berichte auf Videokassetten auf. Einmal in englischer, ein zweites Mal in französischer Sprache. Ich sehe zum ersten Mal Fernsehbilder von dem unfaßbaren Ereignis. Ein brennender Turm des World Trade Center, und dann rast ein Flugzeug in den zweiten Turm. Live-Bilder! Alles schaut unecht aus. Wie aus einem Hollywood-Action-Film. Alles erinnert an James-Bond-Filme, an Bruce Willis in "Stirb Langsam, 1, 2 und 3". Aber alles ist real. Ich kann nicht bei meinen Freunden bleiben, ich will nach Hause. In meine Wohnung. In Sicherheit.


MITTWOCH, 12. 9. 2001
"Krieg gegen Terror": Nato-Staaten sagen USA militärischen Beistand zu ... FBI hat Urheber der Anschläge identifiziert ... Wall Street bangt um beste Köpfe / Europas Börsen wieder im Plus ... Entführer wurden in USA ausgebildet ... "Eine breite Spur" führt zu Bin Laden ... Geheimdienste ohne Ahnung ... Sonderministerrat und Gedenkminute im Kanzleramt ... (Der Standard, 13. 9.)

Beatrix M. Kramlovsky (Bisamberg)

15 Uhr: Von unterwegs, in der Innenstadt, rufe ich die Kinder an. Wie vermutet sitzen sie vor dem Fernseher. Ihre Stimmen klingen flach. Eine Mail aus Amerika. Freunde sind betroffen, aus ihrer Familie liegt jemand in einer Intensivstation. Außer Lebensgefahr. Andrea sprudelt die englischen Sätze herunter, verhaspelt sich. Ruhig, Kind. Ich komme abends heim, so früh wie möglich. Robert will nicht ans Telefon. Unüblich.
Ich gehe an zwei Männern vorbei, Wiener Akzent.
"Mei Yugo sagt, er find't des toll. Is er deppat? I hob eahm glei ane aufglegt."
Wiederholungstäter.
Mir ist schlecht.
22 Uhr: Andrea hatte am frühen Abend einen Feuerwehreinsatz, ein Kind in einem steckengebliebenen Lift. Eine leichte, eine schnelle Rettung dieses Mal. Reden sie über das, was gestern passiert ist? Welche Bilder geistern durch ihre Träume?
Klaus hat diese Woche keine Flüge, kommt jede Nacht heim. Ein vertrauter, warmer Körper neben mir. Ich darf glücklich sein. Darf ich das?

Christa Nebenführ (Wien)

Tante Ela rief an, um die Geburtstagstorte für meine Tochter zu besprechen. Kurz vor zehn Uhr brach sie das Gespräch mit den Worten ab: "Wir müssen jetzt aufhören, gleich ist die Schweigeminute!"
Natürlich ißt sie am Karfreitag kein Fleisch.

Harald Friedl (Hallein)

Rache: In den Medien ist viel von den Gefühlen der US-AmerikanerInnen die Rede: Rache. Wer erkennt die Gefühle einer Nation?
Als gesellschaftlicher Konsens wird vorausgesetzt. US-Medien produzieren eine antizipierte Gefühlslage. Behauptungen werden aufgestellt: Die amerikanische Öffentlichkeit erwartet ... Ausmerzung.
Die US-amerikanische Kultur übt sich seit hundert Jahren darin, so "Die Zeit", den größten gemeinsamen Nenner einer Population zu erkennen und in Produkte umzusetzen.
Der größte gemeinsame Nenner ist eben nicht nachdenken, Vernunft walten lassen, lernen, zuhören, verstehen. Das Produkt des heutigen Tages lautet: kollektive Rachegefühle. Es kostet nur den Strom für den Fernsehapparat und den Preis einer Tageszeitung, um daran teilzuhaben.
Und der US-Präsident legt das Versprechen ab, diese Gefühle durch Taten zu befriedigen.


DONNERSTAG, 13. 9. 2001
Terroristen kannten Geheimcode des Weißen Hauses: Spion vermutet / USA wollen Helferstaaten des Terrorismus "auslöschen" ... Wall Street nimmt Handel am Montag wieder auf ... Anschläge auf Atommeiler befürchtet ... Warten auf den angekündigten Vergeltungsschlag der USA ... Rohölpreis ist weiter zurückgefallen ... (Der Standard, 14. 9.)

Sylvia Treudl (Wien)

Keine Kraft heute. Nur eine Haut aus Tränen, die mich vollständig einkapselt.
Vielleicht kann ich damit wenigstens die aufsteigende Panik am Auflodern hindern.

Nils Jensen (Wien)

Atemholen. Tagesgespräch alles natürlich. Vortag mit Vorbehalt. Regen. Dann Sonne. Langes Aufstehen, Tee, grün. Nachgrübeln, denken. Was mich noch weiter beschäftigt: Vor wenigen Tagen in Durban wollte man die Israelis wegen ihrer Partie als Rassisten verurteilen, welch Blendung! Eigentlich wollte man ihre staatliche und persönliche Existenz aushebeln, formal zumindest. Ja, sind wir schon wieder soweit? Nix gelernt? Daß die Formen der Auseinandersetzung jetzt andere annehmen, davor haben uns schon große Köpfe gewarnt. Wer hat zugehört? Oder wollen wir nur, daß es endlich heißt "einmal abschließen", weiters "einmal muß Schluß sein"? Aber: Solange aufrecht gehende Hominiden dieses Geoid bevölkern, solange - ach ich weiß nicht, Rationalismus, Humanismus, Aufklärung hin und her. Wenigstens regnet es nicht mehr. Die Kinder sind im Bett, schulisch geht alles o.k. Aber sie fragen, und wie ihnen sowas Arges erklären? Verdeutlichen? Beschreibbar machen? Co meint, ich trinke z. Zt. zuviel. So eine schöne Frau. Drei Gedichte habe ich ihr gewidmet, was heißt das heute. Aber meine Sprache bleibt, sogar wenn ich Märchen schreibe (übrigens die schönste literarische Aktion, um der Zensur zu entfleuchen). Und bei allem Greuel: die Zensur (Meldungen, Infos, Inhalte), die passiert. Rückbesinnung also: auf den "Geschmack", auf das Haare-Aufstellen am Hinterkopf, darauf muß ich mich bescheiden. Stimmt ja meistens, diese Warneinrichtung, ich lebe schon lange genug mit Erfahrung und Geschichte. Als Kennedy ermordet wurde, war ich im Internat, und in der Nacht haben die Patres uns sogar informiert (und inständig gebetet). Wir lagen in den Betten im Konvikt, und jedes Brummen eines Flugzeugs darüber war wie eine Kriegserklärung. Damals war die Angst noch unbestimmt. Heute weiterhin und größer.

Harald Friedl (Wien)

Krieg: Mail von Kathleen Shull aus New Mexico (abgeschickt am 11. 9. um 23 Uhr 11 US-Zeit, eingetroffen heute. Stilistisch nicht korrigiert):
"Harald, alles in Ausnahmezustand, verrueckt, unglaublich, da waren schon Benzin Linien, nicht weil die ausverkauft sind, aber alle sind so nervös, was passiern will, und wütend schauen die Leute aus. [...] Beide meine Kinder sind in Deutschland bei ihrem Vater und ich bin so nervös, dass sie English auf der Strasse reden werden und vielleicht Probleme bekommen, you will think this is overreacting, but I know we will go to war as soon as they find out who did it and there will be immense repercussions from all of this and people will be upset and hurt one another out of fear.
Gruesse und alles Liebe fuer euch beide, people are very upset, though they aren't panicked or anything, just stunned and shaken, but you can see the emotion on everyone's faces, they closed the Starbucks I tried to get a coffee at and study at, they closed all the stores in Tucson and my brother said they evacuated [...] They didn't let anyone fly and I have never seen our politicians look so grim and united."
Ein Terrorgruppe allein auszuschalten, wäre als Ziel der Rache zu klein und zu minder.
Es werden Staaten sein, welche die USA mit ihren Verbündeten angreifen.

Beatrix M. Kramlovsky (Bisamberg)

17 Uhr: Robert verschlingt die Zeitungen, aber er will nicht mit mir über die Geschehnisse reden. Andrea hingegen fängt schon bei der Haustür an. In der Schule gibt es glücklicherweise genügend Professoren, die auf Fragen eingehen.
Die Freunde haben aus Los Angeles angerufen, sitzen dort fest. Noch vor wenigen Monaten hatten wir nach hitzigen Diskussionen nur zögerlich den Kontakt wieder aufgenommen. Das spielt nun keine Rolle. Es scheint im Augenblick nur um die Tat an sich zu gehen.
Und wie stehst du jetzt zum Islam?
Wir reden doch von Terrorismus, nicht über Religion.
Bei gewissen Leuten scheint es das Selbe zu sein.
Ich habe es immer als mein größtes Talent angesehen, mit vielen Menschen sehr unterschiedlicher Weltanschauung befreundet zu bleiben, auch wenn wir konträr denken. Keine Missionierung, selbst wenn es manchmal schwer fällt. S. versteht bei mir einfach nicht, warum ich freiwillig in den Iran gereist bin, fasziniert mit Menschen arbeite, den Umgang mit ihnen pflege - trotz Zensur, Schwierigkeiten, den Auswirkungen einer fundamentalistischen religiösen Strömung. Ich habe es ihr gegenüber nie beschönigt. Ich habe von meinem Gefühl der Erniedrigung gesprochen, den Gesetzesauslegungen, die mich zornig und unvorsichtig machen. Aber ich habe ihr auch von den vielen erzählt, deren Gedanken ich als Bereicherung ansehe, trotz oder gerade wegen ihrer anderen Wurzeln. S. war entsetzt. Der Begriff der Freiheit sollte mir doch heilig sein. Sie verteidigt den Freiheitsbegriff der weißen, gebildeten, reichen, presbyterianisch erzogenen Amerikanerin, der ihr persönlicher ist, höchstwahrscheinlich wenig zu tun hat mit der Vorstellung, die ein Farbiger pflegt.
Welche Freiheit hat man bei euch, wenn man nicht der jeweiligen Norm entspricht?
Das ist jetzt dumm von mir und völlig unnötig.
S. hat Angst vor anderen Kulturen. Sie hat schlechte Erfahrungen gemacht, als sie, protestantisch in ihrem Denken durch und durch, beruflich in einer jüdisch geprägten Branche auf ihr Außenseitertum nicht immer nur subtil hingewiesen wurde. Muster, Schablonen, Schnitte. Wir merken doch oft gar nicht, welche Ungeheuerlichkeiten wir alle von uns geben. Das Gedankengut und die Erfahrungen der Eltern schleppen wir mit, auch wenn wir es nicht wollen. Alle. Juden, Christen, Moslems. Hindus. Wir lügen uns erfolgreich vor, daß wir unsere Freiheit verteidigen, und geben doch nur der Gier nach Macht nach. Es hat nichts mit religiösen Inhalten zu tun.
Du flüchtest dich in einen Satzsalat und ich verstecke mich hinter einer Schwarzweißsicht.
Sie lacht.
Beiden hilft es im Moment. Wir brauchen beide Krücken.
Wie recht sie doch hat.

Barbara Neuwirth (KünstlerInnenhaus Schloß Wiepersdorf)

Auf einen Anruf von Wolfgang Freitag aus dem Presse-Spektrum hin setze ich mich am Tag nach der Katastrophe hin und versuche, meine auseinanderlaufenden Gedanken in 1800 Zeichen zu komprimieren. Die Endfassung des Textes vom 13. September:

"Wie das Zitat eines amerikanischen Katastrophenfilms lief am 11. September 2001 auf diversen Fernsehkanälen die Übertragung eines unerwarteten und erschütternden Szenarios. Aber die Megakatastrophe war live, und die amerikanischen Helden zur Rettung der zufälligen Opfer blieben aus. Die Grausamkeit der Anschläge war umso wirksamer, weil sie sich vor unseren Augen abspielte und weil sie nicht nur sensationelle Kraft gegen die politische Weltmacht zeigte, sondern auch, weil die Zufälligkeit, Opfer zu sein, auf jeden einzelnen von uns verwies.
Daran knüpfen sich die Erinnerungen an Konflikte, an denen die US-amerikanischen Machtzentren in oft unrühmlicher Weise beteiligt waren (und sind) und die ernüchternde Erkenntnis, daß der sogenannte Kampf der Kulturen erneut angeheizt wird und die Wut undifferenzierte Gewaltakte gegen Menschen aus anderen kulturellen Zusammenhängen zu rechtfertigen scheint.
Aus der Sprachlosigkeit heraus schälen die Helden der getroffenen Nation noch am selben Tag das große Wort: Krieg. Zwar bezeichnet dieses Wort Kämpfe zwischen großen Gruppen oder Staaten, aber die Wunde ist so groß, daß auch der Feind groß sein muß. Für ihn gibt es bald auch Namen und eine Verallgemeinerung. Schon ist der Kampf der Kulturen beschworen, auch wenn zugleich zur Mäßigung aufgerufen wird. "Das Gute" will gegen "das Böse" zurückschlagen, um den Krieg weiterzuführen, in den es sich so überraschend und plötzlich gestellt sieht.
Mit Krieg hat all das schon zu tun: daß Unschuldige ermordet werden. Daß man "den Feind" demütigt. Daß Ideale beschworen werden. Terror und Krieg haben weder Religion noch Nation, diese Aussage ist wahr. Aber ebenso wahr ist, daß im Namen von Religion und im Namen von Nationen Kriege geführt und unbeteiligte Menschen getötet wurden und werden. Ebenso richtig ist auch, daß der Krieg ein Geschlecht hat. Daß die Täter, die Militärs, die Politiker vor allem Männer sind, die für ihre Ideale Menschen zu opfern bereit sind. Macht, die auf Gewalt basiert, verursacht menschliches Unglück. Wir sind aufgerufen, statt über Krieg über Konditionen des Friedens zwischen den Völkern zu sprechen."


FREITAG, 14. 9. 2001
USA mobilisieren für Gegenschlag/Bush holt sich Kongreßvollmacht ... Luftfahrt verliert 152 Milliarden Schilling ... Washington macht bereits mobil ... Amerikaner stehen hinter George W. Bush ... Die Europäer zögern mit dem "Blankoscheck" ... Das Rezessionsgespenst geht um ... Wie im Kino. Wie im Krieg. Wie denn wirklich? ... (Der Standard, 15. 9.)

Manfred Chobot (Wien)

beim aufwachen beschäftigt mich seit den letzten tagen die vorstellung, was man fühlt und denkt, wenn man bei der arbeit sitzt im soundsovielten stock eines hochhauses und plötzlich ein düsenjet in den raum eindringt, unvermittelt alles zerstört, feuer ausbricht, die fluchtwege versperrt, einem keine chance läßt, in irgend einer weise zu reagieren. auf der stelle zu sterben, ohne langwierige gedanken, ist ein glück. wenn der tod dich aussichtslos einkesselt, bleibt dir zwar eine entscheidung, begrenzt auf deine art des todes. wohl deshalb sind einige menschen aus den fenstern gesprungen, wissend, daß aus dieser höhe keine hoffnung besteht, selbst als krüppel zu überleben. da helfen weder sprungtücher noch zufälle, weich zu landen.
die mehrmals gesehenen bilder von verschiedenen perspektiven, wie das flugzeug in den turm eindringt, bekomme ich nicht mehr aus meinem kopf. dennoch ertappe ich mich dabei, daß ich die bilder noch einmal sehen möchte. als wäre es eine geilheit nach einem computerspiel oder einem schlechten action-film.

Ludwig Laher (Kopenhagen)

Ich gehe am Abend an der amerikanischen Botschaft in Kopenhagen vorbei. Tausende Blumengebinde und Kerzen stehen vor dem langgestreckten Gebäude, Hunderte Menschen stehen da, beten, singen "We shall overcome". Bin ich schon so hinüber, daß mich Kundgebungen von Solidarität mit den Opfern des Terrors nicht mehr anrühren, wie sie sollten? Ist mein spontaner Gedanke, warum es der gleichgeschalteten Medienwelt gelingt, für gewisse Betroffene, die Opfer der business class, alle menschlichen Regungen aufzukaufen, während, sagen wir, die gesteinigten Frauen und an lächerlichen Krankheiten sterbenden Mädchen Afghanistans, denen medizinische Pflege verweigert wird, kalt lassen, Hunderte vom Staat hingerichtete US-Bürger, deren Prozesse oft genug manipuliert ablaufen, um irgendwen zum Totspritzen zu haben, wurst sind, ist dieser Gedanke vor der US-Botschaft in Kopenhagen, wo ein vierjähriges Mäderl gerade wieder einen Strauß Blumen ablegt, frivol?

