Podium 119 - Südtirol

Dolomiten

Helene Flöss

Zwischenzeiten

Nach dem Mittagessen holt Schwester Roberta die Matten. Da wird das Kind jedesmal schwermütig. Es mag nach dem Essen nicht schlafen. Zweiundzwanzig Holzgestelle neben- und untereinander. In vier Reihen aufgeklappt, zwei davon quer am Ende der Fünferreihen. Auf kurzen Füßen. Bespannt mit einer hellbraunen Segeltuchplane. Darüber eine dunkle Pferdedecke. Kein Kopfpolster. Würde Schwester Roberta bloß die Vorhänge auflassen. Das Kind könnte Bilder in die Stuckdecke schauen. Schwester Roberta betet, während die Kleinen schlafen. Das Kind zählt langsam bis zehn. Dann hört es die Perlen des Rosenkranzes leise aneinanderschlagen. Ab und zu muß es auch bis elf zählen oder bis zwölf. Haben sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt, sieht das Kind, wie die Schwester das Kreuz am Rosenkranz küßt. Sobald sie es ein zweites Mal küssen wird, ist das Gebet aus und die Schlafenszeit um. Weint das Kind, bevor es sich unter die Decke schiebt, darf es - nicht immer - den Platz wechseln und sich auf eines der quergestellten Betten legen, die der betenden Schwester ganz nahe sind. Manchmal jammert eines der Kinder im Schlaf oder redet unverständlich im Traum. Die Schwester macht sch-sch oder schüttelt die Rosenkranzperlen. Das Kind wünscht sich, schnell zu wachsen, damit es bald zu den Großen kommt. Die Großen haben im Kindergarten keine Holzliegen mehr. Sie dürfen sich nach dem Essen an ihre Tische setzen, die Arme verkreuzen, den Kopf darauf legen und müssen gar nicht richtig einschlafen. Das Kind könnte unter den Armen durch auf seinen Rock schauen, seitlich zum Nachbarskind hinüber oder auf die eigenen Zöpfe, die über die Tischkante hinunterhängten.

Schwarze Sommernächte auf dem Klosterhof. Und hinter den schwarzen Türen die betenden Schwestern. Das Mädchen horcht.
Die Mutter wählt den Anzug aus, den Vater als seinen letzten tragen wird.

Den grauen mit den weißlichen Streifen schiebt sie weiter. Daraus kann sie für das Kind Rock und Jacke nähen. Der dunkle, abgetragene eignet sich dafür nicht. Jahrelang trägt das Kind nur weiße Blusen in unterschiedlicher Ausführung, weil Vater nur weiße Hemden gehabt hat. Auch die Mutter wird vom Beerdigungstag an ein Jahr lang nur mehr schwarze Kleider anziehen. Vielleicht wird sie nie mehr etwas anderes anziehen. Wie die Großmutter, die La scüra. Auch die andere Großmutter ist Witwe. Fast genauso lang wie die La scüra, aber sie ist hell und lustig.

La? fragt Schwester Rita, wer ist denn die La? Die La ist meine Großmutter. Meine ladinische Großmutter. Und was heißt scüra?
Finster. Und Mutter heißt uma und Vater pere und Schwester so.

Schon ist das neue Mädchen auf dem Klosterhof eine etwas kuriose aber kurzweilige Unterhalterin geworden. Schwester Rita hat es gern um sich. Es nimmt ihr die Wege ab, die in den Keller und in den Stall, in den Garten und in die Läden im Dorf. Alle diese Schritte, von denen jeder einzelne eine Qual ist und eine Sündenstrafe. Steht Schwester Rita vor dem Herd oder der Anrichte, schaut das verwachsene, rachitische Bein, das sie in einem sonderbaren Winkel an das gesunde anstellt, aus, als befinde es sich in einer sonderbaren Tanzhaltung. Der verkürzte Fuß berührt mit der Spitze den Boden. Auf der rechten, vorgeschobenen Hüfte stützt sie sich mit der Hand ab. Bewegt sich die Klosterfrau aber, gerät der ganze Körper in eine ruckende, weit nach rechts und links ausladende Bewegung. Die dicken, schwarzen Falten des Rockes schwingen um die Beine. Die Zipfel des schwarzen Schleiers fallen über die Schultern nach vorn. Der Rosenkranz, an einem Gürtel in der Taille festgemacht, schlägt mit dem Unbestimmbaren im darunterliegenden Rocksack zusammen und scheppert.

