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Tropfenweise
Beatrix M. Kramlovsky
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Das Kind zitterte und ließ sich auf den Boden sinken. Sie
hatten viel länger als geplant für die Querung des alten Bollwerks
gebraucht. Hier im löchrigen Schatten des Sanddorns konnten sie jedoch
nicht allzu lange bleiben. Drei Stunden. Drei Stunden, um den nördlichen
Rand der Ebene zu erreichen. Drei Stunden, um in Sicherheit zu sein. Drei
Stunden. Wenig für kräftige Erwachsene, die genügend Wasser,
vielleicht sogar die begehrten rosa Ampullen mit sich führten. Und Waffen.
Das Kind greinte. Sie griff nach der Flasche, schenkte ihm eine kleine Kappe
voll ein. Das Kind trank gierig. Bevor sie den Becher zurücksteckte,
leckte sie die Tropfen heraus. Es schmeckte brackig, nicht so, wie sie es in
Erinnerung hatte, kalkig und süß.
Sie hörte einen Finken
schlagen und mußte lächeln. Vielleicht waren Götter wie
Vogelstimmen, wie der Atem, mit dem die Bläser aus den Hörnern und
Flöten Melodien zauberten, Musik, die stumm in den Dingen, in den
Köpfen auf Luft wartete, um befreit zu jubeln oder zu drohen, sich
mächtig zu entfalten oder die ziehende Sehnsucht getrennter Liebender
nachzuäffen. Flügel schwirrten, der Vogel stieg hoch, drehte nach
Süden, woher sie gekommen war.
Sie trieb das Kind hoch. Vor ihr lag
der Weg, ein dunkler zittriger Strich quer durch die Dünen. An manchen
Stellen tanzte der Sand im Wind, sie sah die gelben Schleier. In ihrer Jugend
hatte sie Filme über die Wüste geliebt, davon geträumt. Resolut
zog sie an dem breiten Band, das sie dem Kind um die Mitte gebunden hatte. Es
mußte laufen, so lange es konnte. Drei Stunden. Sie hob den linken
Fuß und trat aus dem Schatten.
Die Ebene war Sartresches
Spielzimmer wiederkehrender Geister, Vexierspiegel der Generationen, die immer
wieder, mit denselben Problemen konfrontiert, einen Ausweg aus Katastrophen
suchten und allzu oft nicht nur im kleinen scheiterten. Sie spürte das
Gewicht der Geschichte. Sie hatte alles darüber gelernt. Sie hatte zu
lange hier gelebt. Die schlimmsten Veränderungen kamen immer schleichend,
fast unmerklich, einfach nicht glaubbar. Kassandra hatte auch hier umsonst
gerufen. Der Weg führte am Fuß einer steil aufragenden Düne
vorbei. Sie hörte das Rieseln der Sandkörner, das Rascheln des
Salzgrases. Ein aufgerissenes Rohr ragte aus dem Boden, Plastik in stumpfem
Weiß. Das Kind fragte. Seine Stimme war ein schwaches Quäken. Aus
der Zeit der Äcker, antwortete sie, vor deiner Geburt. Das Kind baute ein
Bild auf aus Sätzen mit grünen Wörtern. Petersilie. Salat.
Fisolen. Krautköpfe. Sie erinnerte sich an die kreisenden Beriesler, das
Funkeln der nassen Felder zwischen den verdurstenden Bäumen. Damals war
sie selbst gerade Mutter geworden. Erbsen. Spinat. Und im Frühsommer
Erdbeeren. Rubine auf Grün. Das Kind beschrieb die Fotografien aus ihren
alten Büchern. Sie trug diese Bilder im Kopf. Jederzeit abrufbar. Wasser.
Fruchtbarkeit. Grün. Das Grün der Vergangenheit schmerzte.
Die
Ebene war der Vorhof zur Hölle. Schleichend war das Verderben gekommen.
Eine Generation lang Kampf, und dann die Verdammnis. Jetzt besaß die
Partei die Wasserrechte. Rationiertes Leben in den Randzonen. Sie war zu alt
dafür, das Kind zu jung. Aber im Norden sollte es leichter sein, hatte sie
gehört. Des Teufels Paradies lag bereits hinter ihr. In die Stadt
würde sie nie wieder zurückkehren. Ihre Toten, das wußte sie,
gingen neben ihr, verließen sie nicht. Sie schritt rüstig, das Kind
hatte zu reden aufgehört.