Barbara Neuwirth (KünstlerInnenhaus Schloß Wiepersdorf)

Abends bin ich mit 9 StipendiatInnen im Ranchhouse in Mainsdorf: wir essen in jenem Teil des Lokals, der sich amerikanisch gibt. Der andere Raum, Märchenwald genannt, dessentwegen Gil Shachar uns hierher geführt hat, ist ungeheizt und auch ungemütlich. Die Märchenfiguren-Show allerdings beeindruckend. Statt zwischen Zwergen und anderen Figuren aus Grimms Märchen, drittellebensgroß, sitzen wir also zwischen Hunderten Ostdeutschen, die ebenso wie wir das All-you-can-eat am Freitag ausnützen - und von denen viele die Speisekarte buchstäblich rauf und runter essen. Angesichts der Mengen, die verschlungen werden, rührt sich unser Mitleid mit dem Wirten. Wie kann er das finanzieren? An der Wand hängt, unter der amerikanischen Flagge, eine große Landkarte: Europa im 18. Jahrhundert.
Nach dem Essen kommen wir müde ins Schloß zurück. Wie in den letzten Tagen auch kommt nur mühsam Stimmung auf. Nadja Einzmann bemüht sich zu erklären, daß die Kunst in einer künstlerischen Form auf alles reagieren müsse, aber ihr ist selbst unklar, wie das geschehen könnte.
Mich wirft das zurück: ich habe keine künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten für aktuelle Fragen oder für Fragen der Politik überhaupt. Und ich finde vieles, was sich mir als künstlerische Auseinandersetzung mit den aktuellen Fragen darstellt, überflüssig. Weil es mich nicht bewegt. Weil ich mich damit nicht beschäftigen will - weil es mich in ein schlechtes Gefühl führt. Ins Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit. Dorthin soll mich keiner bringen. Auch die Kunst nicht.

Dine Petrik (Wien)

Dieses Entflammen. Verbrennen. Nicht aus dem Kopf zu schlagen. Bersten.
Splittern. Einbrechen. Stürzen: Stahlspieße - Hacksäbel - Preßplatten - Glaspfeile.
Dieses Zerschneiden. Zerreißen. Was für ein Material. Weich und warm. Tausende Leiber: Durchstoßen. Zerquetschen. Erdrücken ...
Noch am Leben. Wie lang dauert Sterben. Doch lieber gesprungen. Ein mutiger Sprung wäre der schnellere Tod gewesen. Der schmerzlosere. Jetzt spürst du nichts mehr. Wo die Stimme ist. Im Schutt begraben. Komm schnell - Lieber. Dort mein Fuß - Da mein Kopf. Mein letztes Wort - Gilt es - Der Schlaf läßt sich suchen. Bilderangriffe. Alles real. Live shows inside.
Großaufnahmen. Von oben nach unten - und Schwenk. Jede Seite. Bilderwaffen. Feuerbelichtet. Unschätzbare Werte. Ein Hoch der High Tech! Gehen ein in die Geschichte! Wie das glorreiche Siegen im Golfkrieg: Der baffen Welt live präsentiert, wie der "state of freedom" mit Schurkenstaaten verkehrt. "God Bless America!"
Dieses Fallen und Schweben. Stürzen. Fliegen. Toll, dieses neue Jahrtausend! Daß der Mensch zeigen kann, was seit Ikarus jedem mißlang. Lang dauert es. Eine Minute ist eine Ewigkeit lang. Lang genug, um das Warum nicht zu begreifen. Um abzuschließen. An Wunder denken. Einer, der aus der achtzigsten Etage hüpft - aus der Schräge, die unter den Füßen wegbricht, weg vom Feuerschlot, andere, die der Explosionsdruck durchs Fenster weht.
Sprungtuchgedanken. Magen im Hals. Erstickte Laute. Der Rest ist - Wo bleiben die Bilder? Man ist auf mehr eingestellt, aufs Allerletzte! Das ist unerträglich. Feuerbälle rollen aus dem Gesicht. "May God bless America!", wiederholt George W. Bush in Gebetsmühlenart.
Gelingt mir auch die Bewunderung nicht, Amerika - schon gar nicht unter diesem Präsidenten - mein Mitleid hast du, tiefes. Mitleid und Achtung gegenüber den Opfern. Und auch mit denen im Irak - im Kosovo - in Vietnam. Und auch das gehört auf kein anderes Blatt: Das die Türkei unterstützende Wegschauen beim Ausradieren von Kurdendörfern - beim Vertreiben und Töten der Kurden.

El Awadalla (Wien)

Ein deutscher Journalist spricht von den "islamistischen Staaten", statt von den islamischen. Ich zappe weiter, auf dem nächsten Sender dieselbe Wortwahl. Zufall? Radio Orange diskutiert auch zum Thema, erfrischend klug. Die Täter sind identifiziert, es sind Araber. Das war nach dem Oklahoma-Attentat auch so. Ich hoffe, wenigstens wünsche ich mir, daß es doch die amerikanischen Faschos waren. Der Wandertag gegen die NATO morgen in Fohnsdorf ist abgesagt, obwohl das Manöver weitergeht, als wäre nichts geschehen. Überall ist irgendwas abgesagt worden, nur die NATO-Manöver gehen weiter, wie symbolisch.
Ich gehe auf die Bank, am Marktamt hängt die österreichische Fahne mit Trauerflor. Ich glaube, ich spinne. Wo war die Fahne, als Belgrad bombardiert wurde?
Mein Alltag fängt wieder an. Ich gehe mit Michi1 Jeans kaufen, dann zum Fußballtraining. Wenigstens dort redet niemand von New York. Die Hysterie nimmt zu, wer einen arabischen Namen trägt, könnte verdächtig sein. Mein Name ist arabisch, aber ich sehe nicht arabisch aus, was für ein Glück. Yasser2 sieht ganz deutlich aus wie ein Araber. Er war mit seiner großen schwarzen Sporttasche in der Stadt unterwegs. Viele Leute hätten ihn mißtrauisch angesehen, erzählt er. Er fühle sich seit Tagen nicht mehr wohl. Ich auch nicht, hoffentlich heißt keiner der Verdächtigen Awadalla. Schon vor Monaten, als ein mutmaßlicher Hamas-Aktivist namens Awadalla (mit dem ich weder verwandt noch verschwägert bin, das funktioniert beim System arabischer Namen nicht, aber wer weiß das schon) in den Medien genannt wurde, fragten mich viele Leute, ob ich mit ihm verwandt sei. Kaum auszudenken, was jetzt, bei dieser Hysterie alles passieren könnte.
Am Abend sitze ich wieder vor dem Fernseher, dazwischen räume ich ein bißchen auf. Auf allen Sendern Bin Laden, der Islam, AraberInnen. Europa trauert, die deutschen Kirchen sind voll. Trauert ganz Europa? Nein, nur das christliche, das islamische wurde nicht eingeladen.
Wenn ich mir die Stellungnahmen der USA und ihrer eifrigen europäischen Unterläufel anhöre, glaube ich, daß sie sich das Attentat selbst gemacht haben, zu geschmiert läuft die Propagandamaschine.

Christopher Staininger (Wien)

Der dritte Tag nach dem Luftangriff auf das World Trade Center und das Pentagon. Powell spricht von Krieg. Von einem langen, auf vielen Fronten zu führenden Krieg. Die Streitkräfte der USA sind in höchster Alarmbereitschaft. Die amerikanischen Soldaten bereiten sich auf einen Angriff vor, ohne zu wissen, wen sie angreifen werden.
Die Vereinigten Staaten haben den nationalen Flugverkehr wieder aufgenommen. Angeblich war Michael Jackson die einzige Person in Amerika, die am Dienstag nach dem Angriff New York mit ihrem Privatjet verlassen durfte. Popstars dürfen das. Michael Jackson fliegt auf und davon.
Die vergangenen beiden Tage waren anders. Nichts schien mehr normal zu sein. In jeden Bereich meines Lebens hat sich das Unglück von Amerika eingeschleust. In die Beziehung zu meiner Freundin, in meine Arbeit, in meine Wohnung. Egal mit wem ich rede, jeder spricht über den Terrorkrieg.
Meiner Freundin ist es besonders am Mittwoch sehr schlecht gegangen. Sie war traurig und verzweifelt. Und ich wußte nicht, wie ich sie trösten sollte.
Abends: Meine Freundin ist heute abend nicht in Wien. Sie ist zu ihrer Familie nach Niederösterreich gefahren. Es geht ihr besser. Im Fernsehen immer wieder Bilder aus den USA. Sie sprechen von einem Einsatz der US-Bomber gegen Afghanistan. Sie nennen es Selbstverteidigung. Gefechtsbereitschaft. Einberufung von Reservisten. 40 Milliarden Dollar für die Vergeltung.
Ich sitze in meinem Wohnzimmer. In Wien hat es gerade zu regnen aufgehört. Möglicherweise sind neue Anschläge gegen die USA geplant. Ich vermisse meine Freundin. Ihr Schwager feiert morgen seinen 30. Geburtstag. Ich überlege immer noch, ob ich die Einladung zu diesem Fest annehme. Mir ist nicht nach Feiern. Aber ich will meine Freundin sehen. Ich hätte sie jetzt gern bei mir. Was, wenn sie ein Atomkraftwerk in die Luft sprengen?
Tag der Trauer. Sie haben den 14.09.2001 zum Tag der Trauer erklärt. Ich fahre um 20 Uhr zu einem Freund und bin froh, den heutigen Abend nicht allein zu verbringen. Überall auf der Welt gedenken die Menschen der Opfern der Anschläge von New York und Washington. Ich denke an meine Freundin und freue mich auf morgen.


SAMSTAG, 15. 9. 2001
George Bush ruft zum ersten Krieg im 21. Jahrhundert auf ... USA marschieren direkt in Richtung Krieg ... Das FBI glaubt, auf eine erste heiße Spur gestoßen zu sein ... "Etwas tun, ganz egal, was" ... Harter Schlag für die Weltwirtschaft ... 40 Österreicher: Schicksal noch ungewiß ... Freddy Quinn wird 70 ... (Kurier, 16. 9.)

Beatrix M. Kramlovsky (Bisamberg)

Ich weiß, daß ich in mir eine Waffenkammer mitschleppe, deren Tür nur notdürftig verschlossen ist. Ich habe Angst davor, die Kontrolle zu verlieren, und genau davor habe ich auch bei den anderen Angst. Nicht zu wissen, wohin alles führen mag, entschuldigt nicht. Strahlende Kriegshelden sind immer blutverkrustete Chimären.
Heute nacht wird Spielbergs Searching Private Ryan gezeigt. Ich werde ihn mir nicht jetzt anschauen.
Robert wird morgen so alt, wie die meisten Soldaten sind, wenn sie mit herausquellenden Gedärmen, weggeschossenen Beinen, zerquetschten Augäpfeln dem Tod entgegenschreien. Ich habe unsere lebenden Kinder nicht für so ein Ende geboren. Ich habe unsere toten Kinder nicht wegen einer solchen Möglichkeit verloren.

Harald Friedl (Wien)

Saturn Hansa, 4. Etage: 16:9 TV-Schirm (125 Zentimeter, 100 Herz um ATS 159.990.-), CNN. Moderatorin im Studio, eingespielte dokumentarische Bilder. Als Fußzeile durchgehend: "AMERICA'S NEW WAR". Ein Kunde sitzt im weißen Regiesessel. Testsehen, testhören. In Quadrophonie.
Ich höre mit. Moderatorin: "See this extremely powerful shot!"
Gezeigt wird ein Foto von Feuerwehrmännern, die über den Trümmern des World Trade Centers eine US-Fahne aufziehen. Gestellt sein als Momentaufnahme patriotischer Inszenierung?
George Double You Bush hält nah den eingestürzten Türmen eine Rede vor Helferinnen und Helfern. Er spricht über Megaphon. Seine Stimme klingt wie Blech: "Thank you for making a nation proud!"
George Double You lacht. Ein Sprechchor antwortet ihm. "JU.ES.EI - JU.ES.EI - JU.ES.EI -"
George Double You lacht. Ein Sprechchor antwortet ihm. "JU.ES.EI - JU.ES.EI - JU.ES.EI -"
Bush fällt nicht in den Chor ein: "God bless America."
Im Lift: 3. Etage / 2. Etage / 1. Etage. Erdgeschoß. Die Menschen scheinen noch nicht so recht zu wissen, was sie von allem halten sollen, von den Terroranschlägen, von der Stimmung in den USA, vom angekündigten Krieg. Aber noch ist nicht Krieg. Am Abend wird getanzt werden. Alles ist offen.
Wienenergie / Plaza / Minimundus.
Intersport. So wirken auch die Menschen: unentschieden. Wenn die große Entscheidung auf politischer Ebene gefallen ist, werden sich auch die kleinen Leute entscheiden (wer wäre, gemessen an einem großen Krieg, nicht klein?). Daher müssen die Menschen immerhin wissen, wo sie stehen. Sich am Faktischen zu orientieren, ist nicht irritierend. Also wird entschieden, entweder prinzipiell gegen Krieg zu sein oder ihn verständlich und gerecht zu finden.
Tropical Drink / Bananamix / Bärenfit.
Fresh Power Mix. Wer auf der Seite der USA ist, wird jeden Tag auf der Gewinnerseite stehen. Dafür sorgen die Nachrichten. Das österreichische Fernsehen bezieht seine Bilder von der Weltmacht. Bilder des Sieges. Bilder der Verlierer werden spärlich geboten werden, anfangs gar nicht, weil die Verlierer verlieren, weil sie zu langsam sind. Auch in der Produktion der Bilder.
Auch der Ton der Nachrichtensprecher wendet sich speziell an die, welche den Krieg gerecht finden. Es ist ein Sportton, ein Ö 3 Ton. Die Stimmen werden durch Kompressoren technisch gepreßt und geboostet.
Ritter aus Leidenschaft / Schokolade zum Frühstück / Jurassic Park III.
Planet der Affen. Die Menschen wollen auf der richtigen Seite stehen. Und da den meisten die Argumente fehlen, wer denn nun recht hat, die Kriegsgegner, die Kriegstreiber, werden sie sich auf diejenige Seite schlagen, die gewinnt (was kann falsch daran sein zu gewinnen).
JU.ES.EI - JU.ES.EI.
Echtes Last Minute / Quick Sandwich / Max.Shop.
Aurafotografie. Wer konsumiert, will genießen. Medien werden konsumiert, genossen. Ihre Dauerbotschaft wird lauten: Dieser Krieg ist verständlich, Amerika hat gelitten. Dieser Krieg ist gerecht. Wir stehen im 16. Jahrhundert der gerechten Kriege. Bellum justum, postuliert von einem Heiligen. Augustinus (354 bis 430 n.u.Z.): Der Krieg der Guten gegen das Böse.
De civitate dei.
Augenarzt / Professional Piercing / Frontline.
Zielpunkt. Die USA betrachten die Welt als eine Rugby-Liga, in der sie die teuerste Mannschaft stellen und sämtliche Schiedsrichter. Sich für oder gegen eine Kriegspartei zu entscheiden, ist eine sportliche Entscheidung. Und wenn man nicht genügend Gründe kennt, für oder gegen die eine oder andere Mannschaft zu sein, entscheidet man sich für die stärkere. Wer will nicht am Ende mit dem Sieger jubeln. Und der Sieger steht von vornherein fest. JU.ES.EI. Selbst die eher Skeptischen werden den Krieg, wenn schon nicht toll, so doch zumindest spannend finden. Schnelligkeit ist erregend. Und nichts ist schneller als eine Detonation. Die sieht man sich dann auch gerne in Zeitlupe an.
Zum Abschied von der Mariahilfer Straße sehe ich zum Flakturm hin: ZERSCHMETTERT IN STÜCKE (IM FRIEDEN DER NACHT) steht darauf geschrieben.
Im Weitergehen lese ich: Original Blaschke Kokoskuppel. Macht rundum glücklich.

El Awadalla (Wien)

Das jemenitische Haus auf der Expo fällt mir ein. Draußen hatte es 38 Grad im Schatten - wir waren gerade in der größten Hitzewelle in Hannover -, drinnen war es angenehm kühl, wir lagen auf Matratzen, sahen uns den Raum an. Danach lagen wir noch in Usbekistan, in Afrika, in Österreich, in Argentinien. Aber am schönsten war das Liegen im Jemen gewesen.
Die Lehmmoscheen in Mali fallen mir ein. Die würde ich gern einmal sehen, betreten, berühren. Der Felsendom und die al-Aqsa-Moschee sind auch beeindruckend in ihrer Üppigkeit, auch die große Moschee von Dakar ist schön, aber die Moscheen aus Lehm und Holz, jahrhundertealt und schmucklos, die würde ich gern sehen.
Raymonda Tawil, Fatima Mernissi, Aicha Lemsine, Nawal as-Sadacawi - arabische Autorinnen, deren Bücher mich sehr beeindruckt haben, Nobelpreisträger Nagib Mahfus, Friedenspreisträgerin Assia Djebar, Tahar Ben Jelloun, der erst letztes Jahr ein Buch für Kinder herausgebracht hat, in dem er zur Verständigung zwischen den Kulturen aufruft - sie alle sind BarbarInnen?
Ich suche die syrischen Rittergeschichten von Usama bin Munqid (1095 - 1188) heraus. Der Namensvetter von b. Laden machte sich während der Kreuzzüge über "die Franken, Gott mache sie häßlich" und ihre Primitivität lustig. Die Franken, für ihn alle Europäer, teilen sich, so erklärt er, ebenso wie die Araber in verschiedene Stämme. Doch primitiv sind sie alle. Er beschreibt ein Rennen von zwei alten Frauen um ein geschlachtetes Schwein. Die beiden Alten werden während des Rennens von Rittern zu Pferd gestoßen, und jedesmal, wenn sie hinfallen, brüllt das Publikum vor Begeisterung. B. Munqid ist empört über solche Belustigungen. Die medizinischen Kenntnisse der "Franken, Gott lasse sie allesamt im Stich" kommentiert er auf das Abschätzigste. Die "Franken, Gott lasse sie ertrinken", brachten ihre Verwundeten zu arabischen Ärzten, weil sie bei den ihren gestorben wären. Noch ein Buch suche ich: Al-Mascudis (gest. 956) Reiseberichte. Er war in Indien, hat über China berichtet, vier Jahrhunderte vor Marco Polo. Überall konnte der Marokkaner als arabischer Gelehrter seinen und den Unterhalt seines Gefolges verdienen. Zu seiner Zeit wurde in Timbuktu der Reichtum in Büchern gemessen.

