Podium 109 - Das darf doch nicht wahr sein

Zeit...

Über die Zeitrechnung in der Liebe

Sylvia Treudl

So wie jedem totalitären System wohnt auch der Befindlichkeit "Liebe", die erweisenermaßen eine einzig Einbanhstraß' ist, eine eigene Zeitrechnung inne
Vergiß die Iden des März, den Napoleonischen Kalender, das chinesische Neujahr und die Oktoberrevolution, die ja auch zu einem ganz anderen Zeitpunkt stattgefunden hat (genau wie das Oktoberfest auf der Wiesn, das schafft, nebenbei bemerkt, überlegenswerte Konnotationen). Gegen das "Kalendarium der Liebe" ist das alles a matte Sache: vor - während - nach - DAS ist Brutalität!
Vor bedeutet - im historischen Rückblick - die Zeit Null, die Phase des meinungslosen Urschleims, des - wenn überhaupt - absichtslosen Interesses, des verdrossenen Taumelns durch Zeit und Raum.
Während ist zu differenzieren, ist komplexer, ist zu unterscheiden in die Phasen
· anfängliche Euphorie
· langsame Dämpfung/Abschwellung
· immer noch ganz gut
· beginnend langweilig
· latent aggressiv
· aggressiv
· latent suizid/totschlaggefährdet
· Exitus
Die weitere inhaltliche Aufgliederung des letzten Punktes würde hier zu weit führen. Jedenfalls herrschen in der Phase während stabile, doch in sich oszillierende Zeitachsen vor.
Es ist, basta. Die fatalen Irrtümer, denen aufgrund dieses reduktionistischen Sätzchens aufgesessen werden kann, müssen wegen ihrer Monstrosität leider ebenfalls anderswo abgehandelt werden.
Wirklich von Interesse ist jedoch Phase nach.
Nur wer immer diese je durchtobt hat, ist imstande, mit der Frage nach historischer Wahrheit umzugehen.
In diesem Stadium lernt das betroffene Subjekt, daß die Zeit ein fragwürdig' Ding ist, ihre Berechnung schlicht unmöglich, und jedes System, in das man/frau sich freiwillig begibt, die sprichwörtliche Gefahr bedeutet, in der es sich ganz leicht umkommen läßt.
(Diejenigen mit literarisch aus-oder eingebildetem Hintergrund haben leider keine gültige Ausrede, denn schon im Wilhelm Tell ist nachzulesen, daß der Starke am mächtigsten allein ist.)
Nach ist Dantes achter Höllenkreis, von dem sich nicht einmal der göttliche Komödiant ein Lapperl von einer Vorstellung gemacht hat, ist der ultimative Zusammenbruch aller Pfeiler, die zwar von vornherein wackeln wie ein Lamperlschwanz, aber das läßt sich in Phase während ganz gut ausblenden, vor allem, wenn beide Architekten nicht nur schlechte Statiker, sondern auch blind (vor Hmhm) sind, und der Treibsand, auf dem gebaut wurde, verwechselt wird mit dem Schüttgut, das in einer ewiglich sich wendenden, never ending Eieruhr hin und her rieselt, den Glücklichen schlägt keine Stunde, Kunststück, bei einer Sanduhr.
Nun gut; alles andere ist beim Kollegen Hemingway nachzulesen.
Phase nach vergreift sich nicht nur an einst (sic!) gemeinsam angeschafften Kuckucksuhren oder Fotos, die ja den hilflosen Versuch, Zeit zu bannen, darstellen.
Phase nach giert nach handfesteren Methoden, das Band während zu durchtrennen oder im hellen Wahn noch einmal mit dem Leukoplast früherer Zuneigung flicken zu wollen, je nach Ausgangslage der/des Ge/Beschädigten.
Interessanterweise beginnt Phase nach längst in Phase während, womit wir bei einem hochbrisanten, ungelösten Rätsel der Frage "Zeit und ihre Rechnung" angelangt sind. Es ist wie in unrühmlichen Mathematikschularbeitssituationen: Es gibt eine Gleichung und viel zu viel Unbekannte - und sich mit diesen einzulassen wurde uns ja eigentlich schon im Kleinkindalter verboten.
Die Fläche unter der Kurve interessiert eigentlich auch nur MotorradfahrerInnen in Extremsituationen - also, was soll's?
In Phase nach beweist das Phänomen "Zeit" seine systemimmanente Ambivalenz, indem Minuten sich dehnen wie das längst ausgeleierte Gummiband des einstens wirkunsvoll zum Einsatz gelangten Seidenslips - oder dahinrasen wie der Pulsschlag in Anfangszeiten der Phase während.
Nichts gilt mehr, eine Wüstenei tut sich auf, Abende verkommen zum Ödland zwischen der Bar im Lieblingsbeisl, wo auch nichts läuft, und dem stolpernden Heimweg auf hochgeklappten Gehsteigen in den Schluchten des Nicht-vergessen-könnens. Der Begriff "Morgengrauen" wird in seiner vollen Inhaltsschwere begriffen, die Stunden zwischen dem ersten panischen Erwachen, kaum daß das bedauernswerte Subjekt in die Auszeit der Zeit geglitten ist und sich haltsuchend an Morpheus' Schulter gekuschelt hat, und dem mühseligen Beginn eines neuen Tages, der rachsüchtig wieder nur eine exakt bemessene Anzahl von Stunden anbietet, sind die wahre Pein der Phase nach.
Mit dem Meißel des Folterknechtes schreibt die Zeit den Gepeinigten ihre Bedeutung in Form von blauschwarzen Ringen unter die Augen ein.
Lebenszeit wird verplempert.
Phase nach ist das Synonym für den Totalzusammenbruch des Systems, das irgendwann das ultimative Konstrukt der Abstraktion "Leben" bedeutete.
Je nach Flexibilität, persönlicher und ökonomischer Asurichtung des Individuums dauert Phase nach länger oder weniger lange.

An der (Auf)Lösung der Frage von Phase nach wird derzeit von der Verfasserin im Laborlangzeitversuch gearbeitet.
Verbindliche Forschungsergebnisse werden noch vor Erlangen der Druckreife (phasenübergreifend) verlässlich makuliert.

Sylvia Treudl, geb. 1959 in Krems, von 1985 bis 1997 Verlegerin im Wiener Frauenverlag / Milena, seit 1998 freie Autorin, liebt Katzen, Inszenierungen, Motorräder und gut gekühltes Bier in dieser Reihenfolge.

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