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Hugo sitzt am Steuer
Marcus Hammerschmitt
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Es war in dieser Zeit, in der ich keine Lust auf nichts mehr
hatte. Ich wußte nicht, was ich mit mir anfangen sollte, deswegen ging
ich mit Hugo. Nicht daß ich ihn so furchtbar mochte. Wenn mich damals
jemand gefragt hätte, warum ich immer mit ihm unterwegs war, hätte
ich keine Antwort geben können, und das nicht nur wegen meiner
gähnenden Unlust. Ich hätte es einfach nicht gewußt. Ich
weiß es ja heute noch nicht. Hugo hatte zwei Hobbys. Das eine davon war
das Autofahren. An Wochenenden, wenn er seinen Kollegen in der Bank ade gesagt
hatte, setzte er sich in seinen Wagen und fuhr los. Energieknappheit,
Ökologie: das alles interessierte Hugo nicht. Sein grüner Buckelvolvo
war zum Fahren da. Es wäre ihm geradezu absurd vorgekommen, hätte ihm
einer wegen dieser Ausflüge ein schlechtes Umweltgewissen einzureden
versucht. Die Welt mußte befahren werden. Hugo befuhr sie, in langen,
ausgiebigen, erschöpfenden Überlandfahrten, von Gehöft zu
Gehöft, von Kleinstadt zu Kleinstadt. Das zweite Hobby Hugos hing mit
diesen langen Überlandfahrten eng zusammen. Denn das einzige, wofür
Hugo die Fahrt gerne unterbrach, waren Tierkadaver. Hugo sammelte sie. Wenn er
irgendwo auf oder neben der Straße einen zerquetschten Raben oder einen
plattgefahrenen Igel entdeckte, bremste er sofort, stieg aus, und kratzte die
Überreste vom Belag ab. Dann trug er sie auf einer Schaufel, oder, gesetzt
den Fall, sie waren zu umfangreich dazu, mit seinen bloßen Händen zu
seinem Wagen und warf sie in den Kofferraum. Auf diese Weise konnte er
während einer tagelangen Fahrt einen Haufen stinkender Tierleichen in
seinem Kofferraum ansammeln, und wenn der keinen Platz mehr hatte, belegte er
seine Hintersitze. Die Auslegeware in seinem Kofferraum und seine Hintersitze
sahen immer aus, als sei dort gerade ein Mord begangen worden, und Hugo ist
wegen all dieser roten Flecken und Schmierstreifen mehr als einmal von der
Polizei kritisch unter die Lupe genommen worden, ich wurde Augenzeuge solcher
Kontrollen.
Ich habe nie erfahren, was er mit den Kadavern gemacht hat.
Ich kann mir nicht vorstellen, daß er sie gegessen oder sonst in irgend
einer Weise wirklich verwertet hat, dazu wäre selbst er bei den meisten
seiner Fundstücke nicht fähig gewesen. Er scheute sich ja auch nicht
davor, Vogelleichen, die eigentlich nur noch aus eine paar Federn mit
Fleischbrei bestanden, auf seine Schippe zu nehmen. Als er mich nach einem
halben Jahr "Freundschaft" einmal zu sich und seiner völlig normalen
Familie einlud, zögerlich, bedenklich, nach etlichen Vorwarnungen und
Ermahnungen, konnte ich in seinem Haus von seiner lachhaften Obsession keine
Spur finden. Kein Gestank, keine Schmierstreifen, keine Federn, kein Fell. Es
schien abgemacht, daß Hugos Wochenenden und seine Fahrten mit dem Volvo,
der neben einem gelben Opel offenbar eigens für die Kadaversammelfahrten
unterhalten wurde, tabu waren. Was wollte ich von diesem Menschen mit seinem
