Podium 121 - Wetterbericht

Photo Credit:US National Oceanic and Atmospheric Administration

Tropfenweise

Beatrix M. Kramlovsky

Das Kind zitterte und ließ sich auf den Boden sinken. Sie hatten viel länger als geplant für die Querung des alten Bollwerks gebraucht. Hier im löchrigen Schatten des Sanddorns konnten sie jedoch nicht allzu lange bleiben. Drei Stunden. Drei Stunden, um den nördlichen Rand der Ebene zu erreichen. Drei Stunden, um in Sicherheit zu sein. Drei Stunden. Wenig für kräftige Erwachsene, die genügend Wasser, vielleicht sogar die begehrten rosa Ampullen mit sich führten. Und Waffen. Das Kind greinte. Sie griff nach der Flasche, schenkte ihm eine kleine Kappe voll ein. Das Kind trank gierig. Bevor sie den Becher zurücksteckte, leckte sie die Tropfen heraus. Es schmeckte brackig, nicht so, wie sie es in Erinnerung hatte, kalkig und süß.

Sie hörte einen Finken schlagen und mußte lächeln. Vielleicht waren Götter wie Vogelstimmen, wie der Atem, mit dem die Bläser aus den Hörnern und Flöten Melodien zauberten, Musik, die stumm in den Dingen, in den Köpfen auf Luft wartete, um befreit zu jubeln oder zu drohen, sich mächtig zu entfalten oder die ziehende Sehnsucht getrennter Liebender nachzuäffen. Flügel schwirrten, der Vogel stieg hoch, drehte nach Süden, woher sie gekommen war.

Sie trieb das Kind hoch. Vor ihr lag der Weg, ein dunkler zittriger Strich quer durch die Dünen. An manchen Stellen tanzte der Sand im Wind, sie sah die gelben Schleier. In ihrer Jugend hatte sie Filme über die Wüste geliebt, davon geträumt. Resolut zog sie an dem breiten Band, das sie dem Kind um die Mitte gebunden hatte. Es mußte laufen, so lange es konnte. Drei Stunden. Sie hob den linken Fuß und trat aus dem Schatten.

Die Ebene war Sartresches Spielzimmer wiederkehrender Geister, Vexierspiegel der Generationen, die immer wieder, mit denselben Problemen konfrontiert, einen Ausweg aus Katastrophen suchten und allzu oft nicht nur im kleinen scheiterten. Sie spürte das Gewicht der Geschichte. Sie hatte alles darüber gelernt. Sie hatte zu lange hier gelebt. Die schlimmsten Veränderungen kamen immer schleichend, fast unmerklich, einfach nicht glaubbar. Kassandra hatte auch hier umsonst gerufen. Der Weg führte am Fuß einer steil aufragenden Düne vorbei. Sie hörte das Rieseln der Sandkörner, das Rascheln des Salzgrases. Ein aufgerissenes Rohr ragte aus dem Boden, Plastik in stumpfem Weiß. Das Kind fragte. Seine Stimme war ein schwaches Quäken. Aus der Zeit der Äcker, antwortete sie, vor deiner Geburt. Das Kind baute ein Bild auf aus Sätzen mit grünen Wörtern. Petersilie. Salat. Fisolen. Krautköpfe. Sie erinnerte sich an die kreisenden Beriesler, das Funkeln der nassen Felder zwischen den verdurstenden Bäumen. Damals war sie selbst gerade Mutter geworden. Erbsen. Spinat. Und im Frühsommer Erdbeeren. Rubine auf Grün. Das Kind beschrieb die Fotografien aus ihren alten Büchern. Sie trug diese Bilder im Kopf. Jederzeit abrufbar. Wasser. Fruchtbarkeit. Grün. Das Grün der Vergangenheit schmerzte.

Die Ebene war der Vorhof zur Hölle. Schleichend war das Verderben gekommen. Eine Generation lang Kampf, und dann die Verdammnis. Jetzt besaß die Partei die Wasserrechte. Rationiertes Leben in den Randzonen. Sie war zu alt dafür, das Kind zu jung. Aber im Norden sollte es leichter sein, hatte sie gehört. Des Teufels Paradies lag bereits hinter ihr. In die Stadt würde sie nie wieder zurückkehren. Ihre Toten, das wußte sie, gingen neben ihr, verließen sie nicht. Sie schritt rüstig, das Kind hatte zu reden aufgehört.

