Podium 113/114 - Rußland

Kola Halbinsel

Das Geheimnis

Swetlana Mossowa

Es gab kein Zeichen von oben, keinen Wink! Im Gegenteil, alles war genau wie immer …

Sie gingen von der Arbeit nach Hause. Im Milchgeschäft kaufte er zwei Päckchen Butter und ein Glas Sauerrahm. Bei den Konditoreiwaren bat sie, ihr etwas Kaffee in eine Papiertüte abzufüllen. Es war schon spät, die Geschäfte schlossen bald, und sie mußten noch Brot kaufen.

Sie kamen zur Straße; er machte, ohne stehenzubleiben, einen Schritt auf die Fahrbahn und rief ihr zu:

"Rennen wir?"

Von unten rasten die Autos heran.

"Ja, los!" antwortete sie.

Er war schon auf dem Gehsteig, als er plötzlich eine seltsame Leere hinter sich spürte. Er drehte sich um; die Scheinwerfer des herannahenden Wagens rissen ihr Gesicht aus der Dunkelheit. Sie konnte nur noch rufen:

"Serjoscha!"

Anfangs begriff er überhaupt nichts. In seinem Kopf war nur der dumpfe Gedanke: wohin mit der Butter und dem Sauerrahm? Sie waren ihm im Weg. Und gleichzeitig: warum denke ich darüber nach?! In der Luft hing noch ihr nicht verstummender Schrei: Serjoscha!

Später glaubte er, er hätte einen Vorwurf in ihrem Schrei vernommen. Vielleicht war es aber auch kein Vorwurf, sondern einfach Entsetzen?

Und überhaupt war alles anders gewesen.

"Rennen wir?" rief er.

"Ja, los!" antwortete sie.

Und sie ließ seine Hand los. Ja sie. Sie selbst. Übrigens … Nein. Das war alles ganz anders.

"Rennen wir?" rief er.

"Ja, los!" antwortete sie.

"Du verlierst noch den Verstand", sagten seine Freunde zu ihm. Aber sie wußten ja das Wichtigste nicht …

"Du verlierst noch den Verstand", sagte seine Mutter zu ihm, aber auch sie wußte das Wichtigste nicht …

Das war sein Geheimnis. Und es war ihr Geheimnis. Seine Kräfte übersteigend. Völlig unbegreiflich. Doch er suchte hartnäckig und verbissen nach dem Schlüssel. Er suchte danach - und fand ihn nicht. Und suchte erneut. Und erneut vergebens. Genau so vergebens wie ihren Blick auf dem Foto, das an der Wand hing.

Es war Frühlingsende, die Zeit, wenn die Bänke gestrichen werden und die Magnolien blühen, unwirklich scheinend in ihrer Vollkommenheit. Alles schien unwirklich: das Meer tiefer als der Himmel, die Berge höher als der Himmel. Und sie allein war lebendig und wirklich. Er schaute durch die Kamera, suchte ihren Blick. Aber sie sah vorbei, irgendwohin … Er wollte sich umdrehen, um herauszufinden, was sie dort sah, hinter seinem Rücken.

Oder - wen?

Er drehte sich nicht um. Und drückte den Auslöser. Sie lächelte ihn zerstreut an. Und wieder hätte er sich gerne umgedreht …

"Rate mal, wonach die Magnolie duftet", sagte sie verwundert, einen Zweig mit der unglaublich schönen Blüte in der Hand. Er zuckte mit den Achseln: wie gerne hätte er sich umgedreht …

"Nach Tee! Mit Zitrone!" lachte sie. "Wirklich, riech doch."

Er beugte sich zur Blüte - es roch nach Tee mit Zitrone. Sie ließ den Zweig wieder los, und sie gingen zum Meer. Aber anstelle des Meeres sahen sie den Himmel umgedreht. Und sie schwammen im Himmel, wie die Wolken und die Sonnenstrahlen. Wie die Möwen. Wie die Fische. Zwei Himmel schützten sie …

Später, als sie ihre Fotos vom Meer anschauten, sagte sie:

"Aber da bin ja immer nur ich. Wo ist das Meer, die Berge?"