Spleen eigentlich? Ich weiß es nicht. Nicht daß wir auf unseren
gemeinsamen Fahrten viel geredet hätten. Wir saßen meistens einfach
nur nebeneinander und hielten nach Tierleichen Ausschau. Schon wie ich ihn
kennenlernte, ist ja bezeichnend. Ich saß in diesem Landgasthof in der
Nähe von Freudenstadt vor einer heißen Zitrone und schob mit
häufigen Blicken auf meine Uhr den Zeiger über das Zifferblatt. Die
heiße Zitrone in diesem speziellen Landgasthof (Zur Krone) war meine Art
der Selbstbestrafung an Tagen, an denen ich Strafe wirklich verdiente, an
anderen Tagen ließ ich es mir nur mental schlecht gehen. Ich wartete in
der Krone auf den Bus nach R., der vor dem Gasthof abfuhr. In R. wohnte eine
Frau, auf die ich eigentlich keine Lust hatte, aber ich fuhr hin, weil sie
meine Frau war und weil wir zusammen wohnten. Ich fühlte mich, wie sich
ein Gestrandeter im Großreich der Landgasthöfe am Strand der
heißen Zitronen eben so fühlt. Da kam dieser Bauer in die Stube, mit
seinem Anorak, seinem rotkarierten Hemd, der Cordhose und den grünen
Gummistiefeln. Aber war es wirklich ein Bauer? Er sprach kurz mit dem Kellner,
und kam dann geradewegs auf mich, den einzigen sitzenden Gast zu. Er fragte
mich: "Sie wollen nach R.?" Ich antwortete: "Ja. Der Bus geht in zehn Minuten."
"Fahren Sie mit mir. Der Bus braucht fast zwei Stunden. Mit mir sind sie viel
schneller da."
Ich wußte nicht, was ich von diesem Angebot halten
sollte. Möglicherweise hatte mich da gerade eben der Tod angesprochen und
ich war drauf und dran, ein Fall für Aktenzeichen XY ungelöst zu
werden. Aber wann wird man in Deutschland schon einmal von einem Wildfremden in
sein Auto eingeladen? Langer Rede kurzer Sinn: Ich ging mit. Wir brauchten
natürlich viel länger als der Bus, aber das war mir von vornherein
klar gewesen, soviel Erfahrung mit Spontanentscheidungen hatte ich schon. Es
rächt sich immer, wenn man den Boden der gewohnheitsmäßigen
Tatsachen verläßt, auch wenn es sich nur darin ausdrückt,
daß eine sensationelle Abkürzung direkt ins Herz des Nichts
führt. Was dachte ich an diesem Tag, bei dieser ersten Fahrt, als Hugo das
erstemal anhielt, um einen Tierkadaver ¤ einen Flachigel, glaube ich
¤ von der Straße aufzulesen? Ich weiß es nicht mehr.
Wahrscheinlich dachte ich gar nicht viel, denn auch zum Denken hatte ich zu
dieser Zeit nicht die geringste Lust. Vielleicht dachte ich auch, Hugo sei ein
Igelliebhaber. Oder ich dachte: Jetzt geht es los. Jetzt setzt er dir gleich
das Messer an die Kehle, und wenn du die Bibel nicht auswendig kannst, dann
schlitzt er dich auf. Oder so ähnlich. Ich weiß nicht mehr, was ich
dachte. Was ich bei dem überfahrenen Rehkitz dachte, das er danach aus dem
Straßengraben fischte, weiß ich hingegen noch sehr gut. Ich dachte:
Ha ha. Ich schwöre: das war mein erster Gedanke, ha ha. Vielleicht hatte
meine seit Monaten kultivierte Denkfaulheit ein Loch in meine Frontallappen
gebrannt, so daß es im Hirnkasterl nicht mehr so flutschte, aber selbst
das war mir egal. Natürlich kamen danach all die anderen Gedanken und
Gefühle, wie "Igitt" und "Der ist ja pervers" und "Vorsicht!
