Podium 105 - Kinderliteratur |
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Nie zuvor waren Kinderbücher so leicht und in solcher Vielfalt erhältlich wie heute. Fast jedes Buchgeschäft in den USA hat eine Kinderabteilung, und es gibt viele Läden die sich auf Kinderliteratur spezialisiert haben. Schulbibliotheken haben eine dramatische Wachstumsrate, und öffentliche Büchereien liegen im ständigen Wettbewerb miteinander sowie mit Leseklubs, Sommerprogrammen, und speziellen Aktionen. Zur gleichen Zeit verbringen Kinder im Durchschnitt weniger Zeit mit Lesen als noch vor zehn Jahren, und fallen leicht Zeitvertreiben wie Fernsehen oder Videospielen zum Opfer. Die meisten Kinderbücher am Anfang des 20. Jahrhunderts wurden nicht für das Vergnügen oder die Unterhaltung geschrieben, sondern um den Jüngsten moralische Lehren zu erteilen. Selbst Bilderbücher waren weit entfernt von den oft goldigen Pappbüchern, die wir heutzutage so schätzen. Einige waren regelrecht grausig, nicht ungleich dem berühmt-berüchtigten "Struwelpeter". Das änderte sich mit der Zeit, und aus diesen Büchern wurden Geschichten, die Bildung mit Vergnügen verbanden. Die meisten Leute konnten es sich jedoch nicht leisten, dutzende Bücher zu kaufen und waren daher abhängig von Schulen und öffentlichen Büchereien, welche mit ihren Bestellungen bis in die siebziger Jahre die große Mehrheit des Geschäftes in der Kinderbuchindustrie ausmachten. Dann passierte etwas merkwürdiges - mehr und mehr Bücher wurden sowohl als Hardcover als auch als Taschenbuch herausgegeben, manche sogar nur als Taschenbuch, und waren somit leichter erschwinglich. Zur gleichen Zeit erhob die christliche Rechte ihren Kopf, aufgerüttelt durch die Studentenunruhen der Sechziger, was zum Verbannen einiger Bücher in Büchereien überall im Lande führte, ein Umstand, der traurigerweise auch heute noch anhält. Bücher werden meistens aus religiösen Gründen - vielleicht wird eine heidnische Göttin im Text erwähnt, womöglich in einem positiven Zusammenhang - oder moralischen Gründen, wie zum Beispiel einen der Charactere nackt herumlaufen zu lassen. In diese Kategorie fallen auch die "Vergehen", eine Einelternfamilie als glücklich darzustellen, oder für sexuelle Situationen unter Heranwachsenden zu beschreiben. Das bewirkte den Abschied vom freien Denken und der Trennung von Kirche und Staat. Etabliert wurde die Zensur. Zu diesem Thema sagt Judy Blume, eine der Kinderbuchautorinnen, deren Arbeit am stärksten verfolgt wird und deren Bücher unter Kindern von der Vorschule bis zu Teenagern, sehr beliebt sind: "Was mir Sorgen macht sind nicht die Bücher die momentan unter Beschuß sind. Es sind die Bücher, die nie geschrieben werden. Bücher, die nie gelesen werden. Und alles wegen der Angst vor Zensur. Wie immer, die wirklichen Verlierer werden die jungen Leser sein." (Von Judy Blumes Website: http://www.judyblume.com) Natürlich steht immer noch jede Menge wundervolles Material zur Verfügung. Besonders bei Kinderbüchern habe ich eine Steigerung der Qualität sowohl beim Inhalt als auch bei der Illustration feststellen können. Diese Bücher für die Jüngsten werden zum Großteil liebevoll hergestellt, sind stabil, und haben Bedeutung. Das Angebot an Büchern für ältere Kinder, von den jüngsten Lesern bis zu Jugendlichen, hat heutzutage im allgemeinen eine größere Vielfalt und die Geschlechtern der Titelhelden sind besser ausbalanciert als noch vor wenigen Jahren.
