Podium 103 - Zeit |
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Das Schaffen von Alois Vogel ist einerseits so umfangreich - er ist ja seit mehr als fünfunddreißig Jahren als Schriftsteller tätig - und andererseits so vielfältig und vielschichtig, was seine Themenauswahl betrifft, daß es kaum möglich ist, es unter einem Aspekt zu besprechen. Er ist Autor von mehr als ein Dutzend Lyrikbänden, einigen Hörspielen, fünf Romanen und anderen Prosawerken. Er gilt als ein ausgezeichneter Literaturkenner, -kritiker und -verbreiter. Ab 1962 hat er ca. 1000 Artikel über moderne Kunst und Literatur, Rezensionen, Radiosendungen und Katalogvorworte geschrieben. 1971 hat er zusammen mit seinen Freunden Wilhelm Szabo und Alfred Gesswein den Literaturkreis PODlUM gegründet, der zahlreiche Literatursymposien organisierte und bis heute zwei wichtige Publikationen herausgibt. Das sind die Vierteljahreszeitschrift PODlUM, die voriges Jahr ihr 25. Entstehungsjubiläum feierte, und die Reihe Lyrik aus Österreich, die bis zum heutigen Tag über siebzig Bände gebracht hat. Alois Vogel setzte sich auch für seine Kollegen ein, wie z. B. für Walter Buchebner und Otto Laaber, die beiden Lyriker, die freiwillig aus dem Leben geschieden sind. Er gab Bücher aus dem Nachlaß von Walter Buchebner heraus. Nicht ohne Grund wurde er von Hans Heinz Hahnl als ,,ein gut(er) Geist der Literatur" bezeichnet, der ,,selbstlos und weitgehend unbedankt mehr für die österreichische Gegenwartsliteratur, für ihre Verbreitung, Propagierung und Geltung als irgend jemand in diesem Lande getan (hat)" 1 Das Engagement für die Kunst ist für Alois Vogel selbstverständlich. Diese Parole verwirklicht er auch in seinem Schaffen, er vertritt die Auffassung, daß es eigentlich keine Literatur gebe, die nicht engagiert sei. Seine Aufgabe als Schriftsteller sieht er darin, daß er zur Zeugenschaft verpflichtet ist, weil ,,alles jederzeit wiederholbar ist. Weil da und dort die Zeichen darauf hinweisen, daß ähnliche Situationen reifen und daß andere Generationen vor ähnliche Probleme gestellt werden" 2 Eine solche Haltung resultiert wahrscheinlich aufgrund seiner Kriegserlebnisse in der Jugendzeit, denn ,,die Kriegserfahrung ist für einen Schriftsteller oft ein entscheidendes Erlebnis, von dem er nicht mehr loskommt" 3, wie Ernest Hemingway in seinem Roman Die grünen Hügel Afrikas feststellt. Alois Vogel gehört, meiner Meinung nach, zu solchen Schriftstellern. Er ist am 1. Jänner 1922, in den Zeiten der wirtschaftlichen Weltkrise in Wien-Favoriten zur Welt gekommen. Dadurch hatte er ,,die Gnade der späten Geburt" 4, wie er in seinem vor kurzem veröffentlichten Lyrikband schreibt, nicht. Er konnte seine Träume vom Musizieren oder von der Gärtnerei nicht verwirklichen, da er im Alter von 18 Jahren in die deutsche Wehrmacht eingezogen wurde. Er kam nach Rußland, wo er, von den Menschen und von der Landschaft angetan, das erste Mal versuchte, ,,Geschautes festzuhalten, Zeugenschaft zu geben für Erlebtes, Zeugenschaft für Gewesenes" 5 Die Erinnerungen an die Ukraine werden bereits in einem der ersten Lyrikbände Zwischen Unkraut und bIühenden Bäumen zurückgerufen. Man kann in den diesem Land gewidmeten Gedichten die Empfindlichkeit, die einen Maler