"Es gab nichts Schöneres", antwortete er.

"Und du?!" fragte sie.

Er umarmte sie und dachte: wie seltsam, er wußte genau, daß er das Meer und die Berge und die Magnolien fotografiert hatte, aber auf den Fotos war nur sie. Und nichts anderes. Und niemand anderer.

Er blickte auf ihr Bild, das an der Wand hing. Sie schaute irgendwohin vorbei … Er hätte sich umdrehen sollen. Hätte er …

Was für ein Blödsinn.

"Vergiß es endlich", sagten die Freunde. - "Leben heißt vergessen."

"Vergiß es endlich", sagte die Mutter.

Und er beschloß zu vergessen. Und nachdem er das mit sich abgemacht hatte, begann er vorsichtig wieder zu leben. Er stand vom Sofa auf, machte das Fenster weit auf, öffnete den Kühlschrank … Und schloß ihn wieder. Etwas störte ihn. Ja, der Griff. Dieser Griff, den einmal weiße Papierblumen geschmückt hatten - Pomeranzenblüten. An jenem Tag blühten sie auf dem Schnabel des Teekessels, auf dem Deckel der Pfanne, auf dem Kronleuchter … Ungerufene Gäste klingelten und klopften fröhlich an die Tür. Und gingen wieder weg. Ließen Blumen auf der Schwelle zurück. Beneideten sie. Und waren doch nicht verärgert.

"Dieser Tag gehört uns, ja?" sagte sie.

Und er überließ sie dem Schlaf. In dem sie, wie er wußte, auch zusammen sein würden. … Er schlief immer auf der Fensterseite ein - neben der Nacht. Und auf der Fensterseite, neben dem Morgen, wachte sie auf. So war es seit jenem Tag - dem Tag der weißen Papierblumen auf Pfannen, Teekesseln, Kronleuchtern …

Erneut öffnete er den Kühlschrank. Zwei Päckchen Butter und ein Glas Sauerrahm. Und noch andere Dinge, die die Mutter und seine Freunde ihm fürsorglich gebracht hatten. Doch das war nicht mehr wichtig. Er sah die zwei Päckchen Butter und den Sauerrahm. Und alles begann von vorne. Er schloß den Kühlschrank und wußte, er würde ertragen müssen, was nicht zu ertragen war.

Also es war so. Sie gingen in das Lebensmittelgeschäft … Nein, zuerst in das Milchgeschäft. Ja, ins Milchgeschäft. Dort kaufte er zwei Päckchen Butter und ein Glas Sauerrahm. Und sie sagte noch:

"Los, mach schneller, sonst schaffen wir es nicht mehr zu den Konditoreiwaren, und ich will unbedingt noch Kaffee."

Ja, das sagte sie. Und er erwiderte verärgert: "Dann schaffen wir es aber nicht mehr ins Brotgeschäft." "Schaffen wir schon", winkte sie ab, nahm seine Hand und zog ihn zum Ausgang. Sie gingen zur Kaffeetheke im Lebensmittelgeschäft, und sie erbat von der Verkäuferin etwas Kaffee.

"Zwei Portionen als Trockenration", sagte sie fröhlich, nahm die Papiertüte entgegen und marschierte zufrieden zum Ausgang. Von hinten ähnelte sie einem kleinen Mädchen mit einer Tüte Sonnenblumenkerne in der Hand. An der Tür sah sie sich schuldbewußt um.

"Nun ins Brotgeschäft, ja?" fragte sie folgsam, wohl wissend, daß ihre Wehrlosigkeit und Vertrauensseligkeit ihn immer rührten.

Er lächelte über ihre kindliche List; insgeheim. Laut antwortete er aus irgendeinem Grund rachsüchtig: "Schaffen wir nicht."

"Blödsinn, natürlich schaffen wir das. Schau mal was du für lange Beine hast!" Und sie steckte ihre warme Hand in seine Hand, wärmte sie und führte ihn zur Straße …

Es gab keinen Wink von oben, kein Zeichen! … Im Gegenteil, sie versprach, ihm seine geliebten Pfannkuchen zu backen und ihm ganz verrückte Neuigkeiten zu erzählen.