Einige der Titel sind schon alleine ausreichend, Eltern das Grausen zu lehren: "Goosebumps", die erfolgreichste dieses Genres ist ein Beispiel, Barf-O-Rama ("barf" im Englischen heisst so viel wie "kotzen") und "Gross-Out" (Ekeln) zwei weitere. Der jüngste Erfolg in diesem Metier ist "Animorphs", eine Serie kaum über dem Level von Analphabeten, voll von Rechtschreib- und Grammatikfehlern und mit Handlungen, die nicht ganz das Niveau von Arkadespielen erreichen. Wenn man solche Bücher liest fängt man an den "heißen" Serien von gestern nachzutrauern, etwa "Hardy Boys" und "Nancy Drew". Es ist jedoch nicht ganz hoffnungslos - diese Dinge sind Zyklen unterworfen, und es ist heute schon nicht mehr wirklich cool, "Goosebumps" für die freie Lesestunde in die Schule mitzubringen. Der Ersatz ist momentan "Animorphs", aber man soll die Hoffnung nicht aufgeben, daß bald eine neue, bessere Serie den Platz einnimmt. Im allgemeinen bemerke ich einen alarmierenden Mangel an Manuskriptbearbeitung und Korrekturlesen. Kaum eine der Veröffentlichungen ist makellos. Sicherlich können einige Fehler der Druckerei unterlaufen. Aber es ist genauso sicher, daß der konstante Versuch der letzten Jahre, die Produktionkosten zu drücken zu einer schwindenden Zahl von Redakteuren, zum gänzlichen Überspringen von Vorabdrucken für Korrekturleser und damit zu Produkten minderer Qualität geführt hat. Dies addiert sich mit der Tatsache daß die Herstellung als solche nicht an den Standard der Vergangenheit herankommt, manchmal fallen Taschenbücher schon nach dem vierten Durchlesen auseinander. Wenn man dann bedenkt, daß die Lese- und Schreibfähigkeit des Durchschnittamerikaners wesentlich unter der der meisten Europär liegt - und der Trend zeigt nach unten, wenn man den Statistiken glauben darf -, dann zeichnet sich ein wahrlich furchterregendes Bild ab. Ein Land, in dem die Qualität der Schulbildung vom Einkommen der Bürger einer Nachbarschaft abhängt, da Schulhaushalte durch lokale Grundstückssteuern finanziert werden, und die Durchschnittszahl an Kindern mit der Armut porportional steigt, kann es sich nicht leisten daß seine Bücher von solch schlampiger Ausführung sind. Ein anderer alarmierender Trend ist die Auflösung vieler unabhängiger Buchhandlungen. Das letzte Jahrzehnt sah eine stätige, aggressive Zunahme an Zweigstellen der großen Buchhandelsketten, etwa "Barnes &Noble" oder "Borders". Durch den immensen finanziellen Rückhalt können sie Bücher oft zu einem Spottpreis anbieten, während sie zur gleichen Zeit einen Profit von 12 bis 14 Prozent machen, gegenüber den vier bis fünf Prozent ihrer kleineren Konkurrenten. Weil diese Riesen schon von Natur aus mehr an Profit als an dem Verfügbarmachen von Ideen interessiert sind, tendieren sie dazu, ihre Zweigstellen mit den Büchern von konventionellen Autoren zu bestücken, und seltener mit risikoreichen unkonventionellen Bänden. Das müßte nicht notwendigerweisse eine schlechte Sache sein, würde dieses Verhalten nicht die kleinen Läden wettbewerbsunfähig machen, die sich über Jahre ihren Idealismus bewahrt haben, und nun resigniert aufgeben müssen. Das führt auf lange Sicht dazu, daß kleinere Verlage ebenfalls schließen müssen, weil die Buchriesen mit ihnen kein Geschäft machen, und junge Autoren somit die Gelegenheit verlieren, ihre Arbeiten zu verkaufen. Wie sagte es Judy Blume so schön? "Junge Leser