Leichengift!", usw. Wenn man sich dabei ertappt, wie man jemandem dabei hilft,
ein Rehkitz, das schon ein bißchen länger Aas ist, auf die
Rückbank seines Autos zu verfrachten, dann sind solche Ideen und
Gefühle nur natürlich. In der angetrockneten schwarzen Nase des
Rehkitzes gingen Ameisen spazieren. Ich wischte die Hände an meiner Jacke
ab, bevor ich wieder einstieg. Natürlich machte ich mir auch Gedanken, ob
ich überhaupt wieder einsteigen sollte, aber es dämmerte bereits, und
ich wollte die Nacht nicht gern im Wald verbringen. Seltsamerweise fühlte
ich mich meinem Chauffeur durch die Rehkitzgeschichte nicht völlig
entfremdet, ganz im Gegenteil, ich machte mir jetzt noch mehr Gedanken
darüber, was der gute Mann eigentlich beruflich trieb. Forstangestellter?
Tierpräparator? Rohstoffsammler für abstruse asiatische
Potenzrezepte? Fachkoch für Wildgerichte in einem Nobelhotel mit Sinn
fürs Sparen? Diese Frage interessierte mich so stark, daß ich sie
sogar verbalisierte, was mir zu dieser Zeit nicht mit vielen Fragen unterkam,
die mir auf der Seele lagen.
"Was machen Sie eigentlich beruflich?"
fragte ich, so unverfänglich wie ein V-Mann kurz vor der Enttarnung. "Ich
bin Bankangestellter", sagte Hugo leutselig, "und Sie?" "Sprengmeister",
antwortete ich. Ich sagte ihm nicht, daß ich seit drei Jahren arbeitslos
war. Gelernt ist gelernt, arbeitslos hin oder her. Er lachte. "Sie sind
Sprengmeister?" "Ja." "Und was sprengen Sie so alles?" "Was so anfällt.
Gebäude, Felsen, alles. Warum?" Er lachte laut und herzlich, und am Ende
ging das Lachen in ein Kichern über, das noch lange nicht enden wollte.
Ich fragte ihn nicht, was daran so komisch war. Ich hatte keine Lust, weder auf
die Frage noch auf die wahrscheinlich kreuzdumme Antwort. Das Rehkitz auf dem
Rücksitz stank erbärmlich. Bankangestellter also. Das erklärte
natürlich alles. Er brauchte die vielen toten Tiere, um sie ausstopfen zu
lassen und damit eine dieser sterilen, mit Panzerglas und Finanzelektronik
verbauten Schalterhallen in ein Naturkundemuseum zu verwandeln, damit niemand
merkte, worum es dort eigentlich ging. Tier am Bau, wenn man so wollte. Ich
hatte keine Ahnung. Wahrscheinlich, dachte ich, hat er eine psychische
Störung, die sich ausschließlich auf Tierkadaver bezieht und sonst
nicht auffällt. Am ersten Abend kam ich, wie gesagt, viel zu spät
nach Hause, und meine Frau war allein ins Kino gegangen. In der Platte unseres
Küchentischs steckte ein Messer, als habe es jemand mit großer Kraft
hineingerammt. Daneben lag der aktuelle Stellenmarkt unserer Heimatzeitung.
Aha, dachte ich. Schlecht gelaunt. Ich mußte an Hugo und seinen
Buckelvolvo denken. In unserer Küche, vor diesem Messer, das ich an seinem
Griff antippte, um es ein bißchen federn zu lassen. Irgendwie machte
Hugos Freizeitgestaltung mit einem Mal mehr Sinn. Er war grotesk, sein Auto war
grotesk und die toten Tiere waren es erst recht, aber wahrscheinlich hatte er
nicht mit Küchenmessern in der Tischplatte zu kämpfen. Ich hoffte,
meine Frau würde nicht trinken. Wenn sie trank, wurde es schlimm, und ich
würde lange zu büßen haben für eine einstündige
Verspätung. Sie trank doch, und am nächsten Sonntag saß ich
wieder in jenem bestimmten Landgasthof in der Nähe von Freudenstadt vor
einer heißen Zitrone. Scheinbar war ich nur ein harmloser Wirtshausgast,
der Zeit und Geld für ekelhafte Getränke übrig hatte. In
Wirklichkeit wartete ich auf Hugo. Er kam dann auch recht pünktlich,
wiederum zehn Minuten bevor der Bus nach R. zurückfuhr, von wo aus ich am
Morgen aufgebrochen war, um mir in einer reinen, sonntäglichen
Zirkelbewegung meine eigene Entschlußlosigkeit und Nichtsnutzigkeit
plastisch vor Augen zu führen. Hugo war offensichtlich sehr erfreut, mich
zu sehen. Er trat an meinen Tisch und sagte freudestrahlend: "Da sind Sie ja.
