| |

Erster Schultag
Dietmar Füssel

|
Als der Lehrer an meinem ersten Schultag die Klasse betrat,
erhoben wir Schüler uns von unseren Sitzen und beantworteten sein: "Guten
Morgen, Kinder" mit "Guten Morgen", worauf seine ohnehin nicht gerade sonnige
Miene sich noch mehr verfinsterte.
"Das heißt nicht ,Guten Morgen',
sondern ,Guten Morgen, Herr Lehrer'", belehrte er uns: "Außerdem erwarte
ich, daß ihr bei meinem Eintreten zackig-militärisch von euren
Sitzen springt, statt so, wie ihr es gerade getan habt,
lässig-zivilistisch einfach aufzustehen, und deshalb werden wir das jetzt
so lange üben, bis es klappt."
Nach etwa einer halben Stunde war er
endlich mit uns zufrieden.
"Na also, es geht doch", stellte er fest und
fuhr fort: "Übrigens gibt es heutzutage Lehrer, die der Ansicht sind,
daß es den Kindern Spaß machen soll, in die Schule zu gehen. Ich
hingegen finde, daß ihr nicht hier seid, um euren Spaß zu haben,
sondern um etwas zu lernen. Mein Unterricht wird ganz bestimmt kein Spaß
für euch sein. Ganz im Gegenteil: Blut und Tränen werden
fließen.
Aber dafür werdet ihr bei mir wirklich etwas lernen.
Das verspreche ich euch."
Und dieses Versprechen hat unser Lehrer
getreulich gehalten.
Er war streng, aber gerecht.
Disziplinlosigkeiten
duldete er nicht, und wenn jemand einen Regelverstoß begangen hatte, so
mußte er sich zur Strafe dafür auf ein Holzscheit knien, die
Hände hinterm Rücken verschränken und ein großes, schweres
Balladenbuch auf dem Kopf balancieren, und sooft dieses Buch herunterfiel,
mußte er eine Ballade daraus auswendig lernen. Das ist der Grund
dafür, daß ich so viele Balladen kann.
Darüber hinaus hatte
unser guter Lehrer einen Rohrstock, mit dem er uns sogenannte
"Gedächtnishilfen" erteilte.
Wenn sich jemand beispielsweise in
Mathematik um drei verrechnete, so bekam er dafür drei Schläge mit
dem Rohrstock, wenn er sich um vier verrechnete, gab es vier Schläge, und
so weiter.
Allerdings war die Anzahl der Schläge auf maximal zehn
begrenzt.
Schließlich ging es ihm ja nicht darum, uns spitalsreif zu
prügeln, sondern darum, unserem Gedächtnis nachdrücklich auf die
Sprünge zu helfen.
Freilich hatten unsere schwächsten
Schüler das ganze Jahr über blutige Striemen am Rücken, doch
gerade sie lagen unserem guten Lehrer ganz besonders am Herzen, so sehr,
daß er ihnen sogar während der Sommerferien kostenlosen
Nachhilfeunterricht gab.
Die einzige Gegenleistung, die sie dafür
erbringen mußten - und gern erbrachten - war, etwa zehn Festmeter
Brennholz zu ofenfertigen Stücken zu zerkleinern.
Jaja, so war er,
unser guter Lehrer, und ich bin sicher, daß ihm die Schläge, die er
uns zu unserem eigenen besten geben mußte, mehr geschmerzt haben als uns.
Zumindest hat er das wiederholt behauptet. Aber eigentlich hatte ich damals
eher den Eindruck, daß es ihm Spaß gemacht hat.
Und eigentlich
habe ich ihn damals weder geliebt noch verehrt, sondern nur gefürchtet.
Und eigentlich war er weder lieb noch gut, sondern ein sadistisches,
militantes Nazischwein.
Pfui Teufel, kann man da nur sagen.
Ich
wünschte wirklich, ich hätte dieses Arschloch nie erfunden.
Dietmar Füssel, geboren 1958 in Wels.
Veröffentlichungen u.a.: "Wirf den Schaffner aus dem Zug", "Dietmar
Füssels Wunderhorn", beide Eichborn Verlag.