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Namen
Vladimir Vertlib
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Ein dichter Nadelwald. Sumpfiger Grund. Im Frühjahr und
Herbst versinken die Wagen auf der ungeteerten Strasse im Schlamm. Auf dem
einzigen Hügel weit und breit die Ruine des Herrenhauses, ein beliebter
Spielplatz für Kinder. Hinter einer scharfen Biegung erscheint
plötzlich das Dorf am Fluß. Felder. Brachland. Holzhäuser, die
sich um die Kirche, den kleinen Hafen und die Bahnstation gruppieren. Etwas
abseits die Synagoge und gleich dahinter unser Haus mit dem Schuppen, wo das
Eis im Sommer gelagert wird, den Gemüsebeeten und den beiden
Apfelbäumen im Garten. Seit den großen Umbrüchen hat sich hier
wenig geändert. Sogar Kirche und Synagoge stehen den Gläubigen noch
zur Verfügung. Im dreißig Kilometer entfernten Nachbarort ist in der
Synagoge nun ein Schweinestall und in der Kirche ein Club für Atheismus -
geleitet vom Juden Raikin. Sie haben schon Humor, diese Kommunisten. Und sie
haben Wort gehalten, zumindest was die Elektrifizierung des Landes betrifft.
Entlang der Bahnlinie, am Fluß, haben sie Masten aufgestellt,
glänzende Drähte gezogen. In jedem Haus hängt jetzt ein
Glühbirnchen von der Decke. Fünf Laternen beleuchten die
Hauptstraße, so daß man an mondlosen Nächten nicht mehr im
Schlamm ausrutscht oder in Pfützen steigt. Bald wird nichts mehr so sein
wie früher. Große Zeiten stehen uns bevor.
Nur daß in
unserem Dorf viele Bauern die Lichtschalter nicht anrühren, denn was in
der Nacht ohne Feuer leuchtet, kommt vom Teufel, sagen sie, und die Vorsitzende
der örtlichen kommunistischen Jugendorganisation "Komsomol" weigert sich,
am Samstag zu den Versammlungen zu kommen, weil Schabbat ist.
Ich kann
darüber nur lachen. Ich bin klug und gebildet, gehe schon in die neunte
Klasse der Rosa-Luxemburg-Mittelschule, nicht irgendwo, sondern in Mogiljow, wo
man in der großen Halle der Hauptpost telephonieren kann, wo es eine
Forstwirtschaftliche Hochschule gibt und wo bald sogar Straßenbahnen
fahren werden.
Mein Vater ist Sekretär des Dorfsowjets, obwohl ihn
seine Arbeit in der Regionalen Forstkooperative genügend in Anspruch
nimmt. Deshalb hilft ihm mein Bruder, den nötigen Papierkram zu erledigen.
In den Sommerferien, wenn ich von Mogiljow nach Hause komme, löse ich ihn
ab.
Die Arbeit ist anstrengend, aber nicht schwer. Zur Zeit wird ein
Allunionsdekret umgesetzt. Jedem Staatsbürger des Landes muß ein
Personalausweis ausgestellt werden. Aus den umliegenden kleineren Dörfern
und Weilern kommen die Leute in unser Gemeindeamt, wo ich hinter einem
Schreibtisch sitze und mit schwarzer Tinte ein Formular nach dem anderen
ausfülle, bis mir die Finger schmerzen.
Leschtschenko, Sachar
Kirilowitsch, wohnhaft im Weiler Bolotkino, verheiratet, Landarbeiter, geboren
am
Der junge Bauer kratzt sich am Kinn.
"Zwanzig Jahre werden es
wohl schon sein, daß mich meine Mutter geboren hat", sagt er,
überlegt noch einen Augenblick. "Vielleicht auch einundzwanzig."
Ich
schüttle den Kopf.
"Haben Sie eine Geburtsurkunde?" frage ich. Er
denkt nach.
"Ich hatte eine, glaube ich. Aber die ist sicher verbrannt mit
dem alten Haus. Als ich auf die Welt gekommen bin, hat sich jedenfalls
Antoschka, der alte Schmied, das Genick gebrochen. Das weiß ich von
meiner Mutter, Gott hab sie selig."
