Podium 119 - Südtirol

Sterzing

Die Riesin. Eine Tiroler Karriere

Inga Hosp

Im Sommer 1883 empfiehlt der Führer durch das nördliche Eisacktal, in fünf Stunden von Sterzing nach Maiern im Hinter-Ridnaun zu wandern, von dort südlich durch das Lazzachertal auf dem ärarischen Bergweg in zwei Stunden bis zu den Gehöften am Kasten, von dort auf dem Seitenpfad rechts jäh bis zum Kaindlstollen und hierauf abwärts in eineinhalb Stunden nach St. Martin am Schneeberg. Dort sei Unterkunft im bescheidenen Wirtshaus oder in der Wohnung der Bergwerksbeamten. Der Besuch der Stollen werde nach Anfrage bei einem der Herren Beamten stets gestattet.

Im Sommer 1883 verunglückt im k.k. Blei- und Zinkbergbau am Schneeberg der Bremser Josef Wegemann beim Seemoos-Wassertonnenaufzug auf 2300 Meter Höhe, indem sein Oberkörper zwischen einem Seilkorb und einer Holzsäule eingeklemmt und zerdrückt wird.

Im Sommer 1883 ist auf dem höchsten Hof des ganzen Tals, dem Staudnerhof in der Gegend Valmezòn auf 1566 Meter Seehöhe, das Kind Maria Faßnauer, Tochter der Staudnerleute Josef und Josefa Faßnauer, dreieinhalb Jahre alt.

Wenn die Knappen sich zur Einfahrt in das Bergwerk versammeln, beten sie: den Glauben, den Englischen Gruß, drei Vater Unser, drei Gegrüßt seist du Maria und: "Himmlischer Vater! Wir opfern dir auf das kostbare Blut deines eingeborenen Sohnes Jesu Christi, wir bereuen alle unsere Sünden und durch die Fürbitte der heiligen Barbara bitten wir dich um deinen Beistand, was immer auch geschehen mag!"

Beim Staudner in der Stube beten sie, daß der Herrgott die Moidl, die mit sieben Jahren schon so groß ist wie ihre Mutter, zu wachsen aufhören lassen soll.

Im Sommer 1896 wird für weiblichen Arbeiter am Schneeberg ein eigener Schlafraum mit 72 Betten geschaffen.

Das Wirtshaus in Ridnaun ist indessen zum Alpenhotel "Sonklarhof" ausgebaut worden. Sein Besitzer Stefan Haller wird ein Pionier des Fremdenverkehrs genannt. Wenn er seinen Gästen Kurzweil verschaffen will, schickt er sie auf eine Wanderung zur Martalm. Die führt beim Staudner vorbei. Dann ist am Abend an der Table d'hôte von der Riesin die Rede, die in keinem Raum ihres Elternhauses aufrecht stehen und in ihrem Bett sich nicht ausstrecken kann. Einige Gäste äußern den Wunsch, zusammen mit der Riesin auf einer Fotografie zu erscheinen. Der Hotelier kann auch das arrangieren, denn sonntags kommt die Riesin zur Kirche herab. Nach der Messe nimmt er sie beim Arm, unwiderstehlich in seiner Jovialität, gruppiert die Feriengäste vor dem Sonklarhof und stellt die Moidl mitten hinein. Sie trägt ein schwarzes bäurisches Sonntagsgewand mit kurzem Fürtuch, das noch die Büge zeigt, mit denen es ordentlich gefaltet unter der Woche im Kasten gelegen hat, sie trägt ein kurzes geknotetes Halstuch und über ihrem langen, wie von den Seiten zusammengeschobenen Gesicht ganz oben einen flachen schwarzen Hut. Ihr rechter Arm hängt herab, der linke ist angewinkelt, und über der Fürtuchschleife auf dem Bauch liegt ihre gewaltig große Hand.

Auf den Fotografien wird nicht zahnbreit gelacht, aber alle machen freundliche Mundwinkel, die Männer im Alpengewand wirken amüsierter als die Frauen. Der Lichtbildner hat die Gruppen stets so arrangiert, daß die Riesin in ihrer Umgebung von vorwiegend sitzenden Frauen und teils stehenden, teils dekorativ im Vordergrund diagonal dem Tableau zu Füßen liegenden Männern besonders unförmig groß herauskommt. Einmal darf sich auch eine Dame in seidener Bluse, ihr zur Seite stehend, bei ihr einhängen und muß dazu höher greifen als ihre eigene Schulter ist.