"Was denn für Neuigkeiten?" fragte er eifersüchtig und versuchte, die Feindseligkeit gegen alles, was sie ohne ihn erlebte, zu unterdrücken.

"Nur mit Kaffee!" Sie hatte immer gerne alles bei einer Tasse Kaffee erzählt.

Stop. Was war es nur, was sie ihm erzählen wollte? Was? … Im übrigen ist das nicht mehr wichtig.Und wenn doch?

"Ich muß dir ganz verrückte Neuigkeiten erzählen."

"Was denn für Neuigkeiten?" - "Nur mit Kaffee!"

Und sie gingen zur Straße.

"Rennen wir?" fragte er.

"Ja, los!" antwortete sie.

Und sie ließ seine Hand los. Ja, sie. Und er … er bemerkte es nicht und bewegte sich automatisch vorwärts; mit seinen langen Beinen …. nur fünf, sechs Schritte voraus. Ja, hätte sie doch nur nicht seine Hand losgelassen. Blödsinn, es war überhaupt nicht so. Alles war ganz anders. Er schenkte sich Tee ein, schluckte - der Tee roch nach Magnolien. Er schaute auf ihr Foto, sie blickte vorbei.

Er schaute sich um. Eine Tür. Er öffnete sie. Noch eine Tür. Er öffnete sie. Ging die Treppe hinunter. … Die Sinnlosigkeit und Nutzlosigkeit hellen Tageslichts in seinem Leben nahm ihm den Atem. Ja, alles war anders gewesen. Er wartete auf sie nach der Arbeit auf der Straße. Sie verspätete sich. Sie verspätete sich immer. Er war beunruhigt. Er war immer beunruhigt, wenn sie nicht in seiner Nähe war. "Aber das geht doch nicht, so zu lieben. Jede Sekunde", lachten die Freunde. "Leg mal eine Ruhepause ein." Das tat er. Und schaute sich den Tag um ihn herum an. Menschen lebten da, standen Schlange, aßen Eis, saßen im Café. Im Café. Hatte er's doch gewußt.

"Wie heißt dieses Café?" fragte sie damals.

Sie kamen zufällig einmal in dieses Café, bestellten Eis und schnitten die mitgebrachte Melone auf.

"Rate mal, wonach die Melone riecht?" fragte sie ihn.

"Wonach?"

"Nach Gewitter."

Und ihm schien damals, als wäre all das schon einmal gewesen, das Café in der alten Teobaschowskaja-Straße, das gelbe Licht der Straßenlaternen, das leise Flüstern der Musik, das Eis und die Melone, die nach Gewitter roch …

"Weinst du?"

"Mir scheint, wir haben all das schon einmal erlebt", sagte sie. "Dieses Café und die Laternen und die Melone und wir … war das schon mal?"

"Ich weiß nicht …", sagte er.

"Wie heißt das Café?"

"Wahrscheinlich Café Tränen", lächelte er.

Zum ersten Mal saß er jetzt allein im Café Tränen. Er lernte allmählich allein zu leben. Alleine Kaffee zu trinken. Und nicht an die Papiertüte zu denken. Und nicht daran zu denken, daß er nicht denken sollte. Er lehnte sich zurück und zündete eine Zigarette an, ließ seinen Blick durch das Café schweifen. Genau gegenüber von ihm, am Nachbartisch, saßen zwei junge Frauen. Sein Blick traf den Blick einer der beiden Frauen. So was, lachte er kurz auf, ich kann schon wieder sehen und gesehen werden. Bravo, der Kreislauf kommt in Schwung. Er senkte den Blick. Er senkte den Blick, und genau das hätte er nicht tun sollen. Eine unvorsichtige Geste, und Schluß. In der Vase welkten Blumen, die zerzausten Straßenkötern mit rötlichem Fell ähnelten. Die Blumen waren ein überflüssiges Detail im komplizierten Kreislauf der Natur. Nur nicht an die Blumen denken. Denke lieber an das Mädchen am Nachbartisch. Sie ist real und ganz nahe, nur zwei Meter von dir entfernt. Und zwischen euch steht nur der Tod dieser Blumen in der billigen Vase. Ja, die Blumen … Nun würde er sie nicht wieder los. Sie verspätete sich, er wartete. Er wartete, sie verspätete sich. Es war schon dunkel und die Geschäfte schlossen bald. "Vielleicht sollte ich schnell ins Milchgeschäft laufen!" dachte er. Da aber tauchte sie in der Menge auf. Mit diesen rötlichen Blumen in der Hand.