Wenn Vater nur endlich unter der Erde wäre. Wenn diese Beerdigung nur endlich vorüber wäre. Sie will da nicht mehr hingehen, in diese Totenkapelle, wo jedes Herr-gib-ihm-die-ewige-Ruhe von den Wänden zurückhallt, und wo einen die Beter anstieren, denen man das Vergelt's Gott wie eine Litanei wiederholen muß, sobald sie den Totenrosenkranz abgespult haben. Wenn nur diese Schwester Ökonomin aus der Stube verschwinden und ihr Angebot wieder mitnehmen würde. Sie mag die Vorstellung nicht, daß sie nach Vaters Tod jetzt arm sein sollen. Sie mag ihre Mutter nicht sagen hören, sie würde das nötige Geld schon zusammensticheln, und sie sei es ihrem toten Mann schuldig, daß das Kind weiter zur Schule gehen könne und nicht in eine Lehre. Sie will nicht, daß die Mutter ihretwegen dankbar sein muß. Dankbar dieser Schwester Ökonomin, die für das gute Kind und die gute Schülerin, die es ist, eine Rechnung aufmacht.

Die erste Nacht auf dem Klosterhof. Ein Schlafzimmer mit drei Türen. Eine führt in die Kammer von Schwester Adele, eine in die von Schwester Rita, die dritte in den Gang. Die Schwestern werden bis zum Einschlafen beten. Und sie wird ein bißchen weinen, weil sie jetzt mit Vater in Rimini sein möchte. Aber sie hat in diesen drei Sommermonaten die Kost abzuarbeiten, die man ihr den Winter über im Internat zukommen lassen wird.
Von der La scüra hat sie Stollwerkgeld mitbekommen. Sie kauft mit dreizehn keine Stollwerk mehr. Zu Hause kauft sie vom Stollwerkgeld der La scüra Bravohefte und wartet auf das letzte Stück Bein und Fuß von Lex Barker. Sie wird es dem zusammengehefteten Pierre Brice in Lebensgröße gegenüberhängen. Die Rolling Stones aus Papier hat sie schon, und dann sind die Zimmerwände voll.

Schwester Adeles Schleier zittert. Nicht nur beim Gehen. Er hört gar nie zu zittern auf, weil ihr Kopf nie stillsteht. Es zittert auch Schwester Adeles Stimme. Holt sie ein Glas Wein aus dem Keller, zieht sie eine rote Spur in die Küche. Schwester Rita ärgert sich über Schwester Adeles verlorene Tropfen und darüber, daß diese nur ein Glas für sich selber holt. Fragt Schwester Adele, ob ihre Mitschwester auch eines möchte, antwortet diese, sie trinke ja nicht. Einmal in der Woche kommt der hochwürdige Herr Dekan in den Klosterhof. Da liest er in der Hauskapelle die Messe. Davor beichten die Schwestern. Dann frühstükken sie ausgiebig mit dem Herrn Dekan. Einmal in der Woche streiten sich die Schwestern beim Frühstück nicht.
Die Aufregung vor der Kinderbeichte. Im finsteren Beichtstuhl kann sie die aufgeschriebenen Sünden nicht mehr vom Zettel lesen. Seither memoriert sie in immer neuen Kombinationen. ABZOS: Aufgaben abgeschrieben, Beten vergessen, Zoten erzählt, Oblate zerbissen, geStritten. Oder NAFFL:
geNascht, unAndächtig gewesen, unFolgsam, Frech, geLogen.