auszeichnet, erkennen. ln den nächsten Bänden, die in den siebziger Jahren erschienen sind, das sind: Sprechen und Hören und Im Auge das Wissen werden die ersten Versuche der ,,Vergangenheitsbewältigung" deutlich. Alois Vogel scheut nicht, schwierige Fragen zu stellen, wie z. B. die der Verantwortlichkeit Österreichs an den Greueln des Zweiten Weltkrieges; eine Frage, die man gerne vergessen möchte, die man verschweigt. Von Auschwitz, Buchenwald oder Mauthausen spricht man besser nicht, ,,immer war es der andere / der diese Juden vergaste", schreibt er im Gedicht Sprechen wir von etwas anderem. 6 1977 entsteht der Roman SchIagschatten, der auch eine Abrechnung mit der Vergangenheit darstellt. Seine Handlung spielt im Jahre 1934. Es werden die Ereignisse des Bürgerkrieges im Februar, in denen die Sozialdemokraten von den Christlichsozialen niedergeschlagen worden sind, dargestellt. Die Handlung erstreckt sich auch auf den Juliputsch der Nationalsozialisten, in dem der damalige Bundeskanzler Dollfuß ermordet worden ist. Bemerkenswert ist die Geschichte der Veröffentlichung dieses Romans. Es dauerte nämlich etwa 10 Jahre, bis das Buch von dem Verlag Kremayr & Scheriau herausgegeben wurde. Der Roman Schlagschatten und seine Fortsetzung Totale VerdunkeIung werden als Versuche einer literarischen Aufarbeitung österreichischer Zeitgeschichte angesehen, was im Bereich des Romans und des Dramas in der österreichischen Literaturgeschichte der Gegenwart nicht oft der Fall war. 7 Neben Alois Vogel beschäftigten sich mit dieser Thematik u. a. Elias Canetti, Heimito von Doderer, Gerard Fritsch, Reinhard Federmann, George Saiko und Hans Lebert. ln diesen Romanen zeigt der Autor die Anfälligkeit des Menschen für Diktaturen und ,,weist auf die Verantwortlichkeit hin, die der einzelne jedem einzelnen gegenüber hat" 8. Diese persönliche Verantwortung jedes einzelnen Menschen, die Freiheit der Entscheidung, könnte man als eine Art von Motto für das ganze Schaffen von Alois Vogel bezeichnen. SchIagschatten ist eine simple Geschichte, die von drei verschiedenen Perspektiven, d. h. von den Hauptprotagonisten, erzählt wird. Es sind Richard Wohlleben, ein Heimwehrmann, Hans Brünner, ein Schutzbündler, und seine Frau Leni, Personen, die zwei feindlichen politischen Lagern angehören. Sie werden miteinander konfrontiert in einer Situation, in der sie sich menschlich verhalten sollen, d. h. sie sollen einander Hilfe leisten, ungeachtet der parteiischen oder politischen Ansichten. Sie müssen eine Wahl treffen, die zu ihrer Erziehung, zu ihrem Milieu und zu ihren Idealen im Widerspruch steht. Richard Wohlleben hilft dem kleinen Helmut, Lenis Sohn, indem er ihn nach einem Unfall ins Krankenhaus bringt. Seine Mutter und Richard Wohlleben kommen sich im Laufe der Zeit immer näher. Es entsteht zwischen ihnen eine Art der Seelenverwandtschaft, die sich später unerwartet in Liebe verwandelt, die jedoch nicht erfüllt wird, da sich Leni für ihren Mann entscheidet. Trotzdem denunziert Richard Wohlleben Lenis Mann nicht, der nach dem für die Sozialdemokraten verlorenen Februarkrieg in die Tschechoslowakei flüchtet. Das Ehepaar wird jedoch dann auf der Flucht aus Wien während einer scheinbar harmlosen Straßenkontrolle erschossen. Richard