Podium 105 - Kinderliteratur

Tagträume

Kaspers heller, zappliger Schatten...

Birgit Schwaner

Ich weiß nicht mehr wo, doch irgendwo las ich von einem, der sich erinnerte, daß ein überzeugter Hitlerjunge ihm erzählt hatte: immer, wenn er sich davor fürchte einen Befehl auszuführen, überlege er, was Old Shatterhand (oder war's Winnetou ?) in seiner Lage täte. Dann fühle er sich mutiger.

Der, dem's erzählt wurde, betrachtete fortan Karl Mays Wild-West-Rabauken mit anderem, wesentlich vorsichtigerem Blick. Vielleicht wie man frühere Freunde ansieht, denen man nicht mehr traut, weil sie sich als dubiose Opportunisten zeigten. Und er begann (soweit jetzt ich mich erinnere), anläßlich dieser Entdeckung der schnellen, generellen Verfügbarkeit mancher Helden zu reflektieren, ob es nicht mit großen oder kleinen Archetypen, Mythen, Idolen so beschaffen sei, daß sie wie Schaufensterpuppen mit ideologischer Kleidung verschiedenster Couleur behangen werden können. Daß sie dann einfach ihr junges, leeres Profil jedem Zuschnitt anpassen würden. Jenseits von Gut und Böse.

Desto stromlinienförmiger wohl, je gröber und dicker in einer Erzählung der moralische Trennbalken über den Zeilen hängt, also je schärfer, je schlichter die Welt als in zwei Hälften zerteilt beschrieben wird. Hie die weiße, da die schwarze Seite. Innen das ordnende Licht, außen das unberechenbare Dunkel und dazwischen ein Held, der die Laterne des Schönen und Wahren in die grausame Nacht trägt und für Gerechtigkeit sorgt ... nennen wir ihn ruhig Old Shatterhand oder Robin Hood. Auch die Protagonisten, Projektionstypen, aktueller Abenteuer- oder Polizistenfilme in Kino und TV lassen sich nahtlos anschließen. Und der Sachverhalt, daß auf dem Monitor zunehmend Frauen im Bereich verwegener Männerbundphantasien reussieren, ändert nicht viel daran: Spannung entsteht unter anderem durch Identifikation mit Figuren, die Gefahren, Abenteuern und möglichst unsympathischen Feinden ausgesetzt sind. Figuren, denen Ungwöhnliches begegnet und die sich irgendwie zurechtfinden, Probleme lösen, erfahrener werden - oder auch nicht. Das ist zunächst ein strukturelles Moment. Die Bewährungsproben können in diversen Kontexten stattfinden, sind eingebettet in diverse, unterschwellige Botschaften.

Schon aus Kinderbüchern sind wir hiermit vertraut. Der Märchenritter, der ausreitet, um drei Drachen mit sechs, zwölf und vierundzwanzig Köpfen zu töten und zur Belohnung die schöne Prinzessin einzuheimsen, gab das Muster vor. Auch Odysseus, Herakles, Gulliver, Robinson Crusoe usw. zeigten, daß man allemal Erstaunliches sieht und erfährt, wenn man mutig, schlau und wendig ist, daß auch Einsamkeit in der Wildnis kein Grund sein darf, aufzugeben ... Erzählungen, aus denen viele Kinder - es gibt genug, die kein leichtes Leben haben - per Tagtraum neue Daseinslust schöpften (und zum Glück die Faszination, die es braucht, mancher Strafandrohung im Falle des 'Nichtbravseins' standzuhalten).