Wie schön, Sie wiederzusehen!" Ich antwortete nur "Hallo", so flach und
emotionslos wie möglich, gerade so, wie es meiner Stimmung entsprach, aber
die gute Laune Hugos steckte mich doch an. Ich fuhr ein zweites Mal mit, die
ganze Strecke fürchtend, er könne irgendwo ein Wildschwein aufgabeln.
Ich habe Angst vor Wildschweinen. Ein totes Wildschwein hätte mir den Rest
gegeben. Aber bei dieser zweiten Fahrt tauchte glücklicherweise keines
auf. Nur einige Igel, viele Kröten und ein Hase, dessen Kopf plattgefahren
worden war und der deswegen aussah, als habe jemand einen eigenartigen
Tischtennisschläger an einem Hasenkörper befestigt. So nahm das
Schicksal also seinen Lauf. Nach der zweiten Fahrt war wortlos zwischen uns
abgemacht: Wir würden uns sonntags in jenem bestimmten Landgasthof
treffen, um gemeinsam auf stille Jagd zu gehen. Es passierte viel in den zwei
Jahren, in denen wir jeden Sonntag unterwegs waren. Wir wurden manchmal von der
Polizei angehalten. Meine Frau trennte sich von mir und konnte danach
schlagartig mit dem Trinken aufhören. Hugos Frau hingegen wurde immer
dicker, weil sie nicht mehr mit dem Essen aufhören konnte, und ihr
Therapeut sagte, das komme von unseren gemeinsamen Fahrten. Jedenfalls
berichtete mir das Hugo, und ich fragte nie nach, was der Therapeut wohl damit
gemeint haben könnte, und wollte auch nicht wissen, ob die
Eßanfälle von Hugos Frau wohl mit den von uns gesammelten toten
Tieren zu tun haben könnten. Ich wollte überhaupt nicht viel wissen.
Einfach von einem Führerscheinbesitzer in der Gegend herumkutschiert
werden, meine nichtsnutzigen Gedanken schweifen lassen und ab und zu ein totes
Tier vom Asphalt abkratzen: Das war eine Zeitlang mein Lieblingsersatz für
ein sinnvolles Leben. Ich entwickelte mich zu einem Spezialisten für
Straßenaas. Gewissen Kurven sah ich, noch bevor wir hineinfuhren, die
fette Beute an, die sie an ihrem Ende bringen würden. Manche
Streckenabschnitte, manche Straßenrandbefestigungen sprachen zu mir in
einem bestimmten, dem Somnambulismus nahen Tonfall, und wenn ich ihre Stimme
vernahm, spürte ich, daß wir Glück haben würden. Es war,
als wüßte ich, wo die Tiere hergelaufen waren, um unter die
Räder zu kommen. Hugo war von dieser Art Unterstützung begeistert.
"Sie haben ja Ahnungen, Mann!" Es blieb bis zum Ende beim "Sie", und heute bin
ich froh darüber. Immer, wenn die Polizei uns anhielt, wußte ich
eine Ausrede, entweder für den leeren, mit Blutspuren übersäten
Kofferraum oder für die toten Tiere, die wir geladen hatten. Auch das war
eine Begabung, die Hugo schätzte. Ich lernte sogar, Wildschweine auf der
Rückbank zu ertragen. Natürlich war es hart, als meine Frau mich
verließ. Sie zeigte mir zum Abschied einen Vogel, und ich war vollkommen
machtlos gegen ihre Wut. Sie kam auch nie wieder, und ich hörte nur
über entfernte Bekannte, daß sie einen neuen Mann gefunden hatte,
der von Beruf Architekt war. Schließlich fand ich mich damit ab,
daß ich allein war. Es gab ja immerhin noch Hugo und meinen Fernseher.
