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Der schöne Nagil
Stephan Denkendorf

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In der Hauptstadt ist alles besser. Hier in dem
elenden Dorf ist alles schlecht. Nagil ist klug. Die Mädchen verdrehen die
Augen nach ihm. Aber ein hübscher Bursche muß vom Dorf in die
Stadt.
In der Stadt begreift Nagil sofort, daß er weder lesen noch
schreiben kann. Vielleicht verdrehen die Mädchen deshalb nicht die Augen
nach ihm. Nagil wird Fleischerlehrling. Nach der Arbeit, wenn die fleischkalten
Hände allmählich erwärmen, bringt Nagil sich Lesen und Schreiben
bei. Er verwendet Tageszeitungen dazu und ein zwanzig Jahre altes "Buch der
Weltrekorde".
Als Nagil selbständig eine Kuh zerteilen kann, vermag
er zu lesen und zu schreiben. Aber die Mädchen verdrehen die Augen nicht
nach ihm. Nagil erinnert sich an das "Buch der Rekorde". Er schlägt
nach.
Zwei Jahre später ist der Nagel am rechten kleinen Finger elf
Zentimeter lang. Die Leute verdrehen die Augen. Fragen. Erkundigen sich.
Staunen. Die Mädchen kaufen in Nagils Fleischerei.
Beim Zerteilen
eines Schafs bricht ihm der vierzehn Zentimeter lange Nagel ab. Die
Mädchen sind entsetzt. Nagil gibt nicht auf.
Nach sechs Jahren
mißt der Fingernagel am linken kleinen Finger siebzehn Zentimeter. Die
Kunden staunen. Verdrehen die Augen. Fragen. Erkundigen sich. Im Hof schlachten
Fleischerlehrlinge das Vieh. Der Reporter einer Tageszeitung fotografiert
Nagils linke Hand.
Mit den Jahren mehren sich die gerahmten
Zeitungsblätter an den Fleischereiwänden. Nagil nimmt an Wettbewerben
teil. Alle Leute verdrehen die Augen vor dem achtundvierzig Zentimeter langen
Fingerdorn. Er beginnt sich zu krümmen. Erkundigungen. Fragen. Reporter
fotografieren. Nagil verkauft die Fleischerei.
Hinter dem siebenundneunzig
Zentimeter langen Hornfortsatz ist der kleine Finger längst
gefühllos. Abends bindet sich Nagil den Arm fest. Eine ungünstige
Bewegung im Schlaf: alles wäre umsonst gewesen. Reporter fotografieren.
Fernsehleute filmen.
Nagil verläßt seine Wohnung nur noch zur
Teilnahme an Wettbewerben. Der einhundertvierundvierzig Zentimeter lange
Nagelwurm ruht eingerollt auf mehreren roten Samtkissen. Die linke Hand ist
längst gefühllos. Reporter fotografieren. Fernsehleute filmen. Alle
Leute verdrehen die Augen. Ein Regisseur verhandelt mit Nagils Manager wegen
eines Kinoprojekts.
Die Spezialanfertigung von Nagils Limousine kostet
nur einen Bruchteil des Vermögens. Der Manager folgt in einer zweiten,
bescheideneren Limousine. Das zweihundertfünfundzwanzig Zentimeter harte
Ringelmonster lagert in einer stoßfreien Aufhängung. Längst ist
Nagils linker Arm gefühllos geworden. Der fettgefressene,
bewegungsunfähige Nagil schnauft in der Polsterung. Er erinnert sich an
sein Heimatdorf.
In einer Staubwolke kommt der Wagen zu stehen.
Hühner stieben davon. Zerlumpte Kinder laufen herbei. Der Chauffeur
kurbelt Nagil auf einen ausgeklappten Fauteuil. Die Dorfbewohner verdrehen die
Augen. Sie starren auf das zweihundertsiebenundzwanzig Zentimeter lange
Ungeheuer. Ich bin Nagil, keucht es aus einem verquollenen Fettgesicht. Aber
die Dorfbewohner können weder lesen noch schreiben. Einige Aufgebrachte
erschlagen den Schönling.
Stephan Denkendorf, geb. 1957 in
Neunkirchen/ NÖ. Lebte von 1981 bis 1994 im Ausland (Argentinien,
Jordanien, Norwegen, Malaysia). Seit 1980 Veröffentlichungen in
Zeitschriften und Zeitungen (Podium, Wiener Journal, Lichtungen etc.) und in
Anthologien. Anerkennungspreis des Landes Niederösterreich für
Literatur 1994; Literaturpreis des Niederösterreichischen Kulturforums
1998. Einzelveröffentlichungen: Festungen (Otto Müller Verlag,
Salzburg 1990); Manege Frei (Edition Thurnhof, Horn 1999).