Wohlleben wird ganz zufällig vor dem Haus der Ravag, wo gerade der Juliputsch der Nationalsozialisten beginnt, an dem sein Bruder Erich teilnimmt, angeschossen. Seit jener Zeit wird er als ,,Nationalheld" betrachtet. für diesen ,,tapferen Einsatz" wird ihm sogar eine Medaille verliehen. ln diesem Roman werden die Mechanismen des Krieges bloßgelegt. Die Aussagen mancher Hauptpersonen veranschaulichen die alte Wahrheit, daß im Krieg das ,,Recht" immer bei den Stärkeren liegt. Die Glorifizierung der Geschichte und die Hervorhebung der Stärke der österreichischen Monarchie in den vergangenen Jahrhunderten scheinen ihnen verdächtig zu sein. Eine starke Antikriegshaltung ist der letzten Konklusion von Richard Wohlleben zu entnehmen. Als er vom Tod der Brünners erfährt, fragt er verzweifelt: ,,Wer hatte verloren? Wer hatte gewonnen? (. . .) HABEN WIR NlCHT ALLE VERLOREN?" 9 Schlagschatten hat einen unschätzbaren Wert als ein Zeitzeugnis, als eine objektive Darstellung der damaligen politischen und sozialen Verhältnisse und der dramatischen Spannungen sowohl im Bürgerkrieg als auch in der Zeit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Die große wirtschaftliche Krise, Arbeitslosigkeit und Armut werden sehr getreu geschildert. Die letzten Monate des II. Weltkrieges in Wien beschreibt Alois Vogel in dem Roman TotaIe Verdunkelung. Dieses Buch ist aber kein typischer Kriegsroman im eigentlichen Sinne. Es stellt, ähnlich wie Schlagschatten, Schicksale der einzelnen Menschen dar, denn ,,der moderne Krieg ist in seiner Technologie, Soziologie und Psychologie so kompliziert und so unvergleichbar mit anderen Kriegen, daß man ihn künstlerisch nur in Teilaspekten erfassen kann" 10, wie Stefan Kaszynski in seiner Besprechung dieses Romans von Alois Vogel konstatiert. Die Schicksale einiger Hauptpersonen von Schlagschatten werden hier fortgesetzt. Der ehemalige Heimwehrmann Richard Wohlleben und der Sozialist Franz Prannowitz, Bruder von Leni, die 1934 erschossen worden ist, treffen 1945 in Wien zusammen. Prannowitz, für den der Krieg zur Alltäglichkeit geworden ist, macht dank Richard Wohlleben eine innere Wandlung in seiner Denkweise durch und entschließt sich zu einer Zusammenarbeit mit ihm in der Widerstandsbewegung. Es wird erneut das Thema der persönlichen Verantwortung des einzelnen Menschen im Krieg aufgegriffen. Dank der Figur einer älteren jüdischen Frau, die die Kriegsjahre als sogenanntes U-Boot mit Hilfe ihrer Freunde erlebt hat, wird sich Wohlleben dessen bewußt, was mit den Juden während des Krieges geschah und was allgemein nicht bekannt oder, genauer ausgedrückt, verdrängt wurde. ,,Wir haben nichts gewußt, weil wir nichts wissen wollten, weil uns, wie allen Menschen zu allen Zeiten, nur das zu einer Reaktion herausfordert, was uns selbst betrifft, was jeder am eigenen Leibe erlebt" 11 - auf diese Weise versucht sich Richard Wohlleben bei der Jüdin zu entschuldigen. Die andere Hauptfigur, Franz Prannowitz, kommt zu demselben Schluß wie Richard Wohlleben, indem er sagt: ,,Wir alle sind im Grunde doch mitschuldig. Weil wir Unrecht geduldet haben." 