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Helene Flöss
Zwischenzeiten
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Nach dem Mittagessen holt Schwester Roberta die
Matten. Da wird das Kind jedesmal schwermütig. Es mag nach dem Essen nicht
schlafen. Zweiundzwanzig Holzgestelle neben- und untereinander. In vier Reihen
aufgeklappt, zwei davon quer am Ende der Fünferreihen. Auf kurzen
Füßen. Bespannt mit einer hellbraunen Segeltuchplane. Darüber
eine dunkle Pferdedecke. Kein Kopfpolster. Würde Schwester Roberta
bloß die Vorhänge auflassen. Das Kind könnte Bilder in die
Stuckdecke schauen. Schwester Roberta betet, während die Kleinen schlafen.
Das Kind zählt langsam bis zehn. Dann hört es die Perlen des
Rosenkranzes leise aneinanderschlagen. Ab und zu muß es auch bis elf
zählen oder bis zwölf. Haben sich die Augen an die Dunkelheit
gewöhnt, sieht das Kind, wie die Schwester das Kreuz am Rosenkranz
küßt. Sobald sie es ein zweites Mal küssen wird, ist das Gebet
aus und die Schlafenszeit um. Weint das Kind, bevor es sich unter die Decke
schiebt, darf es - nicht immer - den Platz wechseln und sich auf eines der
quergestellten Betten legen, die der betenden Schwester ganz nahe sind.
Manchmal jammert eines der Kinder im Schlaf oder redet unverständlich im
Traum. Die Schwester macht sch-sch oder schüttelt die Rosenkranzperlen.
Das Kind wünscht sich, schnell zu wachsen, damit es bald zu den
Großen kommt. Die Großen haben im Kindergarten keine Holzliegen
mehr. Sie dürfen sich nach dem Essen an ihre Tische setzen, die Arme
verkreuzen, den Kopf darauf legen und müssen gar nicht richtig
einschlafen. Das Kind könnte unter den Armen durch auf seinen Rock
schauen, seitlich zum Nachbarskind hinüber oder auf die eigenen
Zöpfe, die über die Tischkante hinunterhängten.
Schwarze
Sommernächte auf dem Klosterhof. Und hinter den schwarzen Türen die
betenden Schwestern. Das Mädchen horcht.
Die Mutter wählt den
Anzug aus, den Vater als seinen letzten tragen wird.
Den grauen mit den
weißlichen Streifen schiebt sie weiter. Daraus kann sie für das Kind
Rock und Jacke nähen. Der dunkle, abgetragene eignet sich dafür
nicht. Jahrelang trägt das Kind nur weiße Blusen in
unterschiedlicher Ausführung, weil Vater nur weiße Hemden gehabt
hat. Auch die Mutter wird vom Beerdigungstag an ein Jahr lang nur mehr schwarze
Kleider anziehen. Vielleicht wird sie nie mehr etwas anderes anziehen. Wie die
Großmutter, die La scüra. Auch die andere Großmutter ist
Witwe. Fast genauso lang wie die La scüra, aber sie ist hell und
lustig.
La? fragt Schwester Rita, wer ist denn die La? Die La ist meine
Großmutter. Meine ladinische Großmutter. Und was heißt
scüra?
Finster. Und Mutter heißt uma und Vater pere und Schwester
so.
Schon ist das neue Mädchen auf dem Klosterhof eine etwas
kuriose aber kurzweilige Unterhalterin geworden. Schwester Rita hat es gern um
sich. Es nimmt ihr die Wege ab, die in den Keller und in den Stall, in den
Garten und in die Läden im Dorf. Alle diese Schritte, von denen jeder
einzelne eine Qual ist und eine Sündenstrafe. Steht Schwester Rita vor dem
Herd oder der Anrichte, schaut das verwachsene, rachitische Bein, das sie in
einem sonderbaren Winkel an das gesunde anstellt, aus, als befinde es sich in
einer sonderbaren Tanzhaltung. Der verkürzte Fuß berührt mit
der Spitze den Boden. Auf der rechten, vorgeschobenen Hüfte stützt
sie sich mit der Hand ab. Bewegt sich die Klosterfrau aber, gerät der
ganze Körper in eine ruckende, weit nach rechts und links ausladende
Bewegung. Die dicken, schwarzen Falten des Rockes schwingen um die Beine. Die
Zipfel des schwarzen Schleiers fallen über die Schultern nach vorn. Der
Rosenkranz, an einem Gürtel in der Taille festgemacht, schlägt mit
dem Unbestimmbaren im darunterliegenden Rocksack zusammen und
scheppert.