Sie könnte es gewesen sein, eine Dame von erwiesener Mildtätigkeit, die eines Abends zwischen Suppe und Fleischgang an ihr Glas klopft, sich erhebt und den vollzähligen Hausgästen ihre Idee vorträgt, für die Moidl eine Sammlung zu veranstalten und ihr mit dem Erlös eine Bettstatt machen zu lassen.

Die Riesin wird auch in ihrer häuslichen Umgebung abgelichtet. Dann steht sie, schräg von unten aufgenommen, in einer längsgestreiften, längs paspolierten Kleiderschürze mit breiten Schulterflügeln kolossal vor der fleckigen Hausmauer, ohne Hut bis knapp unter die Traufe des Schindeldachs reichend, zwischen Mutter, Tante und Schwester Anna. Die gehen ihr knapp bis zur Brust und haben Zwerginnengesichter: Augenschlitze, kurze Stumpfnasen, der Mundstrich darunter.

Es mag zu dieser Zeit, wie es das "Tiroler Volksblatt" vermeldet, auch schon ein Wiener Schaubudenbesitzer durch Zeitungsberichte (etwa über das wohl größte Schulkind der Welt) auf sie aufmerksam geworden sein und versucht haben, das Riesenmädchen gegen jährlich 600 Gulden, vollständige Verpflegung und den Aufwand für eine normalwüchsige Begleiterin für seine Bude zu erlangen, aber trotz der Armut im Elternhaus ist die Riesin vorläufig noch immer daheim.

Es ist abzusehen, daß wenn nicht dieser, dann eben der nächste oder übernächste Impresario den Zuschlag bekommen wird, denn alles Wallfahrten und Beten um ein Ende des Riesenwuchses ist vergebens, im Gegenteil schämt sich der Vater mit Maria auf einer Wallfahrt nach Riffian und sagt: "Mit dir gehe ich nie mehr, da wird man nur angestarrt!"

Die Riesin bleibt also daheim auf dem Staudnerhof und betet in der Hauskapelle oder allein unterm Himmel auf der grasigen Schulter am Staudenberg, schaut nach Osten auf steinige, bis weit hinauf abgeholzte Hänge, über die Gießbäche herabschießen, schaut nach Westen auf noch näher, noch höher ragende bewaldete Bergflanken und nach Norden ganz hinauf in den bleibenden Schnee, aus dem der Staudenhof nur für vier Monate im Jahr ausapert. Sie ißt Mus und Plent nicht aus Tellern, sondern aus Schüsseln (berichten die Zeitungen) und mißt zwei Meter siebzehn. Weil Schausteller gut rechnen können, haben sie dem Vater wohl auch schon vorgerechnet, was das Essen für ihr Riesenkind kostet, das sie nun Mariedl zu nennen und auf seine Auftritte vorzubereiten beginnen.

Seit 1900 dürfen am Schneeberg Erzklauberinnen beschäftigt werden, sobald ihr 12. Lebensjahr erreicht, ihre Schulpflicht beendet und sie körperlich genügend entwickelt sind. Im selben Jahr 1900 werden neben Blei und Zinkblende auch 145 Kilogramm Silber und über eineinhalb Kilo Gold gefördert. Die Arbeiter im Schneeberger Bleiberg gewöhnen mit gepfeffertem Schnaps ihren Körper an den ständigen Bleigehalt von Luft und Wasser, gewöhnen sich an Darmkoliken und Magenkrämpfe, weil sie ihr Brot mit bleibehafteten Händen essen, und die Zeitungen berichten auch, daß von kroatischen, westfälischen und lothringischen Arbeitern die Wurmkrankheit auf den Schneeberg geschleppt und von einem krainischen Musikanten die Blattern hergezogen worden seien.

Das Jahr 1906 ist das Jahr, in dem das Wiener Tagblatt vom 12. Oktober unter der vermischten Rubrik der Theater, Vergnügungen und Patentrezepte unter grossem schwarzem Rufzeichen verkünden kann:

Das Marie'dl,

die Riesin

aus Tirol

kommt!