12 Manche Kritiker bezeichnen dieses Buch als ein ,,therapeutische(s) Mittel gegen die Verdrängung unbewältigter Vergangenheit" 13 und empfehlen es als Pflichtlektüre für Schulen. Der hohe Authentizitätsgrad der im Roman dargestellten Situationen wird von vielen Zeitgenossen Alois Vogels betont. So schreibt z. B. Hans Heinz Hahnl über dieses Buch: ,,Totale Verdunkelung ist für jeden aus Vogels Kriegsgeneration sein eigener Roman. Nicht nur die äußeren Umstände stimmen, jedes Wort, das gesprochen wird, ist genau so gesprochen worden, so schal hat die Suppe geschmeckt, die wir hungrig ausgelöffelt haben, so hohl haben die Phrasen geklungen, mit denen wir zum Ausharren aufgefordert worden sind." 14 Mit seinen Romanen legt Alois Vogel Zeugenschaft ab. Sie tragen einerseits zur Bewältigung der Vergangenheit, die die ältere Generation zu verdrängen versucht, sowie zum Verständnis der damaligen Zeiten durch die jüngere Generation bei. Andererseits aber kann es auch als eine Warnung verstanden werden; eine Warnung vor den Zeiten, die durch Angst und Mißtrauen gekennzeichnet waren. Alois Vogel ist ein genauer Beobachter seiner Umwelt, der mit seinen Werken auf ,,die Zeichen der Zeit" 15 reagiert, der Unrecht, Habsucht und Dummheit anprangert. Seine Romane schöpfen viel aus dem Zeitgeschehen, seine Gedichte sind oft direkte Antworten auf historische Begebenheiten, wie z. B. das Gedicht Winterliches Bild 1981 16, das er seinen polnischen Freunden widmet. Es ist eine Anspielung auf die Einführung des Kriegsrechtes am 13. Dezember 1981 in Polen. Als ein anderes Beispiel kann der Roman Das blaue Haus, dessen Handlung in den fünfziger Jahren in Wien spielt, gelten. Anlaß zu diesem Buch war ebenfalls ein zeitgeschichtliches Ereignis, die Revolution 1956 in Ungarn. Der Roman zeigt die Schicksale eines ungarischen Geschwisterpaares, Attila und Olga Horvath, das damals nach Wien geflüchtet ist und dort versucht hat, heimisch zu werden. Es wird hier, wie es oft in den Büchern von Alois Vogel geschieht, das Menschlich-Allgemeine in den Vordergrund gestellt, so daß der Roman, der zeitgeschichtlich verankert ist, zeitlose Konturen gewinnt. Die Geschichte der Flüchtlinge verwandelt sich in einen Bericht über eine Verbürgerlichung. Es wird die geistige Verödung gezeigt, zu der es kommt, als ein Oppositioneller, ein Denkender, ein Nicht-Anpasser, sich an die westliche Konsumgesellschaft anpaßt und seine früheren Ideale zugunsten der kleinbürgerlichen Existenz aufgibt. Alois Vogels Liebe zum Milieu und zu scheinbar einfachen Menschen wurde von Kritikern mehrmals unterstrichen. Man muß aber vieles bewußt als Zynisches, Ironisches und Gesellschaftskritisches lesen. Hier wäre einer der ersten Romane Alois Vogels zu nennen, d. h. Jahr und Tag Pohanka, dessen Ort der Handlung ebenfalls Wien der fünfziger Jahre ist. Im Falle dieses Romans kann man auch von einer Bedeutung, die über das Lokale hinausweicht, sprechen. Der Autor selber unterstreicht, daß die im Roman dargestellte Wirklichkeit, ,,die Wirklichkeit und Situation der Menschen in Wien um 1950, aber im Grunde die Wirklichkeit und Situation der Menschen überall und immer (ist)" 17. Der rätselhafte Titel weist auf jene volkstümliche Wahrheit, die besagt, daß niemand aus seiner Haut heraus kann. Bei dieser Feststellung handelt es sich um die Titelfigur, den Ingenieur Albert Pohanka, der eigentlich