Old Shatterhand, der des öfteren auf deutschnational gesinnte Landsleute stößt, war sicher trotzdem auch das Vorbilder manches Jungen, der dann in den 30er, 40er Jahren zum Widerstandskämpfer wurde. Oder manches Mädchens - das sich bis Ende der 60er Jahre im Anschluß an Pippi Langstrumpf in ihren Büchern öfters männliche Projektionsfiguren suchen mußte, wenn sie davon träumen wollte, die Welt zu erkunden. (Meine Schwester zum Beispiel kaufte sich Anfang der 70er Jahre ein Moped - was in einer nordhessischen Kleinstadt damals noch Aufsehen erregte. Kurz vorher hatte sie aufgehört, ihre gesammelten Karl-May-Bände weiter zu zerlesen - doch fragt sich, ob ihr nicht die Erinnerung an Winnetou und Kara Ben Nemsi den Wunsch nach erlebnisreichem Freiraum unterstützte. Die Enid-Blyton-Bücher mit ihren Mädcheninternatsgeschichten tragen hier sicher keine Verantwortung.)

Es könnte doch sein, daß die liebsten Buchfiguren der Kindheit - die wir mit unseren wie auch immer gearteten Tagträumen verbanden - so etwas wie helle Schatten werfen, bis ins Erwachsenenleben. Daß sie auch Jahrzehnte nach ihrer Lektüre irgendwo in den Köpfen ihrer ehemaligen Leser weiterexistieren, zuunterst all der anderen Charaktere und Vorstellungen, die im Lauf der Jahre darübergestülpt wurden. Daß vielleicht vor allem die ersten, zweiten und dritten Bücher wichtig sein können, und ihre Qualität.

Wer als Kind "Alice in Wonderland" mehrmals las, wer auch Till Eulenspiegel kennenlernte - hat zugleich eine Grundlage zur psychischen Lebensbewältigung mitbekommen können, die im ersten Fall auf der Stärke der Phantasie, im zweiten Fall der subversiven Kraft des Witzes beruht. Der helle, zapplige Schatten eines Kasperls aus Jugendtagen könnte, wieder aufgetaucht, vielleicht zu Mutigerem veranlassen als der Gedanke an Winnetou. Gerade er sollte in seiner anarchischen Individualität, die beweglich bleibt, kompromittierend und entlarvend (was Machtverhältnisse angeht) nicht vergessen werden. Anders als etwa Prinz Eisenherz hätten weder er noch Harlekin und ihre Verwandten (zu denen auch Pippi Langstrumpf gehört) kollektiv-autoritär vereinnahmt werden können. Wollte einer oder eine ihn zum Vorbild für martialische Taten frisieren - heraus kämen Schwejk und Don Quijote.

Oder eine Bemerkung zum Thema Gerechtigkeit (etwas, was sehr oft Täter gegenüber ihren Opfern einfordern) wie die von H.C. Artmann, der manches Stück Kasper-Literatur produzierte. Und einen jungen Mann, der ihn interviewte, sinngemäß folgendes wissen ließ: Gerechtigkeit ist, wenn in einem amerikanischen Western Clint Eastwood in einen mexikanischen Saloon stolpert. Am Tresen lehnen drei Mexikaner. Clint Eastwood zieht seinen Colt, schießt sie der Reihe nach tot. Vor dem Saloon wartet die schöne Frau, um die es geht. Sie reicht dem Cowboy, der wieder hinauskommt, ihren Arm und fragt ihn charmant: Warum haben Sie das für mich getan? Er antwortet männlich: Weil ich die Gerechtigkeit liebe, Madame.

Soviel nochmals zum Thema Helden, das mehr als in der Kinderliteratur gegenwärtig wahrscheinlich auf Monitoren (Fernseher und Computerspiele, inklusive Merchandise-Produkten) und in Comics sein Revival erlebt, passend zur sogenannten Liberalisierung der Wirtschaft - und zum Abbau des (sogenannten) Sozialstaates, der den Abbau sozialen Denkens einzuleiten scheint.

"Es kommen härtere Tage" - eine Vorahnung, auf die man sich anscheinend einstellen muß. Geben wir also unseren Kindern die richtigen Büchern. Gerade jetzt gibt es noch genug davon. Lassen wir sie nicht brav werden, sondern gewitzt.


Birgit Schwaner, geb. 1960, bundesdeutsche Wien-Immigrantin, arbeitet als Kulturpublizistin mit den Schwerpunkten Literatur und bildende Kunst; 2000 erhielt sie den Siemens-Preis "Litera-Technik-Tour"

Heft bestellen