Wenn Vater nur endlich unter der Erde wäre. Wenn diese
Beerdigung nur endlich vorüber wäre. Sie will da nicht mehr hingehen,
in diese Totenkapelle, wo jedes Herr-gib-ihm-die-ewige-Ruhe von den Wänden
zurückhallt, und wo einen die Beter anstieren, denen man das Vergelt's
Gott wie eine Litanei wiederholen muß, sobald sie den Totenrosenkranz
abgespult haben. Wenn nur diese Schwester Ökonomin aus der Stube
verschwinden und ihr Angebot wieder mitnehmen würde. Sie mag die
Vorstellung nicht, daß sie nach Vaters Tod jetzt arm sein sollen. Sie mag
ihre Mutter nicht sagen hören, sie würde das nötige Geld schon
zusammensticheln, und sie sei es ihrem toten Mann schuldig, daß das Kind
weiter zur Schule gehen könne und nicht in eine Lehre. Sie will nicht,
daß die Mutter ihretwegen dankbar sein muß. Dankbar dieser
Schwester Ökonomin, die für das gute Kind und die gute
Schülerin, die es ist, eine Rechnung aufmacht.
Die erste Nacht auf
dem Klosterhof. Ein Schlafzimmer mit drei Türen. Eine führt in die
Kammer von Schwester Adele, eine in die von Schwester Rita, die dritte in den
Gang. Die Schwestern werden bis zum Einschlafen beten. Und sie wird ein
bißchen weinen, weil sie jetzt mit Vater in Rimini sein möchte. Aber
sie hat in diesen drei Sommermonaten die Kost abzuarbeiten, die man ihr den
Winter über im Internat zukommen lassen wird.
Von der La scüra hat
sie Stollwerkgeld mitbekommen. Sie kauft mit dreizehn keine Stollwerk mehr. Zu
Hause kauft sie vom Stollwerkgeld der La scüra Bravohefte und wartet auf
das letzte Stück Bein und Fuß von Lex Barker. Sie wird es dem
zusammengehefteten Pierre Brice in Lebensgröße
gegenüberhängen. Die Rolling Stones aus Papier hat sie schon, und
dann sind die Zimmerwände voll.
Schwester Adeles Schleier zittert.
Nicht nur beim Gehen. Er hört gar nie zu zittern auf, weil ihr Kopf nie
stillsteht. Es zittert auch Schwester Adeles Stimme. Holt sie ein Glas Wein aus
dem Keller, zieht sie eine rote Spur in die Küche. Schwester Rita
ärgert sich über Schwester Adeles verlorene Tropfen und darüber,
daß diese nur ein Glas für sich selber holt. Fragt Schwester Adele,
ob ihre Mitschwester auch eines möchte, antwortet diese, sie trinke ja
nicht. Einmal in der Woche kommt der hochwürdige Herr Dekan in den
Klosterhof. Da liest er in der Hauskapelle die Messe. Davor beichten die
Schwestern. Dann frühstükken sie ausgiebig mit dem Herrn Dekan.
Einmal in der Woche streiten sich die Schwestern beim Frühstück
nicht.
Die Aufregung vor der Kinderbeichte. Im finsteren Beichtstuhl kann
sie die aufgeschriebenen Sünden nicht mehr vom Zettel lesen. Seither
memoriert sie in immer neuen Kombinationen. ABZOS: Aufgaben abgeschrieben,
Beten vergessen, Zoten erzählt, Oblate zerbissen, geStritten. Oder
NAFFL:
geNascht, unAndächtig gewesen, unFolgsam, Frech,
geLogen.
Ist Pater Peter zu Besuch, streiten die Klosterfrauen auch beim
Essen. Pater Peter bringt einen schweren Geruch in die Küche. Er zieht
eine Schnupftabakdose unter den Achseln aus seinem Kuttenärmel. Er
hält sie Schwester Rita hin. Die lächelt verlegen, dankt und
schüttelt den Kopf. Auch Schwester Adele lehnt ab. Da schnarrt Schwester
Rita, die Adele solle sich doch nicht so zieren, greift mit den Fingern eine
Prise und zieht sie in die Nase. Der Pater faltet sein rotweißgeblumtes
Taschentuch auseinander, niest darüber hinaus und fragt, ob das da die
neue Novizin sei. Vielleicht. Wir beten, sagen die Schwestern.
