Podium 117 - Straßen

Foto: apa/Großruck

Dorfgeschichte

Manfred Chobot

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Einer ist irgendwo zu schnell gefahren, wurde vom Radar erwischt. Die Anzeige kam ins Haus - nach mehr als zwei Monaten: Fahrererhebung. Erhob sich der Fahrzeughalter zu einer Stellungnahme, daß er sich nicht mehr erinnern könne, ob er sich damals dort befunden habe. Die Bürokratie folgte ihren Pfaden und teilte in einem Schreiben mit, jener sei um 160 Stundenkilometer zu schnell gefahren. Dagegen wurde anwaltlicher Einspruch erhoben. Demnach müßte der Fahrer bei gesetzlich zulässigen 130 Stundenkilometern auf Autobahnen 290 Kilometer in der Stunde gefahren sein.

Indem die gesetzliche Frist von sechs Monaten inzwischen verstrichen, der Fall demnach "verjährt", vielmehr verhalbjährt war, mußte das Verfahren eingestellt werden. Von Geschwindigkeitsüberschreitung keine Anklage mehr. Der Akt verlief sich im juristischen Sand, für den verdächtigten Schnellfahrer zum Nulltarif.

Am Dorfeingang eine Radarkamera. Sobald ein Lenker registrierte, daß er ertappt wurde, nahm er einen Umweg durch den Ortskern in Kauf, denn Fahrzeug und Kennzeichen waren nicht gespeichert. Von der nächsten Aufnahme wurde sein Bild gelöscht. Die Mitteilung über Funk, der kommende Wagen habe die Geschwindigkeit überschritten, betraf ihn nicht. Zur Kasse wurde ein Unschuldiger gebeten.


Manfred Chobot, geb. 1947 in Wien, lebt als freier Schriftsteller. Vorstandsmitglied der "Grazer Autorenversammlung" und der "IG-Autoren", Obmann des Literaturkreises "Podium". Herausgeber der Buchreihe "Lyrik aus Österreich"; veröffentlichte ca. 50 Hörspiele und Features; zahlreiche Bücher, zuletzt "Maui fängt die Sonne - Mythen aus Hawaii", 2001.

Auswahl: M. Hammerschmitt: Hugo sitzt am Steuer - M. Schulte: Rückspiegel -
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