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Kino
Britta Mühlbauer
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Ein Cocktailglas voll Kamillentee. Uringelb, der Glasrand
lauwarm beschlagen. Manchmal ereilen mich solche Bilder. Das Eis hat sich
aufgelöst, das Getränk ist verwässert.
Wie jeden Abend seit
zwei Wochen fahre ich ins Kino. Von der Augenklinik direkt ins Apollocenter.
Ich sehe zwei, drei Filme nacheinander. Manchmal ist die
Schärfeeinstellung schlecht. Ich bekomme Kopfschmerzen, und meine Augen
bewegen sich auf Sandpapier. Wenn du so weitermachst, sagt Konstanze, bist du
bald selbst ein Fall für uns. Der Autobus setzt sich in ein Schlagloch,
der geriffelte Aluminiumboden verschwindet unter meinen Füssen, ich
klammere mich an eine Halteschlaufe.
Wo ist Fred?
Im Bus sind viele
Frauen allein unterwegs. Ihre Gesichter Ausrufezeichen; sie sind
verabredet.
Fred verkriecht sich immer öfter in sein Arbeitszimmer,
schläft auf dem Sofa. Es ist spät geworden, sagt er, ich wollte dich
nicht wecken.
In der Fensterscheibe lächle ich. Galgenhumor. So robust
wie ein Walkjanker. Dicht und ein wenig steif. Man hat nicht viel
Bewegungsfreiheit, aber es hält warm.
Ich gehe allein ins Kino. Sigrid
hat Horst, Bea keinen Babysitter, Konstanze und Fritz zu viele Dienste. Sie
sind alle für mich da, aber, das sehe ich ein, jeden Abend können sie
sich nicht freimachen. Früher hatte ich Freunde. Jetzt habe ich Bekannte.
Und Fred. So ist das, wenn man erwachsen wird.
Es ist ein neues
Gefühl, allein durch die Stadt zu fahren: alles ist überdeutlich. Die
Häuser haben scharfe Kanten. Die Ampellichter stechen, rot, gelb aus dem
Frühlingsvorabend, drei Kreuzungen voraus ist grüne Welle.
"Kaffee ist aus", hat Fred gesagt, als ich ihn das letzte Mal sah irgendwo
zwischen Badezimmer und Haustür. Seit einer Woche steht kein gebrauchtes
Geschirr mehr in der Abwasch, und eine Reisetasche fehlt. Dreharbeiten am
Dachstein. Ein Video-Clip.
Irgendwann will Fred einen abendfüllenden
Film machen. Über die Tragödie im Nachbarhaus zum Beispiel, die Frau,
die mit ihren beiden Kindern aus dem Fenster sprang und überlebte.
Die
Kinder tot. Mit dem Mann, einem Psychiater, hat Fred sich angefreundet. Der
Mann, sagt er, hat etwas abstoßend Dominantes. Wenn er anruft, geht Fred
mit ihm auf ein Bier. Der Mann trägt weiße Rollkragenpullis zu
schwarzen Sakkos. Sein Blick ist gegenwärtig wie eine close-up-Aufnahme.
Er bringt Fred auf Ideen.
Der Bus hält vor dem Apollocenter. Er neigt
sich der Gehsteigkante zu und entläßt mich in den Abend.
Unter
dem Kinovordach hängen Halogenlampen, Scheinwerfer rasen senkrecht
über die Vorankündigung des neuen James-Bond-Films hoch. Kleine
Lampen im Gehsteigbogen grenzen den Kinovorplatz gegen den Verkehr der
Gumpendorferstraße ab. Eine Insel aus Licht. Licht ist Bewegung. Kleinste
Masseteilchen, größtmögliche Beschleunigung. Das Kino hat seine
eigene Zeit.
Bodenhaftung heißt einer von Freds Kurzfilmen. Der Titel
ist von mir. Das hat Fred vergessen. Es ist ihm nur unangenehm, Geld von mir zu
nehmen.
Bodenhaftung: das Flappen der Strassenbahntüren, das Klacken
der Stufe in den alten Beiwagengarnituren, ausgemustert nach Sarajevo. Meine
Füße in den schwarzen Lacklederschuhen mit den hohen Absätzen.