Drei
Sommermonate lang wird sie an jedem Abend grüne Blätter vom Kohlkopf
brechen, auf ein weißes Leinentuch legen, eine leere Weinflasche auf die
Rippen drücken und so lange und so fest darüber hin- und herrollen,
bis der weißlichgrüne Saft aus dem Aderwerk quillt. Je älter
der Sommer wird und je verholzter die Blätter, umso fester wird sie
drücken und umso länger rollen. Kohlblättersaft helfe gegen
Frauenleiden genauso wie gegen geschrumpfte Füße und verschobene
Hüften, hat Pater Peter gesagt. Ein Wundermittel. Seither legt sich
Schwester Rita jeden Abend grüne Wikkel auf die wehen Stellen und deckt
sie mit dem weißen Leinentuch zu.
Die La scüra schwört
auf Arnikaschnaps und Johanniskrautöl. In dieser Reihenfolge. Zuerst
Arnikaschnaps, dann Johanniskrautöl. Das Kind riecht am Abend an seinen
Händen. An den Arnikaschnaps- und
Johanniskrautölhänden.
Das Mädchen zupft Unkraut,
pflanzt, erntet. Den schweren Zopf, der sich unter kein Tuch binden
läßt, wirft es einmal nach rechts, einmal nach links über die
Schulter. Seit es dreizehn ist, macht es aus den zwei Kinderzöpfen einen
einzigen.
Mensch, Joachim, schau wie schwer, sagt Christoph und
läßt ihren Zopf aus seiner in Joachims Hand rutschen. Bruno, der
Gärtner, streicht um das Mädchen herum. Immer redet er
anzügliches Zeug. Was eine mit dreizehn schon für zierliche
Brüste haben kann, und wer die wohl als erster in die Hand nehmen wird,
und daß ihn die Haare in ihren Achselhöhlen ganz
durcheinanderbringen, und daß er jetzt einen Kuß von ihr will. Er
schenkt ihr einen Leibnitzer Butterkeks, den er lose aus dem Hosensack fischt
und den sie dem Pfau vorbröselt.
Alle Buben wollen
geküßt werden. Die aus der Klasse über ihr, die beiden Cousins.
Und die Männer. Der alte Senner auf der Alm, Bruno und die zwei Neffen der
Oberin, die hier arbeiten. Das alte Schwein, sagt Vater, wie sie ihm vom Senner
erzählt. Da erschrickt das Kind. Da weiß es, es ist etwas Unrechtes
gewesen, was der Senner von ihr gewollt hat.
Die Mutter kommt verstört
aus dem Kino. Es geschah am hellichten Tag, liest das Kind vom Plakat. Es
schaut sich die Bilder genau an. Schamverletzer, die Mutter lacht böse.
Schamverletzer nennen sie das. Ist ja die Höhe,
Schamverletzer!
Einen der beiden Neffen der Oberin würde das
Mädchen küssen. Warum hat nur Christoph danach gefragt, Joachim
nicht? Ist Küssen Sünde? heißt der letzte Artikel im Bravoheft,
in dem mit dem Bein von Lex Barker.
Wie bei Wilhelm Busch, sagt Joachim und
drückt unter den Stangenbohnen seinen Mund auf den ihren. Dann nimmt er
ein Zopfende und wischt mit dem Haarbesen sanft über ihre Lippen. Sie
spürt, daß sie jetzt sofort ohnmächtig wird.
Sieht Schwester
Rita den Gärtner bei dem Mädchen stehen, ruft sie es ins Haus. Der
Bruno sei nicht ganz richtig, sagt sie und macht den Vogel an der Schläfe.
Bei solchen wie dem Bruno wisse man nie. Von Christoph und Joachim sagt sie,
die Studenten seien halt übermütig, und sie schneidet dicke Streifen
vom Speck, die ihnen das Mädchen in den Weinberg nachträgt. Dazu Wein
und Saft und heiße Erdäpfel.
Indianerspiel. Die wilden
Nachbarsbuben. Sie binden das Kind an einen Baum. Die Squaw. Später wird
sie befreit. Von Winnetou oder Old Shatterhand. Die Buben reiten. Sie sitzen
auf der Holzbrüstung des kleinen Wildbachs und schlagen mit den
Absätzen ihrer Schuhe an die Bretter. Das Kind wehrt sich gegen das
Gefesseltwerden. Aber es rieselt seltsam im Rücken, wenn Georg die
Schnüre auf ihrem Bauch festzieht und über der Brust kreuzt. Seltsam
fein. Es rieselt auch, wenn sie wieder befreit wird. Die Squaw muß
erschöpft auf den Boden fallen und sich von ihrem Retter aufs Pferd heben
lassen.