Ist Pater Peter zu Besuch, streiten die Klosterfrauen auch beim Essen. Pater Peter bringt einen schweren Geruch in die Küche. Er zieht eine Schnupftabakdose unter den Achseln aus seinem Kuttenärmel. Er hält sie Schwester Rita hin. Die lächelt verlegen, dankt und schüttelt den Kopf. Auch Schwester Adele lehnt ab. Da schnarrt Schwester Rita, die Adele solle sich doch nicht so zieren, greift mit den Fingern eine Prise und zieht sie in die Nase. Der Pater faltet sein rotweißgeblumtes Taschentuch auseinander, niest darüber hinaus und fragt, ob das da die neue Novizin sei. Vielleicht. Wir beten, sagen die Schwestern.
Drei Sommermonate lang wird sie an jedem Abend grüne Blätter vom Kohlkopf brechen, auf ein weißes Leinentuch legen, eine leere Weinflasche auf die Rippen drücken und so lange und so fest darüber hin- und herrollen, bis der weißlichgrüne Saft aus dem Aderwerk quillt. Je älter der Sommer wird und je verholzter die Blätter, umso fester wird sie drücken und umso länger rollen. Kohlblättersaft helfe gegen Frauenleiden genauso wie gegen geschrumpfte Füße und verschobene Hüften, hat Pater Peter gesagt. Ein Wundermittel. Seither legt sich Schwester Rita jeden Abend grüne Wikkel auf die wehen Stellen und deckt sie mit dem weißen Leinentuch zu.

Die La scüra schwört auf Arnikaschnaps und Johanniskrautöl. In dieser Reihenfolge. Zuerst Arnikaschnaps, dann Johanniskrautöl. Das Kind riecht am Abend an seinen Händen. An den Arnikaschnaps- und Johanniskrautölhänden.

Das Mädchen zupft Unkraut, pflanzt, erntet. Den schweren Zopf, der sich unter kein Tuch binden läßt, wirft es einmal nach rechts, einmal nach links über die Schulter. Seit es dreizehn ist, macht es aus den zwei Kinderzöpfen einen einzigen.
Mensch, Joachim, schau wie schwer, sagt Christoph und läßt ihren Zopf aus seiner in Joachims Hand rutschen. Bruno, der Gärtner, streicht um das Mädchen herum. Immer redet er anzügliches Zeug. Was eine mit dreizehn schon für zierliche Brüste haben kann, und wer die wohl als erster in die Hand nehmen wird, und daß ihn die Haare in ihren Achselhöhlen ganz durcheinanderbringen, und daß er jetzt einen Kuß von ihr will. Er schenkt ihr einen Leibnitzer Butterkeks, den er lose aus dem Hosensack fischt und den sie dem Pfau vorbröselt.

Alle Buben wollen geküßt werden. Die aus der Klasse über ihr, die beiden Cousins. Und die Männer. Der alte Senner auf der Alm, Bruno und die zwei Neffen der Oberin, die hier arbeiten. Das alte Schwein, sagt Vater, wie sie ihm vom Senner erzählt. Da erschrickt das Kind. Da weiß es, es ist etwas Unrechtes gewesen, was der Senner von ihr gewollt hat.
Die Mutter kommt verstört aus dem Kino. Es geschah am hellichten Tag, liest das Kind vom Plakat. Es schaut sich die Bilder genau an. Schamverletzer, die Mutter lacht böse. Schamverletzer nennen sie das. Ist ja die Höhe, Schamverletzer!

Einen der beiden Neffen der Oberin würde das Mädchen küssen. Warum hat nur Christoph danach gefragt, Joachim nicht? Ist Küssen Sünde? heißt der letzte Artikel im Bravoheft, in dem mit dem Bein von Lex Barker.
Wie bei Wilhelm Busch, sagt Joachim und drückt unter den Stangenbohnen seinen Mund auf den ihren. Dann nimmt er ein Zopfende und wischt mit dem Haarbesen sanft über ihre Lippen. Sie spürt, daß sie jetzt sofort ohnmächtig wird.
Sieht Schwester Rita den Gärtner bei dem Mädchen stehen, ruft sie es ins Haus. Der Bruno sei nicht ganz richtig, sagt sie und macht den Vogel an der Schläfe. Bei solchen wie dem Bruno wisse man nie. Von Christoph und Joachim sagt sie, die Studenten seien halt übermütig, und sie schneidet dicke Streifen vom Speck, die ihnen das Mädchen in den Weinberg nachträgt. Dazu Wein und Saft und heiße Erdäpfel.

Indianerspiel. Die wilden Nachbarsbuben. Sie binden das Kind an einen Baum. Die Squaw. Später wird sie befreit. Von Winnetou oder Old Shatterhand. Die Buben reiten. Sie sitzen auf der Holzbrüstung des kleinen Wildbachs und schlagen mit den Absätzen ihrer Schuhe an die Bretter. Das Kind wehrt sich gegen das Gefesseltwerden. Aber es rieselt seltsam im Rücken, wenn Georg die Schnüre auf ihrem Bauch festzieht und über der Brust kreuzt. Seltsam fein. Es rieselt auch, wenn sie wieder befreit wird. Die Squaw muß erschöpft auf den Boden fallen und sich von ihrem Retter aufs Pferd heben lassen.