Zuvor aber hat schon der Vergnügungs-Unternehmer vom Passage-Panoptikum in Berlin den Zuschlag erhalten, die Tiroler Riesin zwischen Zwerge, Vogelkopfmenschen, Muskelmänner, am Hinterteil zusammengewachsene Weibsbilder und andere aus der Art geschlagene Wesen zu stellen. Was an ihr riesenhaft ist, erfährt größte Sorgfalt: Sie erhält Schuhe mit zehn Zentimeter hohen Absätzen, Kleider, deren Röcke bis zum Boden reichen und die Mitte halten zwischen bäurischem und städtischem Dekor oder mit Absicht tirolerisch sind, wozu immer auch eine hohe geflügelte Kappe gehört, höher noch als ihr langes Gesicht. Man läßt sich für sie geschickte Lichtbildner kosten, die ihre mitreisende Schwester Rosa (nachdem die andere Schwester Anna das Reisen schon gleich beim ersten Versuch nicht ertragen kann) - Rosa also, gleich gewandet und winzig neben sie stellen und auf der andern Seite den Schausteller auf die oberste Sprosse einer Leiter setzen, wobei er die Riesin nicht einmal mit seinem Strohhut überragt und überdies mit ihr unter einem gewaltigen schwarzen Regenschirm vereint ist, der das Monumentale der Szenerie besonders betont. Lichtbildner, die der Moidl ihre groben Züge fein retuschieren und weich zeichnen. Lichtbildner, die ihr eine ganz zierliche Kuh beigeben, einen Melkschemel und einen Milcheimer und dazu passende Presseinformationen, nach denen sie beim Kühemelken drei Mägde ersetzt und daheim in Tirol halbwüchsige Buben auf die Heugabel zu nehmen und auf den höchsten Heustock hinaufzuschleudern pflege. Lichtbildner, die sie auf den Hochsitz eines offenen Automobils setzen, während hinten die Passagiere ganz tief in den Sitzen lehnen, oder neben einen schnauzbärtigen Mann stellen, der ihren waagrecht zur Seite gestreckten Arm bei weitem nicht mit seinem Scheitel berühren könnte, selbst wenn er sich auf die Zehenspitzen stellte.

Auch auf Faltprospekte wird nicht vergessen in Berlin und Wien, Frankfurt und Dresden, in Brüssel und auf dem Münchner Oktoberfest, die ihr einen Steckbrief wenn schon nicht in Hüft-, Taillen- und Busenmaßen geben, sondern in Größe, Gewicht, Handschuh-, Stiefel- und Fingermaß. Dazu der Speisezettel: "zum Frühstück gewöhnlich 18 Eier, 1 Dutzend Brödchen, 3 Kannen Kaffee, 1 Teller Schinken und eine große Schüssel Kompott". Nicht fehlt auch die Berufung auf medizinische Autoritäten, was einen doppelten Superlativ rechtfertigt: "die bestpropagierte und geistig normalste Riesin der Welt". Wer ließe sich das Schaustück entgehen, da doch, sorgsam an den Schluß gestellt, darauf verwiesen wird, daß Mariedl sich "nach Schluß der jetzigen Tournee" in ihrem Heimatland niederzulassen beabsichtige.

Nach dort berichten, seit die Riesin exportiert ist, auch die Korrespondenten der heimischen Zeitung aus den fernen Panoptiken und Hippodromen. Sie vermeiden schamlose Details, welche die Landsleute nicht goutieren würden, und melden, was in der Heimat geschätzt wird: jenen "Hauch von Melancholie über den derben, aber nicht unsympathischen Zügen" der Riesin, ihren Ernst, ihre Gelassenheit, ihr mit tiefer Männerstimme vorgetragenes Heimweh, wenn sie vom Podium herunterkommt und den Besuchern Ansichtskarten anbietet und auf ihre Fragen antwortet. Leitgebs Seelen-Balsam gegen Magen- und Gedärmschmerzen, Winde, Brechen, Kopfschwindel, Atembeschwerden, Zahnweh und Gallenkrankheiten aus der Apotheke "Zur Hoffnung" in der Barmherzigengasse wird dagegen nicht helfen, obwohl er der Riesin aus Tirol auf der Annoncenseite gleich benachbart ist. Denn den Schaustellern kommt sie nicht aus, nicht den Anpreisern und auch nicht dem rollenden, stampfenden Schiff über den Ärmelkanal, das sie der Ausstellung in London entgegenbringt, und "Ankunft in London!" schreit ihr das Bild vom Perron voraus: die Riesin, größer denn je, führt ihren Troß an, und nur der schaugeile Kerl auf dem Waggondach ist höher als sie. Oder der Riese, den man ihr beigibt.