werden die wirklichen Verlierer sein". All diese Entscheidungen werden in den Zentralen der Buchkonzerne getroffen. Die Haltung in den Zweigstellen ist erfreulicherweise oft eine ganz andere, wie ich zu meiner Zufriedenheit feststellen konnte, als ich mit einer der leitenden Mitarbeiterinnen der Kinderbuchabteilung des "Barnes & Noble" in Tucson, Arizona über die Industrie im allgemeinen und Trends im besonderen sprach. Kylas Meinung nach hilft das Aufputschen durch die Medien den Verkaufszahlen weniger als angenommen. Ein Beispiel dafür sind die "Goosebumps", die Buchserie, die nun ihre eigen TV Serie, Spielzeuglinie und Bastelsets hat, und "Animorphs" die Serie, die "Goosebumps" ganz ohne die Unterstützung des oben genannten Werberummels nur wenige Monate nach der Erstveröffentlichung vom Thron stürzte. Die große Ausnahme ist die erfolgreichste Talkshawmasterin aller Zeiten, Oprah Winfrey, was in Buchkreisen sehr wohl bekannt ist. Wenn sie in ihrer Show ein Buch erwähnt, kann das ein Ansteigen des Verkaufs von bis zu 1000 Prozent bewirken. Zumindest in unserem B&N vor Ort machen Kinderbücher gut und gerne zehn Prozent des gesamten Umsatzes aus, was einer Gesamtzahl von etwa 40 Büchern pro Tag entspricht, und nur von erzählender Literatur für Erwachsene übertroffen wird. Eltern tendieren dazu Klassiker zu kaufen, in Hardcover für Feier- und Geburtstage, als Taschenbuchausgabe zwischendurch, aber Kyla bemerkt daß es auch neue "Klassiker" gibt, beispielsweise Maya Angelou, eine der bekanntesten schwarzen Schriftstellerinnen der Nation. Kyla betrauert auch den Mangel an Manuskriptüberarbeitung, bemerkt aber daß sich Bücher und Serien von besserer Qualität hartnäckig halten. Die Buchhandlung versucht, diesen Trend mit Leseklubs zu unterstützen. Da ist zum Beispiel eine Gruppe von Mädchen zwischen acht und zehn, die sich regelmässig trifft um neue Folgen aus der Serie "American Girls Collection" (eine Serie, die auf dem Leben von Mädchen während verschiedener Epochen der USA basiert) zu diskutieren und um zeitgenössische Dinge zu basteln oder Spiele der entsprechenden Periode zu spielen. Ein neuer Trend, dem Kyla nicht so positiv gegenüber steht, sind die "Disney's Talking Books". Dies sind Bilderbücher, meistens basiert auf Märchen, mit kleinen Knöpfen, die den Kindern die Geschichte elektronisch vorlesen können. Es ist eine wahrlich traurige Entwicklung, Eltern einen weiteren elektronischen Babysitter in die Hand zu geben, anstelle daß sie ihren Kindern vorlesen. Eine Entwicklung, die Kinder davon abhält für selbst lesen zu lernen und so die Freude dieses wundervollen Zeitvertreibes zu entdecken. Im großen und ganzen kann man den momentanen Zustand der U.S.-amerikanischen Kinderliteratur als eine bunte Mischung bezeichnen. Es gibt schlichtwegs wundervolle Bücher, die nur darauf warten, geöffnet zu werden und den Leser in eine Welt der Phantasie, Ideen und Inspiration zu entführen, aber diese Bücher sind manchmal schwer zu finden. Es mag sein, daß entschlossene Eltern, die sich nicht scheuen, sich in die Bildung ihrer Kinder einzumischen, graben müssen, um unter all dem Glitter die wirklichen Schätze zu finden, die nur darauf warten entdeckt zu werden. Sylvia Lau-McDonald, geboren in Deutschland, lebt in den USA, wo sie Beiträge für das "Speaking Tree Magazine" verfaßt. |
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