|

Dorfgeschichte
Manfred Chobot

|
Einer ist irgendwo zu schnell gefahren, wurde vom Radar erwischt. Die
Anzeige kam ins Haus - nach mehr als zwei Monaten: Fahrererhebung. Erhob
sich der Fahrzeughalter zu einer Stellungnahme, daß er sich nicht
mehr erinnern könne, ob er sich damals dort befunden habe. Die
Bürokratie folgte ihren Pfaden und teilte in einem Schreiben mit,
jener sei um 160 Stundenkilometer zu schnell gefahren. Dagegen wurde
anwaltlicher Einspruch erhoben. Demnach müßte der Fahrer
bei gesetzlich zulässigen 130 Stundenkilometern auf Autobahnen
290 Kilometer in der Stunde gefahren sein.
Indem die gesetzliche Frist von sechs Monaten inzwischen verstrichen,
der Fall demnach "verjährt", vielmehr verhalbjährt war, mußte
das Verfahren eingestellt werden. Von Geschwindigkeitsüberschreitung
keine Anklage mehr. Der Akt verlief sich im juristischen Sand, für
den verdächtigten Schnellfahrer zum Nulltarif.
Am Dorfeingang eine Radarkamera. Sobald ein Lenker registrierte, daß
er ertappt wurde, nahm er einen Umweg durch den Ortskern in Kauf, denn
Fahrzeug und Kennzeichen waren nicht gespeichert. Von der nächsten
Aufnahme wurde sein Bild gelöscht. Die Mitteilung über Funk,
der kommende Wagen habe die Geschwindigkeit überschritten, betraf
ihn nicht. Zur Kasse wurde ein Unschuldiger gebeten.
Manfred Chobot, geb. 1947 in Wien, lebt als
freier Schriftsteller. Vorstandsmitglied der "Grazer Autorenversammlung" und
der "IG-Autoren", Obmann des Literaturkreises "Podium". Herausgeber der
Buchreihe "Lyrik aus Österreich"; veröffentlichte ca. 50
Hörspiele und Features; zahlreiche Bücher, zuletzt "Maui fängt
die Sonne - Mythen aus Hawaii", 2001.