Podium 112 - Jung und alt |
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Das ist der Sessel meiner Mutter. Er ist dick gepolstert. Das braungrüne, gestickte Muster zeigt stilisierte Pflanzen. Er ist sehr schwer und unhandlich. Sein Fußteil läßt sich nach vorne herausklappen, die Lehne nach hinten. Meine Mutter ruht in dem Sessel, wenn sie Migräne hat. Dann deckt sie sich mit der Kamelhaardecke zu. Ihr Kopf liegt auf der blaugrünkarierten Nackenstütze, die mit Schaumstoff gefüllt ist. Ich habe auch einen Liegestuhl. Fußteil und Lehne sind erhöht. Der weißblaugestreifte Leinenstoff hat rundherum Ösen, durch diese verbindet eine Schnur den Stoff mit dem Gestell. Ich verschiebe meinen Körper mal etwas nach oben, mal etwas nach unten und wippe mit meinem Sommerliegestuhl. Meine Mutter trägt auch im Hochsommer einen Unterrock und braune Nylonstrümpfe. Ich trage nur ein weißes Baumwoll-T-Shirt und eine Bikinihose. Ich weiß, daß man von zuviel Sonne Kopfschmerzen bekommt. Manchmal drehe ich den Liegestuhl. Er läßt sich leicht mit der Hand über den Rasen ziehen. Dann liege ich mit dem Kopf im Schatten der Büsche. Ich schiebe die Ärmel des T-Shirts hoch und schaue nach, ob ich braun werde. Ich will diesen Sommer sehr braun werden. Ich beobachte die Wolken, wenn sie über die Sonne wandern und lecke das Salz von meinen Armen. Ich sehe das Licht durch meine geschlossenen Augenlider. Diesen Sommer will ich mich ernsthaft verlieben. Ich höre einen Rasenmäher in der Ferne, die Stimmen von Insekten und Vögeln. Am Himmel sind Kondensstreifen. Meine Mutter liegt im dunklen, windstillen Wohnzimmer. Sie hört nur das Pendel der großen Wanduhr. Wenn die Uhr vier schlägt, steht sie auf und zieht die Vorhänge zurück. Ich wippe mit meinem Sommerliegestuhl und betrachte meine Beine. Ich suche mir den schönsten Jungen aus meiner Klasse aus. Meine Mutter kocht Kaffee in der Küche. Sie mischt den Bohnenkaffee mit Ersatzkaffee, damit er nicht zu stark wird. Ich tanze mit dem Jungen aus meiner Klasse, bis die Musik eine Pause macht. Dann sage ich ihm, daß ich Zungenküsse nicht mag. Meine Mutter steht auf der Terrasse und ruft nach mir. Ich antworte erst, als sie das zweite Mal gerufen hat.
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