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Immer ist ein Wetter. Notizen über Wolken, Wind etc. in
der Literatur
Ludwig Laher
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Der 15. Juli 1927 erreichte Temperaturen bis zu 26 Grad Celsius;
für Wiener klimatische Verhältnisse zwar weitaus noch nicht die
höchsten; jedoch der Frau Lea trieb es in dem abgeschlossenen Kammerl
schon den Schweiß hervor, als sie in das gelbe Trikot gestiegen war und
noch in gebückter Stellung verharrte, um es heraufzuziehen.
Eine
scheinbar beiläufige Momentaufnahme aus Doderers Dämonen ist das. Die
verschiedenen Handlungsstränge sind allerdings so weit getrieben (in
meiner Ausgabe auf Seite 1253), daß sich just an jenem warmen Sommertag
in den durch Monate aufgeblätterten Leben der Protagonisten vieles
klärt. Gleichzeitig geht mit dem Brand des Justizpalastes eine
weichenstellende Zäsur der österreichischen Geschichte des 20.
Jahrhunderts vonstatten.
Sie wünscht sich weg. Sie möchte nach
unten, auf die Straße, in die Mittagspause. Unten mag es heiß sein,
95 Grad sind vorausgesagt, da hätte sie über die Avenuen Lexington
und Madison auf die Fünfte gehen können, Blusen einkaufen wie andere
"Mitarbeiter", denen nach Arbeitsschluß die Zeit fehlt für
Kaufhäuser.
Auch ein Julitag, der erste, 41 Jahre später in
New York, und Gesine Cresspahl sitzt (auf Seite 1469) laut Uwe Johnson
widerwillig ihrem Chef de Rosny gegenüber, sie reden über die Hitze,
den Bahnstreik und jenes Flugzeug, das tags zuvor mit 214 amerikanischen
Soldaten an Bord von sowjetischen Kampfjägern zur Landung auf den Kurilen
gezwungen wurde.
Immer ist ein Wetter, 26 Grad Celsius oder 95 Grad
Fahrenheit, in Wien oder in New York. Wir sind von großen Erzählern
eingeladen, an konkreten historischen Tagen Frau Leas Schweiß in der
engen Umkleidekabine des Schwimmbads zu riechen und die abgasdurchwirkte
Hitzeglocke in den Straßenschluchten Manhattens. Wie gut tut da ein 25.
August wie dieser 1967:
Seit gestern abend fiel Regen in die Stadt,
dämpfte das Trampeln der Wagen auf der Schnellstraße am Hudson zu
flachem Rauschen. Morgens ist sie aufgewacht vom Schlürfen der Autoreifen
auf dem triefenden Damm unterm Fenster. Das Regenlicht hat Dämmerung
zwischen die Bürokästen an der Dritten Avenue gehängt. Die
kleinen Läden im Fuß der Hochhäuser schicken geringes,
dörfliches Licht in die Nässe.
Immer ist ein Wetter, verwoben
in Leben, die wir tausende Seiten begleiten, aber wie unvorhersehbar, wie
ungewöhnlich wird uns zuweilen berichtet davon in den Werken der
Literatur, auch wenn es längst stattgefunden hat. Wie vorhersehbar dagegen
das jeweils morgige Wetter in den täglichen Nachrichten, auch wenn Hochs
und Tiefs jetzt auf manchen Kanälen Namen tragen wie Jan und Elvira und
sich, Personen gleich, eben mehr oder weniger zu benehmen wissen.
Immer
ist ein Wetter, nicht nur an konkreten Tagen an konkreten Plätzen. In
meinen Bücherregalen, in meinem Kopf wimmelt es von Witterung jenseits der
Wettervorhersagen: Es geht eine dunkle Wolk herein, schreibt etwa Johannes
Werlin 1646 nach fast 30 Jahren Dreißigjährigem Krieg, mich deucht
es wird ein Regen sein. 1986 dann läßt Reinhard Priessnitz sich auf
einen (seinen?) inneren Himmel ein und dichtet Werlin nach und weiter: mehrere
dunkle wolken wehen herein die sind so mehrere und so allein selbst in einem
dunkel und das könnte nicht dunkler nicht sein als ich in meinem
alleinverein meine füsse und meine hände.
Immer ist ein
Wetter, aber in Priessnitz' Gedichten ist oft viel Wetter, und mich wundert es
nicht, daß sein wechselndes Wetter mir zeilenweise ins Gedächtnis
rutscht, wenn ich durch meines streife oder, wie heute, gar einen Wetterbericht
schreiben will: auf, sagte die sonne, die säge. da summte die blume,
diese.
Oder: vom himmel oben schneit es erbärmlich, da fallen die
kleider wie flocken schwärmlich runter auf die erde und ins loch dieser
zeile hinein.
Oder aber - prosaisch hingeschrieben - sein mir
schönstes Wettergedicht, geschult an klassischen Mustern und doch so neu,
so neu: ins zarte feuerland des frühlings, mein tal, das uns milde
wärmt und öffnet unseren wünschen knospen; durch den sommer
weiter, sommersprossig die wiese, und da kleben wir, harz an harz; in den
halbschatten des herbstnachmittags, dir durchs haar, der uns die worte
tönt; bis in ein lappland der lippen, dort, wo uns zärtlich, als
flocken, der schnee treibt ...