Die junge Frau am Nachbartisch sah ihn lange und aufmerksam an. Ja gleich. Er denkt nur noch kurz den Gedanken an die Blumen zu Ende, danach wird er an die Frau vom Nebentisch denken. Er wird sich Mühe geben. Aber erst die Blumen, sonst wird er sie nicht los.

"Stell dir vor, sie riechen nach Regen!" sagte sie und hielt ihm die Blumen vor das Gesicht. "Schön, nicht?"

"Sie erinnern an herrenlose Hunde", antwortete er.

"Ja, genau", strahlte sie. "Und ich zerbreche mir den Kopf, warum mir diese Blumen immer so leid tun." Sie hielt die Blumen an ihre Wange, und er konnte den Geruch von Regen spüren.

Die junge Frau am Nebentisch stand plötzlich auf. "Geht sie?" dachte er. Doch sie blickte ihn erneut an. Und plötzlich kam sie an seinen Tisch.

"Erinnern Sie sich nicht an mich?" lächelte sie. "Nein", antwortete er. Und dachte: "Was für ein nettes Lächeln."

"Na ja, damals, auf der Straße … Wir sind einfach nicht aneinander vorbeigekommen, erinnern Sie sich daran? Sie warteten auf jemanden … Dann gingen Sie plötzlich los, und wir stießen zusammen. Können Sie sich nicht mehr erinnern? Sie warteten auf eine Frau, ich drehte mich nämlich um und habe sie zusammen gesehen", sagte die junge Frau und lachte wieder. "Sie hatte genau die gleichen Blumen in der Hand", sagte die Frau und berührte vorsichtig die verwelkenden Blumen. "Erinnern Sie sich jetzt?"

Ach ja, natürlich, da war noch eine Frau. Er wartete. Sie verspätete sich. Er wartete … Und da plötzlich tauchte sie in der Menge auf. Mit Blumen. Er ging auf sie zu und plötzlich wurde er aufgehalten, er schaffte es nicht, einer ihm entgegenkommenden Frau auszuweichen - er machte einen Schritt auf die eine Seite, sie auf dieselbe, er zurück, und sie wieder in die gleiche Richtung wie er. Und nochmals von vorne. Er runzelte ungeduldig die Stirn, und die Frau lachte los.

"Halt!" sagte sie. "So werden wir bis in die Nacht umeinander herumtanzen. Gehen Sie rechts an mir vorbei, sonst schaffen wir es nie." Er lächelte zerstreut, machte einen Schritt nach rechts, gab ihr den Weg frei und vergaß sie. "Stell dir vor, sie riechen nach Regen. Schön, nicht?!"

"Erinnern Sie sich?" wiederholte die junge Frau hoffnungvoll ihre Frage.

"Ja", sagte er.

"Und nun treffen wir uns wieder, kommen doch nicht aneinander vorbei" - ihr erneutes Treffen versetzte sie in fröhliche Stimmung. Er aber schwieg. Und sie sagte: "Eine schöne Frau. Warten Sie wieder auf sie?"

"Nein", antwortete er. "Sie kam an jenem Abend ums Leben." Er dämpfte die Zigarette aus, und plötzlich begriff er: Nein, es gab für ihn kein Entkommen vor jenem Tag, an dem alles endete. Und alles begann. Seine Qual, die ihn in Stücke riß wie ein Rudel Jagdhunde; die jeden Tag das auffraß, was am Vortag übrig geblieben war.