Denn eins nur könnte jetzt noch grösser sein als die Riesin allein: Riese und Riesin, eine Riesenliebschaft, Märchenmetapher. Wie der australische Riesenbursch um das tirolische Riesenmädel freit, vor aller Augen und Ohren seine Liebe bekennt, von der Direktion des Theaters verwiesen der Riesin nachfährt, nacheilt im Automobil nach Portsmouth, sie zu Mittag einlädt, mit ihr zu Tisch sitzt, zum Kontrast wie immer in Gesellschaft einiger normal gewachsener Freunde, und ihr seinen Heiratsantrag macht. Aber kein Happy End, denn die Theaterdirektion habe an die Eltern geschrieben, weiß der Reporter, angeblich um deren Einwilligung einzuholen, vielleicht aber auch, um die Verbindung zu verhindern, den Rückzug in die Privatheit des australischen Buschs oder der Tiroler Berge. Es bleibt ein einziger gemeinsamer Auftritt im Hamburger Panoptikum und zur Erinnerung zwei Wachsfiguren dort, original bekleidet: "Mariedl" und "Clive", dahingeschmolzen im Weltkrieg.

Die Riesin indessen, bei ihren Auftritten, scheint sich nicht zur Kenntnis zu nehmen, als hätte sie sich selbst vergessen. Sie hat inzwischen Übung darin, wie eine Schlafwandlerin durch die Menge zu schreiten. Über die Menschen hinwegzuschauen und nicht zu sehen, wie sie an ihr hinaufgieren, ist ihr ein Leichtes, aber sie hat sich auch beigebracht, ihre Ohren zufallen zu lassen und das geile Geprotze der Bärtigen nicht zu hören (die in den Matrosenanzügen sind die schlimmsten und unter denen wieder diejenigen, die Erfahrungen mit riesigen Weibern zu haben vorgeben).

Vielleicht konzentriert sie sich aber auch darauf, sich die Schmerzen in ihren Beinen nicht anmerken zu lassen. Das ist ihre Berufskrankheit, Krampfadern und offene Beine, immer stehen und den schweren Körper tragen, stundenlang stehen auf den winzigen Bühnen in den niederen Jahrmarktsbuden, während der Ausschreier sie mit seinen Worten auszieht: 28 Jahre alt, Gewicht 400 Pfund, Handschuhnummer 16, Stiefelnummer 68, schon der Urgroßvater sei ein Riese gewesen (was sich der Ausschreier erlogen hat), große Stütze auf des Vaters Bauerngut mit ihren dreifachen Kräften (was erst recht nicht stimmt, nie gestimmt hat, nicht einmal die Mutter könnte sie ersetzen), immer stehen und immer wieder die gleichen geschrienen Tiraden anhören, aber eine sitzende Riesin will kein Impresario ausstellen. Ausstellen heißt es, nicht aussetzen, das leuchtet ihr ein, obwohl sie immer ausgestellt und den Schaulustigen zugleich ausgesetzt ist. Aber auch das billigt sie und tröstet sich mit dem Wort: schaulustig. Lustig ist noch nicht das Schlimmste.

An manchem kann sie sich schadlos halten, so wenn der Ausschreier ihren Fingerring vorzeigt und ein Zweimarkstück hindurchschiebt. Nur zu, denkt die Riesin, während du davon redest, hab ich's verdient, und schickt fleißig ihr Erspartes heim, wo sie ein leichteres Hausen haben, der Riesin wegen. Und jeder Auftritt, denkt die Riesin, ist ein Schritt heim. Und liest die Zeitungsausschnitte, die sie ihr schicken: 23. August, 2 Uhr nachmittags sei der Handlanger Peter Kruselburger am Kopfe des Bremsberges in Mareit verunglückt und habe Quetschungen des Oberkörpers erlitten, weil er beim Hinablassen des Material-Zustreifwagens die Wagenbremse statt angezogen, gelüftet habe, und zwischen Fahrstrecke und Außenwand gedrückt worden sei. Eigenes Verschulden. Und: 31. August, die Klauberin Anna Fontanive sei im Kaindlstollen verunglückt; sie sei von einem durchfahrenden Wagen erfaßt und durch Eindrücken des Brustkorbs getötet worden, weil sie mit ihrer Mutter, trotz des ihnen bekannten Verbotes des Durchganges, im Glauben, die Förderer wären soeben auf dem Rückweg vom Lazzacher Bremsberg zum 14-Nothhelfer-Aufzug, das Passieren des Stollens daher gefahrlos, durch den Kaindlstollen nach Schneeberg sich habe begeben wollen.