Ida, die Magd, sagt, der Bruno sei ein armer Hund und nur
deshalb auf dem Klosterhof, weil er als halbe Portion, die er sei, nur die
Hälfte koste. Gärtner sei er keiner. Auch die Studenten
verstünden nichts von der Bauernwirtschaft. Sie sind aber die Neffen der
Oberin.
Schwester Agnes kniet in der feuchten Erde. Über den schwarzen
Schleier hat sie ein weißes Tuch gebunden und einen Strohhut
draufgesetzt. Sie kniet, weil sie Abbuße für ihre Sünden tut,
sagt sie und ist mit dem zitternden Kopf gestraft genug. Und mit Schwester
Rita. Vielleicht kommt Schwester Ritas Unwille von ihren wehen
Knochen.
Wenn die Mutter mit aufgestützten Armen dasitzt und ihre
Zeigefinger an die pochenden Schläfen drückt, sind sie im Haus alle
ganz still. Seit Vater tot ist, sitzt die Mutter oft mit pochenden
Schläfen so da. Und ist oft unwillig. Dann kocht sie auch nicht.
Im
Klosterhof muß das Mädchen mit den Schwestern am Küchentisch
essen. Und säße lieber unter den Dienstboten und Taglöhnern in
der Stube. Das Essen ist in der Küche und in der Stube dasselbe. Nur
gebetet wird heraußen länger. Das Mädchen schaut auf die
gefalteten Hände von Schwester Adele. Dicke, blaue Adern stehen ab.
Gespaltene Fingernägel. Eine rissige Haut mit schwarzen Schrunden.
Aneinandergelegt bilden die Hände eine Höhle. Es nützt nichts,
wenn sie die Hand unter das tropfende Weinglas hält, weil sich ihre Finger
nicht schließen.
Die Mutter erzählt ihren Kundinnen von
Vaters Unfall. In allen Einzelheiten. Wie ein Protokoll. Sie näht dabei.
Sie fädelt in das dünnste Nadelöhr den dicksten Zwirn. Sie
zittert nicht. Sie sieht wie ein Habicht. Nadelöhr und Faden verschwimmen
auch nie unter dem Wasser, das beim Erzählen doch ab und zu den Lidrand
füllen müßte.
Diese grobe Mischpoche, sagt Schwester
Rita. Aus der Stube kommt das laute Lachen der Arbeiter. Schwester Agnes
hüstelt, sagt Gelobt-sei-Jesus-Christus und schneidet sich ein Stück
vom Brotlaib ab.
Heute fährst du mit zum See in der Nacht. Auf meinem
Motorrad, sagt Joachim und nimmt dem Mädchen den Essenskorb
ab.
Wenn du mir beim Pinkeln zuschaust, darfst du eine Runde auf meinem
Tretroller fahren, verspricht der Nachbarsbub. Für eine zweite Runde will
er das Spiel umdrehen.
Sie drückt ihre Brust nicht in Joachims
Rücken. Er zieht ihre Hand auf seinen Bauch, legt die seine darüber
und fährt den ganzen Weg einhändig. Der See ist kühl in der
Nacht. Joachims Arme auf ihren nassen Schultern. Aus dem Zopf läuft ein
Rinnsal und kitzelt auf dem Rükken. Sie spürt die Beckenknochen
über Joachims magerem Bauch und das Harte dazwischen, das sich bewegt. Er
reibt sie mit seinem Bademantel trocken und hält sie, bis sie nicht mehr
zittert. Kalt ist ihr nicht. Gestern hat sie gefragt, wie ist Florenz? Joachim
hat eine Kußhand irgendwohin geworfen.
Sie hängt das Schwimmzeug
auf den Balkon und hält lange die Nase an Joachims Badehose. Sie wickelt
ein Handtuch um den Kopf, läßt den nassen Zopf aus dem Bett
hängen. In der Früh ist ein Blutfleck auf dem Leintuch, der bis zur
Matratze durchschlägt.
Einmal schaut der Teufel heraus, droht die
Mutter. Je öfter man in den Spiegel schaut, umso schöner wird man,
sagt die La scüra. Die Schneiderei ist voller Spiegel. Wandspiegel,
Drehspiegel, Handspiegel.