Sie hielt ihre Wange an die Blumen, und er spürte den Geruch von Regen.

"Was für traurige Blumen", sagte sie. "Stimmt doch?" "Wir schaffen es nicht mehr in das Geschäft", sagte er und dachte: "Woher hat sie bloß die Blumen?" Vielleicht dachte er das damals gar nicht, sondern erst jetzt?

"Laß uns Kartoffeln kaufen", sagte sie.

Sie gingen an den Marktständen vorbei. "Gut", sagte er, und vor Hunger knurrte ihm der Magen.

"Diese dort", sagte sie, und zeigte auf ein paar mickrige und halbfaule Knollen.

"Bist du verrückt?" meinte er verwundert. "Lieber diese. Schau, wie groß sie sind." Es waren wirklich große, kräftige Kartoffeln, genau wie die Marktfrau, die sie verkaufte.

"Nein, nein, diese! … Bitte … Bitte die hier!" bat sie ihn plötzlich in jammerndem Ton. "Aber die sind doch faul!" ärgerte er sich. "Woher willst du das wissen? Ganz normale Kartoffeln. Geben Sie uns bitte ein Kilo." Die Verkäuferin war hager und verschrumpelt, genau wie ihre Kartoffeln. In dankbarer Eile legte sie schnell ihre faulige Ware auf die Waage und blickte ihn beunruhigt an: wenn er bloß dieses Geschäft nicht zunichte machte!

Und da wurde ihm klar: ja, natürlich, ihr tat einfach die alte Frau leid. Sie wählte nie Gemüse aus, sondern die bedauernswertesten Marktfrauen. Er sah, wie die Alte sie freudig anblickte, und sie die Alte. Und alle waren gute und glückliche Menschen. Außer ihm. Er war neben ihnen uninteressant, mickrig und überflüssig, wie die Kartoffeln der Alten. Er wandte sich ab und ging. Allein. Und sie … Sie holte ihn ein. Als wäre nichts gewesen. Und sie gingen ins Milchgeschäft. Dann zu den Konditoreiwaren … eine Papiertüte mit Kaffee … dann wollten sie über die Straße …

Nein, zuerst dieser junge Mann. Fast ein Junge.

Sie ließ ihre Blumen fallen, und dieser junge Mann, fast noch ein Junge, hob sie auf und gab sie ihr. Sie warf die Haare nach hinten und errötete. Sie hatte diese Angewohnheit - wenn sie verlegen war, warf sie die Haare nach hinten. Das stand ihr. Zusammen mit den roten Wangen und dem Glanz ihrer Augen …

Vielleicht hat es auch gar keinen Jungen gegeben?

Und er ging weiter ohne stehenzubleiben. Sie holte ihn ein, nahm seine Hand. Und ließ sie aus irgendeinem Grund wieder los. Ja, ließ los. Oder hatte er sie zurückgezogen? Er?

"Rennen wir?" fragte er, ohne sich umzudrehen.

"Ja, los!" antwortete sie schuldbewußt.

Oder überrascht?

Nein, schuldbewußt. - Weswegen? Überhaupt. Und er, der sie immer an der Hand über die Straße führte, sie, die so unaufmerksam war, er ging einfach voraus, ohne sich umzublicken. Zur Strafe. Und sie …

