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Die Abenteuer sind nicht nur im Kopf
Margit Hahn

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Dichter Schneefall. Eiskalt. Glasscherben von Sylvester, leere
Sektflaschen auf den Gehsteigen. Mattes Straßenlicht.
Schneeräumfahrzeuge schieben sich mit gelben Blinklicht langsam durch die
Straßen. Schieben den Schnee auf die Gehsteige. Oder vor die geparkten
Autos. So wie vor meines. Die Autos rutschen auf der schneebedeckten Fahrbahn
dahin. Der Streuwagen war noch nicht unterwegs. Der Schnee glitzert hell in der
Dunkelheit. Ich fahre zur Tankstelle. Steige nicht aus. Reiche den
Schlüssel durchs Fenster. Lasse mich bedienen. Volltanken. Der Tankwart
ist unfreundlich. Bitte die Luft in den Reifen überprüfen, fordere
ich deshalb, und kontrollieren Sie das Öl und den Wasserstand. Er macht es
widerwillig, murrt. Die Scheibenwischer verwischen den Schnee. Der Tankwart
gibt mir den Schlüssel zurück. In seinen Wimpern hängen
Schneeflocken. Schade, daß er so unfreundlich ist. Ich bezahle. Kein
Trinkgeld.
Als ich den Motor starte, das Licht aufdrehe, sehe ich ihn
vor mir. Ich habe schlecht geschlafen letzte Nacht. Seit drei Tagen schneit es
ununterbrochen. Leider habe ich keine Garage. Auf der Windschutzscheibe das
Eis. Schwer zu entfernen. Manchmal springt im Winter aufgrund der Kälte
der Motor nicht an. 1. Gang, 2. Gang. Ich trete fest auf das Gaspedal. Nichts
und niemand darf mich aufhalten. Im Licht der Scheinwerfer, der Kopf - er sieht
in meine Richtung. Wahrscheinlich ist es das Licht, das ihn blendet. Ich fahre
auf ihn zu. Ich bin geschützt im Auto. Mir kann nichts passieren. Ein
kleiner Widerstand. Ich überrolle ihn mühelos. Er stand mir im Weg.
Ich hätte hupen können. Er ist nicht weggerannt. Warum nicht? Ich
bremse, bleibe kurz stehen. Im Rückspiegel sehe ich das Blut im Schnee.
Hebt sich grell ab. Vom sauberen Weiß. Auch die Reifenspur. Er liegt
leblos da. Der Tankwart rennt auf mich zu, deutet mit der Faust. 1. Gang. Ich
fahre davon.
Nächsten Tag wird es in der Zeitung stehen. Na und.
Autofahrerin überfuhr böswillig kleinen Dackel. Es war nur ein
kleiner Hund. Jeder, der mich kennt, weiß doch, daß ich Hunde nicht
leiden kann. Und wozu braucht irgend jemand einen Hund? Wem nützt ein
Hund? Niemandem. Niemandem? Ein Hund hilft gegen die Isolation in den
Städten. Wenn Sie nicht genügend Zärtlichkeit von Ihrem Partner
bekommen, schaffen Sie sich ein Haustier an. Ein Haustier freut sich immer,
wenn Sie nach Hause kommen. Ein Haustier muß freundlich sein, weil es
abhängig ist.
Ich habe es eilig, eine Verabredung. Eine sehr
wichtige. Ich muß noch bis nach Salzburg fahren, eine Stadt, in der mich
niemand kennt, in der ich keinen Menschen kenne, ich bin gerne eine
Fremde.
Die Fahrt ist aufgrund des dichten Schneefalles sehr
anstrengend. Es gibt mehrere Auffahrunfälle, ich bleibe nicht stehen, ich
helfe prinzipiell niemandem. In Salzburg hat es aufgehört, zu schneien.
Schönes Wetter ist angesagt, ein Ansteigen der Temperaturen. Der Schnee
wird bald tauen. Das Auto parke ich in der Nähe des Bahnhofs. In die
Innenstadt gehe ich zu Fuß. Ich falle nicht auf. Keiner wird sich an mich
erinnern. Die brünette Langhaarperücke sieht echt aus und sie steht
mir.
Was ich unbedingt brauche, ist ein neues, schickes, freches Kleid.
Shopping hat mir schon immer die meiste Freude bereitet. Der Alltag ist einfach
öd, deshalb gehe ich jede Woche einmal zur Therapie und mache öfters
am Wochenende Ausflüge. Ich gehe durch die vielen, kleinen Gassen, gehe
ins Kaffee Tomasselli, das meistens überfüllt ist und es gibt zu
wenig Kellner und vor allem aufs Zahlen muß man warten, aber heute habe
ich es nicht eilig, ich habe Zeit, ich will die Aufregung davor genießen,
diese Spannung, ob ich heute so mutig sein werde, wie ich es mir vorgenommen
habe? Heute wird, heute muß es endlich passieren. Ich will eine neue
Erfahrung machen. Ich will etwas tun, was ich noch nie gemacht habe. Die
Abenteuer sind nicht nur im Kopf. Und da das Leben langweilig ist, muß
man sich um die Abwechslung selbst kümmern. Ich gehe verläßlich
jeden Morgen in die Bank, zahle Geld aus oder ein, wechsle in verschiedene
Währungen, bin freundlich, lächle und lächle und lächle.