Ida, die Magd, sagt, der Bruno sei ein armer Hund und nur deshalb auf dem Klosterhof, weil er als halbe Portion, die er sei, nur die Hälfte koste. Gärtner sei er keiner. Auch die Studenten verstünden nichts von der Bauernwirtschaft. Sie sind aber die Neffen der Oberin.
Schwester Agnes kniet in der feuchten Erde. Über den schwarzen Schleier hat sie ein weißes Tuch gebunden und einen Strohhut draufgesetzt. Sie kniet, weil sie Abbuße für ihre Sünden tut, sagt sie und ist mit dem zitternden Kopf gestraft genug. Und mit Schwester Rita. Vielleicht kommt Schwester Ritas Unwille von ihren wehen Knochen.

Wenn die Mutter mit aufgestützten Armen dasitzt und ihre Zeigefinger an die pochenden Schläfen drückt, sind sie im Haus alle ganz still. Seit Vater tot ist, sitzt die Mutter oft mit pochenden Schläfen so da. Und ist oft unwillig. Dann kocht sie auch nicht.

Im Klosterhof muß das Mädchen mit den Schwestern am Küchentisch essen. Und säße lieber unter den Dienstboten und Taglöhnern in der Stube. Das Essen ist in der Küche und in der Stube dasselbe. Nur gebetet wird heraußen länger. Das Mädchen schaut auf die gefalteten Hände von Schwester Adele. Dicke, blaue Adern stehen ab. Gespaltene Fingernägel. Eine rissige Haut mit schwarzen Schrunden. Aneinandergelegt bilden die Hände eine Höhle. Es nützt nichts, wenn sie die Hand unter das tropfende Weinglas hält, weil sich ihre Finger nicht schließen.

Die Mutter erzählt ihren Kundinnen von Vaters Unfall. In allen Einzelheiten. Wie ein Protokoll. Sie näht dabei. Sie fädelt in das dünnste Nadelöhr den dicksten Zwirn. Sie zittert nicht. Sie sieht wie ein Habicht. Nadelöhr und Faden verschwimmen auch nie unter dem Wasser, das beim Erzählen doch ab und zu den Lidrand füllen müßte.

Diese grobe Mischpoche, sagt Schwester Rita. Aus der Stube kommt das laute Lachen der Arbeiter. Schwester Agnes hüstelt, sagt Gelobt-sei-Jesus-Christus und schneidet sich ein Stück vom Brotlaib ab.
Heute fährst du mit zum See in der Nacht. Auf meinem Motorrad, sagt Joachim und nimmt dem Mädchen den Essenskorb ab.

Wenn du mir beim Pinkeln zuschaust, darfst du eine Runde auf meinem Tretroller fahren, verspricht der Nachbarsbub. Für eine zweite Runde will er das Spiel umdrehen.

Sie drückt ihre Brust nicht in Joachims Rücken. Er zieht ihre Hand auf seinen Bauch, legt die seine darüber und fährt den ganzen Weg einhändig. Der See ist kühl in der Nacht. Joachims Arme auf ihren nassen Schultern. Aus dem Zopf läuft ein Rinnsal und kitzelt auf dem Rükken. Sie spürt die Beckenknochen über Joachims magerem Bauch und das Harte dazwischen, das sich bewegt. Er reibt sie mit seinem Bademantel trocken und hält sie, bis sie nicht mehr zittert. Kalt ist ihr nicht. Gestern hat sie gefragt, wie ist Florenz? Joachim hat eine Kußhand irgendwohin geworfen.
Sie hängt das Schwimmzeug auf den Balkon und hält lange die Nase an Joachims Badehose. Sie wickelt ein Handtuch um den Kopf, läßt den nassen Zopf aus dem Bett hängen. In der Früh ist ein Blutfleck auf dem Leintuch, der bis zur Matratze durchschlägt.

Einmal schaut der Teufel heraus, droht die Mutter. Je öfter man in den Spiegel schaut, umso schöner wird man, sagt die La scüra. Die Schneiderei ist voller Spiegel. Wandspiegel, Drehspiegel, Handspiegel.