Es war schon einmal so, sagte sie, um der lähmenden Stille den Raum zu beschneiden. Vor Jahrhunderten. Steppe und im Zentrum eine kleine Wüste. Eine Wüste am Rande der Stadt. Unvorstellbar. Als Kinder haben wir darüber gelacht, setzte sie hinzu. Man ritt mit Pferden durch. Wenn man reich war.

Wir haben kein Pferd, sagte das Kind. Sie spürte, wie sich das Band spannte und zog ein bißchen. Das Kind machte grössere Schritte. Nein, wir haben kein Pferd.

Wir haben auch keinen Wagen. Das Kind ging nun neben ihr. Wir sind ja nicht in der Partei, sagte es. Außerdem können die Wagen nur in der Stadt fahren, das hilft hier nicht.

Du bist sehr klug, sagte sie und mußte lächeln. Das Kind schielte unter dem breitrandigen Hut zur ihr hoch. Seine Haut war dunkel, auf der Nase und den Lippen schorfig. Sie vergaß noch immer, selbst nach so vielen Jahren, daß ihre Welt einfach nicht mehr so schattig war wie früher. Keine alten Bäume. Keine Wälder. Keine Alleen. Wenig Buschwerk. Verbrannte Erde.

Der Weg führte langsam den fernen Höhen entgegen. Sie querten eine alte Straße. Der Asphalt war aufgebrochen, dunkelgraue Scheibchen, grob durchsetzt von fahlen Wurzeln, Kieseln. Wie Schuppenflechte, dachte sie. Zwischen dem scharfkantigen Gras wippten rosa Blüten auf starren Stengeln. Es raschelte.

Beeil dich, sagte sie und wünschte sich hinaus aus der stockenden Hitze zwischen den Sandwänden. Der Himmel wölbte sich schiefergrau. Über dem Gebirge im Süden, hatte sie gehört, war Regen gefallen.

Ein Garten wird Wüste und wieder zu Garten, sagte das Kind. Einfach so?

Nein, antwortete sie und war erstaunt über die Bitterkeit in ihrer Stimme. Einen Teil machen wir Menschen. Immer wieder. Wir bauen auf und zerstören. Manchmal zerstören wir, ohne es zu wollen. Manchmal sind wir blind und wollen blind bleiben. Manchmal verändern sich die Umstände, und wir reagieren zu spät. Manchmal können wir auch nicht reagieren. Es sind nicht immer wir schuld. Aber wir sind es oft genug.

Ich habe Durst, sagte das Kind, das nicht alles verstand.

Wir müssen weiter, bitte. Es ist zu gefährlich hier.

Das Kind murrte. Sie wünschte, sie hätte noch genügend Geld für die Vitaminpillen auf dem Schwarzmarkt gehabt. Es war so schwierig, einen gewissen Standard zu erhalten, wenn man keine Verbindungen hatte, keine einflußreichen Freunde. Sie wollte dem Kind keine Angst einjagen und erwähnte daher nicht, daß, wie Jahrhunderte zuvor, auch nun die Banden der Arbeitslosen bei den Wasserlöchern hausten und auf Reisende warteten. Alles wiederholte sich. Ob in hundert Jahren neue Gärten möglich waren? Ob die Nachfahren des Kindes die Schilderungen aus der Trockenzeit als Märchen abtun würden? Ob sie überhaupt auf Äcker angewiesen waren? Vielleicht konnten dann alle, nicht nur die Reichen, von den Ampullen leben. Vielleicht würde sich das Klima in absehbarer Zeit wieder verändern. Regen. Sie mußte lernen, positiv zu denken. War nicht der Fink am Rande der Wüste ein Zeichen gewesen? Das Band spannte sich, schnitt ihr in die Hand.

Ich will nicht mehr, sagte das Kind und blieb stehen.

Ich gebe dir zu trinken, wenn du gehst. Ich kann dich nicht tragen.

Das Kind kam näher, während sie die Flasche auspackte. Wind kam auf. Sie beugte sich vor. Wenn du brav weitergehst, bettelte sie, erzähle ich dir eine Geschichte.