Noch nie ist es etwas Aufregendes in der Bank passiert. Nicht einmal ein
Überfall. Das Betriebsklima ist weder gut, noch schlecht. Es macht sowieso
niemand Karriere, also muß man auf niemanden eifersüchtig sein. Und
trotzdem gehen mir die Eigenheiten der Kollegen auf die Nerven.
Ich
probiere in verschiedenen Geschäften diverse Kleider, bis ich kurz vor
Ladenschluß endlich das sehe, wonach ich gesucht habe: ein sündhaft
teures Lederkleid. Rot. Kurz. Enganliegend. Tief dekolletiert. Die
Verkäuferin sieht vorwurfsvoll auf die Uhr, als ich das Geschäft
betrete. Das Kleid gibt es im Geschäft nur mehr in Größe 44.
Das in der Auslage ist Größe 36, versichert sie. Sie will es nur
dann aus der Auslage nehmen, wenn ich es auch sicher kaufe. Wir einigen uns
darauf, daß ich es in Größe 44 probiere. Wenn mir der Schnitt
steht, wird sie es für mich aus der Auslage nehmen, verspricht sie. Das
Kleid gefällt mir. Ich bewundere mich vor dem Spiegel. Und als ich damit
aus der Garderobe trete, um mich von der Verkäuferin bewundern zu lassen,
es hängt natürlich lose an mir, sehe ich, daß die
Verkäuferin das Kleid aus der Auslage soeben einer anderen Kundin
einpackt. Das darf doch nicht wahr sein!
Das ist mein Kleid, schreie
ich, die Kundin wird verlegen und rot im Gesicht. Ich habe es soeben bezahlt,
stammelt sie und rennt mit der Tasche zur Tür. Die Verkäuferin
betrachtet mich abschätzig und sagt frech, Ihnen hätte das Kleid
sowieso nicht gepaßt, Ihnen wäre es auf jeden Fall zu klein gewesen.
Es gibt Punkte, da bin ich sehr sensibel und sehr verletzlich. Niemand darf
mich ungestraft reizen. Die Verkäuferin hat mich provoziert. Ich kann mir
diese Behandlung von arroganten Verkäufern und Verkäuferinnen nicht
mehr gefallen lassen. Wer die Menschen kennt, liebt eben doch die Tiere! Aus
Wut ergreife ich einige Stecknadeln, die neben der Kassa liegen, stürze
mich auf die Verkäuferin und ramme sie ihr durchs bunte Kleid ins Herz.
Sie sind ganz schön böse, zische ich dabei in ihr Ohr. Sie wird
ohnmächtig. Es kann nur der Schock sein.
Ich ziehe wieder mein
Kleid an, verlasse die Boutique und sperre hinter mir ab. Schade um das
schöne Kleid.
Das war kein erfolgreicher Tag, ich hoffe, der Abend
wird umso aufregender. Es ist Zeit, ins Hotel zu gehen, dort bin ich
verabredet. Zielstrebig gehe ich zur Rezeption. Das Hotel wirkt etwas abgewohnt
und schäbig. Der Mann hinter dem Pult lächelt anzüglich. Ich
bezahle das Zimmer mit Dusche bar. Nur nicht auffallen.
Die
Zimmertür ist nur angelehnt. Ich betrete leise den Raum und sperre hinter
mir ab. Das Radio sendet soeben die Nachrichten. Der Nachrichtensprecher lobt
die Spendenfreudigkeit der Österreicher und Österreicherinnen. Ja,
ich habe auch für irgendwelche Flüchtlinge gespendet. Die
Vorhänge im Zimmer sind zugezogen. Ich lege drei Tausender auf den
Nachttisch. Danke, sagt der Fremde. Der Mann liegt wie vereinbart auf dem
Rücken. Er lächelt wie ein Bankkunde, der das Konto zuviel
überzogen hat. Ich schlage die Decke zurück. Er ist gut gebaut. Er
riecht gut. Seine Haare sind grau. Genau so habe ich ihn mir vorgestellt. Er
sagt nichts, wie vereinbart. Die anderen Männer, mit denen ich
ähnliche Verabredungen hatte, machten Komplimente, weil sie glaubten,
daß das zugehört, ich finde es allerdings langweilig und peinlich.
Was zählt ist guter Sex und sonst nichts. Ich ziehe mich aus. Setze mich
auf ihn. Leise stöhnt er.
Mit einer raschen Bewegung nehme ich
meinen Seidengürtel und schlinge ihn um seinen Hals. Noch lächelt er
süß. Ich binde eine große Masche. Unsere Körper
berühren sich innen. Der Sex ist gut. Der Mann hat Kondition. Er kommt
nicht ins Schwitzen. Sehr schön. Nach seinem Orgasmus, meinen erwarte ich
erst etwas später, ziehe ich mit einer ruckartigen Bewegung an den Enden
der Maschen fest zu. Sein Lachen verschwindet. Mit den Beinen drücke ich
seine Arme nieder. Er kann sich nicht wehren, er versucht es mit den Beinen.