"Ich habe nie von einem Antoschka
gehört."
"Hm." Seine Augenbrauen ziehen sich zusammen, die Stirn
furcht sich zu einem Dreizack.
"Es hat damals diesen furchtbaren Hagel
gegeben, der die Tiere erschlagen hat, sogar Pferde."
Vom großen
Hagel haben mir schon andere erzählt. Das Geburtsjahr 1905 steht demnach
fest.
"Kennen Sie den Tag Ihrer Geburt?" frage ich.
"Was weiß
ich. Mein Gott, Mädchen, es gibt Wichtigeres im Leben."
Zum
wiederholten Male weise ich auf den Stuhl. Aber er bleibt stehen, umklammert
mit beiden Händen die Lehne.
"Es war im Frühjahr", sagt er. "Ein
paar Wochen nach der Schneeschmelze."
Nach einigem Zögern trage ich
den 5. Mai in die vorgesehene Rubrik ein. 5. 5. 1905 - das ist ein schönes
Geburtsdatum. Für Juden ist die Fünf eine magische Zahl. Obwohl der
Bauer kein Jude ist, soll er, wenn es nach mir geht, Glück haben im Leben.
Er hat ein sympathisches Gesicht mit Grübchen in den Wangen und
kräftige Arme. Wenn ich ihn anschaue, überkommt mich ein
eigentümliches Gefühl, angenehm und beängstigend zugleich, so
daß ich schnell den Blick senke.
Ein anderer Bauer legt mir eine
Geburtsurkunde mit Doppeladler und ausgebleichtem Stempel vor. "Wie unser
Erlöser", sagt er stolz und zeigt mit dem Finger auf das Datum. Es ist der
24. Dezember 1887. Schnell rechne ich nach und schreibe: "6. Jänner
1888".
Er blickt mir über die Schulter.
"Aber Mädchen!"
Ich zucke zusammen. Ein häßlicher Farbklecks breitet sich über
das Blatt, verwandelt sich zuerst in einen Käfer, dann in eine Spinne. Ich
taste nach dem Stofftuch in der Tasche meines Kleides.
"Der neue Kalender",
murmele ich. "Der Gregorianische. Nach der Reform von 1918. Wir müssen die
Geburtsdaten nach dem Kalender neuen Stils eintragen."
"Ich möchte
aber meinen richtigen Geburtstag behalten!" bleibt der Bauer stur.
"Die
Sowjetmacht hat dekretiert, daß
" Ich springe auf und schreie. Mit
einer heftigen Bewegung hat der Bauer das Tintenfaß vom Tisch gefegt. Die
Tinte spritzt mir auf Schuhe und Strümpfe.
"Zum Teufel mit deiner
Sowjetmacht, du Judengör!" brüllt der Mann und fuchtelt mit der Faust
vor meinem Gesicht. "Zuerst requiriert sie mein Getreide, bis es meinen Kindern
die Bäuche aufbläht, weil sie nichts zu fressen haben. Und dann nimmt
sie mir nicht nur den Tag, sondern auch das Jahr. Gib mir mein Geburtsjahr
zurück! Gib es mir zurück!"
Ich verstehe, daß wir von den
grossen Zeiten noch weit entfernt sind. Der Bauer erhält, wonach er
verlangt.
An den Abenden kommen mein Vater und der Vorsitzende des
Dorfsowjets, um die Pässe zu unterschreiben. Links unten, auf dem Blatt
mit den Personalien, setzt Vater, der Sekretär, seine Unterschrift, rechts
der Vorsitzende, Iwan Murtschenko, genannt der Rote Wanjka. Im Weltkrieg
hochdekoriert, im Bürgerkrieg Kommandant einer Roten Eliteeinheit, ist er
für mich aufgrund seiner Aufrichtigkeit und Unbestechlichkeit der einzige
wahre Kommunist unter den Bolschewiken. Doch an der Papierfront strauchelt er
schnell. Angesichts der bereitliegenden Pässe hat er
Schweißausbrüche. Er krempelt die Ärmel hoch und seufzt: "Ach!
So viel Arbeit!" Wenn er schreibt, streckt er die Zunge aus, mit der er jeden
mühsam gesetzten Strich auf seinem Oberlippenbart nachzuzeichnen scheint.