Im Klosterhof gibt es keinen Spiegel. Im ganzen Haus hängt nirgendwo ein Spiegel. Auch nicht im Bad. Sie kauft sich einen kreisrunden im Dorf. Er hat einen weißen Plastikrahmen und einen Drahtaufsatz. Der ist zugleich Aufhänger und Fuß. Auf einer Seite ist das Spiegelglas normal, auf der anderen vergrößernd. Zum Kämmen hängt sie den Spiegel ins Fensterkreuz, zum Schauen stellt sie ihn mitten auf die Matratze und setzt sich drüber. Sie nimmt die violetten, dunkelroten und rosa Blätter auseinander. Sie gefallen ihr. Der Tautropfen in der Mitte zieht einen Silberfaden. Es ist gut, daß die Blüte versteckt ist und vom schwarzen Vlies zugewachsen. Das Vlies sieht aus, als sei es gekämmt. In der Mitte ordnet es sich zu einem dichten, schwarzen Strich. Der Strich wellt sich nach innen. Joachim wird die Blüten der Florentinerinnen anschauen.

Ach, das liebe Kind. Das liebe Kind verlangsamt den Schritt noch ein bißchen. Es paßt ihn genau dem der La scüra an. Auf dem Kirchenboden gibt der schlurfende Schritt der alten Frau und das trippelnde Klacken der Kinderschuhe beinahe eine Melodie ab.

Schwester Rita hängt an ihrem Arm. Sie ist schwer und reißt im Hinken das Mädchen nach rechts und links mit. Dann drückt die Klosterfrau den stützenden Arm des Mädchens. Schau, da läuft sie wieder, sagt sie und mit dem Finger auf Schwester Adele. Die geht grußlos an ihnen vorbei. In der Kirche kniet sie sich in eine Bank, die weit genug von der ihrer Mitschwester weg ist. Sie sitzt auch schon am Küchentisch, wenn die andere daherhumpelt. Und dann hat diese dumme Adele wieder einmal das Brot schief geschnitten und den Kaffee verwässert. Sie betet nicht einmal richtig.

Die La scüra schiebt beleidigt die Papierserviette zurück. Darin liegen ein paar Scheiben Käse neben ein paar Salamirädern. Die Besitzerin des Buchladens hat dem Kind die Marende für die drei verarmten Frauen mitgegeben. Für die La scüra, die verwitwete Mutter und das verwaiste Mädchen.

Die heilige Armut, sagt Schwester Rita und jammert, weil die Dienstboten einen Herrenlohn verlangen und die Klosterwirtschaft ruinieren. Das Mädchen arbeitet auf dem Klosterhof umsonst. Barmherzigkeit üben, sagt Schwester Rita auch und schickt das Mädchen an Idas Stelle mit der Armensuppe. Dem Gnadenbrot. Dem Werk der Barmherzigkeit. Im Winter wird das Mädchen im Internat das barmherzige Brot der Klosterfrauen essen.
Wie eine Zirkusnummer hat Ida dem Mädchen ihre Mutter angekündigt, die am Dorfrand in einer Wellblechhütte haust. An drei Tagen in der Woche trägt das Mädchen Suppe in einer Aluminiumkanne zur Hüttl-Luise hinaus. Ich kann nichts für meine Mutter, sagt Ida.
Uber dem weißen Kopftuch trägt die Luise einen Strohhut. Wie Schwester Adele. Aber sie hat auch sonst alles doppelt und dreifach um. Über dem Pullover eine Strickjacke und einen kuttenförmigen Mantel, über den Stiefeln Holzpantinen, von den Knöcheln aufwärts verschieden lange Röcke. Sie redet fortwährend mit sich selbst und kratzt im Acker herum, in dem eigentlich nichts wächst.

Die arme Sara, sagt die La scüra. Sie kommt von den Zügen. Die Sara redet die Allee entlang, die vom Bahnhof in ihre Wohnung führt. Man versteht sie nicht. Sie geht auf alle Züge, die hier ankommen. Sie erwartet den Messias.

Die Sara weiß, sie wird nicht sterben, bevor der Messias kommt. Und sie wird ihn am Bahnhof empfangen.