Ich muß an den Hund denken. Ein kleiner, armer unschuldiger Hund.
Er zuckt heftig, röchelt. Sein Gesicht verzerrt, erstaunt, ich lasse den
Seidengürtel nicht los. Ich bin auch eine Böse, sage ich laut und,
ich bin katholisch und fürchte mich vor nichts. Er hört mir nicht
mehr zu.
Langsam weicht die Spannung aus seinem Körper. Er wird
schlaff und ruhig. Ob er tot ist? Ich wollte immer schon sehen, wie das ist,
wenn einer stirbt. Ja, doch, ich fühle so etwas wie Mitleid mit dem Hund,
ein armes unschuldiges Wesen. Ich gehe ins Bad. Dusche, ziehe mich an. Das Geld
stecke ich wieder ein. Über den Hinterausgang verlasse ich das Hotel. Den
Zimmerschlüssel werfe ich auf dem Weg zum Bahnhof in die Salzach. Ich bin
unschlüssig, ob ich noch in der Nacht nach Wien fahren soll.
Dann
gehe ich in eine Bar. Reiße mir einen Kerl auf, gehe mit ihm in seine
Wohnung. Ein Alt-68er, gepflegt. Arbeitet bei Greenpeaece und wohnt in einer
Wohngemeinschaft. Und das mit 48. Na ja. Er kann dann nicht. Zuviel getrunken,
wie er beteuert. Ich denke sowieso nicht, daß es an mir liegt. Aber ich
werde nicht gerne enttäuscht. In der Nacht noch verlasse ich den Typ, und
fahre wieder heim.
Ein keiner Wochenendausflug, auch nicht besonders
aufregend. Vielleicht habe ich ihn auch nur bis zur Bewußtlosigkeit
gewürgt. Nur keine Reue jetzt.
Während der Heimfahrt
überlege ich, daß ich meinem Psychotherapeuten wieder einiges zu
erzählen habe. Auf die Sitzungen freue ich mich schon sehr. Immer wieder
betont er, daß jeder einmal einen Mord begehen will, daß jeder
irgend wann einmal seine Familie ausrotten will. Und ich bin schon sehr
gespannt, was wir da gemeinsam analysieren werden, warum das alles passieren
mußte. Die Ärzte sagen bei jeder Gelegenheit, daß man sich
ihnen total anvertrauen muß, daß man ihnen alles erzählen
soll. Die ganze Wahrheit. Doch was ist schon Wahrheit? Es gibt keine
Wahrheiten. Es gibt nur Geschichten, Erinnerungen, die Wahrnehmungen sind immer
subjektiv.
Was Sie für Phantasien haben, wird der Therapeut wieder
sagen. Die Abenteuer sind nicht nur im Kopf, das antworte ich stets.
Er
traut mir nichts zu. Ich weiß, ich bin in einer Krise. Wahrscheinlich
habe ich ein Burn-out-Syndrom. Aber ich fühle mich von niemandem verfolgt!
Ich bin ausgebrannt, weil mein Leben im Allgemeinen so fad ist. Es ist mir
wichtig, daß ich ihn während der Sitzungen nicht langweile. Wenn ich
auf der Couch liege und mich manchmal nach ihm umdrehe, kaut er an den
Fingernägeln. Na bitte, er hat auch ein Problem. Ich gehe gerne zu ihm. Er
ist irgendwie mein Typ. Ich könnte mir Sex mit ihm vorstellen, nein, nicht
in der Praxis, in meiner Wohnung. Ein akutes Problem, ein Selbstmordversuch,
natürlich kein echter, ich rufe ihn an, selbstverständlich kommt er,
ich liege verführerisch da, nur ein paar Tabletten zuviel, oder
ähnliches. Jeder Selbstmordversuch muß ernst genommen werden. Ihn
würde ich nie würgen. Ich will ihn nicht enttäuschen. Es
genügt, daß ihn meine Phantasien beeindrucken. Jedes Mal, wenn ich
zu ihm gehe, überlege ich lange, was ich anziehen soll. Ich bin ausgeruht
und frisch geschminkt. Die Geschichte mit der Verkäuferin findet er sicher
gut. Ich bin eine gute Erzählerin, ich weiß das.
Ich hoffe,
daß wir mit der Therapie nie fertig werden. Die Geschichte mit dem Hund
werde ich ausführlich schildern. Wahrscheinlich wird er dabei eine
Erektion haben. Ich kenne ihn doch. Ja, er ist ein Schwein. Und ein
bißchen pervers. Aber das stört mich nicht.
In den
Nachrichten höre ich, daß die Österreicher und
Österreicherinnen beim Spenden einen neuen Rekord aufgestellt haben. Ich
bin ehrlich beeindruckt und auch stolz auf mich. Ich betone es ungern und
trotzdem muß ich es wiederholen, auch ich habe großzügig
gespendet.