mit seinem Leben glücklich sein soll, denn er hat eine Familie, eine Arbeit, die er mag, durch die er seinen Angehörigen einen guten Lebensstandard sichern kann. Es stellt sich aber heraus, daß sein Eheleben ein Dahinvegetieren und seine Arbeit eine Art Flucht vor familiären Problemen, vor dem Grauen des Alltags sind. Er ist nicht imstande, eine Affäre seiner ehemals geliebten Frau mit seinem Studienfreund und Arbeitskollegen zu verhindern. Die beiden Geliebten verunglücken tödlich auf einer Reise und lassen Pohanka allein mit der Aufgabe, weiterleben zu müssen, Jahr und Tag Pohanka zu sein, bis ans Ende der Zeit nicht aus der eigenen Haut herauszukönnen. Mit diesem Roman erzeugt Alois Vogel ein Unbehagen, eine ,,Verzweiflung über das Unvermögen des Menschen, der in seiner Unfähigkeit, sein eigenes lch zu verteidigen, sich von jeder Strömung mitreißen läßt, sich dem Diktat des Gängigen unterwirft" 18, schreibt Kurt Benesch in einer Kritik zu diesem Roman. Alois Vogels Werk schöpft auch sehr viel aus der Antike. Der Entstehung der Lyrikbände, die das altertümliche Gedankengut zum Thema haben, waren in den meisten Fällen Reisen nach Griechenland, ltalien bzw. das Studium der Sammlungen im Kunsthistorischen Museum in Wien vorausgegangen. Für einen von diesen Bänden Im Zeitstaub. Nachdichtungen ägyptischer Fresken 18. Dynastie um 1400 v. Ch. hat Alois Vogel ein Motto von aus dem Mythos von Sisyphos von Albert Camus gewählt, in dem es heißt: ,,Da erzählte man mir von einem unsichtbaren Planetensystem, in dem die Elektronen um einen Kern kreisen. Man erklärt mir die Welt mit einem Bild. Jetzt merke ich, daß wir bei Poesie gelandet sind: nie werde ich etwas wissen." 19 Diese Feststellung besagt viel über die Art dieser Arbeit, die der unermüdlichen, unendlichen und scheinbar zwecklosen von Sisyphos gleicht. Denn mit der Poesie nähert man sich zwar der Wahrheit, man wird sie aber nie ganz ergründen. Der Grundgedanke dieses Bandes ist, daß der Mensch seit Jahrtausenden derselbe geblieben ist. Der Autor meint das leider meistens im negativen Sinne, d. h., daß der Mensch seit Jahrtausenden aus der Geschichte nichts gelernt hat: ,,. . . es wird uns bewußt, daß sich am Verhalten der Menschen nichts geändert hat, daß es zwar Revolutionen, Kriege und Seuchen gegeben hat, daß die Lebensmittel, die Fortbewegungsmittel, die Tötungsmittel zwar weiter entwickelt wurden, daß aber im Grunde genommen nur Namen ausgetauscht wurden, daß kaum Qualitäten, nur Quantitäten verändert wurden." 20 Ein anderer Band u. d. T. Im Gesang der Zikaden schließt Gedichte ein, die die griechische Landschaft zeichnen und sich auf die Geschichte und Mythen des altertümlichen Griechenlands beziehen. Der Autor ruft oft wichtige Ereignisse des Altertums in Erinnerung, die von der enormen Macht und vom Reichtum dieses Landes in der Vergangenheit zeugen, von denen, abgesehen von den geistigen Werten, bis heute nur Ruinen geblieben sind. Dadurch wird die Vergänglichkeit und die menschliche Kleinheit im Angesicht der Zeit versinnbildlicht und das Nachdenken über den Sinn des menschlichen Seins angeregt. Alois Vogel versucht in seinen Gedichten das Eigentliche an den menschlichen Beziehungen zu ergründen. Er ,,kennt den Menschen des