Sylvia Treudl (Wien)

Jakov Lind fällt mir heute in die Hand: "Wenn der Krieg einmal vorbei ist, hat man auch nicht viel davon. Dann gibt's nämlich einen dritten, vierten und fünften Weltkrieg, bis am Ende nur die Blattläuse und Zecken übrigbleiben." ("Eine Seele aus Holz")
Erschrocken lege ich das Buch zurück ins Regal. Ist die Welt endgültig an einen Punkt gekommen, wo die Lebenden die Toten beneiden?
Ich versuche herauszufinden, was meinen ganz individuellen Horror bedingt. Zwar hat meine Generation bislang die Gnade erfahren, selbst nicht unmittelbar von Krieg betroffen zu sein. Was aber nicht bedeutet, daß die Welt friedlich organisiert wäre. Ein Freund aus Sofia erinnert mich daran, daß Terror auch kein ganz neues Phänomen ist. Ich weiß, er hat recht.
Ist es eine grauenhafte Rechnung, die sich an der Quantität der Leichen orientiert? Ist es noch viel schlimmer, und geht es um die Qualität der Toten, mit deren Auslöschung plötzlich nicht anonyme Opfer eine schreckliche Statistik ergänzen, sondern auf einmal ist die gesamte westliche Zivilisation bedroht? Ich rudere in meinen Ängsten, meinen unsortierbaren Gedanken herum wie in zähem Schleim.
Ich betrachte das Gesicht eines der mutmaßlichen Todespiloten in der Zeitung. Nein, er sieht nicht aus wie der Teufel. Wären unsere Geburtsjahrgänge kongruent, hätten wir uns vielleicht an der Uni getroffen. Hätten wir vielleicht dasselbe Seminar auf der Politikwissenschaft besucht, hätte er in Wien studiert. Hätten wir uns vielleicht über Ideologien und Systeme unterhalten. Wären wir wahrscheinlich nicht einer Meinung gewesen. Hätten wir vielleicht trotzdem nach der Vorlesung ein Bier zusammen getrunken. Was treibt Menschen dazu, den eigenen Tod und den von unzähligen anderen in Kauf zu nehmen, um eine Ideologie zu vertreten? Wie haben sie gelebt, wie haben sie sich auf den Tag X vorbereitet? Voller entrüstetem Unverständnis will mir die Emotion durchgehen. Sich in gerechtem Zorn gegen jene wenden, die Individuen zu menschlichen Bomben machen, den Tod auf allen Seiten kühl mitkalkulieren. Bis mir einfällt, daß jede/r SoldatIn jedes Landes dieser Erde, das eine Armee unterhält, gezielt zum Töten ausgebildet wird. Sind die Unterschiede rein rechtsstaatlicher Natur oder philosophisch / moralisch argumentierbar? Das erlaubte Töten versus das nicht erlaubte? Ich drehe mich im Kreis. Die Bilder, diese schrecklichen Bilder. Und was ist mit jenen, die nie gezeigt wurden, weil andere "Krisengebiete" dem medialen Achselzucken anheim fielen? Nein, ich habe kein "Verständnis" für den Terror, und es ist mir egal, von welcher Seite er kommt, ich habe auch kein "Verständnis" für den Krieg, und es ist mir weiters egal, ob es sich um zivile oder andere Opfer handelt.
Dem Tod ist es auch egal.


SONNTAG, 16. 9. 2001
Taliban sollen binnen drei Tagen Osama Bin Laden ausliefern / Pakistan sucht Vermittlung in letzter Minute / Fluchtwelle aus Afghanistan ... Verdacht: Terroristen verdienten an der Börse ... "Wir werden sie aus ihren Löchern ausräuchern" ... Washington konzentriert Kräfte ... Drei Tage Frist zur Auslieferung ... Kampfgeist / Kriegspropaganda der Taliban findet in Kabul wenig Widerhall ... Fromm, schweigsam, sehr guter Studienerfolg / Wie Attentäter lebten ... Behörden verfolgen 36.000 Hinweise / 27 Zeugen in Haft, 100 noch gesucht ... (Der Standard, 17. 9.)

El Awadalla (Wien)

Ich zappe zum Frühstück durch die Kanäle, sehe amerikanische Soldaten.
Haben sie schon mit ihrem Krieg angefangen? Nein, es ist nur ein Hollywoodfilm. Ausatmen. Ich zappe weiter. Auf den Trümmern in Manhattan prangt neben einer amerikanischen Fahne ein Transparent: We defend Freedom. Welche Freiheit? Die Freiheit, die Welt weiterhin ausbeuten zu können? Die Freiheit, nach Belieben Diktatoren ein- und absetzen zu können? Dieser Freiheit sollen wir die Privatsphäre opfern? Nie wieder ohne drittes Ohr telefonieren dürfen? Jede E-Mail in einem amerikanischen Geheimdienstarchiv abgelegt wissen? Überall von der Videokamera verfolgt werden? Wie war das mit der englischen Journalistin? Sie wurde vor ihrem Haustor erschossen, ging davor durch die Blickfelder von vierhundert Kameras - aber den Mörder hat niemand gesehen. So what?
Bin Laden weist in einer Pressekonferenz alle Schuld von sich.
Israel greift Gaza an, verlangt aber gleichzeitig zwei Tage Waffenstillstand von den Palästinensern als Voraussetzung für Friedensverhandlungen. Wie soll das gehen? Israel bombardiert vorzugsweise palästinensische Polizei- und sonstige Sicherheitseinrichtungen und pudelt sich dann auf, daß die Palästinenser nicht für Ordnung sorgen. Na wer denn? Der kleine Ali von vis-à-vis? Es interessiert sowieso niemanden, weil alle Welt auf die Trümmer in New York schaut.
In Afghanistan machen sich die Leute auf die Flucht, der Iran will die Grenzen schließen, Pakistan auch. Australien hat schon vor dem Attentat geschlossen. Nauru, der kleinste und keineswegs reichste Staat der Welt hat fast 400 Flüchtlinge aus Afghanistan aufgenommen, weil Australien sie nicht wollte, wegen Wahlkampf. Und jetzt? Wohin sollen die Leute gehen? Was können sie für Bin Laden und die Taliban? Sollen sie dem Deppen aus Texas geopfert werden?
Bolero von Ravel in Ö1. Michi experimentiert mit Eis, friert Figuren aus Überraschungseiern ein. Ich muß das Gefrierfach dauernd auf und zu machen und erklären, warum Eis mehr Platz braucht als Wasser. Er fragt, ob Kinder auch umgekommen sind. Anscheinend nicht, das beruhigt ihn. Ich muß daran denken, daß vielleicht Haustiere, Kaninchen, Meerschweinchen, wasweißich, was in New York üblich ist, in den Wohnungen der Toten verhungern und verwesen.

Barbara Neuwirth (KünstlerInnenhaus Schloß Wiepersdorf)

Auf eine seltsame Weise hat die ständige Wiederholung der medialen Abbildung der Katastrophe bei mir bereits jetzt eine Sättigung erreicht, die sich in einer Abkehr niederschlägt. Man könnte auch sagen, daß die Verdrängung bereits funktioniert. Seit fünf Tagen sprechen die US-Amerikaner vom Krieg, aber sie haben noch keine übereilten Bombenabwürfe gestartet. Das allein überrascht mich schon so, daß mir scheint, als wäre alles nun in Ordnung. Als würde die "Gegenattacke" nicht mehr stattfinden, weil die Vernunft sich bereits durchgesetzt hat. Ich bin eingelullt, bereit, die Nachrichten abzudrehen, weil nichts mehr Neues zu berichten ist und ich die alten Katastrophennachrichten schon längst abgespeichert habe.
Ich sitze hier in einem Schloß in der von Arbeitslosigkeit gepeitschten Mark Brandenburg - an die 20 Prozent Arbeitslose - umgeben von mehr oder weniger schöngeistigen Menschen und empfinde, daß alles wieder seinen Gang in die Normalität zu finden begonnen hat. Und dann weiß mein Kopf, daß in den USA Sonderbudgets nicht nur für den Aufbau nach den Zerstörungen locker gemacht wurden, sondern auch als Budget für die Vernichtung der Schuldigen hinter den Schuldigen. Daß weiterhin in den USA das Wort War benützt wird. Daß amerikanische Flaggen als Symbol des Staates verteilt werden und die Wimpel von den Kindern geschwungen werden. Und warum ist mir das widerlicher als die palästinensischen Kinder, die auf der Straße tanzten, weil die Erwachsenen ihnen vorführten, daß die Verletzung des Feindes Freude auslöste bei ihnen? Warum bin ich so schnell bereit, die Schwächen und Symbole der Macht bei denjenigen hinzunehmen, die ich für Benachteiligte, Unterdrückte halte? Warum lege ich verschiedene Maßstäbe an? Denn selbst wenn dies begründbar wäre und deshalb in einer gewissen Weise berechtigt - so gerecht mag ich gar nicht sein, daß ich Sonderkonditionen für die einen oder die anderen verteile.
Hat Pallas Athene deshalb die Augen verbunden, weil sie nur die Gewichte fühlen will? Weil das Sehen dessen, was dann gewogen wird, zum In-den-Rahmen-von-Bezügen-Stellen verführt, das bloße Senken der Waagschalen nicht mehr allein fürs Urteil heranzuziehen, sondern Tausende andere Erkenntnisse mitzudenken? Wird die Ungerechtigkeit noch schlimmer, versucht man mehr als das Gewicht der Taten zu berücksichtigen? Weil man unterschiedlich informiert ist und einmal eine Begründung zur Entschuldigung findet, ein anderes Mal die Begründung aber nicht wußte, die das Urteil hätte verändern können. Wer schlägt, war vielleicht selbst Gewalt ausgesetzt früher. Macht das seine Tat weniger verachtenswert? Die Völker, denen der Wohlstand bisher in der Breite versagt geblieben ist, wie wir ihn genießen, stehen auf und rebellieren - nicht militärisch, sondern eben asymmetrisch. Das Attentat in New York ist verabscheuungswürdig, das ist gewiß. Unter Berücksichtigung bestimmter historischer Entwicklungen ist die der Tat zugrunde liegende Aggression aber (selbst)verständlich.
Dem Täter an einem einzelnen Opfer, einem, der ebenfalls zumeist in männlichem Körper steckt, wird viel entschuldigt. Weil er ein Opfer gewählt hat, das sich in der Regel zuvor schon in seine Obhut begeben hatte? Gewalt aus Leidenschaft ist wahrscheinlich mit den geringsten gesellschaftlichen Sanktionen verbunden. Weil das double-binding dem Opfer den Mund knebelt und es schweigt.
Und weil der Täter die patriarchale Welt auf seiner Seite hat.
Zweierlei Maß ist schlecht. Und trotzdem verführt mich die Lage, das Wimpelschwingen der US-AmerikanerInnen mit Ablehnung zu beobachten, mit klarer Distanz, während die jubelnden palästinensischen Kinder mein Mitgefühl wecken. Weil ich ihre Chancenlosigkeit in diesen politischen Bedingungen nicht vergessen kann, die der amerikanische Individuen aber schon. Weil der Blick auf die basisbildenden großen Zusammenhänge mich blind macht für die individuellen Möglichkeiten und Verantwortlichkeiten.

Nils Jensen (Aigen im Mühlkreis)

Es regnet. Ausflug Moldaublick mit Kindern und den lieben Aigner Freunden und dem Förster. Gespräche wie stets in diesen Tagen. - Radionachrichten von heute Früh: Mehr als 70% des US-Amerikaner würden "ihr Leben für das Vaterland opfern", sogar Veteranen aus dem 2. Weltkrieg wollen sich freiwillig melden! Kriegstreiber. Und dann? Nach ein paar Bomberln auf irgendwelche Hindukusch-Felsen kommt die Retourkutsche: Flughafen Frankfurt geht in die Luft usw. usf. Sergio Leone ist tot: Mit Companeros losgehen und dem Feind ins Auge sehen und dem Bösen widerstehen. Dem Bösen? - hieß das früher nicht Breschnew und dann Gadafi und Fidel und dann Sadam Hussein und dazwischen Carlos und jetzt eben Laden (wirkt mittlerweile wie eine virtuelle Figur so mit Bart und MP und sanft lächelnd)? Verteidigungsminister Scheibner meint, Ö. kann jetzt auch ohne UN-Mandat Kampfeinsätze durchführen, denn "der Begriff Neutralität ist völlig abgekuppelt von den realen und völkerrechtlichen Rahmenbedingungen". Immerhin ist die Neutralität Staatsgrundgesetz, aber wer zeigt diesen Minister wegen seiner staatszersetzenden Äußerung an? - Das gewaltigste Bild des gesamten Szenarios aus Unfaßbarkeit, Erschrecken und Ohnmacht: Im Standard zwei Fotos nebeneinander, eines zeigt das Plakat für einen Action-Reißer (Armageddon), Riesenloch aus dem Inneren einer Behausung, viel Himmelblau, schiach; daneben das verhältnismäßig klein wirkende Loch, das das Flugzeug riß in dem einen Tower; und ein paar Stockwerke darüber, am Foto kaum ausnehmbar, winzige Figuren, die aus den offenen Fenstern hängen, in Trauben, wartend auf den Rettungshubschrauber. Festgehalten für immer, wenige Minuten später versank jener obere Teil des Towers in seiner unteren Hälfte, die Staubwolke wird wohl eine ähnliche Ikone werden wie das Foto jener explodierenden Raumkapsel kurz nach dem Start (Apollo sowieso). - Hunger, Ausweglosigkeit, ohne jede Chance, und noch dazu "verlacht" von der Ersten Welt, sowas erzeugt in aller Hoffnungslosigkeit den besten Nährboden für ohnmächtige Wut ohne Ende, mit bekanntem Endergebnis.


MONTAG, 17. 9. 2001
Bush: USA wollen Osama Bin Laden "tot oder lebendig" ... USA suchen Tor nach Afghanistan ... Bin Laden soll Anthrax gekauft haben ... "Pest des 21. Jahrhunderts" / Putin sieht sich bestätigt / Tschetschenienkrieg als "antiterroristische Maßnahme" ... Afghanische Massenflucht in die Nachbarstaaten ... (Der Standard, 18. 9.)

Harald Friedl (Wien)

Minidrama
Osama Bin Laden sitzt in seiner Höhle und sieht sich im Fernsehen den Krieg an, der gegen ihn geführt wird.
Gespannt verfolgt er auf CNN die Detonationen der Raketen auf Kasernen, Wohnhäuser, Krankenhäuser, Raketenstellungen, Dörfer, Treibstofflager.
Bei jedem Einschlag murmelt er vor sich hin:
"Daneben ..."
"Daneben ..."
"Daneben ..."

Ludwig Laher (Wien)

Noch liegt Rauch über Teilen Manhattans, sind die Toten längst nicht geborgen. Erschreckend die Front der Kriegshetzer, aber nicht überraschend. Auch immer breitere Teile der ehedem kritischen Öffentlichkeit verzichten auf Analysen, haben keinen Bock auf das Wechselspiel Ursache - Wirkung, machen einfach mit beim Emotionenbacken, beim Sich-Einschießen auf Sündenböcke. Als ob das auch nur einem der Zerquetschten unter den Zwillingstürmen hülfe. Die drei bis vier pulverschwangeren Cowboystehsätze des amerikanischen Präsidentendarstellers vor dem Hintergrund des noch immer fehlenden Idealfeindes werden fast überall als noble Zurückhaltung interpretiert, als besonnenes Vorgehen der USA. Na gut.

