Podium 106 - Türkei

Rum

Enis Batur

ln einem Kaffee am Savigny Platz spielt sich die ganze Szene ab.

Ein Intellektuellenkaffee; gehüllt in dicken Zigarettenrauch,

das Kratzen des Grammophons im Eck übertönt

Lottes Stimme, die ein Lied von Kurt Weil singt.

Der Mann sitzt alleine und trinkt einen Rum nach dem anderen.

Betrachtet man seinen Kamelhaarmantel, die Churchs an seinen Füßen

und die Zigarre, die er raucht, dann ist er entweder

ein lebenserfahrener Lektor bei Suhrkamp oder

ein von Düsseldorf oft hierher fahrender Antiquitätenhändler.

An einem Ende seiner Gedanken ist Robinson Crusoe,

der Zwieback aus dem versunkenen Schiff trocknet; am anderen Ende

seine Mutter, die sich in der Nacht, als sie zum letzten Mal die Mascha spielte,

im Bad die Adern aufschnitt.

Enis Batur gilt als Pionier unter den zeitgenössischen Essayisten und Lyrikern in der Türkei. Geboren 1952 in Eskisebir. Seit 1970 zahlreiche Gedichts- und Essaybände, bedeutende Initiativen im Bereich Kunst und Kultur.

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