Fred sagt, ich hätte schöne Fesseln, immer wieder lobt er meine
Fesseln. Er liebt Details. Das Ganze ist immer nur so gut wie seine Details,
sagt er. Auf den Tramwaystufen hat er meine Fesseln gut in Szene gesetzt. Es
ist Winter, Streugut knirscht unter meinen Sohlen. Meine Füße waren
kalt. Aber, sagt Fred, die Schuhe bringen meine Fesseln zur Geltung, und das
korrespondiere mit dem Subtext des Films.
Die Schlange vor den Kassen ist
erträglich. An Wochenenden steht man bis auf die Straße hinaus. Ich
kenne die Leute, sie sehen immer gleich aus: nicht schön, nicht
häßlich, absolutes Mittelmaß. Ich passe gut dazu. Jemand kauft
Karten für "Stargate". Auch das habe ich schon gesehen. Fred würde es
hassen. Ich lese kein Kinoprogramm und keine Filmkritiken mehr. Das Kinocenter
sorgt dafür, daß ich weiß, was gespielt wird.
Heute morgen
lagen Freds Wohnungsschlüssel auf dem Küchentisch. Es kommt vor,
daß er sich aussperrt. Trotzdem bin ich heute ins Kino gegangen. Aus der
Klinik direkt ins Kino, von der Meßbrille direkt ins Apollocenter, von
der Linsentrübung direkt in die Lichtspiele.
Fred ist wegen einer
Bindehautentzündung in die Klinik gekommen. So haben wir uns
kennengelernt. Er hat so empfindliche Augen. Wenn er lange am Schneidetisch
sitzt, sind seine Augen tagelang gerötet.
Kino elf, siebte Reihe, sage
ich durch die Glasscheibe. Ich mag Primzahlen. Sie haben etwas
Endgültiges.
Ich male mir aus: Fred auf der Treppe vor der
Wohnungstür. Den Kopf gegen die Wand gelehnt, schlafend. Er ist immer so
müde. Ich werde meine Hand auf seine Schulter legen.
Wiedersehensfreude.
Die Karte für die Nachtvorstellung kaufe ich noch
nicht, obwohl mir egal sein kann, was die Kartenverkäuferin hinter ihrer
Glasscheibe denkt.
Wahrscheinlicher ist, daß Fred tobt. Ich werde
mich nicht auf einen Streit einlassen. Wir werden uns versöhnen. Eine
romantische Nacht.
Ich sehe Fargo heute zum sechsten Mal.
Ich habe
versucht, Fred das Gefühl zu beschreiben, das der Film mir
hinterläßt. Ein Gefühl der Freiheit wie die Filme, die ich
früher mit Freunden sah vor den Prüfungen. Alles endet so verfahren,
daß die Protagonisten nur noch das nächstbeste Auto klauen und
wegfahren können, irgendwohin, nur um des Fahrens willen. An einen Strand,
wo sie im Sonnenuntergang Reifenspuren in den Sand setzen. Galgenhumor.
Fred lag auf dem Teppich, die Hände im Nacken verschränkt, ein Bein
über das andere geschlagen.
Eine Entführung, sage ich. Eine wahre
Geschichte. Ich versuche, mich zu konzentrieren und spreche zum Plafond. Ein
Autohändler läßt seine Frau entführen, um an das Geld
seines Schwiegervaters zu kommen.
Fred wechselt das übergeschlagene
Bein.
Alle haben skandinavische Namen, aber sie sagen Jesses, wenn sie sich
wundern. Und überall liegt Schnee. Die Polizistin ist schwanger, und einer
der Ganoven sieht aus wie Thomas Muster.
Sehr witzig, sagt Fred.
Jetzt
könnte ich das Gefühl anders beschreiben. So, daß Fred mich
versteht.
Voll die Hollywood-Scheiße, sagte er.