Vor der Wellblechhütte der Luise ist der Unrat aufgestapelt, den die Leute aus dem Dorf wegwerfen. Dosen, Blechkübel und Kannen, angeschlagene Töpfe und Teller. Der Mistberg setzt sich in der Hütte fort. Die Luise schaut ängstlich herum. Sie fürchtet sich vor den Burschen, die sich einen Jux machen und in der Nacht mit den Kannen vor ihrer Hütte scheppern, auf das Blechdach steigen und die Alte erschrecken. Die Hüttl-Luise nimmt den Deckel von der Aluminiumkanne und steckt die Nase hinein. Gemüsesuppe, Luise. Die Alte holt einen Löffel, rührt in der Kanne herum, schlürft ein paar Mal und kippt den Rest aus. Die Beine des Mädchens sind bis zum Knie voller Suppenspritzer.
Männern, die einer wie meiner Mutter ein Kind anhängen, soll man den Schwanz abschneiden, sagt Ida.
Der Bach gehöre ihr wie der Acker und die Hütte, und im Bach baue sie jetzt ein Wehr, damit keiner mehr herüberkönne, um ihre Sachen zu stehlen, sagt die Luise. Und dann: Der Binder-Sepp hat mich schon wieder geschwängert. So ein Falott! Die Ida gehört eurem Knecht, daß du es weißt!
Ida lacht. Heiter ist das Lachen nicht. Sie hat die Hände im Abwaschwasser und stößt das Mädchen mit dem Ellbogen an. Mein Vater? Keine von uns kennt ihren Vater. Zu dritt sind wir, hörst du, drei ledige Kinder. Alle herumgestoßen. Immer herumgestoßen. Von einem Bauern zum anderen. Nicht einmal im Kloster hätten sie eine wie mich als Schwester genommen. Idas Haar riecht nach altem Fett, ihre Hände nach Harz. Sie schmiert Föhrenbalsam auf die Sprünge in ihrer Haut. Ihre klammen Finger haben erdige Rillen, die keine Soda der Welt mehr herauswäscht. Ida ist so alt wie die Mutter des Mädchens, sieht aber viel müder aus. Ihr Gang ist schwer wie der einer Stute. Den Zopf legt sie als Kranz um den Hinterkopf. Sie lacht grob und laut.
Für die Neffen der Oberin sind die drei Erntewochen um. Christoph küßt das Mädchen zum Abschied auf die Wangen. Joachim küßt es genauso. Schwester Adele schaut weg. Christoph winkt vom Motorrad zurück. Joachim winkt genauso. Das Mädchen rührt sich nicht. Na, na, sagt Schwester Rita, weil das Motorrad schon lange verschwunden ist.
Vier Männer stochern mit Stangen und Rechen im Bach herum. Dann heben sie etwas Schwarzes vom Ufer auf ein Brett. Rechts und links tropft es herunter. Sie tragen den Haufen zum Traktor. Auf dem Brett liegt die Hüttl-Luise. Und das ewige Licht leuchte ihr. Schwester Adeles Stimme ist beim Beten ganz hoch und ganz hell und zittert in einem wehmütigen Singsang. Vor dem Sargloch steht Pater Peter, dahinter Ida, hinter Ida stehen die Klosterfrauen, hinter den Klosterfrauen steht das Mädchen. Kein Knecht. Keine Taglöhnerin. Ida versteht das. Wegen einer Leiche, für die sich ein ehrbarer Mensch schämt, läßt man die Arbeit nicht liegen.

Die arme Sara ist in den Eisack gefallen. Der Messias ist nicht gekommen. Von der Nordseite des Friedhofs führt ein Mauerbogen in ein abgesondertes Areal. Es ist ungepflegt. Ohne Kreuze. Ohne Kerzen. Ohne Weihwasser. Der Friedhof für Selbstmörder, für Anders- und Ungläubige, sagt die La scüra. Voller Katzen. Die Sara gehört nicht hierher.


Helene Flöss, geboren 1954 in Brixen in Südtirol, dort bis 1991 als Lehrerin tätig. 1991 Übersiedlung ins Burgenland. 1990 ein Hörspiel für den ORF Burgenland ("Die andere Stadt"); zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt: Wieviele Tode stirbt man im Traum (Erzählband. Edition Tusch 1996); Dürre Jahre (Erzählung. Haymon Verlag 1998); Schnittbögen (Roman. Haymon Verlag 2000).

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