Im Klosterhof gibt es keinen Spiegel. Im
ganzen Haus hängt nirgendwo ein Spiegel. Auch nicht im Bad. Sie kauft sich
einen kreisrunden im Dorf. Er hat einen weißen Plastikrahmen und einen
Drahtaufsatz. Der ist zugleich Aufhänger und Fuß. Auf einer Seite
ist das Spiegelglas normal, auf der anderen vergrößernd. Zum
Kämmen hängt sie den Spiegel ins Fensterkreuz, zum Schauen stellt sie
ihn mitten auf die Matratze und setzt sich drüber. Sie nimmt die
violetten, dunkelroten und rosa Blätter auseinander. Sie gefallen ihr. Der
Tautropfen in der Mitte zieht einen Silberfaden. Es ist gut, daß die
Blüte versteckt ist und vom schwarzen Vlies zugewachsen. Das Vlies sieht
aus, als sei es gekämmt. In der Mitte ordnet es sich zu einem dichten,
schwarzen Strich. Der Strich wellt sich nach innen. Joachim wird die
Blüten der Florentinerinnen anschauen.
Ach, das liebe Kind. Das
liebe Kind verlangsamt den Schritt noch ein bißchen. Es paßt ihn
genau dem der La scüra an. Auf dem Kirchenboden gibt der schlurfende
Schritt der alten Frau und das trippelnde Klacken der Kinderschuhe beinahe eine
Melodie ab.
Schwester Rita hängt an ihrem Arm. Sie ist schwer und
reißt im Hinken das Mädchen nach rechts und links mit. Dann
drückt die Klosterfrau den stützenden Arm des Mädchens. Schau,
da läuft sie wieder, sagt sie und mit dem Finger auf Schwester Adele. Die
geht grußlos an ihnen vorbei. In der Kirche kniet sie sich in eine Bank,
die weit genug von der ihrer Mitschwester weg ist. Sie sitzt auch schon am
Küchentisch, wenn die andere daherhumpelt. Und dann hat diese dumme Adele
wieder einmal das Brot schief geschnitten und den Kaffee verwässert. Sie
betet nicht einmal richtig.
Die La scüra schiebt beleidigt die
Papierserviette zurück. Darin liegen ein paar Scheiben Käse neben ein
paar Salamirädern. Die Besitzerin des Buchladens hat dem Kind die Marende
für die drei verarmten Frauen mitgegeben. Für die La scüra, die
verwitwete Mutter und das verwaiste Mädchen.
Die heilige Armut,
sagt Schwester Rita und jammert, weil die Dienstboten einen Herrenlohn
verlangen und die Klosterwirtschaft ruinieren. Das Mädchen arbeitet auf
dem Klosterhof umsonst. Barmherzigkeit üben, sagt Schwester Rita auch und
schickt das Mädchen an Idas Stelle mit der Armensuppe. Dem Gnadenbrot. Dem
Werk der Barmherzigkeit. Im Winter wird das Mädchen im Internat das
barmherzige Brot der Klosterfrauen essen.
Wie eine Zirkusnummer hat Ida dem
Mädchen ihre Mutter angekündigt, die am Dorfrand in einer
Wellblechhütte haust. An drei Tagen in der Woche trägt das
Mädchen Suppe in einer Aluminiumkanne zur Hüttl-Luise hinaus. Ich
kann nichts für meine Mutter, sagt Ida.
Uber dem weißen Kopftuch
trägt die Luise einen Strohhut. Wie Schwester Adele. Aber sie hat auch
sonst alles doppelt und dreifach um. Über dem Pullover eine Strickjacke
und einen kuttenförmigen Mantel, über den Stiefeln Holzpantinen, von
den Knöcheln aufwärts verschieden lange Röcke. Sie redet
fortwährend mit sich selbst und kratzt im Acker herum, in dem eigentlich
nichts wächst.
Die arme Sara, sagt die La scüra. Sie kommt von
den Zügen. Die Sara redet die Allee entlang, die vom Bahnhof in ihre
Wohnung führt. Man versteht sie nicht. Sie geht auf alle Züge, die
hier ankommen. Sie erwartet den Messias.
Die Sara weiß, sie wird
nicht sterben, bevor der Messias kommt. Und sie wird ihn am Bahnhof
empfangen.