Nils Jensen (Wien)

Töchterchen kommt nach der Schule verheult zu Hause an: Ein Gleichaltriger hat sie am Schulhof angesprochen, er sammelt Unterschriften für eine Petition: Österreich darf nicht bombardiert werden! "Werden wir jetzt bald bombardiert?" fragt mich Johanna bang, und warum ich da nicht unterschreiben werde. Taste mich langsam heran an sie, erfahre, daß der Bub auch verbreitete, der 1. Weltkrieg hätte 10, der 2. fünfundzwanzig Jahre gedauert und ähnliche Märchen. Ich erkläre, vermittle, gebe Daten / Fakten her und so weiter, aber Johanna ist so verzagt, daß sie erst ("Warum willst du wissen, was stimmt!") glaubt, als ich ihr Daten und Fakten im Lexikon zeige. - Oberluft für alle möglichen Wahrsager und andere Gaukler: Am Wochenende in der "Oberösterreichischen Rundschau" gelesen (Aufmacher!), daß die hauseigene Wahrsagerin bereits zu Silvester 00/01 alles gewußt und vorausgesagt habe (Zeitungsausschnitt wird mitgeliefert: vages Gebrabbel der üblichen apokalyptischen Neujahrsansagen sog. Sterndeuter. Auswurf verängstigter Kleinbürger und Abbild ihrer verworrenen, verquasten Weltsichten). - Erinnerungen an den Physikunterricht (wieso?) zu jeder TV-Wiederholung der in sich stürzenden WTC-Türme: Die von unten beleuchtete Strömungswanne im verdunkelten Klassenzimmer, das zitternde, an die Decke projizierte Bild, der knabenhafte Physikprofessor: "Sie sehen eine Naturkraft im Kleinen." Minimundus. Am TV-Schirm. Das Medium macht es so unwirklich, es ist die Schwierigkeit des Übersetzens in die alltägliche Realität, in die richtige Größenordnung. Das putzige, kleine Manhattan am Bildschirm, Minimundus, die hübsche, runde Staub-Rauchwolke, Märklin-Bahn-Rauch, aber: alles kein Computerspiel, nicht virtuell, sondern wahr, Brand, Blut, Rauch, Husten, Fetzen, Kot, Schweiß, Endzeit für die direkt Betroffenen, Angst, Angst.
Regen und Kälte. Erstmals Heizung angeworfen diesen Herbst.

El Awadalla (Wien)

Verschwörungstheorien machen die Runde. Alle möglichen Leute haben alle möglichen Ziffernummern und sonstigen zahlenmagischen Zusammenhänge für den 11. 9. 2001 errechnet: 23 kommt heraus, das ist eine wichtige Zahl, kennt man die Illuminaten. Fünf kommt heraus, das Pentagramm, das Pentagon. 666 ist auch drin, sowohl neun wie auch null stehen für sechs. Numerologie und Kabbala erleben fröhliche Urständ. Niemand hat noch das islamische Datum nach solchen Gesichtspunkten berechnet. Aber Nostradamus wird ins Spiel gebracht. Angeblich verkaufen sich Bücher dieser Art wieder einmal recht gut.
Ich fange wieder an, Zeitungen zu lesen und sitze nicht mehr nur atemlos vor dem Fernseher. Das Fernsehen ist das schnelle Medium, das ein Programm unterbricht, falls irgendwo ein Krieg ausbricht, die Zeitung kann da nicht mithalten. Aber ich habe die Ruhe gefunden, nicht ständig an einen Kriegsausbruch zu denken.
Ich weiß nicht mehr, auf wievielen deutschen Sendern ich jetzt schon zum Beweis der Barbarei der Taliban die Sprengung der Buddhastatuen gesehen habe. Über die Behandlung der Frauen pudelt mann sich da weitaus weniger auf. Barbarei, das ist die Sprengung von Buddhastatuen; die Bombardierung von Bagdad und Belgrad ist dagegen ein zivilisatorischer Akt? Was ist mit den Frauen in Afghanistan? Ach, jetzt plötzlich wurden sie entdeckt, als kleine Feigenblatterln für einen Krieg, als ob Bomben schon je auch nur eine einzige Frau befreit hätten.

Christa Nebenführ (Wien)

Maria kommt aus dem ruralen Rumänien. Sie putzt in Wien. Sie hat Verwandte in den USA. Sie erzählte mir heute, daß ihr Cousin, der bereits einmal ihre Geschwister in den USA besucht hat, erzählt hätte, daß die USA über eine Bombe verfügten, die erst einen 500 Meter tiefen Krater in die Erde schlüge, ehe sie explodiere. Sie erzählt es um mir, die auf die Information aus den Medien angewiesen ist, gewissermaßen Infos aus erster Hand zukommen zu lassen. Maria mißbilligt einen militärischen Gegenschlag der USA. Sie hat Angst davor.
Am Beginn des Balkankrieges hatte mir eine serbische Putzfrau erzählt, daß sie mündliche Informationen hätte, nach denen die Serben über eine Atombombe verfügten, die bei einem Angriff der USA zum Einsatz käme. Auch wußte sie zu berichten, daß Kroaten schwangeren Serbinnen die ungeborenen Kinder aus den aufgeschnittenen Leibern gerissen hätten.
Als mein Mann heute Abend heimkam, hatte er folgende Theorien zu hören bekommen:
1) Es sind in Wirklichkeit 8 Flugzeuge gewesen.
2) Der CIA hat schon vorher alles gewußt.
Nun wäre es ein Kapitel für sich, den Mythos der Allmacht, der da statt Allah dem CIA zugeschrieben wird, zu untersuchen.


DIENSTAG, 18. 9. 2001
Riesige Börsenspekulationen vor den Terroranschlägen / Behörden prüfen auffällige Transaktionen in Richtung sinkender Kurse ... US-General Ralston: "Es wird Opfer geben" / USA planen vielschichtige Operation ... Den USA genügt Auslieferung nicht ... "Unappetitliche Methoden" gegen Terror ... (Der Standard, 19. 9.)

Dine Petrik (Wien)

Ich hab geträumt, daß alles ein Traum war. Aber Strichlippen und Müdaugen sagen: Alles real. Und das Wort WAR ist real, das den Tag einstimmt. Aus den Staubgebirgen Manhattans aufsteigend sticht es durch die TV-Kanäle der Welt. Nur sehr wenig Geborgene ... Schämen sich.
Lieber nicht finden - Zusammenkratzen. Zu Schutt geworden. Zu Staub zerfallen. Schwarzer Rauch. Heller Lufthauch. Fünftausend Seelen. Haben zu tun. Sich den Weg zu bahnen. Heraus aus dem Schutt. Staubbeschwert. Vom Staub zur Stille.
Erschöpfende Überflüge. An Bord eine Bombe! Im Flugzeugrumpf tobt die Angst. Angeschnallt bleiben!, bellt es. Eine Entführung! Wir sterben, sagt einer. Alles zielt darauf ab. Kann nicht sein. Fünfundzwanzig. Wo die Stimme ist ... Babygeschrei. Ein Widerständischer wird mit gezielten Hieben gefällt. Eine kotzt neben dir. Einer heult "Allah, Allah!" Gott, laß es nicht - Es wird sein - Und jäh: Kein Sturz aus dem Himmel - geradewegs in die Wand. Wer die Wand überlebt - Kommt um in den Flammen -

Barbara Neuwirth (KünstlerInnenhaus Schloß Wiepersdorf)

Ich sitze im Schloß und blicke durchs Fenster in den Park. Alles ist ruhig, langsam fallen Blätter von den Bäumen ins Gras, der Wind wiegt sie noch ein wenig, ehe sie die nassen Gräser berühren und liegen bleiben. Ich bin abseits der Welt, hier ist ein Ort außerhalb der Zeit, und das Eichhörnchen, das den dicken Stamm der Eiche hinauf- und herunterläuft, hat keine Botschaften der Nornen bei sich. Le Canterine Romane - Cantatas von Luigi Rossi klingt nun aus der Stereoanlage in meinem Rücken, glockenhelle Soprane intonieren barocke Gesänge: untröstliche Hoffnungen, lebt wohl, lebt wohl - heißt es da zwar zunächst, wird aber besser: verlogene Hoffnungen, flieht hinweg befiehlt der Klagende schließlich. Dann disputieren der Gedanke und der Liebende, und es findet sich die schreckliche Zeile: Die Hoffnung, Dienerin im Meer der Schmerzen, erlosch und schwand in der Nähe der Sonne - noch später tauschen sich drei Schwestern über die Männer aus, und die Erste singt folgendes: Hört, wenn in Amors Reich Fortuna herrscht, Liebende, dann gute Nacht. Wer ihr dient in der Hoffnung auf Belohnung, erwartet nur Verachtung. Sie ist eine Frau, und die Frauen lieben das Schlechte. Zweite: Auf mein Wort, wenn ich es gewußt hätte, hätte ich sofort wohl so geantwortet: Wißt Ihr, treulose Mäner, warum sich die Frauen an das Schlechte klammern? Da Ihr sehr schlecht seid in dieser verteufelten Geschichte, ist es angebracht, daß, wer das Beste wählen will, das Schlechtere nimmt. Ich sehe aus dem Fenster und bin in meiner Welt, die nichts zu tun hat mit den Disputen über Angriffsziele, Bombenmengen, medialen Diskussionslenkungen, Niederlagen und nationalen Symbolen. Was macht "Zivilisation" aus? Die Harfe und die Lyra, deren Klänge an meine Ohren dringen, sind wohl Teile von Kultur, aber wann wandelt sich Kultur in "Zvilisation"? Das Eichhörnchen hastet den Stamm empor, hält inne, blickt um sich. Nicht weil Gefahr droht, sondern um Unterhaltung zu erspähen. Aus den Fäden der Nornen gewebt ist der Vorhang, der mich vom Fenster trennt, durchscheinend zwar, aber von außen verbirgt er mich vor Blicken, die den Raum zu ergründen suchen, und von herinnen vermindert er mein Blickvermögen nach draußen. Weil die Fäden auf andere Geschichten verweisen, auf innere Erkenntnisse, die mit anderen Geschichten verbunden sind.
Massoud, ein Gegenspieler der Taliban, der für die Allianz der nördlichen Stämme stand, wurde ermordet. Angeblich kamen als Journalisten getarnte Schergen von Osama bin Laden, um ihn zu töten. Als Jounalisten - die Macht der Feder, immer wieder überrascht sie uns.

Sylvia Treudl (Wien)

Noch bevor der erste Morgenkaffee mich vom schlechten Nachgeschmack einer unguten, unruhigen Nacht befreien kann, lerne ich, daß der Krieg auch der Vater aller Bildung ist. An der Schwelle zu einer Bedrohung, die tatsächlich WWIII bedeuten kann, erfindet das österreichische Bildungssystem plötzlich aus betroffenem Anlaß den "fächerübergreifenden Unterricht", weil auf einmal allen SchlaumeirerInnen, die sich vor der Tafel produzieren dürfen, ein- und auffällt, daß Deutsch, Geographie und Geschichte nicht isoliert betrachtet und vermittelt werden können. Der letzte Weltkrieg hat zu dieser weisen Entscheidung offenbar nicht ganz gereicht. Wie viele Tote braucht ein Bildungssystem?
Angeekelt wechsle ich den Sender. Um zu erfahren, daß der designierte Formel-I-Weltmeister gerade dabei ist, sich mit seinem Rennstall Probleme einzuhandeln. Er und sein Bruder möchten nicht beim nächsten Um-die-Wette-Fahren in Amerika dabei sein. Was man den Schumachers nicht wirklich übel nehmen kann, egal wie die Gründe lauten mögen. Der Boß tobt und Niki Lauda leistet den österreichischen Beitrag. Er findet, daß man sich in der Formel I persönliche Empfindlichkeiten nicht zu leisten hat. Business is business, the show must go on. Hauptsache cash. Paßt gut zu den weiteren Nachrichten. Eine Woche nach der Katastrophe redet man nicht mehr von den Opfern, sondern davon, daß die Börse wieder geöffnet hat.
Die Menschenhatz hat bereits begonnen. Zwei Menschen sind in den USA dem "Patriotismus" im Wege gewesen. Zwei, die nichts mit dem Terror zu tun hatten, aber "Ausländer" waren. "Ich habe es für Amerika getan", sagt angeblich einer der Mörder.
Für Gott, Kaiser und Vaterland. Für Reich und Führer.
Meine Angst gilt dem Pöbel, der jetzt wieder die Oberhand zu gewinnen droht - dem Pöbel in den Straßen, der sich bestärkt und mächtig fühlt, berufen zu töten, zu vergewaltigen, zu richten - egal in wessen Namen, Hauptsache der Haß darf endlich frei laufen. Und dem Pöbel in den politischen Ämtern, diesen "Entscheidungsträgern", deren Motive dürftig verhüllt sind, egal, in welcher Hemisphäre sie an den Hebeln sitzen, die die ganze Welt in Brand setzen können.


MITTWOCH, 19. 9. 2001
US-Militärschläge gegen mehrere Länder möglich ... "Dead or alive" ... Luftfahrt verliert Zehntausende Jobs ... Gemeinsamer Kampf gegen "das Böse" ... Fehlinvestitionen und schiefe Optik / Die US-Firma Unocal und ein umstrittenes Pipeline-Projekt ... Taliban wollen Zeit gewinnen und bieten Verhandlungen an ... USA ziehen Streitmacht am Golf auf ... Überflüge: Grüne wollen UNO-Mandat ... (Der Standard, 20. 9.)

Christopher Staininger (Wien)

Mir kommt es so vor, als würde jeder auf eine Entscheidung warten. Auf eine Entscheidung vom amerikanischen Präsidenten. Alle warten. Ich warte mit. Alle schauen zu. Ich schaue zu.
Die ganze Welt wartet auf die Entscheidung eines einzigen Mannes. Unglaublich, wie mächtig ein Mensch sein kann. Milliarden von Menschen schauen zu. Können nichts anderes tun. Ich kann nichts tun.
Bücher über den Islam stehen plötzlich auf den Bestsellerlisten des Buchhandels. Die Menschen informieren sich über Themen, von denen sie bisher nichts oder nur wenig wußten. Mir geht's ebenso. Vor dem 11. 9. 2001 wußte ich nicht, daß Kabul die Hauptstadt von Afghanistan ist. Ich habe das Gefühl, mir diesen ganzen Wahnsinn nicht einmal vorstellen zu können. Wie auch alle Zusammenhänge - und von denen muß es viele geben - erkennen beziehungsweise verstehen? Die Dimensionen der Geschehnisse übersteigen meine Vorstellungskraft.
"Sex and the City" ist bei weitem nicht so gut, wie viele Medien vor der Ausstrahlung der ersten Folge behauptet haben. Und DJ Ötzi ist mit "Hey Baby" die Nummer 1 in den britischen Charts. Verrückt. Business as usual.


DONNERSTAG 20. 9. 2001
Marschbefehl für Operation "Grenzenlose Gerechtigkeit" ... Börsen auf Tiefststand ... Aufmarsch für "Infinite Justice" ... Pakistan: Djihads an allen Fronten ... Bush Sohn soll den "Job zu Ende führen" ... Hitze verringert Hoffnung auf Überlebende ... Terroristenzentrum in Hamburg ... (Der Standard, 21. 9.)

