Podium 108 - Theater

Hallimasch

Hermann Staffler

Eigentlich ist es eine fast alltägliche Geschichte: Ein Fabrikant hat einen Schuldenberg fabriziert und sieht nur noch einen Ausweg: Sich selbst und seine Familie zu erschießen. Diese Tragödie von der Chronikseite der Boulevardblätter wird mit den Mitteln der satirischen Überzeichnung, des Absurden aufgerollt. Schließlich spielt der "Hallimasch", ein parasitärer Pilz, der rauschähnliche Zustände hervorrufen kann, keine unwesentliche Rolle im Stück. Zwei Landgendarmen sind an der Aufklärung des Falles maßgeblich beteiligt Offenbar kam dem Gummibaumfabrikanten Kirsch die Billigkonkurrenz aus dem Osten in die Quere. Ausbaden muß das die Familie, zuerst die Frau, dann die beiden Kinder. Und die Gendarmerie immer dicht auf den Fersen. Ein Einschreiten ist jedoch erst nach begangener Tat erlaubt. Denn allzu zuvorkommend darf sie auch nicht sein, die Exekutive.

Landgendarm 1: Alles Wirkliche soll ja vernünftig sein hab ich gehört.

Landgendarm 2: Ja, das Wirkliche schon, aber wir haben es ja meist nur mit Realität zu tun und da ist Vernunft nicht drin.

Landgendarm 1: Wenn beim Schwanenwirt Sperrstund ist und unsere gesammelten Landwirte herausstolpern dann hat das mit Vernunft wenig zu tun, eigentlich gar nichts. was wir da oft aufheben müssen.

Landgendarm 2: Der Schwanenwirt hat sich ja selber aufgehoben Landgendarm 1: Das war ein Fall. In seinem eigenen Wirtshaus sein eigenes Wirtshaus zu versaufen. Er hat sich immer selber eingeladen

Landgendarm 2: Er war sozusagen bei sich.

Landgendarm 1: Einmal hat er versucht, sich Lokalverbot zu geben. Da war er sozusagen außer sich So einen Zorn hat er gehabt auf sich, da hat er sich selber die Tür eingetreten. er hat sich dann selber angezeigt Das war ein schwieriger Fall.

Landgendarm 2: Und?

Landgendarm 1: Wir haben den Fall dann an-und-für-sich sein lassen. (Rosa mit dem Pilz erscheint)

Landgendarm 2: He, Form Gestalt Wesen Kundschaft (Beide verbessern gegenseitig wie wild ihre Adjustierung)

Landgendarm 1: Also zuerst sagen wir: Guten Tag Landgendarm 2: Aha

Rosa: Guten Tag

Landgendarm 2: Und dann?

Landgendarm 1: erkundigen wir uns

Rosa: wonach?

Landgendarm 2: Sie sind still. wonach?

Landgendarm 1: Um den allgemeinen wie besonderen Zustand der Sicherheit. Ob etwa jene Person diesen zu gefährden beabsichtigt, eine Gefährdung desselben bereits vollzogen hat, oder sich allenfalls selbst gefährdet fühlt.

Rosa: Aha.

Landgendarm 2: Aha, also Guten Tag, gnädige Frau wie fühlen Sie sich? Ist dieser Pilz eßbar? Oder wollen Sie bloß ihren Mann um die Ecke bringen? Zeigt Ihr besonderer Zustand Tendenzen zur Abweichung vom allgemeinen Zustand der Sicherheit? Sie wissen, das können wir nicht dulden! Ist dieser Pilz dazu angetan, in irgendeiner Art auf das menschliche Nervensystem in bewußtseinsverändernder Weise einzuwirken? Herrgott, warum hab ich den Hund weggeworfen! gerade jetzt! Sie wissen, wir haben Mittel und Wege...

Landgendarm 1: Halt! Junger Freund. Sein Eifer rafft ihn immer wieder hinweg be-hut-sam!

