Podium 107 - Experiment |
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VorbemerkungIch verwende den Ausdruck "experimentell" im Titel völlig unhistorisch. Mir ist bewußt, daß es zwischen Expressionismus, Surrealismus, klassischer Avantgarde und sogenannter experimenteller Literatur etc. beträchtliche Unterschiede gibt. Aber am Ende dieses Jahrhunderts, wo eine offensichtliche Rückkehr zu konventionellen Formen stattfindet, scheint mir der Aufbruch in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts eine gemeinsame Wurzel zu haben. Mit "experimentell" meine ich eine Grundhaltung, die bereit ist, die Dinge neu zu ordnen und nicht alles beim Alten zu belassen. Diese Haltung, gespeist aus Neugierde und Wagemut, gibt es auch in den neunziger Jahren. Naiver BeginnAls ich Ende der sechziger Jahre zu schreiben begann, wollte ich zunächst einen Roman schreiben, scheiterte kläglich an diesem Vorhaben. Vorübergehend wollte ich aufgeben, dann überraschte ich mich dabei, daß ich weiterhin schrieb, ich gelangte immer mehr in einen Bereich, wo ich Sprache isolierte, gängige Formen auseinandernahm und neu zusammensetzte, aus einem Antrieb, der mir damals nicht so klar war. Nun hatte ich diese "Sprachstücke", die mir interessant erschienen, weil ich beim Schreiben einen inneren Aufbruch erlebte oder das Gefühl von Stimmigkeit und Bedeutsamkeit hatte. Bald darauf bot ich diese Kurzprosa, "Texte", verschiedenen Zeitschriften an, sie wurden gedruckt, ich folgerte irgendwie daraus, daß ich Anschluß an die Literatur gefunden hatte und nun weitermachen und veröffentlichen würde. Und damit begann das Dilemma. Das DilemmaWorin besteht es? Jedenfalls liegt es nicht im Schreibvorgang, wie oben skizziert. Ich kannte damals den Satz von Roland Barthes nicht, daß "die gesamte Literatur von Flaubert bis heute zu einer Problematik der Sprache geworden ist"1, wußte nichts vom "Schreiben als intransitive Tätigkeit" oder von Adornos Aussage über Dichtung, die "Erkenntnis (ist) als begriffsloser Gegenstand"2, aber ich hatte, ohne vorher viel gelesen zu haben, einen Weg beschritten, der mir Gesellschaft verschaffte und ein Selbstverständnis als experimenteller oder postexperimenteller Autor und die Illusion, daß die Literatur als gesellschaftliche Veranstaltung auf diese Weise fortgesetzt werden konnte. Heute lese ich die Sätze von Roland Barthes: "Jedesmal wenn der Schriftsteller einen Wortkomplex aufzeichnet, wird die Existenz der Literatur überhaupt in Frage gestellt. Die Modernität gibt mit der Vielfalt ihrer Schreibweisen die Sackgasse ihrer eigenen Geschichte zu erkennen"3 und denke mir meinen Teil. ParadigmenwechselIch bin auch heute noch der Meinung, daß eine sprachreflektierende Dichtung zeitgemäß und eine experimentelle Haltung, alle Momente und Elemente von Dichtung einbeziehend, nötig ist. Dies ergibt sich aus der Umkehrung traditioneller Positionen: Als Schreibende sagen wir nicht mehr mit Hilfe der Sprache etwas über die Welt, sondern wir thematisieren die Sprache. Hierher gehört das Zitat von Peter Weibel: "Wissenschaft projiziert in die Welt neue Sprachstrukturen, Literatur in die Sprache neue Weltstrukturen."4 Die potentielle Entwicklung des gesamten möglichen Sprachraums ist aber die Voraussetzung für eine solche Dichtung, und Experiment bedeutet daher Dekonstruktion und Neustrukturierung von Sprache. Ich denke aber, daß hier eine Frage gestellt werden muß, die nicht fehlen darf und die beantwortet werden sollte, nämlich welches Ziel ein solches Experimentieren verfolgt. Daß Experimentieren unsinnig wird, wenn