Ich habe alles
falsch erzählt. Schon an unserem ersten Abend. Natürlich gingen wir
ins Kino. Rasende Kamerafahrten, unscharfe Bilder, Lärm. Filme, wie Fred
sie liebt. Danach saßen wir in einem Café und tranken und
tauschten Lieblingsfilme aus. Fred ließ Fellini gelten, außer "La
strada", und Margarete von Trotta, immerhin.
Ich erzählte ihm von
unserem Filmclub. Dort hatte ich If und Z und Clockwork Orange gesehen. Der
Saal war viel zu groß für unser verstreutes Häufchen gewesen.
Wir sprachen von der Gesellschaft wie von einer kriminellen Vereinigung. Ralph
war Student der Soziologie. Er hatte fettiges Haar, und seine Jacke sah aus,
als würde er darin schlafen. Ich bewunderte seine scharfsinnigen Analysen.
Leider vergaß er ständig meinen Namen.
Fred lachte.
Ich
erzählte ihm von Onkel Robert. Den kurzen Besuchen im Vorführraum.
Gemurmel aus dem Saal, die Lichtpyramide aus dem Projektor, tanzender
Staub.
Dein Onkel hatte ein Kino? Fred war beeindruckt.
Onkel Robert
schickte mich hinunter in den Saal. Frau Kummer leuchtete mir mit ihrer kleinen
Taschenlampe, während die Wochenschaufanfare ertönte. Leute
mußten meinetwegen aufstehen. Mit fünf oder sechs sah ich Das
Superhirn. Die Leute im Saal lachten, ich wußte nicht warum. So lernte
ich, wie Unwissenheit ist.
Er habe David Niven auch nie gemocht, sagte
Fred. Dafür liebte ich ihn.
Fargo. How far can you go? Wie lange
bleibt ein Film interessant. Wie lange kann man immer das gleiche tun, ohne
verrückt zu werden. Wie lange hält die Liebe an?
Eine Theorie von
Fred besagt: je besser etwas ist, desto länger kann man es ertragen.
An Fargo mache ich die Probe aufs Exempel. Ich stelle mich auf die Probe, ich
statuiere ein Exempel, an mir, an Fred, an Fargo.
Der Vorspann: Schnee und
Nebel, die Ahnung einer Fahrbahn, in der Ferne erscheint der Umriß eines
Wagens, verschwindet. Schnitt. Weiß auf Schwarz ein Name. Schnee und
Nebel, der Wagen ein Stück näher. Schnitt. Den ganzen Vorspann lang
immer wieder der Wagen, von vorne, vorüberfahrend, von hinten. Er schleppt
einen anderen ab. Eine Violinmelodie in Zeitlupe. Sie zieht sich durch den Film
wie der Schnee.
Die Dialoge sind kurz und banal. Die Schauspieler sagen sie
her wie auswendig gelernt. Man muß darüber lachen, und manchmal
erschrickt man.
Gegen Ende des Films hält die schwangere Polizistin
dem Kidnapper, der gerade seinen Komplizen durch einen Häcksler gejagt
hat, eine Moralpredigt: Geld ist nicht alles. Haben Sie das nicht gewußt?
sagt sie. Und heute ist doch ein so schöner Tag.
Ich gehe vorbei am
Buffet. Ernsthaft schaufeln Taiwanesen Popcorn ein und füllen Cola ab. Am
Nachmittag, bevor der große Ansturm kommt, werden die Popcornsäcke
gezählt. Sie werden mit Gummibändern zu Siebenergruppen
gebündelt. Ich habe nicht nachgefragt warum. Ich vertraue darauf,
daß die Primzahl hier Sinn macht.
Die schwarze Marmortreppe neben dem
Buffet führt zu den Toiletten; wenn man Glück hat. Das Haus wurde
ausgehöhlt, das Kinocenter nachträglich eingebaut. Die Gänge,
Winkel, Kinosäle ergeben ein künstliches Höhlensystem, das umso
dunkler wird, je weiter man hineingeht. Das blauviolette Licht der Wegweiser:
Kino 8, 9, 10, 11, 12, Bar.
Diesen Weg kenne ich gut. Immer geradeaus zur
Apollo-Bar. Ich setze mich an die Theke aus Kirschholz. Die Barhocker sind
zebragestreift.