Es war schon einmal so, sagte sie, um der
lähmenden Stille den Raum zu beschneiden. Vor Jahrhunderten. Steppe und im
Zentrum eine kleine Wüste. Eine Wüste am Rande der Stadt.
Unvorstellbar. Als Kinder haben wir darüber gelacht, setzte sie hinzu. Man
ritt mit Pferden durch. Wenn man reich war.
Wir haben kein Pferd, sagte
das Kind. Sie spürte, wie sich das Band spannte und zog ein bißchen.
Das Kind machte grössere Schritte. Nein, wir haben kein Pferd.
Wir
haben auch keinen Wagen. Das Kind ging nun neben ihr. Wir sind ja nicht in der
Partei, sagte es. Außerdem können die Wagen nur in der Stadt fahren,
das hilft hier nicht.
Du bist sehr klug, sagte sie und mußte
lächeln. Das Kind schielte unter dem breitrandigen Hut zur ihr hoch. Seine
Haut war dunkel, auf der Nase und den Lippen schorfig. Sie vergaß noch
immer, selbst nach so vielen Jahren, daß ihre Welt einfach nicht mehr so
schattig war wie früher. Keine alten Bäume. Keine Wälder. Keine
Alleen. Wenig Buschwerk. Verbrannte Erde.
Der Weg führte langsam
den fernen Höhen entgegen. Sie querten eine alte Straße. Der Asphalt
war aufgebrochen, dunkelgraue Scheibchen, grob durchsetzt von fahlen Wurzeln,
Kieseln. Wie Schuppenflechte, dachte sie. Zwischen dem scharfkantigen Gras
wippten rosa Blüten auf starren Stengeln. Es raschelte.
Beeil dich,
sagte sie und wünschte sich hinaus aus der stockenden Hitze zwischen den
Sandwänden. Der Himmel wölbte sich schiefergrau. Über dem
Gebirge im Süden, hatte sie gehört, war Regen gefallen.
Ein
Garten wird Wüste und wieder zu Garten, sagte das Kind. Einfach
so?
Nein, antwortete sie und war erstaunt über die Bitterkeit in
ihrer Stimme. Einen Teil machen wir Menschen. Immer wieder. Wir bauen auf und
zerstören. Manchmal zerstören wir, ohne es zu wollen. Manchmal sind
wir blind und wollen blind bleiben. Manchmal verändern sich die
Umstände, und wir reagieren zu spät. Manchmal können wir auch
nicht reagieren. Es sind nicht immer wir schuld. Aber wir sind es oft
genug.
Ich habe Durst, sagte das Kind, das nicht alles
verstand.
Wir müssen weiter, bitte. Es ist zu gefährlich
hier.
Das Kind murrte. Sie wünschte, sie hätte noch
genügend Geld für die Vitaminpillen auf dem Schwarzmarkt gehabt. Es
war so schwierig, einen gewissen Standard zu erhalten, wenn man keine
Verbindungen hatte, keine einflußreichen Freunde. Sie wollte dem Kind
keine Angst einjagen und erwähnte daher nicht, daß, wie Jahrhunderte
zuvor, auch nun die Banden der Arbeitslosen bei den Wasserlöchern hausten
und auf Reisende warteten. Alles wiederholte sich. Ob in hundert Jahren neue
Gärten möglich waren? Ob die Nachfahren des Kindes die Schilderungen
aus der Trockenzeit als Märchen abtun würden? Ob sie überhaupt
auf Äcker angewiesen waren? Vielleicht konnten dann alle, nicht nur die
Reichen, von den Ampullen leben. Vielleicht würde sich das Klima in
absehbarer Zeit wieder verändern. Regen. Sie mußte lernen, positiv
zu denken. War nicht der Fink am Rande der Wüste ein Zeichen gewesen? Das
Band spannte sich, schnitt ihr in die Hand.
Ich will nicht mehr, sagte
das Kind und blieb stehen.
Ich gebe dir zu trinken, wenn du gehst. Ich
kann dich nicht tragen.
Das Kind kam näher, während sie die
Flasche auspackte. Wind kam auf. Sie beugte sich vor. Wenn du brav weitergehst,
bettelte sie, erzähle ich dir eine Geschichte.
