Podium 113/114 - Rußland

Weihnachtskarte aus der Sammlung der Russischen Nationalbibliothek

Mein lichter Stern

Inna Kabysch

Dante hat nichts erfunden:
ist im Jenseits gewesen, hat alles mit eigenen Augen gesehen,
und als er zurückkam,
war eine Strähne in seinem schwarzen Haar
vollkommen weiß,
wie bei Ljoscha,
an den ich Gedichte schrieb
und mit dem ich in einer Bank saß,
und es war so bitterkalt,
daß man uns mit dem Milchwagen in die Schule brachte,
samt den Flaschen mit vereisten
Milchkrusten darauf.
Wir saßen in Wintermänteln und Filzstiefeln,
und die Lehrerin mit Händen in Fäustlingen
schrieb an die Tafel:
"Was ich sein will."
Und Ljoscha kritzelte:
"Höllenfahrer."
Ich aber seufzte und schrieb,
daß ich Dichterin werden möchte.
Und alle anderen, daß - Kosmonauten.
Und die Lehrerin in den Fäustlingen
tadelte Ljoscha und mich,
daß der eine zu oft ausländische Filme sieht
und die andere sich einbildet, weiß Gott wer zu sein, -
statt im Einklang zu marschieren mit unserem Land,
doch die Kosmonauten lobte sie.
Da sagte Ljoscha -
sagte es zu mir, aber alle hörten es:
"Fort mit uns",
und wir brausten davon.
Und ich saß neben ihm im roten
Motorradhelm,
und vor uns lag das ganze Leben
und Neujahr.
Nur die Spitze für den Tannenbaum fehlte,
und Ljoscha sagte, er hat einen Stern
und fährt rasch nach Hause, ein Katzensprung,
und ich sagte, na, prächtig, aber
komm bloß bald zurück,
und zog die Schuhe aus und stieg auf den Schemel,
den Neujahrsbaum zu schmücken:
eine Glasuhr kam drauf,
Ketten,
Äpfel -
und obwohl die Zeiger der Uhr aufgemalt waren,
begann es zu dämmern
und wurde ganz finster -
und still,
nur die Äpfel auf dem Baum klirrten,
als die Tür aufgerissen wurde und Timoscha reintaumelte,
der Fahrer des Milchwagens.
Er atmete schwer, knüllte die Mütze in der Hand,
und ich grinste: "Ist das Benzin ausgegangen?"
Er schwieg, sah mich nur so an,
daß ich plötzlich fragte: "Wo ist Ljoscha?"
Und Onkel Timoscha zeigte mit dem Kopf
nach hinaus zur Straße.
"Hat er - den Stern zerbrochen?"
Onkel Timoscha schwieg.
"Und - schlimm zerbrochen?"
Er schluchzte auf
und vergrub sein Gesicht in der Mütze.
Und ich - im weißen Kleid und dünnen Strümpfen -
ging an Onkel Timoscha vorbei
über den Hof
auf die Straße,
wo keine einzige Laterne brannte -,
in die Dunkelheit hinein,
wo mir die Splitter von Ljoschas Stern in die Augen stachen,
erst da begriff ist, daß nicht das Benzin ausgegangen war -
sondern das Licht -,
und ich lief:
in der beißenden Kälte
barfuß...
Und alle dachten, ich würde sterben -,
ich aber wurde Dichterin.
Und begegnete einem anderen Höllenfahrer.
Der hieß Dante.
Und als er mich führte -
Kreis um Kreis,
sah ich die weiße Strähne in seinem schwarzen
Haar
und dachte:
So wie er aus dem Jenseits zurückkam,
war Ljoscha
von Kind an,
und das heißt, daß das Jenseits die Kindheit ist.
Und meine Kindheit -
der Stern vergangner Jahre -
ist Ljoscha.
Und darum wird alles gut,
und wir werden heiraten.
Und er wird mich anlächeln
mit seinem Gagarinschen Lächeln,
denn in Wirklichkeit
wollte er mehr als die anderen
Kosmonaut werden.
Und ich wollte auch auf dieser Welt nicht Dichterin werden,
doch wie hätte ich hinschreiben sollen,
was ich sein wollte - Ljoschas Frau.

Aus: Inna Kabysch, Detski mir (Kinderwelt), Moskau: Ch.G.S. Verlag, 1996

Übersetzung: Elisabeth Markstein

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