Ein schiefes W, ein buckliges M. Am nächsten Tag werden die solcherart
amtlich beglaubigten Dokumente ihren Inhabern ausgehändigt.
Eines
Tages betritt eine junge Frau, sie ist vielleicht drei, vier Jahre älter
als ich, die Amtsstube. Nichts in ihren Bewegungen verrät jene Mischung
aus Mißtrauen, unterdrückter Angst und Ehrfurcht, die ich sonst
meist erleben muß. Sie legt das Photo, das sie wohl wie alle anderen beim
alten Isaak in seinem kleinen Atelier neben dem Bahnhof machen ließ, auf
den Tisch und setzt sich unaufgefordert auf den Stuhl. Ihr Gesicht mit dem
schmalen Mund und dem breiten Kinn kommt mir bekannt vor, aber ich denke
vorerst nicht weiter darüber nach, breite mit einer über Wochen
erworbenen Routine ein Formular auf dem Tisch aus, streiche über die
leicht gerippte Oberfläche des breitkörnigen Papiers.
"Name?"
"Rabinowitsch. Riwka Mowschewna."
Die Stahlfeder kratzt leise und
gleichmäßig. Meine Os sind rund wie Mühlsteine, die As wie
flinke Äffchen mit langen Schwänzen. Und plötzlich fällt
mir ein, woher ich das Gesicht der Frau kenne. Aus der Mühle
stromabwärts, dort wo der Bach in den Fluß mündet. Die
Mühle gehört der Kooperative und beschäftigt drei oder vier
Arbeiter. Der ehemalige Besitzer, Mowsche Rabinowitsch, wurde nach der
Übernahme als provisorischer Leiter bestellt. Vor einem Jahr ist er
gestorben und durch einen anderen Verwalter ersetzt worden. Doch das
Mädchen, das mir gegenübersitzt, ist nicht seine Tochter. Sie
heißt Jewdokija und ist Ukrainerin. Vor zwanzig Jahren ist ihr Vater als
Arbeiter am Bahnbau in unsere Region gekommen und hier geblieben. Jewdokija ist
mir aufgefallen, weil sie kräftig ist wie ein Mann und die Getreide- und
Mehlsäcke mit einer so verbissenen Miene schleppt, als führte sie
einen ganz persönlichen Krieg gegen sich selbst und die Welt.
Ich lege
die Feder weg.
"Karaschtschuk", sage ich. "Jewdokija, eh
, Isajewna,
wenn ich mich nicht irre."
Ich schaue sie an und sie mich.
"Hast du
nicht gehört? Schreib, was ich dir gesagt habe!"
Keine von uns senkt
die Augen.
"Geburtsurkunde", flüstere ich. Mund und Gaumen fühlen
sich plötzlich so trocken an.
"Hab' ich nicht", sagt sie. "Verloren,
verbrannt, gestohlen
Bin ich die Hüterin der Papiere meiner
Eltern?"
Die letzten Sonnenstrahlen eines spätsommerlichen Tages
fallen durch das offene Fenster der Amtsstube. Die über dem Tisch an einem
ungesicherten Draht hängende Glühbirne schaukelt leicht. Ein ovaler
Schatten tanzt über das Gesicht meines Gegenübers. In der
Dämmerung wirken ihre Augen wie hinter einem Schleier, matt und
unwirklich.
"Sonst irgendwelche Dokumente? Zaristische? Deutsche?
Polnische?"
"Da! Schau her! Das ist mein Dokument!" Sie macht ein
unanständiges Zeichen mit den Fingern und gibt einen jener langen,
komplizierten und phantasievollen russischen Flüche von sich, die mit der
Mutter oder Großmutter des Adressaten beginnen und mit seinen
Kindeskindern enden.
Als hätte man mich mit Exkrementen beworfen.
"Du, hör auf damit!" höre ich mich sagen. Meine Stimme ist heiser und
tief. "Hör auf, sonst hau ich dir eine runter! Hör auf!"