Harald Friedl (Wien)

Prozessionen: Robert Menasses Roman "Die Vertreibung aus der Hölle" beginnt mit einer Prozession. Zwei geschmückte Rappen ziehen einen Leichenwagen durch Vila dos Comerços. Dahinter schreiten, "mit beiden Händen ein Kruzifix in die Höhe haltend", der Kardinal "in blutrotem Talar" und vier Domherren "in lila Talaren". Die Stimmung ist von "Wut, Haß und Mordlust geprägt". Im Sarg, der einem neugeborenen Kind angemessen sein könnte, liegt eine Katze. Sie war mit schweren Eisennägeln auf ein Holzkreuz geschlagen worden. Gekreuzigt.
Die Wirklichkeit des Fernsehens erzählt von einem terroristischen Anschlag, dem fünftausend Menschen zum Opfer fallen. Der Präsident steht auf einem Trümmerhaufen und spricht zu den Umstehenden, die stellvertretend sind für die ganze Nation. Die Stimmung der Menschen ist von Nationalismus geprägt. Befragte Passanten fordern Rache.
Zurück zum Buch: "Auf dieses Dach mit euren Fackeln!" schreien die Menschen des 17. Jahrhunderts in Vila dos Comerços den Fackelträgern zu, während der Klerus in blutroten und lila Soutanen den Choral "Martyrium Christi" singt.
"Purpurroten, flammenden Zorn" brauchen wir jetzt, fordert 2001 der Kolumnist Lance Morrow im Time-Magazine.
"Auf dieses Dach mit euren Fackeln!" läßt Menasse den Mob rufen. Die Juden von Comerços fürchten um ihr Leben. Die Dächer brennen. Wer auf die Straße rennt, wird erschlagen. USA, 2001: Schüsse auf Moscheen in den USA. Mehrere Araber werden ermordet. Auch ein Sikh. Sein Turban und sein Bart waren Symbole, auf die ein Mörder seinen Haß richten konnte.
Eine tote Katze, die Twin Towers. In Vila dos Comerços wird ein Fall von Tierquälerei zu einem Angriff auf die Religion stilisiert. Im New York des 21. Jahrhunderts wird ein geplanter Massenmord zu einem Angriff auf die Zivilisation stilisiert.
Prozessionen der Emotionen in New York, Chicago, Michigan, Los Angeles, Tucson: Frustration, Wut, Vorurteil, Haß bilden eine emotionale Kette, die in Gewalt und Grausamkeit mündet. In Illinois werden Mitte September zwei islamische Mädchen zusammengeschlagen.
17. Jahrhundert, Vila dos Comerços: Die Prozession dient dem Zweck, der Kreuzigung ihre Würde zurückzugeben. Die Prozessionen des Fernsehzeitalters führen zu bestimmten Tageszeiten vor die Fernsehapparate. In der Beschwörung archaischer Formeln versuchen die verletzten USA ihre Würde zurückzugewinnen. Morde an Menschen, die in Kultur und Aussehen den Schuldigen ähneln, sind Nebenwirkungen dieser Prozessionen. In Bridgeview, Illinios, versuchen 300 Menschen, eine Moschee zu stürmen.
Aus Verunsicherung scharren sich die Menschen um Symbole. In Comerços folgen alle dem Kruzifix.
God bless America. Die New York Times vom Sonntag druckt auf der letzten Seite eine US-Flagge ab. America is god´s own country. Überall in New York sind Stars and Stripes gehißt. Menschen werden gezeigt, die sich in die Nationalflagge einhüllen. Amerika mein Schutz, mein Hafen, meine Haut. Die US-Fahne hat einen Namen: Old Glory.
Die Säkularisierung der westlichen Welt hat dazu geführt, daß politische Führer quasi-religiöse Funktionen übernehmen. Der Papst dagegen fliegt nach Kasachstan, nicht nach Washington. Bush ruft auf zum Gebet. Er ruft erst zu einem Kreuzzug, später zum Feldzug mit neuem Namen auf: INFINITE JUSTICE, GRENZENLOSE GERECHTIGKEIT.
Kampf des Guten gegen das Böse. Wer hat die Katze gekreuzigt? Es ist egal. Wer hat den Anschlag auf die Twin Towers verübt? Die sind tot! Ihre Helfershelfer, oder wen wir dafür halten, kriegen wir. Wanted: dead or alive.
Die Juden von Comerços müssen brennen. Der jüdische Junge hört von ferne rhythmisch skandiertes Geschrei.
JU-ES-EI, JU-ES-EI. Miss Liberty mit Maschinenpistole als Karrikatur einer pervertierten Freiheit. Gegenschlag, Amerikas neuer Krieg. Auch österreichische Medien sprechen bezüglich der kommenden US-Attacken nur noch vom "Gegenschlag". Der Begriff "Gegenschlag" setzt aber voraus, daß jene, die er trifft, auch wirklich die waren, die den ersten Schlag gesetzt haben. Der Begriff "Gegenschlag" rechtfertigt jeden Einsatz von Gewalt.
Berater haben George Double You Bush überzeugt, den Begriff Kreuzzug nicht mehr zu verwenden. Ein Kreuzzug ist eine Prozession der Waffengewalt. Der Pomp der Würdenträger, die sie anführen, strahlt auf den Pöbel ab. Selbst die gemeinsten und ruchlosesten Racheakte geschehen in den Farben der Würde: Blutrot und Purpur - in Comerços sowie in den USA.
Purpurroter, flammender Zorn.

Dine Petrik (Wien)

Die Weltmetropole im Mark getroffen. Lower Manhatten geht unter im Staub.
Heftigster Regen wäscht ihn nicht ab. Die Medien schüren und heulen.
Fluchtwellen und humanitäre Katastrophen in Afghanistan. Haß- und Rachepredigten beschwören Kreuz- und Heilige Kriege. Der Terror hat längst einen Namen.
"Allah, der Allerhöchste, hat uns in vielen Versen aufgetragen, in seinem Namen zu kämpfen und die Gläubigen zu überzeugen, diesem Kampf zu folgen", predigte Osama Bin Laden. "Sie sollen kämpfen in Allahs Weg, sollen töten und getötet werden. Eine Verheißung ist gewährleistet in der Tora, im Evangelium und im Koran ..."
Ob ihn religiöser Wahn und blinder extremistischer Fanatismus leiten - die Angst vor Säkularismus, Aufklärung oder einzig sein kranker Haß auf den Westen mit seinen Teufelswerken, das Machtstreben der Amerikaner, das auf arabischem, sprich islamischem Boden ständig ansteigende Existenzangst und Abhängigkeit fürchten läßt, wenn er sich hinter die menschenverachtenden Abscheulichkeiten der Taliban stellt - und Allah zitiert: "O ihr, die ihr glaubt, kämpfet wider die Ungläubigen an euren Grenzen, und wahrlich, lasset sie die Härte in euch verspüren. Und wisset, daß Allah mit den Gottesfürchtigen ist. Und wenn ihr die Ungläubigen trefft, dann herunter mit dem Haupt ..."
Soweit Allah, sprich Bin Laden, der den ihm hörigen Männern - in der einen Hand das Maschinengewehr, in der anderen den Koran - suggeriert, Engel Allahs werden zu dürfen, wenn sie in blutigen Anschlägen ihr Leben lassen. Auch das Christentum versprach - beispielsweise während der Kreuzzüge - im Kampf gegen den Islam - Sündenvergabe und ewiges Leben. Nach entsetzlichem Blutvergießen - auch auf europäischem Boden - ergab sich im Namen Christi die Chance der Reformation. Eine solche im Namen Allahs herbeizuführen ist aus dem Islam bisher nicht verlautet worden. Muslimische Religionswissenschafter, die den Koran anders oder "moderner" interpretieren, sind in Gefahr. Bleibt zu hoffen, daß Bin Laden, der Drahtzieher noch weiterer Anschläge gewesen sein soll, ebenfalls Engel - Erzengel - göttlicher Engelausbildner werden will - oder als zeitgenössischer Märtyrer in die Geschichte eingehen, indem er sich ausliefert.

El Awadalla (Wien)

Für die heutige Widerstandslesung haben wir Texte aus der Zeit der Kreuzzüge vorbereitet - und zwar ausschließlich von arabischen Autoren. Ein Text behandelt die Gestalt der Erde. Sie ist eine Kugel - Al-Mascudi wußte das schon im 10. Jahrhundert. Die Berechnungen, die er präsentiert, sind ziemlich genau, nur beim Durchmesser der Sonne hat er kräftig danebengegriffen. 600 Jahre vor Galilei wußte die gebildete arabische Welt, daß die Erde nur ein Punkt im Universum ist. Soviel zu Barbarei und Zivilisation. Mehr als 25 Leute sind gekommen, das Wetter ist erstmals seit Tagen wunderschön. Da tlane Woifi spaziert vorbei, aber weit hinten an der Mauer der Hofburg, nicht vorne bei der Lesung. Nur Hoppelmann Karottnig liest eigenes: über Katzen, Katzenfutter, den Alltag, der zur Zeit ziemlich unwichtig zu sein scheint.
Unter Jugendlichen in Wien gibt es einen neuen Gruß: Victory-Zeichen und dazu rhythmisch: King Bin Laden. Den Alten Harry-Belafonte-Hadern haben sie auch umgedichtet: He Mista Taliban, Taliban Bin Laden. So entstehen Helden: Nur lange genug öffentlich draufhauen, dann finden sich auch die Fans.
N-TV berichtet ganz aufgeregt von neuen Verdächtigen in Deutschland, die Indizien sind dürftig: Zugehörigkeit zu einer vermutlich islamistischen Gruppe, vermutlich Kontakt mit den mutmaßlichen Attentätern, Flugpläne amerikanischer Luftlinien - das wird dem Verdächtigen zur Last gelegt, ach ja, einen arabischen Namen hat er natürlich auch. Irgendein kriegsgeiler Journalist versteigt sich zu der Forderung, gerade die Unauffälligen müßten von den Geheimdiensten beobachtet werden.


FREITAG, 21. 9. 2001
Taliban lehnen Ultimatum ab: Bei Angriff "heiliger Krieg" ... Angst vor Militärschlag der USA sorgt für Unruhe an den Börsen ... EU zeigt sich solidarisch ... Massenflucht der Afghanen ... Finanzminister beraten über Terrorfolgen ... Kursmassaker an den Börsen ... Geschäft mit dem Patriotismus läuft in den USA auf Hochtouren ... (Der Standard, 22. 9.)

Manfred Chobot (Wien)

wieder die vorstellung, in einem hochhaus zu sein, wenn es rundum brennt und keine chance zu entkommen, die angehörigen, den mann, vom handy anzurufen und aus dem fenster zu springen. eine schreckliche vorstellung, zwischen zwei ausweglosen situationen zu wählen. dennoch schlafe ich irgendwann ein.
Ludwig Laher (Luzern)
Kampf der Kulturen? Ich sitze bei einer Konferenz in Luzern, Ziel der KünstlerInnen und KulturarbeiterInnen aus 52 Ländern der Welt ist es, ein Parallelinstrument zur WTO zu entwickeln. Kunst dürfe nicht wie jedes andere Gut ungeschützt den Kräften des neoliberalen freien Marktes ausgesetzt werden. Von Kulturstaatstradition ist viel die Rede. Delegierte aus Pakistan, Jordanien etc. konnten durch den Gang der Ereignisse nicht kommen. Wir anderen sind uns schnell einig, daß man natürlich nicht vom Kampf der Kulturen sprechen kann, sondern allenfalls vom Kampf Hegemonismus gegen welche, die für ihre Überzeugung sogar in den Tod gehen, wenn auch als Verbrecher und tausendfache Mörder, vom Kampf aber auch Zynismus gegen Zynismus.

Nils Jensen (Wien)

Die ungeheure Unsicherheit, die Furcht vor flächenbrandartigen Kriegs- und Zerstörungsszenarios nehmen das Alltagsdenken derart gefangen, daß kaum mehr Platz bleibt für "Alltägliches", das ja auch weitergeht; und wie: Rasterfahndung und der große Lauschangriff, bei uns zur Probe eingeführt, wurden gestern ohne viel Aufsehen ad infinitum verlängert! Einfach so! Potz Twin-Towers&Terrorism - da passiert was Ungeheuerliches. Sicherheitsdoktrin, nationaler Sicherheitsrat: Diskussion mit Opposition wird zwar verkündet, aber letztendlich geht es auch ohne sie, falls sie (die Opposition) doch noch nicht alle Schwänze einzuziehen bereit sein sollte. Und die Neutralität will man, da Verfassungsgesetz, über das Strafgesetzbuch aushebeln: Statt Neutralitätsgefährdung sollte jetzt "Gefährdung völkerrechtlicher Verpflichtungen" stehen. Hat damit zu tun, daß unsere Geheimdienste, vor allem die vom Heer, schon längst mit ausländischen Diensten packeln, was als Neutralitätsverletzung / Gefährdung angesehen werden kann. So läuft's. - Herbst jetzt, heute geht es zu Sykoras in die Steiermark.
Wanderwetter. Blaßblauer Himmel, müde Sonne.

El Awadalla (Wien)

An der Bar und an den Tischen höre ich immer wieder Gesprächsfetzen zum Thema Nummer eins: Wird es Krieg geben? I. ist ziemlich betrunken und muß mir unbedingt seine neueste Verschwörungstheorie erklären.
Ich gehe heim, bis zum Konzert ist noch genug Zeit. Natürlich drehe ich den Fernseher auf. Da sitzt eine US-Soldatin in Tarnuniform auf der Couch, im Arm ihr drei Monate altes Baby - und jetzt muß die arme Frau einrücken. Das ist dieselbe Kriegspropaganda wie vor dem Golfkrieg, die Bilder gleichen sich erschreckend. Danach werden zwei Frauen präsentiert, deren Männer bei dem WTC-Attentat umgekommen sind. Sie haben beide danach ein Kind geboren. So traurig das für sie ist - mir kommen bei solchen Geschichten sowieso immer gleich die Tränen - so wie diese Schicksale präsentiert werden, ist nur Kriegstreiberei inszeniert. Wo bleiben die afghanischen Frauen, die gerade ein Kind geboren haben und jetzt auf der Flucht sind?
Danach im Siebenstern: Die Stammgäste trudeln ein, wieder müssen wir über das WTC reden. Stammgäste, Stammplätze, Stammgespräche. Das Konzert ist gut, die Burschen sind viel besser als auf der Demo-CD. Die Stammgäste sitzen nach dem Konzert noch immer an der Bar, versuchen, das Thema Nummer eins zu vermeiden, es gelingt nicht. Wir stellen fest, daß wir nichts tun können, daß es nichts nützt, Petitionen zu unterschreiben; wir können danach höchstens den Flüchtlingen helfen, meint W. ohne jeden zynischen Unterton.


SAMSTAG, 22. 9. 2001
US-Truppenaufmarsch sorgt weltweit für Hochspannung ... Truppenaufmarsch hält die Welt in Atem ... Von vielen blieb nur der Name ... Oktoberfest in München eröffnet ... (Kurier, 23. 9.)


SONNTAG, 23. 9. 2001
Raketen rund um Temelin / Tschechien: Angst vor Terroranschlag ... Leidender Papst in Asien: Für eine "Zivilisation der Liebe" ... Regierung in Israel vor dem Aus ... Europäer wollen mäßigend wirken ... Taliban: Bin Laden "unauffindbar" ... Immer noch steigt Rauch und Gestank aus den Ruinen ... 150.000 Hinweise zu prüfen ... (Der Standard, 24. 9.)

Harald Friedl (Hallein)

Ein Nachmittag mit Filmen von Alain Resnais: "Nacht und Nebel" und "Hieroshima mon amour".
Der Schluß von "Nacht und Nebel" - Bilder eines verfallenden Konzentrationslagers der Nazis, dazu der Text: "Wir tun, als schöpften wir neue Hoffnung. Als glaubten wir wirklich, daß all das nur einer Zeit und nur einem Lande angehört. Uns, die wir vorbeisehen an den Dingen neben uns und nicht hören, daß der Schrei nicht verstummt."
Mein Optimismus kehrt zurück dieser Tage. Er war versickert am 11. September und in den folgenden Tagen in eine dumpfe Eingenommenheit vom Nachhall der Drohungen. Ich hielt mich für einen Narren, weil ich an eine langsame aber beständige Besserung der Welt geglaubt hatte. Doch es waren Worte wie Krieg, Kreuzzug und Atombombe gefallen. Kriegen gehen immer Worte voraus, damit wird gelogen, gedroht, in die Pflicht genommen. Das erste Opfer eines Krieges ist die Wahrheit, hat Fried geschrieben.
Die erste Lüge: Amerika ("der zivilisierten Welt") sei der Krieg erklärt worden.
Die erste Drohung: Gegenschlag. Ein Krieg des Guten gegen das Böse stehe bevor.
Das erste Versprechen: Rache.
Aber nun, 12 Tage später: Die Sprache der mächtigsten Politik ist gemildert. Ein besinnungsloser Rundumschlag der USA und ihrer Verbündeten ist vorerst ausgeblieben. Hoffnung erwacht. Vorsichtig, langsam.
Im Standard wird ein Elektriker namens Donald Goman zitiert. Er verlangt "eine A-Bombe auf Afghanistan. Wir schicken sie zurück in die Steinzeit, von der sie nicht weit entfernt sind. "
"Hieroshima mon amour", ein Film über die Liebe. Im Museum: Ein Modell Hieroshimas, von der Stadt nach der Bombe. Besucherinnen und Besucher des Museums betrachten es. Dazu der Offtext von Marguerite Duras: "Sie betrachten riesige Fotografien und Nachbildungen an Stelle der Wirklichkeit. Fotografien und Nachbildungen an Stelle der Wirklichkeit. Sie betrachten Erklärungen und Nachbildungen an Stelle der Wirklichkeit." Der Film zeigt Metallkapseln, die zu bizarren Blumensträußen zusammengeschmolzen waren, verbrannte Steine, Haarschöpfe, verbrannte Haut, blankgefetzte Schädelknochen. Ein Kind, das rhythmisch von einem Fuß auf den anderen tritt, als versuche es, den Geist abzuheben vom Schmerz seines verbrannten Körpers. Ein Junge, dem die Lippen weggebrannt sind, seine Zähne liegen blank, eine entsetzliche Grimasse. Die ledrige wie mumifiziert wirkende Haut einer Jugendlichen, eine Frau ohne Auge, ein versehrtes Baby.
So viele gute Filme gemacht, so viele Tausend Seiten Literatur für Vernunft und Einfühlung, gegen Faschismus und Krieg und doch ... In den Köpfen vieler Menschen heute ist die Atombombe die richtige Antwort auf die Attentate. "... auf Afghanistan", sagte der Elektriker.
"Wir müssen uns erinnern", heißt es im Text von Duras. "Sonst wird sich alles wiederholen."