Das Wetter als Metapher.
Müßig, sich darüber zu verbreitern. Besser hinhören und
sich wundern, daß bis zum heutigen Tag völlig Unverbrauchtes dazu
entstehen kann. Ich sollte einmal nachfragen, ob es an mir liegt, daß
jenseits jeder statistischen Wahrscheinlichkeit überproportional viele
Texte bei mir hängen blieben, die menschliches Wursteln in Wetterbilder
zwingen, oder ob wir alle dafür disponiert sind, sofern wir überhaupt
offen sind für Poesie. Neben dem früh toten Reinhard Priessnitz
fällt mir da (natürlich?) sofort der früh tote Gerhard Fritsch
ein, mit Gedichten wie diesem:
Langhin liegt der niedrige, rauchige
Dunst über den braunen Narben der Erde. Die Wolken, ein schadhaftes,
riesiges Dach, durch dessen zerbrochene Ziegel der Nachmittag in Flecken auf
die große Tenne fällt: Scheune Welt, in der wir in Staub und
später Sonne die mageren Ähren dreschen.
Fast dreißig
Jahre kenne ich diese paar Zeilen nun mehr oder weniger auswendig. Immer noch
rühren sie was an in mir.
Wetterworte, Texte also, die Wetter
beschreiben, interpretieren, als Metapher auffassen, sind das eine. Wortwetter,
Wetter also, das ein Wort ist, gibt es freilich auch. Nicht daß Ilse
Aichinger es erfunden hätte, es war natürlich immer schon da, ihr
kommt aber das große Verdienst zu, darauf aufmerksam gemacht zu haben,
wie nur eine Autorin ihres Ranges es kann:
Schnee ist ein Wort. Es gibt
nicht viele Wörter. Es gibt nicht viele, die nicht bezeichnen, womit sie
eins sind, weil sie es nicht bezeichnen. Die nicht eins sind mit dem, was sie
nicht bezeichnen, weil sie damit eins sind. Aber Schnee ist ein Wort. Ob er
ausbleibt, zögernd zu fallen beginnt oder in Wirbeln herunterjagt, er kann
sich nicht wehren. Er ist ein Wort. In den Fäusten der Kinder, auf den
Dächern, auf den Kämmen der Gebirgsflüsse, mit denen er rasch
eins wird, wo er ist, ist er ein Wort. Schnee! rufen die Kinder, und manchmal
rufen sie auch: Der Schnee! Aber das ist ungenau. Das führt zu mein
Schnee, dein Schnee, unser Schnee, zu diesen vielen besitzanzeigenden
Ungenauigkeiten, die einem die Lust nehmen, den Mund aufzumachen.
Schnee
ist ein Wortwetter. Aber die meisten Wörter fürs Wetter verdienen die
Bezeichnung Wort nicht, legt man den hohen Maßstab Ilse Aichingers
zugrunde. Nicht einmal Regen.
Wenn es zur Zeit der Sintflut geschneit
und nicht geregnet hätte, sagt die Dichterin mit allem Recht, hätte
Noah seine selbstsüchtige Arche nichts geholfen. Und das ist nur ein
Beispiel.
Das Geheimnis der wenigen wirklichen Wörter liegt also
offenbar darin, daß sie sich wie ihr Begriffsinhalt der dauernden
Verfügbarkeit durch uns Sprachnutzer zu entziehen wissen, letztlich
niemandem gehören außer sich selbst, auch wenn, vielleicht weil sie
sich nicht wehren können.
Das führt zurück zu den
Wetterworten, genauer gesagt zur Antwort auf die Frage, warum es ihrer so viele
gibt in der Literatur. Und die könnte so lauten: Die Abläufe der
Natur stehen für sich wie Ilse Aichingers wenige Wörter, die es
verdienen, so bezeichnet zu werden. Das Machbare ist menschlich, oft
langweilig, endlich vor allem, das Wetter aber steht uns autonom gegenüber
wie das Wort Schnee und hört nicht auf.
Immer ist ein Wetter. Im
Gegensatz zu uns. Wir wissen darum, auch wenn wir gewöhnlich
geschäftig genug sein wollen, uns vor diesem Wissen zu schützen, bis
die auf Widerruf gestundete Zeit sichtbar wird am Horizont wie eine
Nebelwand.
Ludwig Laher, geb. 1955 in Linz;
Studium der Germanistik, Anglistik und Klassischen Philologie in Salzburg (Mag.
phil., Dr. phil.), danach Arbeit als Lehrer (AHS und Universität) sowie
als Autor in Salzburg. Lebt seit 1993 als freier Schriftsteller in Sankt
Pantaleon/OÖ. Neben zahlreichen Hörspielen u.a. wie
Übersetzungen veröffentlichte er (Auswahl): unerhörte gedichte
(Grasl, Baden 1995; Selbstakt vor der Staffelei (Erzählung, Haymon,
Innsbruck 1998); Wolfgang Amadeus junior: Mozart Sohn sein (Haymon, Innsbruck
1999); Herzfleischentartung (Roman, Haymon), Innsbruck 2001).