Der Wind verdeckte
die kleinen Geräusche der Ebene, schenkte dem Sand einen orgelnden Ton
zwischen den Dünen, verschluckte die Schritte der hungrigen Männer
hinter den Buschgerippen am ehemaligen Flußbett.
Das Kind trank
und trabte folgsam neben ihr weiter. Lange vor der ersten Wüste, sagte die
Frau, lange davor, als es uns noch nicht gab und der alte Kontinent erst
entstand, war hier ein Meer. Ein riesiges Meer mit Fischen und Muscheln und
rosa Korallenbänken.
Salzwasser, sagte das Kind, und es schmatzte
mit den Lippen.
Es rauschte und rollte, fuhr sie fort und drehte sich
dabei um, blickte nach Süden, am Hang der letzten hohen Düne stehend,
und sah in weiter Ferne die graue Dunstglocke über der Stadt. Nie wieder,
schwor sie sich und ließ vor dem Kind Krebse einen fremden Strand
erobern, der im Schatten hoher Bäume lag. Der Himmel war dunkel geworden
und einen Augenblick lang fragte sie sich, ob die Zeit so schnell vergangen
war, es schon Abend wurde oder ob endlich ein Gewitter käme, der Regen
auch tatsächlich die Erde erreichen würde, nicht im Schwefelgrün
trockener Blitze irgendwo da oben verdunstete. Wann hatte ihr Land die Zukunft
der versteppenden Ebene verspielt? Wann hatten sie erkannt, daß das
Wetter keine berechenbare Konstante war, trotz aller Vorausschauen und
Simulationen? Wann hatten sie gewußt, daß das Wasser nicht reichen
würde? Verdurstende Gärten ihrer Kindheit.
Die Männer
machten sich auf, wie sie es jeden Tag um diese Zeit taten, wenn die Chance,
müde und unaufmerksame Wanderer leicht zu überrumpeln am
größten war.
Fliegende Fische über den Schaumkronen. Ein
Fluß, glasklar und kieselblau, der in das alte Meer
mündete.
Süßwasser, sagte das Kind und streckte wieder
die Hand nach der Flasche aus.
Sie schüttelte den Kopf und drehte
sich um. Es war nur ein Schatten. Ein vager Umriß. Die Angst war da,
bevor sie begriff.
Sie hörte das gellende Schreien des Kindes. Dann
plötzliche Stille. Etwas traf ihren Kopf und sie sank stumm auf die Knie.
Ein Tritt. Sie hörte, wie ihr Schädelknochen brach. Jemand riß
ihren Rucksack herunter, löste den Geldgürtel. Sie spürte Finger
und öffnete mühsam die Augen. Verschwimmende Schemen. Verschwindende
Schritte. Plötzlich hörte sie wieder den Wind, sein Pfeifen und
Brausen, das Knirschen und Kreischen des Sandes. Wie lärmend die Welt doch
war. Selbst die Wolken über ihr dröhnten und stöhnten. Nur das
Kind blieb lautlos, ein starrer Körperklumpen, den sie neben sich zu
spüren vermeinte.
Etwas klatschte in ihr Gesicht. Sie schloß
die Augen. Wieder.
Verwundert schaute sie hinauf in die schwarzen
Ballen, vorwärtsgetrieben, quellend. Prall. Reißend. Zögerlich
noch. Es regnet, dachte sie und spürte Wasser auf ihrer geschundenen Haut.
Sie hörte das Brausen, sah im Sterben das urzeitliche Meer, wie es die
Ebene zurückeroberte, die Stadt verschlang, ihre Toten begrub. Der Wind
wirbelte ihr Sand in die offenen Augen, in den offenen Mund, aber sie schmeckte
ihn nicht. Als ihr Herz zu schlagen aufhörte, roch sie noch die
Rückkehr von schwellendem, spriessendem Grün.
Langsam fiel der
Regen, verdunstete, sättigte die trockene Luft. Erreichte den Boden
endlich überall. Tropfenweise, bevor er versickerte.
Spurlos.
Beatrix M. Kramlovsky, geb. 1958 in
Steyr/OÖ, Sudium der Anglistik und Romanistik, langjähriger
Aufenthalt in der DDR; lebt jetzt in Bisamberg/NÖ; bildende
Künstlerin, Autorin; Romane, Kurzgeschichten, Dramen; zahlreiche
Veröffentlichungen.