es kein Ziel hat, kann man an Wissenschaft ablesen oder an sozialen Experimenten. Mir scheint, daß manche experimentelle Dichterinnen und Dichter im Experimentieren steckenbleiben, weil es zum Selbstzweck wird, indessen die radikalsten und konsequentesten Vertreter dieser Richtung immer am Rande des Verstummens sind oder die Erfahrung, die sie schreibend machen, intensiv befragen und herausfinden, daß sie dabei sind, die Regeln des Sprachspiels "Dichten" zu verändern, ein Vorgang, der Dichtung selbst umstürzt, unbrauchbar macht für die gewohnten Zwecke. Das Verstummen Rimbauds gehört letztlich hierher und Hofmannsthals Einsichten im Chandosbrief, aber auch Oswald Wieners Abkehr von der Literatur oder der Wechsel von so manchem und mancher in andere Medien. Nichts an der sogenannten Moderne und der nachfolgenden experimentellen Literatur (nun in historischer Perspektive) scheint mir falsch zu sein, mit Ausnahme des Umstands, daß Experimentieren nicht weit genug geht, daß es vielfach ein unverbindliches innerliterarisches Spiel geblieben ist, ohne zu bemerken, daß diese Art von Dichtung anders als bisher in die Gesellschaft eingesetzt werden müßte. Die Inkommensurabilität von Dichtung, die zeitgenössisch bezeichnet zu werden verdient, scheint das Problem zu sein, mit einem Wort ihre Unlesbarkeit. "Lesen" ist, meine ich, ein Verhalten, das auf eine alte definitorische Literatur paßt, die uns sagen will, wie die Welt beschaffen ist. Und noch immer versucht der Literaturbetrieb Leserinnen und Leser für eine Literatur zu finden, die in Wirklichkeit eine andere Funktion für die Menschen übernommen hat, keine Abbilder von der Welt und kein Paradigma gibt. Daher auch die Hilflosigkeit der Kritiker und Literaturwissenschafter, die eine derartige Literatur nicht mehr im üblichen Sinn interpretieren und aufschlüsseln können. Hier sind wir ganz in der Sackgasse angelangt, die Rezeption heißt und einem alten System angehört, in dem Literatur immer Repräsentation eines Allgemeinen (eingekleidet ins Besondere) ist, während experimentelle Autorinnen und Autoren bei sich die Erfahrung machen können, daß sie immer nur sich selbst im Spiegel weniger Augenblicke zum Ausdruck bringen und kein Wissen und keine Botschaft mehr besitzen, nichts mitzuteilen haben außer die merkwürdige Erfahrung, daß sie sich WIRKLICHER fühlen, wenn sie schreibend Ich-Welt-Sprache gleichermaßen reflektieren, ohne über WIRKLICHKEIT etwas Verbindliches sagen zu können. "Der Unterschied ist der von symbolischer zu reproduktiver Redeweise", sagt Helmut Heißenbüttel in seinen Frankfurter Vorlesungen von 1963. Und weiter: "Statt des sprachlichen Illusionsraums bildet sich die sprachliche Verdopplung der Welt aus. Das mündig gewordene Echo, das die symbolische Redeweise zurückließ, ist nun allumfassend (ein Code gleichsam, dessen Klartext nicht existiert oder zu dem die Welt erst immer den zum Code hinzugehörigen Klartext nachbilden muß), so daß sich das Verhältnis umzudrehen beginnt und die reale Welt der sinnlichen Erfahrungen wie ein Code erscheint, in dem der Klartext dieser Literatur immer neu verschlüsselt wird."5 Dies klingt nach Reichtum, der offensichtlich in der Vielfalt der Formen liegt, die eine experimentelle Grundhaltung zutage fördert. Und diese Vielfalt erinnert an die Hervorbringungen der Natur, die aus einer unerschöpflichen Quelle zu stammen scheinen. Viel deutet darauf hin, daß es dem zeitgenössischen Schreiber (der Schreiberin), sofern sie in diese Richtung hin sich bewegen, nicht mehr so sehr um das einzelne Werk geht als um den