El Awadalla (Wien)

G. erzählt, er hätte sofort die Milizias und andere amerikanische Rechtsextreme verdächtigt, als er die ersten Fernsehbilder aus New York gesehen habe. Ich bin also nicht allein. Er hat ein Buch namens "Wag the Dog" gelesen, in dem ziemlich genau beschrieben wird, was jetzt gerade passiert: Ein schwacher Präsidentschaftskandidat wird durch einen fingierten Krieg zum beliebten Helden. G. erzählt auch, kurz vor dem Attentat soll CNN am Rande des Konkurses gestand sein, dank der vielen Bilder des Grauens, die der Sender nun rund um die Welt verkaufen konnte, geht es nun wieder aufwärts.
Bei meiner letzten Zigarette vor dem Schlafengehen zappe ich noch durchs deutsche Fernsehen. Ich bleibe bei meinem derzeitigen Lieblingssender N-TV hängen. Dort fängt gerade ein Bericht über die Verluste der Werbebranche wegen des WTC-Attentats an. Viele Sujets seien "nach dieser Katastrophe unmöglich und pietätlos" geworden, Millionenverluste, in Mark natürlich, seien die Folgen. Als Beispiel wird ein Werbefilm für die Telefonauskunft gezeigt, bei dem ein Flugzeug aus einem Wolkenkratzer herausfliegt und in anderen Gebäuden verschwindet, drinnen sitzen zitternde Leute. Ich erinnere mich, daß ich diesen Werbefilm tatsächlich schon einmal gesehen habe, das muß vor dem 11. September gewesen sein.

Dine Petrik (Wien)

Bisher ließen sich bloß durchstaubte Betrachtungen abringen fürs Tagebuch. Menschen aus aller Herren Länder sollen sich unter den rund 6000 Vermißten befinden, sprich Toten, hieß es. Auch sonst wird nach oben revidiert: "Total WAR", berichtigt George W. Busch, spricht von "einem langfristigen, nie da gewesenen Feldzug", von "Großangriffen, die teilweise per Fernsehen zu sehen sein werden", und "daß sich jedes Land für Gut und Böse entscheiden müsse", usw. usf. Einstimmungsmusiken für Gegenschläge. Babyleicht spuckt er aus, was gewaltige Brände auslösen kann. Zum Heulen! Gottlob oder Allah sei Dank!, wir sind nicht bei der Nato! Und unsere Neutralität? Wird auch sie von Terroranschlägen begraben werden? Untergraben ist sie bereits. Bewahren! Behüten! Man muß sich wappnen: Noch einen Pullover. Gedanken ans Demonstrieren. Ist doch kein Problem als "Links-Linke", sogar als bezahlte ...
Ums Leben gern - ja, so empfand ich es - hätte ich meinen Bruder gekannt, der - 17 Jahre älter als ich - umgekommen ist. Im Nirgendwo, im Raum Berlin wahrscheinlich, hieß es. Knapp Siebzehn war er und feig, weil er nicht Vaterlandretten gehen wollte. Meinen zweiten Bruder, ein noch größerer Feigling, der aus dem Krieg desertiert war, holte sich der Krieg - der ihn nicht hart gemacht, sondern ausgebrannt hat - ein paar Jahrzehnte später.
Von meinem Vater ließ ich mich tragen. Nicht lang. Ich erinnere mich nicht. Es gab Wichtigeres als mich. Umgekommen im Nirgendwo. Zu Kriegsende umgekommen. Dieses so harmlos daher kommende Wort "umgekommen" hat mich vor den Kopf geschlagen die Kindheit entlang. Als der Soldat Vater umkam, war er neunundvierzig und ich drei. Ich habe ihn mir ausmalen dürfen. Der Anblick anderer Kinder Väter war Terror inside. Großväter hatte ich nicht. Ob am Isonzo oder an der Piave umgekommen, ob im Jahr 1917 oder davor? Ich ging ihnen nach. Jedem von ihnen gehe ich nach. Ich habe zu tun.
Mein Sohn hat das Bundesheer hinter sich. Einen Kriegseinzug wird es für ihn nicht geben. Für keines Landes Krieg oder Solidartätsabkommen wird er einstehen. Ich habe zu tun.


MONTAG, 24. 9. 2001
Auch die Taliban machen mobil: 300.000 Mann unter Waffen ... Wachstum der Wirtschaft auf null gebremst .... AUA zieht Notbremse ... USA wollen Schuld Bin Ladens klar belegen ... EU-Troika reist in die Krisenregion / Europäer auf Vermittlungs- und Informationsmission - Humanitäre Hilfsangebote ... "Bei einem Angriff werden die USA leiden" / In Pakistan pflegen die Islamisten Verschwörungstheorien und bereiten sich auf den Kampf vor ... Terror macht "Gott zur Geisel" / Papst fordert Respekt vor authentischem Islam ... Verwirrung im Dickicht ungesicherter Opferzahlen ... (Der Standard, 25. 9.)

Manfred Chobot (Prag)

im zug nach prag lese ich im "profil" einen artikel von susan sontag, in dem sie sagt "feige waren die mörder nicht" und gegen die medienberichte der letzten wochen argumentiert. "die stimmen, die zuständig sind, wenn es gilt, ein solches ereignis zu kommentieren, schienen sich zu einer kampagne verschworen zu haben. ihr ziel: die öffentlichkeit noch mehr zu verdummen." dies schreibt eine autorin, die in new york lebt. "früher haben wir die einstimmig beklatschten und selbstgerechten plattitüden sowjetischer parteitage verachtet. es ist klar zu erkennen, daß unsere führer - jene, die im amt sind; jene, die ein amt begehren; jene, die einmal im amt waren - sich mit der willfährigen unterstützung der medien dazu entschlossen haben, der öffentlichkeit nicht zu viel wirklichkeit zuzumuten."


DIENSTAG, 25. 9. 2001
Warnung vor Anschlägen mit chemischen Waffen ... Zuwanderer: Deutschkurse ab Juli Pflicht ... Arafat wickelt Ferrero-Waldner ein ... Schmieden an Anti-Terror-Allianz ... Die Atombombe der Armen ... Die Lizenz zum Zustechen: Schule für Stierkämpfer ... (Kurier, 26. 9.)

Ludwig Laher (St. Pantaleon)

Steinzeitpatriotismus ist der letzte Schrei, Steinzeitislam ist Steinzeit. Die schöne Karikatur von der US-Hausfrau, die meint, sie habe den Aufruf beherzigt, zur Normalität zurückzukehren und wieder zu shoppen: Sie steht mit vollgepackten Einkaufstaschen in der Tür. Aus ihnen, ihren Manteltaschen usw. ragen viele hundert Sternenbanner-Fähnchen.

Beatrix M. Kramlovsky (Bisamberg)

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer islamischen Intellektuellen, die sich selbst als streng gläubig einstuft und in einem Spagattanz gefangen ist, um ihr universitäres, westliches Wissen und ihre, dem Buchstaben des Gesetzes folgende Religiosität unter einen Hut zu bringen. Mitten in einer Auseinandersetzung über die Aufgaben der Literatur stutzte ich plötzlich und mir wurde bewußt, daß sie nicht an Evolution glaubte.
"Der Mensch ist als Mensch geschaffen, nicht als Affe, nicht als Neandertaler, nicht als Cro Magnon," dann lachte sie verlegen und fügte hinzu, "sagen wir."
"Kein Darwinismus?"
"Nein, natürlich nicht!"
"Es genügt also nicht, wenn ich sage, der Mensch wurde mit den Möglichkeiten, den Anlagen zur Veränderung und besten Adaption geschaffen?"
"Nein. Es steht geschrieben ...", sie unterbrach sich, "wir erscheinen dir vermutlich sehr statisch. Wie kann es Forschung und Erkenntnis geben, wenn ich außer meiner Neugier keinen Zweifel habe?"

Manfred Chobot (Prag)

in prag bei wanda. wir schlafen bis mittag, fahren dann in die stadt. wanda hat magenschmerzen, also kehren wir ein auf zwei bier. schon lange sind wir nicht über die karlsbrücke gegangen. da der turm diesmal geöffnet ist, klettern wir hinauf. beim blick in die tiefe fällt mir das telefongespräch ein, das eine frau mit ihrem mann geführt hatte, nachdem der jumbo-jet in den WTC-tower gekracht war. sie sagte, daß sie ihn liebe und er solle auf die kinder acht geben, daß keine chance bestünde und sie jetzt aus dem fenster springen werde. ich würde versuchen, durch das inferno zu entkommen, sage ich, da hat man wenigstens den funken einer chance. mein magen krampft sich zusammen trotz der vergleichsweise geringen höhe, dessen sturz man vielleicht überleben könnte.
wanda entgegnet, daß sie auch springen würde.
aber bei einem sprung aus dem fenster eines hochhauses ist der tod hundertprozentig. dennoch beharrt sie darauf. im feuer umzukommen ist schlimmer, als ein sicherer tod im freien fall. doch vielleicht reden wir wie ein blinder von der leuchtkraft der farben.
wir stellen uns vor, wie wohl damals die turmwachen gelebt haben. wann und wie oft sind sie herunter gekommen oder waren sie dauerhaft auf den turm verbannt? ich bin froh, als wir uns wieder ins gedränge auf dem erdboden einfügen.

Sylvia Treudl (Wien)

Genau zwei Wochen nun. Und? Ich pendle in einem seltsamen Zwischenzustand, der sich am ehesten mit Erschöpfung beschreiben läßt. Ich kann tageweise keine Berichterstattung ertragen, aber sie läßt mich auch nicht los, diese angelernte Sucht nach "Information". Ich informiere mich darüber, daß die weltweite Reaktion auf den Schock der Ereignisse eine Art Kollektivbewußtsein ist. PsychologInnen kennen die Schritte, in denen sich das abspielt. Ich bin offenbar gerade in der Phase, in der ich mich emotional sozusagen "leergeweint" habe. Nicht mehr "darüber" reden will - aber in jeder Runde kommt es natürlich zu einer Diskussion über alle nur erdenklichen Aspekte der Weltlage. Ich informiere mich über die ungewissen Opferzahlen, die täglich neu veröffentlicht werden. Informiere mich darüber, daß in den USA der dritte Mord an einem "Ausländer" begangen wurde, Übergriffe auf Moscheen zur Tagesordnung gehören. Ich informiere mich darüber, daß ein österreichischer Bischof vor dem Islam warnt und ein "starkes Christentum" fordert. Fundis unter sich. Ich informiere mich über Osama Bin Laden. Ich informiere mich über Internet-Razzias. Ich werde mit geschmacklosen Details gefüttert, die bunten Wochenmagazine erleben eine Hochblüte. "Nur zwölf Stunden vergingen zwischen dem Anschlag auf das New Yorker World Trade Center und dem endgültigen Redaktionsschluß unserer letzten Ausgabe. Wir konnten im letzten Moment die Druckmaschinen stoppen, unser Heft komplett umstoßen und ..." Und so weiter. So seriös kann man sich im Editorial gar nicht geben, Spendenaufruf hin oder her, daß einem dann nicht doch der "professionelle Journalismus" durchgeht. Bei den Bildern vor allem. Sterbende Opfer, notdürftig verhüllte Leichen, verzweifelte Angehörige auf der hilflosen Suche, entblößt in ihrem Leid, zu einer auflagensteigernden Pixeleinheit gemacht. Was suche ich in diesen Seiten? Hinter welche Kulisse versuche ich zu schauen?
Das Grauen läßt sich auch zwei Wochen später nicht fassen, nicht für mich, es hat für mich eine statische Qualität erreicht, eingepackt in einen bleiernen Zustand, mir helfen die "Hintergrundberichte" nicht weiter, ich bin andererseits nicht bereit, meine ganz private Paranoia zu entwickeln, egal ob es sich um die perfekte Orwell-Gesellschaft, um worst case-Szenarien mit giftsprühenden Flugzeugen oder Angriffen auf AKWs handelt.
"Das Leben geht weiter" ist zu einem Zynismus geronnen. Quatsch. Ich gehe meinen täglichen Verrichtungen nach. Unbehelligt. Ganz normal. So wie immer. Private Interessen, Probleme, berufliche Anforderungen stehen im Vordergrund meines Alltags. Natürlich geht das Leben weiter. Für die, die den Dienstag vor zwei Wochen überlebt haben. Die anderen, Opfer dieses Tages, haben schlechte Karten für ihr Epitaph gezogen - wie an jedem anderen Tag auch: diejenigen die an Krankheiten sterben, bei Verkehrsunfällen ums Leben kommen, in Bürgerkriegen ermordet werden.
Die Welt tut einen Dreck, um den Atem anzuhalten. Langsam verzieht sich der Schock, der Nebel lichtet sich. Die Katastrophe ist nicht mehr rückgängig zu machen. Und für manche ist sie ein riesiges Geschäft. Nostradamus boomt (wieder einmal) und in Großbritannien geht die Post ab beim Verkauf von Gasmasken und Spezialanzügen gegen Viren. Vielleicht erlebt auch der Ausbau von privaten Bunkern eine Renaissance.
"We will never forget", versichert ein Transparent in den Ruinen des WTC.
Ich versuche zu verstehen, zu fühlen. Die direkt Betroffenen müssen irgendwie mit ihrem Schmerz umgehen. Trotzdem beunruhigt es mich, liest sich wie never forgive, was ich auch noch nachvollziehen kann, aber der nächste Gedankengang zitiert schon wieder eine Schlagzeile, die da lautet: Das bedeutet Krieg. US-Soldiers in Bereitschaft lesen eine Tageszeitung, deren halbe erste Seite von 3 Buchstaben beherrscht wird: WAR. Ich bin informiert. Und immer wieder laufe ich auf den Bildern auf. Bin Laden-Anhänger in Pakistan, die ein offenbar selbst hergestelltes Transparent dabei haben: OSAMA IS OUR HERROW. Mich stoßen die fanatisch verzerrten Gesichter ab. Ich stolpere unwillkürlich über die falsche Orthographie. Eine Berufskrankheit. Meine Güte, habe ich in dem Zusammenhang keine anderen Sorgen? Auch die andere Seite fährt ihre Helden auf. Der amerikanische Präsident mit einem Feuerwehrmann auf den Trümmern der Twin Towers. Der Mann mit dem Helm wirkt wie eine Puppe, wie etwas plötzlich Erstarrtes. Versteinerte Gesichtszüge. Wen wundert es. Der Präsident sondert grimmige Zuversicht ab, wie er dem Menschen, der seine Horrorbilder im Kopf wahrscheinlich sein restliches Leben nicht mehr los werden wird, jovial den Arm um die Schultern legt. Das Klischee wird mit dem Klischee erschlagen. Der Präsident der zivilisierten westlichen Welt und der Held aus dem Volk. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Seit zwei Wochen eine Gesellschaft mit begrenzter ... Unantastbarkeit?
In den letzten Tagen beobachte ich an mir, die ich an sich eine ziemlich ordentliche Person bin, ein geradezu obsessives Bedürfnis, Ordnung rund um mich zu schaffen.
Als könnte ich mit einer blitzblank aufgeräumten Küche, einem ausgemusterten Kleiderkasten, einem mustergültigen Schreibtisch die Welt in Ordnung bringen.


MITTWOCH, 26. 9. 2001
FPÖ will Fingerabdrücke von allen Bürgern / Westenthaler fordert Identifikationssystem - Briten überlegen neue Ausweise ... USA wollen militärische Antwort ohne die NATO ... weiterer Abschwung der Wirtschaft ... Schlingerkurs in Richtung Bündnisfall ... erneut Warnung vor Giftstoffanschlägen ... Gemäßigte und verschärfte Töne / Das Weiße Haus fährt derzeit eine zweigleisige Kommunikationsstrategie ... "Es sind genügend Unschuldige gestorben" / Eine kleine aber lautstarke US-Friedensbewegung kämpft gegen die Mobilmachung ... (Der Standard, 27. 9.)

Beatrix M. Kramlovsky (Bisamberg)

Gleich in der Früh: Nun wird medienweit an einem neuen Katastrophenbild gemalt. Chemische Waffen. Sprühnebel, Gase, Seuchen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß jemand, der genügend Geld hat, um das kaufen zu können - und auch die Menschen, die er dazu braucht, um es weiter zu transportieren, zu portionieren, die Lagerung und Verteilung logistisch zu bewältigen, daß so jemand dieses Geld und sein Leben dafür hergibt. Selbstmordterroristen sind keine Milliardäre. Und artifizielle Seuchen sind nicht einschränkbar. Schlag nach bei Chargaff: Nichts ist rückholbar. Also dieses Szenario glaube ich einfach nicht. Und was ist mit den USA-Entlaubungsmitteln im Vietnamkrieg? sagt meine kleine lästige Innenstimme. Ich stürme hinaus in den Garten und schneide tropfnassen Zwergahorn und starre wütend auf die Nebelschwaden, graue Leichentücher über den Dorfdächern. Gehöre ich nicht einer schrecklichen Spezies an?