Landgendarm 2 (schlägt sich an die Stirn, verzweifelt): Ach! Ja! Ich weiß! Ich kann das ja auch nicht mehr hören! Auch ich bin ein Mensch! Ein Mann! mit seinen Träumen! Ein einsames Herz, das sich nach einer Welt sehnt in der es keine Fragen mehr gibt, keine Fragen und so blöde schon gar nicht (Landgendarm 2 ist völlig fertig, fällt Rosa an die Brust, sie streichelt ihn, tröstet ihn. Landgendarm 1 schüttelt den Kopf.)

Landgendarm 1: Peinlich, peinlich Stimmungslagen, wissen Sie Auch ich hatte vorhin eine Phase, Phuu. Im Dschungel der Gesetze und der Dienstvorschriften sind wir alle mit den Nerven runter.

Rosa: Aber gehn´s Sie tun ja auch nur Ihre Pflicht Ich weiß es ja, hab es immer schon gewußt Landgendarm 2: Ich will meinen Hund meinen Hund ich hab ihn weggeworfen

Rosa: Ach, so ein Hunderl das wirft man nicht so einfach weg, das kommt schon wieder

Landgendarm 1: Wissen Sie, wir dürfen sein Vertrauen haben, wir müssen der Realität immer tief in´s Aug schaun höflich aber bestimmt rücksichtsvoll aber konsequent umsichtig aber hartnäckig freundlich aber korrekt. Wir wissen oft wirklich nicht wie wir das anstellen sollen und wir wissen schon gar nicht wohin das führt.

Rosa: Ja mei, das ist nicht leicht. Das ist ungefähr so wie bei Anna und Karl Kirsch wo man nie weiß, soll ich jetzt einen Kaffee aufstellen oder nicht. (zu Landgendarm 2) so geht´s wieder ein bißl. Könn´ ma jetzt endlich anfangen? (Landgendarm 2 löst sich von Rosas Brust, nickt, wischt sich die Tränen ab, atmet durch.)

Landgendarm 1: Kirsch? der Gummibaumfabrikant? Rosa: Was heißt da Fabrikant, das europäische Gummibaumimperium Kirsch! So eine nette Familie. Zwei Kinder, zwei Hund, zwei Pferde voller Blut aber nur eine Jacht in Italien Schulden ham´s glaub ich mehrere. Und da muß ich dann hin am Montag ja, und deswegen wollt ich sie fragen, ob Sie nicht mitkommen könnten (Landgendarm 2, der sich völlig gefangen hat, will wieder loslegen, Landgendarm 1 hält ihn sofort zurück.)

Rosa: Ja, also, es wird so sein: Ich werd mich zuerst wundern, daß die Tür noch zug´sperrt ist. Ich werd aufsperren und reingehen, zuerst einmal in die Küche. Dann werd ich rufen: "Frau Kirsch!" und ich werd keine Antwort erhalten Dann werd ich abermals rufen: "Frau Kirsch!" und ich werd abermals keine Antwort erhalten Schlaft sie noch? werd ich mir denken. Im Schlafzimmer ist sie aber nicht. Das Bett ist un-an-ge-tastet. Na sowas, werd ich mir denken, Sind´s gar wegg´fahrn. Und dann werd ich in´s Wohnzimmer gehn Und dort werd ich ganz laut und hysterisch schrein. Mein Gott! oder Jessas oder Himmel So genau werd ich mich nicht erinnern können, aber es ist eh alles das Gleiche jedenfalls, das Blut überall Auf dem Sofa Auf dem schönen Teppich. Und dann werd ich mir ganz bestimmt gedacht haben: 'Ob ich das jemals wieder rauskrieg'

Landgendarm 1: Ich sehe schon, Sie haben es auch nicht leicht

Rosa: Ach ja, immer wir, die Haushälterinnen müssen die toten Menschen finden.

Hermann Staffler, geb. 1955 in Meran, aufgewachsen in Erlauf, Melk/Donau, Innsbruck und Dornbirn, Studium der Theaterwissenschaften in Wien. Diverse Veröffentlichungen und Stipendien, Feuilletonistische Tätigkeit. Stücke: "Brabant zu Füßen" (UA einer freien Version 1997, W.U.T. im Rondell), "Hallimasch", "Allegoria", "Mayday" (in Arbeit). Aufführungsrechte beim Autor.

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