schöpferischen Ursprung, der im Schreiben erfahren wird. Dies revolutioniert das Dichten, verändert die Möglichkeit der Rezeption. Gehen wir von Heißenbüttels Klarstellungen aus, (Weltverdopplung), sind die Werke einer neuen Literatur tatsächlich wie Naturgegenstände zu betrachten. An dieser Stelle habe ich eine Frage parat, die mir die neue Lage zu verdeutlichen scheint. "Was bedeutet ein Baum?" - Ein Baum kann angeschaut, sein Anblick kann genossen werden, wir fühlen vielleicht eine undefinierbare Übereinstimmung, wenn wir in Kontakt treten, aber wir können nicht sagen, was er bedeutet. Er bedeutet nichts, sondern er IST. Bezogen auf Literatur sind es die falschen Fragestellungen und Einordnungen, die Verwirrung stiften. Und ich bin versucht zu sagen: Vielleicht ist die Literatur am Ende, aber das Schreiben ist noch lange nicht am Ende. Ziel des Experiments" was noch immer Literatur genannt werden muß " (Helmut Heißenbüttel) Ein paar Notizen aus letzter Zeit: Neue "Literatur" bringt uns die Gewißheit, daß wir mitten im Fremden sind, daß wir uns nicht kennen und die Welt nicht kennen können. Die neue "Literatur" (heute gilt sie als veraltet) ist ein menschlicher Reflex auf Welt mit Sprache, der uns die Gewißheit gibt, daß wir existieren, was ein wunderbares Gefühl ist. Sich wirklich zu fühlen, wenngleich wir über unsere Wirklichkeit nichts mehr aussagen können. Alle Sprachweltenentwürfe relativieren sich gegenseitig; die Bedeutung der Welt ist unklar. Aber daß der Mensch die Sprache hat, hat für ihn Bedeutung. Der "Text" ist am ehesten eine Metapher für Raum und Zeit (und deren illusionären Charakter). Und das Erlebnis des Textes - vor allem seine Herstellung - ist ein Modell dafür, wie alles andere, unsere gesamte Lebenswirklichkeit, wahrgenommen werden soll. Und dies ist die Lehre. Und ist aber auch der Grund dafür, daß der zeitgenössische Dichter dichtet und wieder verstummt. Wenn er die Lehre begriffen hat, braucht er nicht mehr dichten und nicht mehr "lesen", um die fundamentale Erfahrung zu machen, daß das Wesentliche der Wandel der Formen ist, an deren Ursprung die Leere steht.6 Gertrude Steins "Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose usw." Eine Rose ist eben nichts, das man mit anderen Worten beschreiben könnte. Wenn ich einen Text darüber verfasse, was ein WASSERKNIE ist (oder ein Feuerknie oder Laugenknie oder Taubenknie oder Schraubenknie, Haubenknie, Traubenknie) so ist dies eine experimentelle Vorgabe oder ein Koan. Neue "Literatur" hat durchwegs dieses Verfahren, über etwas zu sprechen, das es nur in der Sprache gibt. Das, was man heute "Text" nennt, wirft ein Licht auf die menschliche Bestrebung, die Dinge mit Bedeutung versehen zu wollen. Der Text entlarvt den Mechanismus und zeigt die zugrunde liegende seelische Disposition. Wir schreiben nicht über Verhältnisse und Dinge. Wir schreiben über unser Motiv, die Welt verstehen zu wollen. Wenn wir das verstanden haben, haben wir - vielleicht - alles verstanden. Die neue "Literatur" stellt sich bewußt neben das Leben, um das Leben vom illusionären Bedeutungsnetz der Sprache zu befreien. Sprache als Reaktion auf und nicht als Beschreibung von Welt ist ein Befreiungsakt. Sowohl die Sprache wird befreit als auch die Welt. Bezogen auf das Subjekt ist Schreiben ein Erkenntnisakt (im Sinne Adornos).
Gerwalt Brandl, geboren 1939 in Wien. Autor seit 1969. Veröffentlichung von Prosa, Hörspielen, Gedichten, visuellen Texten. Leiter der "Schreibwerkstatt Stöbergasse". Lebt in Wien. |
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