Podium 112 - Jung und alt

Dein Erwachen

Björn Kuhligk

Dein Erwachen, das bewußte Pumpen nach Luft
morgens um sechs der widrige Weg auf Station
das Streifen von Zimmern, in denen der Tod zu Bett ging
der Gruß der Nachtschwester und du nur ganz in weiß
auf diesem einen langen Flur zur Arbeit, an der Decke
sind der Bahnhofsuhr die Züge schon seit langem weggefahren
die Morgenwaschung, wie du mit einer unter der Dusche stehst
und du siehst nur ihren faustgroßen Dekubitus, das Auge
im Rücken, das dich anblickt und du sollst ihr die Scham waschen
und du weißt nicht, wie du sie berühren sollst, wie du erst vorsichtig
dann schnell den Lappen unter ihr hervorziehst
die Fieberkurven, diese zittrigen Bahnen in roter Farbe auf Papier
der Blutdruck, das Drücken der Luft, gegen die des anderen
Pillenausgabe, ein Tupfer, das Wechseln der Kanüle
gutes Essen, sagst du, eine Spritze unter die Haut, die Frage
ob es gut geht, allein im Bett, ein schneller Scherz über die Schulter
gesprochen, dein Verschwinden, ein Mädchen, Haut und Knochen
kommt auf dich zu, Totenschädelgesicht und sie spricht
sie spricht mit diesem Gesicht, weil das mit 32 Kilo nicht anders geht
ihre blaugewordenen Arme stützen sich auf deine Schulter
sie betritt die Waage und du sagst ihr das Gewicht, du sagst es nur so
und denkst: Engel waren immer leicht
ein Mann im Rollstuhl rädert den Flur entlang, bleibt sitzen, verharrt
vor einem Bild an der Wand, Kinderzeichnung, Kreide, verschmiert
auf Papier, er sieht dich, lenkt ein, kommt auf dich zu
und schreit, daß er das Vorletzte sei, das Letzte die Kawasaki
die ihn traf auf der Schnellstraße abends nach Hause zum wärmenden Ofen
und plötzlich Alarm, einer bekommt keine Luft mehr, der Flur füllt sich
mit weißen Kitteln, du stürmst in ein Zimmer, Sauerstoffmaske
Atemschock, einer preßt ihm die Rippen aus dem Körper
Blut fließt von der Brust, ein "Hast du ihn?, hast du ihn?"
du siehst das tränenverschmierte Gesicht der Oberschwester
die posthume Gegend eines Todes, das Antlitz einer Mutter
du siehst seine Augen, die starre Maske eines Zweibeiners im Abgelebten
du trägst ihm den Angstschweiß von der stillgewordenen Haut
die Schwester bindet ihm das Kinn gegen den Kopf
ein weißes Tuch, ein schmaler Streifen Reinheit
sie sieht das Weiß in den Augen, drückt sie nieder
verschließt die Wahrnehmungsöffnung
du fährst ihn hinunter in den Leichenraum
unterm hölzernen Kreuz bahrst du ihn auf, verläßt ihn
gehst von Station, aus dem Gebäude und nachts
bist du der einzige Nerveninsasse deines Zimmers
im Traum die Fahne auf Halbmast


Björn Kuhligk, geboren 1975 und wohnhaft in Berlin; Studium der Neueren Deutschen Literatur und Politologie in Berlin, Buchhändlerlehre; mehrere Preise, fünf Buchpublikationen, zuletzt "Im Gewitter", Verlag im Wald, Rimbach.

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