Auf seine verquere Weise schützte mich Hugo davor, mit den Konsequenzen
meiner Lust- und Orientierungslosigkeit allzu hart konfrontiert zu werden, und
man kann sagen was man will, ich bin ihm heute dankbar dafür. Früher
oder später hätte meine Frau mich verlassen, mit oder ohne Hugo,
früher oder später wäre seine Frau auf den Freßwahn
verfallen, mit oder ohne mich, die Keime des Niedergangs waren in beiden Ehen
immer schon angelegt und warteten nur auf den nötigen Katalysator, um aus
der Humusschicht des Unbewußten hervorzubrechen. Wenn man mich jetzt
fragen würde, wann ich dennoch bemerkte, daß Hugo einfach kein
Umgang für mich war, daß diese nekrophile Tiersammelei eine
bestürzend verrückte Angelegenheit war, auf die sich ein gesunder
Mensch nie eingelassen hätte, dann kann ich nur sagen: nicht vor unserer
letzten Fahrt. Es war an diesem Sonntagabend im Juli, als wir wieder einmal auf
Tour waren und schon ein wenig Beute gemacht hatten, erstaunlicherweise drei
tote Hasen, ein Hasentriplett in verschiedenen Stadien der Zermatschung und
Verwesung, das Hugo in seiner Verschrobenheit einen "Dreier" nannte, wie er ihn
"schon lange nicht mehr gehabt hatte". Ich war eigentlich gut gelaunt. Ich
dachte an nichts und fühlte nichts, ich hielt gelassen nach toten Tieren
und Streifenwagen Ausschau, der Wind kam durch das geöffnete Wagenfenster
herein und umfächelte sanft-fönig mein Gesicht, und das Leben war
irgendwie schön. Da hielt Hugo plötzlich an, stieg aus und stapfte
geradewegs in die abendliche Sommerwiese hinaus, die wie ein grünes Meer
von der Landstraße durchschnitten wurde. Er suchte, er schnüffelte,
er wendete seinen Kopf hin und her, lief ein paar Schritte, bückte sich
und richtete sich mit einem Gegenstand in der Hand wieder auf, den ich nicht
gleich erkennen konnte. Erst als er näherkam, sah ich, daß er einen
toten Raubvogel vor sich hertrug. Er trug die Tierleiche an einer Schwinge, der
Vogel hing wie aufgefächert von seinem ausgestreckten Arm herunter. Als er
ganz nahe herangekommen war (ich war inzwischen auch ausgestiegen), sah ich,
daß die Brust des Raubvogels zerfetzt war, offenbar hatte ein
Schrotschuß ihn vom Himmel geholt. Ich sah Hugo an. Hugo lächelte
ein Lächeln, das ich beim besten Willen nicht mehr als geistig gesund
bezeichnen konnte. Er sagte: "Das ist ein Adler." Er schwieg ein bißchen,
vielleicht um mir Gelegenheit zu geben, in seine Begeisterung miteinzustimmen.
Nun bin ich kein Ornithologe, und ich habe noch nicht viele Raubvögel in
meinem Leben gesehen, aber ich wußte trotzdem mit an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit, daß das kein Adler war. "Ein Adler und ein
Dreier", sagte Hugo, "das ist wirklich klasse". Dann ging er und warf den
Kadaver in seinen schmutzigen Kofferraum, in dem die drei Matschhasen schon auf
Gesellschaft warteten. Es mag das Licht gewesen sein, Hugos Gerede, sein irres
Lächeln oder eine Kombination aus all diesen Faktoren, wie gesagt, ich
weiß es nicht genau, aber die Situation sagte mir in
unüberhörbarer Deutlichkeit, daß Hugo komplett, in voller
Konsequenz, ganz und gar unheilbar verrückt war. Balla balla. Weich im
Hirn. Jenseits von Gut und Böse. Ich ließ mir nichts groß
anmerken, stieg in R. aus seinem Auto, klopfte aufs Autodach ¤ ein
Ritual, das in etwa gleichbedeutend mit der Zusage war, uns am nächsten
Sonntag wieder zur gleichen Zeit am gewohnten Ort zu treffen ¤ und ging
in meine Wohnung. Dann setzte ich mich an meinen Küchentisch und weinte
drei Tage. Das klingt unwahrscheinlich, aber es ist die Wahrheit. Ich
mußte danach wegen Bindehautentzündung zum Augenarzt. Ich saß
einfach da, aß manchmal ein bißchen, sah manchmal ein bißchen
fern, ging auf die Toilette und rasierte mich, wenn es nötig war, aber
ansonsten weinte ich pausenlos. Es gibt eigentlich nicht viel dazu zu sagen.
