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Mein lichter Stern
Inna Kabysch
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Dante hat nichts erfunden:
ist im Jenseits gewesen, hat
alles mit eigenen Augen gesehen,
und als er zurückkam,
war eine
Strähne in seinem schwarzen Haar
vollkommen weiß,
wie bei
Ljoscha,
an den ich Gedichte schrieb
und mit dem ich in einer Bank
saß,
und es war so bitterkalt,
daß man uns mit dem
Milchwagen in die Schule brachte,
samt den Flaschen mit vereisten
Milchkrusten darauf.
Wir saßen in Wintermänteln und
Filzstiefeln,
und die Lehrerin mit Händen in Fäustlingen
schrieb an die Tafel:
"Was ich sein will."
Und Ljoscha kritzelte:
"Höllenfahrer."
Ich aber seufzte und schrieb,
daß ich
Dichterin werden möchte.
Und alle anderen, daß -
Kosmonauten.
Und die Lehrerin in den Fäustlingen
tadelte Ljoscha
und mich,
daß der eine zu oft ausländische Filme sieht
und
die andere sich einbildet, weiß Gott wer zu sein, -
statt im Einklang
zu marschieren mit unserem Land,
doch die Kosmonauten lobte sie.
Da
sagte Ljoscha -
sagte es zu mir, aber alle hörten es:
"Fort mit
uns",
und wir brausten davon.
Und ich saß neben ihm im roten
Motorradhelm,
und vor uns lag das ganze Leben
und Neujahr.
Nur die
Spitze für den Tannenbaum fehlte,
und Ljoscha sagte, er hat einen
Stern
und fährt rasch nach Hause, ein Katzensprung,
und ich sagte,
na, prächtig, aber
komm bloß bald zurück,
und zog die
Schuhe aus und stieg auf den Schemel,
den Neujahrsbaum zu
schmücken:
eine Glasuhr kam drauf,
Ketten,
Äpfel -
und obwohl die Zeiger der Uhr aufgemalt waren,
begann es zu
dämmern
und wurde ganz finster -
und still,
nur die Äpfel
auf dem Baum klirrten,
als die Tür aufgerissen wurde und Timoscha
reintaumelte,
der Fahrer des Milchwagens.
Er atmete schwer,
knüllte die Mütze in der Hand,
und ich grinste: "Ist das Benzin
ausgegangen?"
Er schwieg, sah mich nur so an,
daß ich
plötzlich fragte: "Wo ist Ljoscha?"
Und Onkel Timoscha zeigte mit dem
Kopf
nach hinaus zur Straße.
"Hat er - den Stern zerbrochen?"
Onkel Timoscha schwieg.
"Und - schlimm zerbrochen?"
Er schluchzte
auf
und vergrub sein Gesicht in der Mütze.
Und ich - im
weißen Kleid und dünnen Strümpfen -
ging an Onkel Timoscha
vorbei
über den Hof
auf die Straße,
wo keine einzige
Laterne brannte -,
in die Dunkelheit hinein,
wo mir die Splitter von
Ljoschas Stern in die Augen stachen,
erst da begriff ist, daß nicht
das Benzin ausgegangen war -
sondern das Licht -,
und ich lief:
in
der beißenden Kälte
barfuß...
Und alle dachten, ich
würde sterben -,
ich aber wurde Dichterin.
Und begegnete einem
anderen Höllenfahrer.
Der hieß Dante.
Und als er mich
führte -
Kreis um Kreis,
sah ich die weiße Strähne in
seinem schwarzen
Haar
und dachte:
So wie er aus dem Jenseits
zurückkam,
war Ljoscha
von Kind an,
und das heißt,
daß das Jenseits die Kindheit ist.
Und meine Kindheit -
der Stern
vergangner Jahre -
ist Ljoscha.
Und darum wird alles gut,
und wir
werden heiraten.
Und er wird mich anlächeln
mit seinem
Gagarinschen Lächeln,
denn in Wirklichkeit
wollte er mehr als die
anderen
Kosmonaut werden.
Und ich wollte auch auf dieser Welt nicht
Dichterin werden,
doch wie hätte ich hinschreiben sollen,
was ich
sein wollte - Ljoschas Frau.
Aus: Inna Kabysch, Detski mir (Kinderwelt), Moskau:
Ch.G.S. Verlag, 1996
Übersetzung: Elisabeth Markstein