Direkt über mir endet die Zwischendecke. Apricotfarben
mit weißen Stuckapplikationen. Eine Kulisse. Dahinter Luftschächte,
Abluftrohre, Wasserleitungen, Stahltraversen, dunkelblau gesprayt. Himmel
über der Apollo-Bar. Getränke-Reklamen als Sterne.
Ich bestelle
ein Cola und einen Bacardi. Einen doppelten. Ich mag keinen Bacardi. Es ist nur
wegen der Kinoreklame. Die mit dem Schmetterling. Strand, Palmen,
türkisgrünes Wasser. Aus Treibholz und Palmwedeln und roten
Tüchern einen Schmetterling bauen. Völlig nutzlos, aus reinem
Übermut.
Neben dem Eingang der Bar steht ein arabischer Scheich, eine
Puppe, die hin und wieder zu sprechen beginnt. Ich setze mich gerne in seine
Nähe und versuche, mir das arabische Sprüchlein zu merken, wenn es
denn arabisch ist. Das Kino ist eine Illusionsfabrik, sagt Fred, als ob ich das
nicht wüßte. Ich mag den Scheich, weil er sich mit seinem
Sprüchlein immer wieder zum Narren macht. Jeder der sich zum Narren macht,
hat meine Sympathie. Die Leute erschrecken, wenn der Scheich zu sprechen
beginnt.
Ungefragt vor allen laut sprechen, das tun nur Kinder und
Verrückte.
Der Scheich wird elektrisch gesteuert. Ein Stromkreis
schließt sich, ein Tonband wird abgespielt, der Scheich rollt die Augen
und wackelt mit dem Kopf. Er kann nicht anders.
Schlafende Venus. Ein
nackter Frauenkörper, nicht der meine, angezoomt bis in die Poren auf dem
Handrücken, bis an die Wurzeln der Haare auf dem Venushügel. Ein paar
schwarze Locken. Alexandra. Sie hat breite Hüften und große
Brüste.
Ausbeutung des weiblichen Körpers, sagte ich vor
versammeltem Publikum, nicht besser als ein Pornofilm. Alexandra grinste
gorgonisch. Vulgärfeminismus, sagte sie.
Freds Freunden gefällt
die Symbolik seiner Filme. Die Bedeutungsebenen erschließen sich erst
nach und nach, sagen sie. Durch Freds Filme müsse man sich
hindurcharbeiten.
Fred verliert kein Wort über meine Wut. Er hat
nichts zu verlieren. Außer sein Vertrauen in mich. Ich bin illoyal
gewesen. Er kann mir nicht mehr vertrauen.
In der Bar geht der U-Boot-Alarm
los. Rotes Licht über den Tischen, eine Stimme schnarrt: red alert. Ein
bißchen Rauch irgendwoher. Dann ist der Spuk vorbei. Die Musik setzt
wieder ein.
Jemand hat seine Kaffeetasse neben meinen Ellbogen gestellt. Es
ist Tom. Er weiß, wo Fred ist. Er erschrickt, als ich ihn anspreche: Wie
war's am Dachstein?
Hä?
Der Video-Clip.
Ach so. War
nichts.
Wieso?
Pff. Tom breitet die Arme aus. Wo zum Teufel ist
Fred?
Was macht der Film?
Was? Ach so. - Was ist das Gegenteil von low
budget?
Keine Ahnung.
No budget.
Immer diese Spielchen. Wo ist
Fred? Tom schaut mich komisch an. Tom überlegt. Wo ist das Problem?
Fred sagt - ihr habt euch getrennt.
Ihr euch.
Tom schaut mich besorgt
an.
Wohnt er bei dir?
Tom guckt in seine Tasse. Muß er erst aus
dem Kaffeesatz lesen?
Bei Alexandra.
Fred und Alexandra, das hat etwas
Gewaltsames. Fred und ich waren vorsichtig.
Willst du sie haben?
Tom
schaut verdutzt auf die Kinokarte. Irgendwo wurden die Überbringer
schlechter Nachrichten geköpft.
Ich schenke sie dir. Es ist ein guter
Film.