FREITAG, 28. 9. 2001
Wirtschaftsforscher: Nulldefizit hält nicht ... Pakistan scheitert mit Vermittlung ... Asylpolitik entzweit die Koalition ... Mubarak warnt vor Aufständen bei übereilter Militäraktion ... Handlungsanweisungen für die letzte Nacht / Aus dem "Todestraktat" der Attentäter ... UNO befürchtet 1,5 Millionen Flüchtlinge ... Noch kein direkter Konnex Attentäter - Bin Laden bekannt ... (Der Standard, 29/30. 9.)

Beatrix M. Kramlovsky (Bisamberg)

Nachts: Regina hat aus den USA gemailt. Als Journalistin liest sie die Arbeiten ihrer Kollegen natürlich auch mit professionellem Interesse. Panik, sagt sie. Von einem ganz anderen Meinungsbild umgeben als wir hier in Europa. Friedensaufrufe, natürlich. Sie fragt sich, ob das private Entsetzen während Vietnam ebenso entwickelt war - zumindest in den Familien, die ihre Söhne und Väter verloren hatten. Vietnam wurde noch nicht live übertragen, antworte ich. Jetzt haben wir das Gefühl, dabei gewesen zu sein. Und jederzeit dabei sein zu können - auch wenn das zynisch klingt. Wir können nicht mehr so tun, als ginge es uns nichts an. Sie meidet öffentliche Plätze - arbeitet wieder mehr an ihrem Buch, zu Hause. Noch eine, die festklebt an ihrem Computer.
Von amerikanischen Freunden bekomme ich per Mail Gebete. Gott ist uns nahe, wenn wir es nur zulassen. Ich weiß, daß sie es lieb meinen. Aber sie machen mich fürchterlich wütend.


SAMSTAG, 29. 9. 2001
Schüssel: jeder Flüchtling wird in Österreich aufgenommen ... Prominenter Journalist in Nordirland erschossen ... "Im Namen Osama bin Ladens" / Soldaten des Islam suchen die Schlacht ... Schleierzwang nicht aus Religion abzuleiten ... Krenn will Konflikt mit dem Islam ... (Kurier, 30. 9.)


SONNTAG, 30. 9. 2001
Taliban verstecken Bin Laden: Countdown für Militärschlag läuft ... Afghanisches Elend in den "befristeten Siedlungen" ... Tony Blair sah "unbestreitbare Beweise" gegen Bin Laden ... Letzter Wille des Mohammed Atta ... keine Hoffnung mehr: Die Suche ist beendet ... (Der Standard, 1. 10.)

Barbara Neuwirth (KünstlerInnenhaus Schloß Wiepersdorf)

"Rasterfahndung beginnt am Montag" titelt die Märkische Allgemeine in der Samstag/Sonntag-Ausgabe. Die Falken sind also weiterhin munter und auf der Jagd nach Schläfern. Hier in Deutschland, wo sich ja einige der Attentäter aufgehalten haben, wo man durch die Mitgliedschaft in der NATO Angst vor einer Kriegsbeteiligung im praktischen Sinn hat(te), wird das "Sicherheitssystem" des Staates diskutiert und verschärft. Ein hilfloser Versuch, das zu erreichen, was nie erreichbar sein wird: In die Köpfe von Menschen zu schauen, um ihre bösen Gedanken rechtzeitig zu wissen und sie an der Ausführung der Taten zu hindern.
Von der "Zwei-Klassen-Gesellschaft der Toten" wurde gesprochen. Jene, die wir auch hätten sein können, bedeuten uns mehr als jene, die wir nie sein werden: Mitglieder von Gruppen, die zu wenig zum Essen haben, zu wenig medizinische Betreuung, zu wenig Zugang zur Bildung.
"Armut entsteht durch Faulheit" ist ein Plakat, das laut Stern in den Internatszimmern einer deutschen Elite-Schule betrachtet werden kann.
Entsteht Zynismus durch Wohlstand?

Dine Petrik (Wien)

"Nicht jedes Volk, das konsumiert, ist zivilisiert", ist auf Transparenten demonstrierender Berliner zu lesen, die sich gegen den beschworenen Kreuzzug und die EU-Solidarrufe richten. Und siehe da, auch hierzulande wird Solidarität bekundet, anstatt zu schweigen und andere reden zu lassen ...
Wie nicht zu überhören war, hat seinerzeit US-Amerika Saddam Husseins Krieg gegen die Ajatollahs unterstützt - soll halb Europa dem Irak nicht nur Waffen sondern auch Grundbasen zur Herstellung chemischer geliefert haben. Während des ersten Golfkriegs sind Giftgasabwürfe gegen die Kurden zum Einsatz gekommen. Saddam Hussein ist nicht davor zurückgeschreckt, womit die USA im Vietnamkrieg Schule gemacht haben. Nach den Golfkriegen war die Suche nach Saddams Waffen- und Chlorgasfabriken monatelang die Nummer eins in den westlichen Medien. Wie nicht zu überhören war, haben die USA Bin Ladens Ausbildung unterstützt und Afghanistan mit Geld und Waffen versorgt gegen die Sowjetunion.
Der Verlust eines Kindes ist für die Hinterbliebenen oft ein lebenslang unbewältigbarer Prozeß, an dem afghanische Mütter und Väter nicht minder als kurdische tragen dürften, reiche nicht minder als arme. Wie wird das Erinnern an jene verarbeitet, die nach grausamen Folterqualen starben? Wie können jene Verkrüppelten (Kinder), die es durch die Minen der Waffenkonzerne geworden sind, das Erinnern an ihre noch "heile" Welt bewältigen? Werden sie es mit Hilfe des IGH schaffen, oder mit dem EuGH oder eher mit dem EGMR, dem Internationalen Komitee des Roten Kreuzes, oder mit dem IKRK, das an seinen Fünfzigsten Geburtstag mit einer Anthologie von Betroffenen erinnert, oder eher mit Hilfe des IKRK, das ein Mandat zur Wahrung des humanitären Völkerrechts hat und 1997 in Ottawa das Verbot von Anti-Personen-Minen erwirkte, ein Verbot, das 140 Staaten unterzeichneten, wobei zu den Nichtunterzeichnern und zugleich mächtigsten Minen-Herstellern China, Russland und USA gehören? Ist es besser, auf den 1998 in Rom beschlossenen ICC, den International Criminal Court (Internationaler Gerichtshof für Verbrechen gegen die Menschlichkeit) zu warten, dem China und Amerika nicht beigestimmt haben, was bei China nicht weiter verwundern kann, doch bei der Supermacht USA? Die nicht zustimmten, weil danach vielleicht nichts mehr unter den Teppich gekehrt werden könnte, Hegemonie- und Quotenwachstum gestört wären. Wenig Dialogbereitschaft bei der Handhabung des Biowaffenverbots, blind für die ansteigende Verstörung, die diese Supermacht hinter sich nachzieht, grenzt es schon an ein Wunder, daß sie sich doch zur Unterzeichnung der UN-Kinderrechtskonvention hat bewegen lassen, eine über zehn Lenze zählende Organisation. Nicht zu überhören ist auch, daß die USA weltweit die zweite Stelle bei Hinrichtungen nach China einnehmen. Weiters befremdet das Faktum, daß nach Ablehnung des Atomtest-Stoppvertrags der US-Senat jede Hoffnung auf weiteres Abrüsten zerstört hat.

Beatrix M. Kramlovsky (Bisamberg)

23 Uhr: Essen mit Freunden beim Italiener, der (natürlich) Ägypter ist. Er lädt alle seine Stammgäste ein, sein erstes, erfolgreiches Geschäftsjahr mit ihm zu feiern. Toskanische Küche, orientalische Herzlichkeit, amerikanischer Jazz. Wir reden nicht über Politik. Wir erzählen einander Anekdoten. Die Gruppen vermischen sich, ich zähle zumindest fünf Nationalitäten von drei Kontinenten. Ein durch und durch politischer Abend, aber mit offenen Armen und Ohren.
Eine befreundete Malerin hatte immer schon die Idee, Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kultur zu gemeinsamen Essen zu verpflichten.
"Darauf achten, daß alle satt sind und Geschichten austauschen können, dann kommt keiner auf blöde Ideen. Bloß kann man damit kein Geld machen und daher fehlt das Interesse."
Seifenblasen aus dem Kulinarium.


MONTAG, 1. 10. 2001
Flüchtlinge: Koalition läßt Haider abblitzen ... Kampfpiloten warten auf den Einsatzbefehl ... Weltweite Nervosität vor möglichem US-Militärschlag ... Labour will Terrorgruppen die Schlagadern durchschneiden ... Platzmangel: Tausend Elefanten sollen umziehen ... (Kurier, 2. 10.)

Beatrix M. Kramlovsky (Bisamberg)

In Rom wird der afghanische König zu einem gesuchten Gesprächspartner. Keine Zeit mehr für Archäologie, philosophische Diskurse. Der alte Herr wird eingespannt.
Ich lese wieder die alten Berichte reisewütiger Frauen aus dem vorigen Jahrhundert, die autobiographischen Passagen Micheners zu seinem Afghanistanbuch, die hinreißenden Skizzen Bruce Chatwins. Ich stelle mir die Farben des Landes vor wie die Wüstenberge hinter Yazd, viereinhalbtausend Meter hoch, onyx, sepia, zinnober, senf. Ein frühlingsgrüner Baum wie ein Smaragdeinschluß. Ein plötzlicher Regen, unter dem die Felsen schwarz leuchten. Bauern, die einen Esel antreiben. Ein ausgebrannter Lastwagen in einer Straßenkurve. Iranisch. Afghanistan stelle ich mir in Teilen ähnlich vor. Noch ein bißchen höher. Noch wilder. Zerschossen, zerstört.
Ich erinnere mich an das Gesicht eines Studenten in Isfahan. Am dritten Tag legte er mir in der Pause zu den vielen Aufgaben der anderen einen Brief, gefaltetes Papier, sorgsam darauf bedacht, daß es nicht auffiel, daß keiner etwas lesen konnte. Ein Kriegsgedicht. Ein Schrei. Deshalb beschloß ich, das Programm meiner Lesung zu ändern. Afghanische Asylanten in Österreich, Wien und Kabul. Ich kenne Kabul nur aus Reiseberichten, aber ich habe zugehört, wenn Flüchtlinge ihre Heimat beschreiben. Jeder trägt eine Schilderung eines bestimmten Bildausschnittes in seinem Herzen - so wie wir, bloß ist es uns vielleicht nicht bewußt, weil wir uns ja nicht trennen müssen. Während ich aus meiner Erzählung las, blickte ich hoch in die vielen aufmerksamen Gesichter. Konzentriert, der fremden Sprache verfallen. Neugierig. Da kannte ich sie schon ein bißchen, war eingeweiht in Familiengeschichten, wußte so vieles, das sie unbewußt preisgegeben hatten, die Exilanten, die im Iran-Irakischen Krieg Verwundeten, die jungen Mütter, die Aufmüpfigen, die Liebenden, die in ihrem Gottesbild Ruhenden, die Zweifler, die Hoffenden - Schreiben ist verräterisch. Er mit seinen tiefen Blessuren. Er saß da wie ein Klotz. Und er weinte bitterlich.
Heute muß ich an ihn denken. Ich frage mich, ob seine Mutter, unter dem blickdichten Tuch verborgen, noch in den zerschossenen Häusern lebt. Und ich bin wütend, oh so wütend, auf die erfolgreichen Ideologen, die Frauen dazu bringen, den Verlust ihrer Kinder als möglicherweise politischen Gewinn zu sehen, stolz auf ein sinnloses Märtyrertum.


MITTWOCH, 3. 10. 2001
Riesiges Chaos um Pleite der Swiss Air ... USA fordern jetzt Unterstützung durch die Nato an / Beistandspflicht wurde aktiviert ... Wunschliste aus Washington ... Kaum Hoffnung auf Waffenruhe im Nahen Osten ... Taliban wollen verhandeln / USA lehnen Gespräche ab ... Putin signalisiert Einverständnis mit einer Nato-Osterweiterung ... Urnen mit Staub von der Terror-Ruine ... (Der Standard, 4. 10.)

El Awadalla (Wien)

Elisabeth Ziernhöld und Band im Siebenstern, 42 BesucherInnen, ich bin baff. Die Lesung ist eher ein Konzert. Danach sitzen noch einige Leute zusammen; was ist das Gesprächsthema? Wird es Krieg geben oder nicht? Was sonst? Danach wird noch mehr Terror kommen, noch mehr Krieg. Die Stimmung ist düster. Aber dann kippt alles wieder ins Lustige, ins Lächerliche, George Bush wird zum Stauden-Schurl. Jemand hat mir heute eine E-Mail mit der verschleierten Freiheitsstatue aus dem Jahr 2006 geschickt und dazu den Stauden-Schurl mit Bart und Taliban-Kapperl. G. will nur mehr auf Parties gehen und das Leben genießen, ein Rausch soll es sein bis zum Ende.
Beim Heimgehen kaufe ich mir am Würstelstand ein Bounty, was sonst gibt's dort schon für Vegetarierinnen. Ein junger Schwarzer bedient mich, könnte ein Ostafrikaner sein, denke ich, will ich herausfinden. Zum Abschied sage ich Marahaba, ein Strahlen geht über sein Gesicht, Marahaba, sagt er. Ich muß daheim in meinen Suaheli-Büchern kramen. Viel Suaheli habe ich nicht mehr im Kopf.
Natürlich drehe ich noch den Fernseher auf: Halbverhungerte afghanische Kinder; sie werden den Winter nicht überleben. Wir sollen spenden für Lebensmittel. Wie viele Spenden braucht es, damit diese Kinder über den Winter kommen? Was kosten die Flugzeugträger, die Richtung Afghanistan aufbrechen?
Wie schön erklären doch die Wirtschaftsfachleute in N-TV, daß Afghanistan ein besonders wichtiges Land für die Öl-Pipelines ist. Diese sind gut für den Reichtum der Konzerne; die Kinder, die gleich neben der Pipeline leben, verhungern. Das war schon vor einigen Jahren in Somalia so: Die USA wollten Frieden schaffen und haben nur noch mehr Tote hinterlassen. Heute sagt der deutsche Bankenfachmann, daß es dort um die Interessen eines US-Ölkonzerns ging. Damals waren alle, die so etwas auch nur vermuteten, paranoide Linke.


DONNERSTAG, 4. 10. 2001
Flugzeug aus Tel Aviv über dem Schwarzen Meer explodiert / Fehlgeleitete ukrainische Rakete als wahrscheinliche Ursache / Terrorakt nicht ausgeschlossen ... Ländermatch gegen Israel abgesagt ... Nato-Mitglieder stellen Schiffe und Aufklärungsflieger ... Rumsfeld versucht Reihen zu schließen ... Blair: Schuld Bin Ladens ist erwiesen ... Nach dem Terror: US-Bürger rüsten auf ...WTC-Wiederaufbau/Zwei Drittel der New Yorker sind dafür ... Griff zu Drogen im Terrortrauma ... Terrorverdacht in Toulouse ... Terroranschlag in Nord-Israel ... (Der Standard, 5. 10.)

Sylvia Treudl (Wien)

Ein russisches Flugzeug explodiert über dem Schwarzen Meer. Man mag sich gar nicht vorstellen, was das wieder bedeutet. Bedeuten könnte. Tatsache: wieder an die 100 Tote. Ein Freund ist gestern nach Moskau geflogen. Meine Freundin ist aus Amerika gut nach Hause gekommen.
Der Begriff "Vaterlandsverräter" ist im Zusammenhang mit den verweigernden Fußballspielern gestern tatsächlich in den Medien gefallen. Gleich darauf hat sich Ö3 wieder einen besonders lustigen Joke einfallen lassen und einen gefakten Anruf ("Der Handyman") getätigt. Da wurde also ein gutgläubiger Mensch, der aus Vergnügen in irgendeiner österreichischen Mannschaft spielt, die wahrscheinlich nicht einmal am Toto-Schein vorkommt, zum Trottel gemacht. Ihm wurde versucht einzureden, daß aus Not am Mann für die 9 Spieler, die partout nicht nach Israel wollen, Ersatz gesucht wird und er jetzt die Chance hätte, in die Nationalmannschaft auf die Besetzungsliste zu kommen. Verarschung und Erniedrigung als Hetz. Das ganze live auf Sendung, zur allgemeinen Belustigung beim Frühstückskaffee.
Gestern den ganzen Tag über mit verschiedenen Leuten über Radikalismus und Frauenfeindlichkeit diskutiert. Mila Haugová, die gerade Ateliergast im ULNÖ (Unabhängiges Literaturhaus Niederösterreich) ist, erzählt mir von einem Aufenthalt an einer Uni in Iowa, wo sie mit anderen internationalen AutorInnen creative writing unterrichtet hat. Unter anderem war da auch ein strenggläubiger Moslem, ein distinguierter Herr und renommierter Autor, der penibel seine Gebetszeiten und Ernährungsvorschriften einhielt. Und sich jedes Mal, nachdem er die anwesenden Frauen begrüßt hatte, die Hände waschen ging. Und der erzählte, daß er bei der Pilgerreise nach Mekka nicht einmal seine eigene Frau mit bloßen Händen berühren darf.
Natürlich ist mir das nicht nachvollziehbar. Natürlich kann ich argumentieren, daß das einfach die Rituale einer anderen Kultur, einer anderen Ideologie sind. Sympathisch ist mir das natürlich trotzdem nicht. Und es ist so frauenfeindlich wie es die katholische Kirche auch ist.