Der Wind verdeckte die kleinen Geräusche der Ebene, schenkte dem Sand einen orgelnden Ton zwischen den Dünen, verschluckte die Schritte der hungrigen Männer hinter den Buschgerippen am ehemaligen Flußbett.

Das Kind trank und trabte folgsam neben ihr weiter. Lange vor der ersten Wüste, sagte die Frau, lange davor, als es uns noch nicht gab und der alte Kontinent erst entstand, war hier ein Meer. Ein riesiges Meer mit Fischen und Muscheln und rosa Korallenbänken.

Salzwasser, sagte das Kind, und es schmatzte mit den Lippen.

Es rauschte und rollte, fuhr sie fort und drehte sich dabei um, blickte nach Süden, am Hang der letzten hohen Düne stehend, und sah in weiter Ferne die graue Dunstglocke über der Stadt. Nie wieder, schwor sie sich und ließ vor dem Kind Krebse einen fremden Strand erobern, der im Schatten hoher Bäume lag. Der Himmel war dunkel geworden und einen Augenblick lang fragte sie sich, ob die Zeit so schnell vergangen war, es schon Abend wurde oder ob endlich ein Gewitter käme, der Regen auch tatsächlich die Erde erreichen würde, nicht im Schwefelgrün trockener Blitze irgendwo da oben verdunstete. Wann hatte ihr Land die Zukunft der versteppenden Ebene verspielt? Wann hatten sie erkannt, daß das Wetter keine berechenbare Konstante war, trotz aller Vorausschauen und Simulationen? Wann hatten sie gewußt, daß das Wasser nicht reichen würde? Verdurstende Gärten ihrer Kindheit.

Die Männer machten sich auf, wie sie es jeden Tag um diese Zeit taten, wenn die Chance, müde und unaufmerksame Wanderer leicht zu überrumpeln am größten war.

Fliegende Fische über den Schaumkronen. Ein Fluß, glasklar und kieselblau, der in das alte Meer mündete.

Süßwasser, sagte das Kind und streckte wieder die Hand nach der Flasche aus.

Sie schüttelte den Kopf und drehte sich um. Es war nur ein Schatten. Ein vager Umriß. Die Angst war da, bevor sie begriff.

Sie hörte das gellende Schreien des Kindes. Dann plötzliche Stille. Etwas traf ihren Kopf und sie sank stumm auf die Knie. Ein Tritt. Sie hörte, wie ihr Schädelknochen brach. Jemand riß ihren Rucksack herunter, löste den Geldgürtel. Sie spürte Finger und öffnete mühsam die Augen. Verschwimmende Schemen. Verschwindende Schritte. Plötzlich hörte sie wieder den Wind, sein Pfeifen und Brausen, das Knirschen und Kreischen des Sandes. Wie lärmend die Welt doch war. Selbst die Wolken über ihr dröhnten und stöhnten. Nur das Kind blieb lautlos, ein starrer Körperklumpen, den sie neben sich zu spüren vermeinte.

Etwas klatschte in ihr Gesicht. Sie schloß die Augen. Wieder.

Verwundert schaute sie hinauf in die schwarzen Ballen, vorwärtsgetrieben, quellend. Prall. Reißend. Zögerlich noch. Es regnet, dachte sie und spürte Wasser auf ihrer geschundenen Haut. Sie hörte das Brausen, sah im Sterben das urzeitliche Meer, wie es die Ebene zurückeroberte, die Stadt verschlang, ihre Toten begrub. Der Wind wirbelte ihr Sand in die offenen Augen, in den offenen Mund, aber sie schmeckte ihn nicht. Als ihr Herz zu schlagen aufhörte, roch sie noch die Rückkehr von schwellendem, spriessendem Grün.

Langsam fiel der Regen, verdunstete, sättigte die trockene Luft. Erreichte den Boden endlich überall. Tropfenweise, bevor er versickerte.

Spurlos.


Beatrix M. Kramlovsky, geb. 1958 in Steyr/OÖ, Sudium der Anglistik und Romanistik, langjähriger Aufenthalt in der DDR; lebt jetzt in Bisamberg/NÖ; bildende Künstlerin, Autorin; Romane, Kurzgeschichten, Dramen; zahlreiche Veröffentlichungen.

Heft bestellen