Alles
muß ich mir auch nicht gefallen lassen von diesem Luder, das kaum
älter ist als ich. Ich bin nicht irgendwer. (Trotzdem haben meine letzten
Worte mehr als Bitte, denn als Drohung geklungen.) Ich bin eine Amtsperson. Ich
erfülle eine wichtige Aufgabe. (Sie erschlägt mich, ganz ohne
Zweifel!) In der Schule in Mogiljow bin ich die Beste der Klasse. Sogar der
Direktor hat mich gelobt. (Dieser dumme Bauerntrampel ist stärker als
ich!) Meine Freundinnen schätzen mich. (Sie haßt mich, gleich
schlägt sie zu!)
Sie steht auf, beugt sich zu mir über den Tisch.
Etwas zieht sich mir im Magen zusammen. Meine Hände drehen den Holzstiel
der Feder, schneller, immer schneller. Wenn ich doch nur aufstehen könnte,
um mir aus der anderen Ecke des Zimmers ein Glas Wasser zu holen. Reflexartig
drehe ich den Kopf zur Seite.
"Schlag mich! Versuch es!" Sie hat leise
gesprochen, beinahe geflüstert. Es klingt fröhlich. Ein leichtes
Lächeln huscht über ihr Gesicht. Sie setzt sich wieder, kreuzt die
Arme auf der Brust, schlägt die Beine übereinander.
"Ich bin
nicht lebensmüde", sage ich und lächle nun ebenfalls, kann wieder
durchatmen.
"Was mußt du noch wissen?" fragt sie.
"Geburtsdatum!"
"15. November 1907."
Ich spüre, wie ihr
spöttischer Blick auf mir lastet. Als würden kleine Nadeln in meinen
Körper dringen. Ich springe auf, laufe zur Wand, zum Lichtschalter. Die
60-Watt-Glühbirne verströmt ein sattes, kaltes Licht. Das
Mädchen wendet mir die milchig-bleiche Maske ihres Gesichts zu -
undurchsichtig, undeutbar, wie zuvor, als sie eingetreten war. Mit den
gespreizten Fingern ihrer rechten Hand fährt sie durch ihr zerzaustes,
blondes Haar. Diese Geste hat etwas Beruhigendes.
"Ich mache es so, wie du
willst, die Sowjetmacht ist großzügig", sage ich und frage nun doch:
"Aber wozu der falsche Name? Und ein jüdischer noch dazu. Die Leute wissen
ja ohnehin, wer du wirklich bist."
"Kümmer du dich um deine eigenen
Angelegenheiten", antwortet sie schroff, doch habe ich das Gefühl,
daß sie es mir trotzdem erzählen wird. Sie zögert einen
Augenblick, mustert mich prüfend.
"Es ist nämlich so. Ich
möchte in diesem elenden Kaff nicht bleiben. Meine Eltern sind sowieso
tot, ich habe niemanden. Ich will was erreichen in meinem Leben. Ich geh nach
Minsk oder sogar nach Moskau oder Leningrad."
"Aber wozu
"
"Wozu?
Gerade du solltest es besser wissen. Wer geht denn in der Stadt zur Schule, wo
man all die klugen Dinge lernt, die man braucht, um irgendwann anderen
anzuschaffen, anstatt Mehlsäcke zu schleppen? Du tust es und Chaim und
Rahel, die Tochter des Kesselflickers, nicht Jewdokija. Wie erreicht man am
besten seine Ziele in einem Land, wo die Krummnasigen regieren? Also! Schreib!
Schreib! Und vergiß den Stempel nicht."
Es fällt mir schwer zu
beschreiben, wie ich mich nach diesen Worten fühle. Wie mir das Blut ins
Gesicht schießt, wie ich zittere, wie ich mich hasse, weil ich nichts
erwidern kann. Ich habe Angst. Ich bin verwirrt. Ich bin ein kleines
Mädchen. Ich hasse meinen Vater, der mir diese Arbeit aufgebürdet
hat, der nicht bei mir ist und mich gelehrt hat zu schweigen. Ich hasse die
großen Zeiten, die uns Glück bringen werden und die unser aller
Sehnsucht sind. Ich schaue dem Mädchen nach, wie es festen Schrittes aus
dem Zimmer geht und die Tür hinter sich schließt.
Aus einem in Arbeit befindlichen Roman