Solche Nachrichten liest die Riesin in ihrem Hotelzimmer, in ihr Zwergenbett gekauert oder in den niedrigen, engen Sessel gequetscht, die Beine unter den Tisch gezwängt, zwischen die Tischbeine irgendwie hinausgezwängt, tief gebückt über der Tischplatte, wo sie auch auf Hotelpapier nach Hause schreibt - Hotel Stadt Braunschweig, Wilhelmshaven - aber sie schreibt sparsam über den Briefkopf hinweg, nutzt das ganze weiße Blatt bis zu den Rändern, schreibt engzeilig in ihrer feinen, gleichmäßig rechtsschrägen Schönschrift, schreibt "liebe Eltern, wie geht es Euch allen sonst? Seid Ihr alle gesund, was mir am meisten Sorge macht; es ist mein letzter Gedanke abends und morgens, wenn ich aufsteh'. Wie wird's zu Hause sein? Ist das liebe Vieh auch alles gesund? Was macht das kleine Ziegelkalb? Ist es schön, behaltet Ihr's oder nicht? Wie ist das Wetter bei Euch? Ob der Schnee noch fort geht?" Schreibt das Mitte Juni und rät der Mutter Lindenblütentee mit Honig, damit der Husten vergeht. "Und binde Dir immer ein Tuch um den Mund, ich bitte Dich, sorge doch, daß Du gesund bleibst." Und berichtet vom Spaziergang - "das tut mir sehr gut, daß ich hin und wieder laufen kann" - und von den schönen Messen, deren Besuch sie sich bei jedem Schausteller ausbittet. Und so müssen sie's ihr überall zugestehen und lassen die Riesin dreimal in der Woche im geschlossenen Wagen zur Kirche fahren, nicht um sie vor den gaffenden Passanten zu schützen, sondern um sie zu hüten und aufzubewahren für die Ausstellung gegen Gebühr. Weshalb die Riesin eine besondere Zuneigung zu den Pfarrern hat, die nicht starren, sondern für alles ein Verständnis haben und eine Freude, wenn sie ihnen die Hand küßt. "Auch schenkte mir das Zimmermädchen von dem Hotel, wo ich wohne, eine ganze Masse alter Leinen für den Fuß; ich werde aber nicht mehr viel brauchen davon, da er Gott sei Dank bald heil ist."

Aber es ist keine Heilung auf Dauer, nur daheim wäre es gut, aber zur Heimkehr braucht es etwas, das größer ist als die Riesin, einen Krieg wird es brauchen, so daß kein Interesse mehr ist an aus den Fugen gegangenen Menschen, weil die ganze Welt aus den Fugen gegangen ist und alle Unterhaltung auffrißt, aber auch den harten Lohn des Reisens auffrißt und das meiste davon frißt die Kriegsanleihe.

So daß am Ende nur jener vorkriegszweimarkgroße Fingerring übrigbleibt und eine großmächtige geschnitzte Krücke, das spendierte Riesenbett, in dem viel später einmal fast alle Ridnauner Schulkinder zu einem Erinnerungsfoto Platz nehmen werden, ein ganz kleines Grab von Maria Faßnauer, von Beruf Ridnauner Riesin, - und ein Spruch, der im Tal umgeht:

Klein und munter

tut's Große unter.


Inga Hosp, geb.1943 in München, lebt seit 1970 in Südtirol; Studium der Germanistik und Theaterwissenschaft in Innsbruck und Wien, Dr. phil. 1973 - 1988 Lehrerin an einer Südtiroler Mittelschule, verheiratet, eine Tochter (23), ein Sohn (21). Seit 1962 regelmäßige freie Mitarbeit beim Bayerischen Rundfunk, beim RAI-Sender Bozen und beim ORF, v.a. im Bereich Hörbild/Feature und Radio-/Fernsehdokumentation. Zahlreiche Artikel und Essays aus dem Bereich Kulturpublizistik in Zeitschriften, Monographien und Anthologien. Mitglied im Südtiroler Künstlerbund und im P.E.N. Club Liechtenstein.
Sechs selbständige Buchveröffentlichungen: "Ritten - Land und Leute am Berg", Tappeiner Verlag, Lana 1984; "Südtirol von außen - 42 Menschenbilder", 1986; "Südtirol - Porträt eines Landes", 1990, mit Guido Mangold, beide Athesia-Verlag, Bozen; "Marco Polo-Reiseführer Südtirol", 8 Auflagen seit 1991; "Als Stückgut unterwegs", Ullstein, 1989; "Tschuggmall oder Das Leben durch Maschinen", Roman, Haymon, Innsbruck 1995.

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