Ich bin kein Mensch, der leicht weint oder der sich überhaupt zu
großen Gefühlsausbrüchen hinreißen läßt. Auch
glaube ich nicht einmal, daß die ganze Heulerei so sehr viel mit
Gefühlen zu tun hatte, es war einfach ein Großreinemachen der oberen
Regionen, und danach war ich von Hugo geheilt. Keine heißen Zitronen
mehr, keine Tierleichen mehr, kein Hugo mehr. Es war schwer zu ertragen.
Schließlich hatte ich innerhalb zweier eigenartiger Jahre eine
suchtähnliche Gewöhnung an Hugo und sein schwachsinniges Hobby
aufgebaut, aber mit Hilfe meines Fernsehers überwand ich den ersten
Schmerz ganz allmählich. Den letzten Durchbruch brachte die Tatsache,
daß ich mir ein neues Auto kaufte. Es war wie sonst oft schon. Um mich
wirklich von einer Beschränkung, einer Depression, einem Seelenschnupfen
zu heilen, mußte ich noch einmal nahe an die Quelle des Übels heran,
wie damals, als Monika mich verlassen hatte und ich nach Monaten wieder auf
eines unserer Fotoalben gestoßen war, das sie nicht gefunden und
vernichtet hatte. Erst diese Fotos aus den schönen Zeiten hatten mir klar
gemacht, wie endgültig unsere Trennung war, und erst das neue Auto brachte
mir die wirkliche Lösung von Hugo. Wenn ich jetzt mit meinem grünen
Buckelvolvo über die ländlichen Straßen der Umgebung brause,
ist es fast wie früher. Ich überblicke den Asphalt mit jener lockeren
Gelassenheit, die früher weitaus mehr Beute erwirtschaftet hatte als
angestrengtes oder gar systematisches Absuchen des Blickfeldes nach bestimmten
Merkmalen, Formen oder Farben. Ich bin ein lässiger und kompetenter
Autofahrer geworden, der sich und anderen Freude macht. Ich bin fast in der
gleichen Weise unterwegs, in der ich zu der Zeit unterwegs war, als ich mit
Hugo ein gut funktionierendes, wenn auch völlig sinnloses Team bildete;
das superprofessionelle Tierkadavereinsammelteam. Natürlich gibt es zwei
wichtige Unterschiede zu früher. Ich gerate zwar manchmal in Versuchung,
aber die toten Tiere, die ich auf der Straße oder am Straßenrand
erspähe, lade ich nie ein. Sicher, anfangs gab es ein oder zwei
Rückfälle, und ich schämte mich sehr, aber nachdem ich diese
Erlebnisse mit meinem Therapeuten durchgesprochen hatte, konnte ich meine
Schuldgefühle überwinden. Seither ist nie wieder etwas Vergleichbares
vorgefallen. Und zweitens, und das ist der wichtigere Unterschied: Jetzt sitze
ich am Steuer. Und nicht Hugo.
Marcus Hammerschmitt, geb. 1967 in Saarbrücken.
Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft in Tübingen, seit 1994
freier Schriftsteller. Zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt "Der Opal"
(Roman, Argument, Hamburg 2000). Träger des Thaddäus Troll-Preises
1997, des Essaypreises der Büchergilde Gutenberg 1998 und des
Würth-Literaturpreises 1999