FREITAG, 5. 10. 2001
Terrorbekämpfung sprengt Bankgeheimnis ... US-Geheimdienst fürchtet Attentate ... "Strategien gegen den Terror wie im Kalten Krieg" ... Neue Schadensrechnung in den USA / Gesamtschäden von 1569 Milliarden Schilling ... (Der Standard, 6. 10.)


SAMSTAG, 6. 10. 2001
Angst vor dem Fliegen wächst, Bahn fahren ist wieder gefragt ... Bush bekräftigt Warnung an Taliban: Die Uhr tickt ... Schily will Anti-Terror-Paket durchpeitschen ... Flughafen Wien: Stille statt Reisehektik ... (Kurier, 7. 10.)

Harald Friedl (Wien)

Kalter Krieg: Saturn Hansa, 4. Stock: Der große 16:9 TV-Schirm zeigt heute Eurosport. Habe die neuen CDs von Björk und Bob Dylan gekauft: Zwei zerbrechliche Stimmen einer brüchigen Welt.
3. Etage / 2. Etage / 1. Etage / Parterre.
Pizzaschnitten / Hühnerkebap. Auf der Straße geht alles seinen gewöhnlichen Gang. Die Welt wird nicht mehr so sein, wie sie vor den Anschlägen war, hat es in den letzten Wochen oft geheißen. Die Medien brauchen Futter, die Medien brauchen Neues, also rufen sie eine neue Zeit aus.
Aber es gibt keine neue Qualität. Nur eine neue Ästhetik der Bilder des Unterganges. Sonst nichts.
Kathedralen der Globalisierung sind eingestürzt. Kathedralen der Verantwortung wurden nie gebaut. Hungernde Menschen beeindrucken nicht so nachhaltig wie einstürzende Neubauten. Weil die Bilder von Hungernden immer wieder die gleichen sind und eine Inszenierung wie das Attentat vom 11. 9. sich noch nie angeboten hat.
Hungertote sind ein Fall für die Caritas.
Die Toten vom WTC ein Fall für Weltpolitik.
Diesel / Anker / Bank für Arbeit und Wirtschaft.
Flic flac. Ich sehe gelangweilte, junge Frauen an den Händen abschätzig blickender Männer. Dabei scheint eine epochemachende Entscheidung gefallen zu sein, die niemanden so beeindruckt wie der epochemachende Einsturz der Twin Towers: Es wird kein großer Krieg geführt werden, so heißt es aus dem Pentagon, sondern etwas, das dem Kalten Krieg ähnelt.
Kalter Krieg. Klingt harmlos verglichen mit einem heißen. Kalter Krieg, was beinhaltet er: Gleichschaltung der Medien; simples Freund-Feind Schema; Unterstützung für befreundete Regierungen, egal, was die in ihren Staaten trieben; wachsende Militärbudgtes; höhere Zinsen; verdeckte Militäroperationen; surgic interventions; klare Definition des Feindes / des Bösen; breiten Interpretationsspielraum, wer zu den Bösen gehört; Repression von Oppositionellen; dosiertes, punktuelles Morden; staatlich sanktionierte Liquidationen; Menschen werden spurlos verschwinden. Ein Kalter Krieg nur. Zeithorizont: Jahre? Jahrzehnte? Kontrolliert / geplant / getimed.
Flotten-Center: "Das Original von der Der Schuh des Manitou: Winnetou und Old Shatterhand im Tal des Todes. 16 Uhr 15."
In der Telefonzelle an der Ecke Neubaugasse brüllt ein Mann in den Hörer: WO? WO? WO? WANN? Zwischen den Fragen schimpft und flucht er hysterisch. Mit hochgezogenen Schultern und schwitzendem Gesicht stürzt er aus der Zelle. Nein, ich werde hier nicht telefonieren, ich will nicht die selbe Luft atmen wie dieser Mensch.
Solinger / New Yorker / Bank Austria.
Eine ältere Frau mit asch-grau-blau bemaltem Gesicht überquert die Straße.
Auf einem Baum hängt die Xerox-Kopie einer Suchanzeige: Nicole, verschwunden seit 15. September. Das Foto zeigt eine hübsche Mittzwanzigerin. Sie lächelt. Für wen lächelte sie? Für den, der sie jetzt sucht? Darunter ist eine Handynummer geschrieben. 0664 / ...
Aurafotografie / Max Shop / Quick Shop.
Echtes Last Minute. Ein Mann schreit: "A poa Schilling, a poa Schilling. A poa Schilling fia wos zan Essn!" Jeder, der öfter die Mariahilfer-Straße entlang geht, kennt diesen Verrückten. Er schweigt oder er brüllt, stets nur das eine oder das andere. Sein Kopf ist geschoren, sein Hautfarbe rosa. Wie bemalt.
Der Rosa-Kopf-Mann läuft die Straße rauf und runter, redet wirre Beschimpfungen / Anklagen. Dann: "Bitte, bitte, bitte!" Er sinkt am Trottoir in die Knie, streckt die Hände vor sich aus, offen, bereit für Gaben, die er aufgeregt fordert. "Bitte, bitte, bitte! Bitte, bitte, bitte! Bitte, bitte, bitte!"
Die UNO kann sich nicht auf eine Definition einigen, was unter Terrorismus zu verstehen sei. Ein Dauerthema für die kommenden Jahre ist angelegt. Was ist eine Terrororganisation? Was eine Befreiungsbewegung, die auf staatliche Gewalt mit organisierter Gewalt antwortet? Kolumbien. Wenn wir die Begriffe Menschrechte / Menschenwürde ernst nehmen, müssen wir auch das Recht zugestehen, sich gewaltsam gegen staatliche, militärische Gewalt zu wehren. Ost-Timor. Gegen eine Konfusion der Begriffe Terrorismus / Widerstand! Palästina. Wer definiert die Linie? Es kann keine Einigung darüber geben, was Terrorismus ist, ohne einerseits jeder Befreiungsbewegung das Recht abzusprechen, AUCH bewaffnet vorzugehen, ohne andererseits den Staaten das exklusive Recht auf Gewaltausübung einzuräumen. Nicaragua, Guatemala, Vietnam - Beispiele dafür, daß ich nicht an Pazifismus glauben kann. Auch Terrorismus kann man nicht nur mit Diplomatie begegnen. Es kann Gewalt nötig sein (im Sinne von polizeilicher Gewalt).
Der Verrückte mit dem rosa Kopf trägt eine Windjacke mit einem Aufdruck am Rücken: HOME BOY. LOUD COUTURE. Er brüllt nicht, jetzt. Er kniet am Trottoir. Seine Hände sind an den Kanten aneinandergepreßt, zu einem kleinen Becken geformt. Als befände sich vor ihm eine Bassin, aus dem er Wasser schöpfen will. Viele Menschen werfen Münzen in Brunnen, warum nicht in den seinen, den er sich vielleicht vorstellt in seinen Händen?
Die Sonne steht tief, es ist 16 Uhr.


SONNTAG, 7. 10. 2001
US-Bomben auf die Taliban / Luftangriffe und Cruise Missiles auf Afghanistan / US-Präsident Bush: "Die Taliban zahlen den Preis" / Bin Laden übernimmt Verantwortung für Terror/B-52-Bomber warfen Lebensmittel für Zivilisten ab ... Bomben und Brot ... Nach vierwöchiger Vorbereitung beginnt militärischer Gegenschlag ... ... "Friede und Freiheit werden siegen" ... Rauchwolken über Kabul und ein Bekenner-Video Bin Ladens in der ersten Nacht der US-Angriffe ... (Der Standard, 8. 10.)

Ludwig Laher (Visegrad)

Ab heute wird zurückgeschossen. Vom amerikanischen Gegenschlag ist im Fernsehinsert die Rede, fast die ganze Welt ist uneingeschränkt dafür. Medienwirksam werden Bomben und Freßpakete abgeworfen. Muß man ein großer Prophet sein, um vorauszusagen, daß die Welt dadurch weder sicherer noch gerechter wird? Nichts gegen ein eventuelles Ende des Taliban-Unrechtsregimes, aber ein nüchterner Blick auf dreißig Jahre Geschichte der Region legt nahe, daß wir einer grotesken Farce applaudieren: Zuerst alle nur denkbare materielle und ideelle Unterstützung für Radikalislamisten gegen die bösen Russen, Aufrüstung und Sieg der Mullahs, interne Kämpfe und Aufstieg der mutigsten Burschen, koranschulerprobt und ohne sonstiges Wissen von der Welt, eine Brutaloherrschaft ohnegleichen. Nun mit den braven Russen die neuen bösen Buben abstrafen, aber nicht, weil sie Frauen steinigen und Musik verbieten und Buddhastatuen sprengen und und und, sondern weil wer Südmanhattan in Schutt und Asche gelegt hat und die Beweise der Geheimdienste hieb- und stichfest sind wie immer, hieb- und stichfest.

Manfred Chobot (Wien)

beim morgendlichen duschen höre ich wie so oft eine kassette mit alten songs von bob dylan. zufällig ist es diesmal "with god on our side". natürlich kenne ich das lied und den text, aber der text trifft mich heute mit voller wucht. ich bin perplex, erschüttert und zugleich bestärkt: genau so ist es, und dylan hatte bereits 1964 jenes bewußtsein und jenes selbstverständnis ausgedrückt, das wir in den letzten wochen ständig erfahren mußten: gott ist auf unserer seite und dadurch sind wir im recht. ein postulat, das niemals in frage gestellt, sondern auf allen gesellschaftlichen und politischen ebenen exekutiert wird und eine grundfestung US-amerikanischen denkens darstellt, dieser unerschütterliche glaube, daß ihrem land recht und macht zugeteilt wurde. alle herrscher dieser welt, ob sie nun könige von hawaii, aztektische häuptlinge oder afrikanische stammesfürsten waren, beriefen sich auf ihre göttliche abstammung. als in aufgeklärten gesellschaften nicht mehr mit göttlichen vorfahren argumentiert werden konnte, jedoch sehr wohl mit göttlichem willen, wurde ihre macht damit legitimiert. die habsburger konnten sich nicht mehr als urahnen gottes darstellen, also beriefen sie sich auf gottes willen, der sie zu königen und kaisern gemacht hatte. franz joseph hat diese these bis ans ende seines lebens vertreten.
und die "parade-demokratie" der westlichen welt benützt exakt dieselben argumentationsmuster, die nation gottes zu sein. mit gott auf ihrer seite sind sie zu hundert prozent im recht, wie es bob dylan in seinem text "with god on our side" vor fast vierzig jahren formuliert hat. - und zugleich hat er die existenz gottes in frage gestellt, indem der dann wohl den nächsten krieg verhindern würde.
am abend nach der rückkehr von meiner lesung im funkhaus eisenstadt höre ich in den nachrichten, daß die amerikaner kabul und kandahar bombardiert haben. radios, die ohne batterien funktionieren, wurden abgeworfen, um die bevölkerung in der landessprache zu informieren.

der dylan-text:

mein name bedeutet nichts / noch weniger mein alter / das land woher ich komme / heißt mittelwesten / ich wuchs dort auf und lernte / das gesetz zu achten / und daß das land in dem ich lebe / gott auf seiner seite hat.
die geschichtsbücher erklären es / erklären so gründlich / daß die kavallerie angriff / die indianer fielen / die kavallerie griff an / bis die indianer starben / der staat war jung / mit gott an seiner seite.
der spanisch-amerikanische krieg / war voll im gang / und auch der bürgerkrieg / war bald vorbei / die namen der helden / lernten wir auswendig / mit den gewehren in ihren händen / und gott war auf ihrer seite.
der erste weltkrieg / schloß unser schicksal mit ein / den grund für die kämpfe / fand ich nie heraus / aber ich lernte zu akzeptieren / mit stolz zu akzeptieren / daß man die toten nicht zählen muß / wenn gott auf unserer seite ist.
als der zweite weltkrieg zu ende ging / verziehen wir den deutschen / und wurden freunde / obwohl sie sechs millionen umgebracht hatten / in den öfen verbrannten / haben die deutschen jetzt / auch gott auf ihrer seite.
aber nun haben wir waffen / von chemischem staub / wenn wir gezwungen sind / sie abzufeuern muß es sein / jemand drückt auf den knopf / und ein schuß trifft die ganze welt / aber niemand stellt fragen / wenn gott auf unserer seite ist.
in manch dunkler stunde / habe ich darüber nachgedacht / daß jesus christus / von einem kuß verraten wurde / aber ich kann nicht für euch denken / ihr müßt selbst entscheiden / ob judas iscariot / gott auf seiner seite hatte.
damit will ich mich verabschieden / bin höllisch müde / meine verwirrung / kann keine zunge ausdrücken / worte erfüllen meinen kopf / und fallen zu boden / wenn gott auf unserer seite ist / verhindert er den nächsten krieg.

El Awadalla, geb. 1956 in Wien. Literarische Veröffentlichungen seit 1982, zuletzt erschienen: Kraftorte - Geldquellen. Österreichischer Sekten- und Esoterikatlas (Wien 2000); mia san mia - wean und de wööd (Uhudla Edition, Wien 2001).

Manfred Chobot, geb. 1947 in Wien. Seit Anfang der 70er Jahre freiberuflicher Schriftsteller und Galerist. Veröffentlichte zahlreiche Bücher und rund 50 Hörspiele und Features. Auswahl: ansichtskarten (Literaturedition NÖ, St. Pölten 1997); Kumm haam in mei Gossn (Dialektgedichte, Bibliothek der Provinz, Weitra 2000); Römische Elegien (Deuticke, Wien 2000).

Harald Friedl, geb. 1958 in Steyr/OÖ, lebt in Salzburg, Mitter-Retzbach und Wien. 1991-93 Leiter des Salzburger Literaturhauses, seit 1993 freischaffender Dokumentarfilmer, Musiker und Schriftsteller. Zuletzt erschien: Belohlaveks Geheimnis (Erzählung, Edition Thurnhof, Horn 2001).

Nils Jensen, geb. 1947 in St. Pölten, lebt in Wien und in Aigen im Mühlkreis. Herausgeber der Zeitschrift "Buchkultur". Veröffentlichte u.a. Gedichtbände und Theaterstücke.

Beatrix M. Kramlovsky, geb. 1958 in Steyr/OÖ, Studium der Anglistik und Romanistik, langjähriger Aufenthalt in der DDR; lebt jetzt in Bisamberg/NÖ; bildende Künstlerin und Autorin.

Ludwig Laher, geb. 1955 in Linz. Studium der Germanistik, Anglistik und Klassischen Philologie in Salzburg, danach Arbeit als Lehrer (AHS und Universität). Lebt als freier Schriftsteller in St. Pantaleon/ OÖ. Neben zahlreichen Hörspielen und Übersetzungen veröffentlichte er zuletzt: Herzfleischentartung (Roman, Haymon, Innsbruck 2001).

Christa Nebenführ, geb. 1960 in Wien. Studium der Philosophie, Theaterwissenschaft, Psychologie und Soziologie. Als Schauspielerin tätig; Gedichtbände erschienen im Grasl Verlag und bei Deuticke.

Barbara Neuwirth, geb. 1958 in Eggenburg/NÖ. Schriftstellerin und Lektorin für Wissenschaftstexte. Zuletzt erschien: "Tarot Suite" (Roman, Deuticke, Wien 2001). 2001 dreimonatiges Aufenthaltsstipendium im KünstlerInnenhaus Schloß Wiepersdorf in der Mark Brandenburg, Deutschland.

Dine Petrik, geb. 1942 in Unterfrauenhaid/Bgl. Bücher u.a.: Was geschah wirklich mit Hertha K. (Erzählung, 1997), befragung des zorns (Gedichte, 1999 - beide Otto Müller Verlag, Salzburg).

Christopher Staininger, geb. 1970 in Wien, lebt in Wien und in Retz/NÖ. Bücher: Und zum Schluß ich (Erzählung, 2000), cognac & rotwein (Gedichte, 2001 - beide Resistenz Verlag, Linz - Wien).

Sylvia Treudl, geb. 1959 in Krems, lebt in Wien und NÖ; regelmäßige Publikation von Lyrik und Prosa seit 1986; Einzelpublikationen zuletzt: Blues, Erzählungen 1999; windspiele, gedichte 2001; Zug um Zug, Reisenotizen 2002; freie Autorin, Herausgeberin und Mitbegründerin/Mitbetreiberin des Unabhängigen Literaturhauses NÖ in Krems.

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