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Über die Zeitrechnung in der Liebe
Sylvia Treudl
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So wie jedem totalitären System wohnt auch der
Befindlichkeit "Liebe", die erweisenermaßen eine einzig
Einbanhstraß' ist, eine eigene Zeitrechnung inne
Vergiß die
Iden des März, den Napoleonischen Kalender, das chinesische Neujahr und
die Oktoberrevolution, die ja auch zu einem ganz anderen Zeitpunkt
stattgefunden hat (genau wie das Oktoberfest auf der Wiesn, das schafft,
nebenbei bemerkt, überlegenswerte Konnotationen). Gegen das "Kalendarium
der Liebe" ist das alles a matte Sache: vor - während - nach - DAS ist
Brutalität!
Vor bedeutet - im historischen Rückblick
- die Zeit Null, die Phase des meinungslosen Urschleims, des - wenn
überhaupt - absichtslosen Interesses, des verdrossenen Taumelns durch Zeit
und Raum.
Während ist zu differenzieren, ist komplexer,
ist zu unterscheiden in die Phasen
· anfängliche
Euphorie
· langsame Dämpfung/Abschwellung
· immer noch
ganz gut
· beginnend langweilig
· latent
aggressiv
· aggressiv
· latent
suizid/totschlaggefährdet
· Exitus
Die weitere inhaltliche
Aufgliederung des letzten Punktes würde hier zu weit führen.
Jedenfalls herrschen in der Phase während stabile, doch in
sich oszillierende Zeitachsen vor.
Es ist, basta. Die fatalen
Irrtümer, denen aufgrund dieses reduktionistischen Sätzchens
aufgesessen werden kann, müssen wegen ihrer Monstrosität leider
ebenfalls anderswo abgehandelt werden.
Wirklich von Interesse ist jedoch
Phase nach.
Nur wer immer diese je durchtobt hat, ist
imstande, mit der Frage nach historischer Wahrheit umzugehen.
In diesem
Stadium lernt das betroffene Subjekt, daß die Zeit ein fragwürdig'
Ding ist, ihre Berechnung schlicht unmöglich, und jedes System, in das
man/frau sich freiwillig begibt, die sprichwörtliche Gefahr bedeutet, in
der es sich ganz leicht umkommen läßt.
(Diejenigen mit
literarisch aus-oder eingebildetem Hintergrund haben leider keine gültige
Ausrede, denn schon im Wilhelm Tell ist nachzulesen, daß der Starke am
mächtigsten allein ist.)
Nach ist Dantes achter
Höllenkreis, von dem sich nicht einmal der göttliche Komödiant
ein Lapperl von einer Vorstellung gemacht hat, ist der ultimative Zusammenbruch
aller Pfeiler, die zwar von vornherein wackeln wie ein Lamperlschwanz, aber das
läßt sich in Phase während ganz gut ausblenden,
vor allem, wenn beide Architekten nicht nur schlechte Statiker, sondern auch
blind (vor Hmhm) sind, und der Treibsand, auf dem gebaut wurde, verwechselt
wird mit dem Schüttgut, das in einer ewiglich sich wendenden, never ending
Eieruhr hin und her rieselt, den Glücklichen schlägt keine Stunde,
Kunststück, bei einer Sanduhr.
Nun gut; alles andere ist beim Kollegen
Hemingway nachzulesen.
Phase nach vergreift sich nicht nur an
einst (sic!) gemeinsam angeschafften Kuckucksuhren oder Fotos, die ja den
hilflosen Versuch, Zeit zu bannen, darstellen.
Phase nach
giert nach handfesteren Methoden, das Band während zu
durchtrennen oder im hellen Wahn noch einmal mit dem Leukoplast früherer
Zuneigung flicken zu wollen, je nach Ausgangslage der/des
Ge/Beschädigten.
Interessanterweise beginnt Phase nach
längst in Phase während, womit wir bei einem
hochbrisanten, ungelösten Rätsel der Frage "Zeit und ihre Rechnung"
angelangt sind. Es ist wie in unrühmlichen
Mathematikschularbeitssituationen: Es gibt eine Gleichung und viel zu viel
Unbekannte - und sich mit diesen einzulassen wurde uns ja eigentlich schon im
Kleinkindalter verboten.
Die Fläche unter der Kurve interessiert
eigentlich auch nur MotorradfahrerInnen in Extremsituationen - also, was
soll's?
In Phase nach beweist das Phänomen "Zeit" seine
systemimmanente Ambivalenz, indem Minuten sich dehnen wie das längst
ausgeleierte Gummiband des einstens wirkunsvoll zum Einsatz gelangten
Seidenslips - oder dahinrasen wie der Pulsschlag in Anfangszeiten der Phase
während.
Nichts gilt mehr, eine Wüstenei tut sich
auf, Abende verkommen zum Ödland zwischen der Bar im Lieblingsbeisl, wo
auch nichts läuft, und dem stolpernden Heimweg auf hochgeklappten
Gehsteigen in den Schluchten des Nicht-vergessen-könnens. Der Begriff
"Morgengrauen" wird in seiner vollen Inhaltsschwere begriffen, die Stunden
zwischen dem ersten panischen Erwachen, kaum daß das bedauernswerte
Subjekt in die Auszeit der Zeit geglitten ist und sich haltsuchend an Morpheus'
Schulter gekuschelt hat, und dem mühseligen Beginn eines neuen Tages, der
rachsüchtig wieder nur eine exakt bemessene Anzahl von Stunden anbietet,
sind die wahre Pein der Phase nach.
Mit dem Meißel des
Folterknechtes schreibt die Zeit den Gepeinigten ihre Bedeutung in Form von
blauschwarzen Ringen unter die Augen ein.
Lebenszeit wird
verplempert.
Phase nach ist das Synonym für den
Totalzusammenbruch des Systems, das irgendwann das ultimative Konstrukt der
Abstraktion "Leben" bedeutete.
Je nach Flexibilität, persönlicher
und ökonomischer Asurichtung des Individuums dauert Phase
nach länger oder weniger lange.
An der
(Auf)Lösung der Frage von Phase nach wird derzeit von der
Verfasserin im Laborlangzeitversuch gearbeitet.
Verbindliche
Forschungsergebnisse werden noch vor Erlangen der Druckreife
(phasenübergreifend) verlässlich makuliert.
Sylvia Treudl, geb. 1959 in Krems, von 1985 bis 1997
Verlegerin im Wiener Frauenverlag / Milena, seit 1998 freie Autorin, liebt
Katzen, Inszenierungen, Motorräder und gut gekühltes Bier in dieser
Reihenfolge.