Podium 123 - Schönheit muss leiden

Cover von Waltraud Palme

Der schöne Nagil

Stephan Denkendorf

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In der Hauptstadt ist alles besser. Hier in dem elenden Dorf ist alles schlecht. Nagil ist klug. Die Mädchen verdrehen die Augen nach ihm. Aber ein hübscher Bursche muß vom Dorf in die Stadt.

In der Stadt begreift Nagil sofort, daß er weder lesen noch schreiben kann. Vielleicht verdrehen die Mädchen deshalb nicht die Augen nach ihm. Nagil wird Fleischerlehrling. Nach der Arbeit, wenn die fleischkalten Hände allmählich erwärmen, bringt Nagil sich Lesen und Schreiben bei. Er verwendet Tageszeitungen dazu und ein zwanzig Jahre altes "Buch der Weltrekorde".

Als Nagil selbständig eine Kuh zerteilen kann, vermag er zu lesen und zu schreiben. Aber die Mädchen verdrehen die Augen nicht nach ihm. Nagil erinnert sich an das "Buch der Rekorde". Er schlägt nach.

Zwei Jahre später ist der Nagel am rechten kleinen Finger elf Zentimeter lang. Die Leute verdrehen die Augen. Fragen. Erkundigen sich. Staunen. Die Mädchen kaufen in Nagils Fleischerei.

Beim Zerteilen eines Schafs bricht ihm der vierzehn Zentimeter lange Nagel ab. Die Mädchen sind entsetzt. Nagil gibt nicht auf.

Nach sechs Jahren mißt der Fingernagel am linken kleinen Finger siebzehn Zentimeter. Die Kunden staunen. Verdrehen die Augen. Fragen. Erkundigen sich. Im Hof schlachten Fleischerlehrlinge das Vieh. Der Reporter einer Tageszeitung fotografiert Nagils linke Hand.

Mit den Jahren mehren sich die gerahmten Zeitungsblätter an den Fleischereiwänden. Nagil nimmt an Wettbewerben teil. Alle Leute verdrehen die Augen vor dem achtundvierzig Zentimeter langen Fingerdorn. Er beginnt sich zu krümmen. Erkundigungen. Fragen. Reporter fotografieren. Nagil verkauft die Fleischerei.
Hinter dem siebenundneunzig Zentimeter langen Hornfortsatz ist der kleine Finger längst gefühllos. Abends bindet sich Nagil den Arm fest. Eine ungünstige Bewegung im Schlaf: alles wäre umsonst gewesen. Reporter fotografieren. Fernsehleute filmen.
Nagil verläßt seine Wohnung nur noch zur Teilnahme an Wettbewerben. Der einhundertvierundvierzig Zentimeter lange Nagelwurm ruht eingerollt auf mehreren roten Samtkissen. Die linke Hand ist längst gefühllos. Reporter fotografieren. Fernsehleute filmen. Alle Leute verdrehen die Augen. Ein Regisseur verhandelt mit Nagils Manager wegen eines Kinoprojekts.

Die Spezialanfertigung von Nagils Limousine kostet nur einen Bruchteil des Vermögens. Der Manager folgt in einer zweiten, bescheideneren Limousine. Das zweihundertfünfundzwanzig Zentimeter harte Ringelmonster lagert in einer stoßfreien Aufhängung. Längst ist Nagils linker Arm gefühllos geworden. Der fettgefressene, bewegungsunfähige Nagil schnauft in der Polsterung. Er erinnert sich an sein Heimatdorf.

In einer Staubwolke kommt der Wagen zu stehen. Hühner stieben davon. Zerlumpte Kinder laufen herbei. Der Chauffeur kurbelt Nagil auf einen ausgeklappten Fauteuil. Die Dorfbewohner verdrehen die Augen. Sie starren auf das zweihundertsiebenundzwanzig Zentimeter lange Ungeheuer. Ich bin Nagil, keucht es aus einem verquollenen Fettgesicht. Aber die Dorfbewohner können weder lesen noch schreiben. Einige Aufgebrachte erschlagen den Schönling.

Stephan Denkendorf, geb. 1957 in Neunkirchen/ NÖ. Lebte von 1981 bis 1994 im Ausland (Argentinien, Jordanien, Norwegen, Malaysia). Seit 1980 Veröffentlichungen in Zeitschriften und Zeitungen (Podium, Wiener Journal, Lichtungen etc.) und in Anthologien. Anerkennungspreis des Landes Niederösterreich für Literatur 1994; Literaturpreis des Niederösterreichischen Kulturforums 1998. Einzelveröffentlichungen: Festungen (Otto Müller Verlag, Salzburg 1990); Manege Frei (Edition Thurnhof, Horn 1999).

Auswahl: Doris Nußbaumer: Einer. Anderen. Geschichte. - 11.09.2001 - Inhaltsverzeichnis

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