Sie hätte es spüren müssen, es einsehen, ihn einholen müssen, sich in seine Achselhöhle verkriechen - höher reichte sie nicht - und flüstern: "Sag: Häschen." Er hätte mit den Schultern gezuckt, hätte sich nicht sofort auf ihr altbekanntes "Häschenspiel" eingelassen. "Nun sag schon!" hätte sie zärtlich und bestimmend verlangt, als wäre sie sich keiner Schuld bewußt. "Häschen", hätte er gebrummt, sich ein Lächeln verbeissend. "Du bist selber noch viel mehr Häschen", hätte sie nach ihrem Sieg zugegeben. Und hinzugefügt: "Du weißt ja gar nicht, wie schön du bist." Er hätte sie argwöhnisch angeschaut. Und hätte es geglaubt. Hätte nicht mehr gegen das Lächeln angekämpft und es herausgelassen. Und sie hätte noch gesagt: "Ich liebe dich schrecklich. Ich liebe dich schon so lange." Das wäre natürlich überflüssig gewesen, unpassend. Doch sie tat sowieso die ganze Zeit soviel Überflüssiges, daß … Dann hätten sie Brot gekauft und wären nach Hause gekommen … Hätten Pfannkuchen gebacken und Kaffee gekocht. Und sie hätte ihm beim Kaffee ihre verrückten Neuigkeiten erzählt. Dann wären sie schlafen gegangen. Er neben der Nacht … Und er hätte ihr die Wahrheit gesagt, wie froh es ihn macht, sie zu lieben und wie es ihn quält! "Ich liebe dich ganz und gar, mit deinen Blumen, der unglücklichen Marktfrau, den verfaulten Kartoffeln und mit dem jungen Mann, der fast noch ein Junge ist, und unter dessen Blick du errötest … Ich liebe dich so viel …"

Sie hätte geantwortet:

"Ich errötete unter deinem Blick. Das ist seltsam: die Jahre vergehen, und ich werde immer noch rot, wenn du mich ansiehst."

Und neben der Nacht würde sie liegen. Dann er. Dann sie - neben dem Morgen …

Und, um ehrlich zu sein, ist er ja nur wegen dieser Achselhöhle, wegen dem "Häschen" vorausgelaufen. Nur deshalb. Und sie … Sie hat es nicht verstanden. Hat alles durcheinandergebracht. Sie, die längst verlernt hatte, eine Straße allein zu überqueren … Hat sie sich an ihm gerächt? Sich gerächt? …

"Serjoscha!"

"Sie müssen wegfahren", sagte neben ihm die junge Frau. "Ich weiß, das klingt banal, aber jede Wahrheit ist banal."

"Wohin?" fragte er plötzlich hoffnungsvoll.

"Na ja, ich weiß nicht … zum Beispiel ans Meer."

"Dort ist sie", antwortete er müde.

"Dann in den Wald, in die Berge …"

Er lachte auf:

"Dort ist sie nicht."

Und er bedauerte, gehofft zu haben: der Kreislauf war doch nicht in Schwung gekommen. Vergeblich suchte er die ganze Zeit den geheimen Sinn … Vielleicht gab es keinen Sinn? Nur ein Geheimnis? Er wollte jetzt allein sein.

Und die junge Frau stand auf. Sie wollte gehen, denn hier war es bedrükkend. Sie wollte bleiben, denn hier war das Leben. Und im Gehen blickte sie sich um.

"Ich heiße Tanja", sagte sie zum Abschied. Er schwieg. Dann antwortete er: "Ich bin Ilja."

Tanja nickte. Ging zum Ausgang. Blieb stehen. Kam zurück.

"Warten Sie. Wie - Ilja?!" fragte sie verständnislos.

"Ja genau", antwortete er.

"Aber wer ist dann Serjoscha?"

"Das weiß ich nicht", antwortete er.

Er öffnete die Tür. Ging ins Zimmer. Blieb vor ihrem Bild stehen, das an der Wand hing. Aber sie blickte irgendwohin vorbei, vorbei …

"Wer ist dann Serjoscha?" fragte er.

Wer? Wen rief sie in der letzten Minute ihres Lebens? Wessen Namen stieß ihr Gedächtnis aus? Wer war ihr wichtiger, näher als er, ihr Einziger, von ihr Geliebter, und warum verriet sie ihn in der allerletzten Minute? Sie, die ihm so nahe war, seine Einzige und von ihm Geliebte! Und verriet ihn so dumm, so furchtbar, so zufällig und unwiderruflich …

Doch abermals antwortete sie ihm nicht, blickte irgendwohin vorbei, vorbei …

Er wandte den Kopf.

Aus: Newa 12/1994

Übersetzung: Eva Ulreich

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