Vor der Wellblechhütte der Luise ist der Unrat
aufgestapelt, den die Leute aus dem Dorf wegwerfen. Dosen, Blechkübel und
Kannen, angeschlagene Töpfe und Teller. Der Mistberg setzt sich in der
Hütte fort. Die Luise schaut ängstlich herum. Sie fürchtet sich
vor den Burschen, die sich einen Jux machen und in der Nacht mit den Kannen vor
ihrer Hütte scheppern, auf das Blechdach steigen und die Alte erschrecken.
Die Hüttl-Luise nimmt den Deckel von der Aluminiumkanne und steckt die
Nase hinein. Gemüsesuppe, Luise. Die Alte holt einen Löffel,
rührt in der Kanne herum, schlürft ein paar Mal und kippt den Rest
aus. Die Beine des Mädchens sind bis zum Knie voller
Suppenspritzer.
Männern, die einer wie meiner Mutter ein Kind
anhängen, soll man den Schwanz abschneiden, sagt Ida.
Der Bach
gehöre ihr wie der Acker und die Hütte, und im Bach baue sie jetzt
ein Wehr, damit keiner mehr herüberkönne, um ihre Sachen zu stehlen,
sagt die Luise. Und dann: Der Binder-Sepp hat mich schon wieder
geschwängert. So ein Falott! Die Ida gehört eurem Knecht, daß
du es weißt!
Ida lacht. Heiter ist das Lachen nicht. Sie hat die
Hände im Abwaschwasser und stößt das Mädchen mit dem
Ellbogen an. Mein Vater? Keine von uns kennt ihren Vater. Zu dritt sind wir,
hörst du, drei ledige Kinder. Alle herumgestoßen. Immer
herumgestoßen. Von einem Bauern zum anderen. Nicht einmal im Kloster
hätten sie eine wie mich als Schwester genommen. Idas Haar riecht nach
altem Fett, ihre Hände nach Harz. Sie schmiert Föhrenbalsam auf die
Sprünge in ihrer Haut. Ihre klammen Finger haben erdige Rillen, die keine
Soda der Welt mehr herauswäscht. Ida ist so alt wie die Mutter des
Mädchens, sieht aber viel müder aus. Ihr Gang ist schwer wie der
einer Stute. Den Zopf legt sie als Kranz um den Hinterkopf. Sie lacht grob und
laut.
Für die Neffen der Oberin sind die drei Erntewochen um. Christoph
küßt das Mädchen zum Abschied auf die Wangen. Joachim
küßt es genauso. Schwester Adele schaut weg. Christoph winkt vom
Motorrad zurück. Joachim winkt genauso. Das Mädchen rührt sich
nicht. Na, na, sagt Schwester Rita, weil das Motorrad schon lange verschwunden
ist.
Vier Männer stochern mit Stangen und Rechen im Bach herum. Dann
heben sie etwas Schwarzes vom Ufer auf ein Brett. Rechts und links tropft es
herunter. Sie tragen den Haufen zum Traktor. Auf dem Brett liegt die
Hüttl-Luise. Und das ewige Licht leuchte ihr. Schwester Adeles Stimme ist
beim Beten ganz hoch und ganz hell und zittert in einem wehmütigen
Singsang. Vor dem Sargloch steht Pater Peter, dahinter Ida, hinter Ida stehen
die Klosterfrauen, hinter den Klosterfrauen steht das Mädchen. Kein
Knecht. Keine Taglöhnerin. Ida versteht das. Wegen einer Leiche, für
die sich ein ehrbarer Mensch schämt, läßt man die Arbeit nicht
liegen.
Die arme Sara ist in den Eisack gefallen. Der Messias ist nicht
gekommen. Von der Nordseite des Friedhofs führt ein Mauerbogen in ein
abgesondertes Areal. Es ist ungepflegt. Ohne Kreuze. Ohne Kerzen. Ohne
Weihwasser. Der Friedhof für Selbstmörder, für Anders- und
Ungläubige, sagt die La scüra. Voller Katzen. Die Sara gehört
nicht hierher.
Helene Flöss, geboren 1954 in Brixen in
Südtirol, dort bis 1991 als Lehrerin tätig. 1991 Übersiedlung
ins Burgenland. 1990 ein Hörspiel für den ORF Burgenland ("Die andere
Stadt"); zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt: Wieviele Tode stirbt man
im Traum (Erzählband. Edition Tusch 1996); Dürre Jahre
(Erzählung. Haymon Verlag 1998); Schnittbögen (Roman. Haymon Verlag
2000).