XX. Jahrhunderts bis in die geheimsten Kammern seines verdorbenen Herzens" 21, hat einmal einer der Kritiker diese Gabe von Alois Vogel hervorgehoben. Denn die menschlichen Sorgen und Freuden sind ihm bekannt. Am meisten leidet er unter der Unfähigkeit zu zwischenmenschlichen Kontakten in der heutigen Welt. Die Ewige Stadt war für Alois Vogel, ähnlich wie zuerst Ukraine, Polen, Griechenland und schließlich auch Niederösterreich, auch eine literarische Inspiration. ln dem Band Römische Gesänge mit einem barock anmutenden Untertitel Einunddreißig Betrachtungen verschiedener Erscheinungen sehr bemerkenswerter Versuche menschlicher Kommunalorganisation an einem geschichtlich bedeutsamen Ort, sowie zahlreiche Randbemerkungen und Kommentare dazu wird Rom, das der Dichter für eine spezifische Stadt hält, wo Geschichte seit der Antike vorhanden und auf Schritt und Tritt spürbar ist, zum Ausgangspunkt für allgemeine Aussagen historischer, politischer und persönlicher Natur. Die Komposition des Buches ist originell. Es ist eine Art von Montage, die aus einunddreißig Betrachtungen in freien Rhythmen besteht, zu denen es immer Erklärungen in Form der Marginalien gibt. Die Konstruktion dieses Werkes bestätigt wiederum die Nähe ihres Autors zur Malerei. Das richtige Verstehen der Texte, die philosophisch aufgearbeitete Traktate sind, erfordert vom Leser Wissen und Belesenheit. Sie enthalten viele Zitate von Marc Aurel, Torquato Tasso, Hegel, Rilke, Goethe, Schiller, Ezra Pound, Hugo von Hofmannsthal, Franz Kafka, Dostojewski, Sartre u. a. Sie sind reich an Anspielungen auf historische Begebenheiten und Personen, die in der Geschichte eine bedeutende Rolle im positiven und negativen Sinne des Wortes gespielt haben wie z. B. Cäsar, Kaiser Hadrian, Napoleon oder Adolf Hitler. Alois Vogel, Dichter und Maler, der infolge der Erschütterung durch die Kriegsgreueln, aber auch infolge seiner Bewunderung für das russische Land, d. h. seine Landschaft und Leute, eine dichterische Laufbahn gewählt hatte, blieb für immer für die Landschaft und Natur sehr empfindlich. Die niederösterreichische Landschaft hat ihn auch in ihren Bann gezogen, besonders ab 1976, als er mit seiner Frau Gertrude nach Pulkau umgezogen ist. Alois Vogel gilt als ein sehr guter Kenner und Liebhaber dieses Gebietes. Seine Bücher: Landnahme (1979), Beobachtungen am Manhartsberg (1985), PuIkauer Aufzeichnungen (1986), Thaya, die Rauschende (1988) und Nordöstliches Triptychon (1991) sind seine Huldigung an Niederösterreich, sein lyrisches Bekenntnis zu diesem Land. Er beobachtet die Natur, den Wechsel der Jahreszeiten, die Arbeit auf den Feldern und das Leben der Tiere, denn in der Natur verbirgt sich das Eigentliche und das Wesentliche. Diese Bücher verwirklichen die These von Rudolf Feldmayer, dessen Worte Alois Vogel als Motto für den ersten Teil der Beobachtungen am Manhartsberg zitiert: ,,Das Eigentliche willst du sagen? Schau: Berg, Wolke, Baum und Tier: in Bildern nur spricht sich das Leben aus." 22 Die österreichische Landschaft hat schon viele Lyriker wie z. B. Georg Trakl, Franz Werfel, Ferdinand von Saar oder Hugo von Hofmannsthal inspiriert; Alois Vogel gehört sicherlich zu ihren großen Nachfolgern. Seine Gedichte sind von Achtung und Ehrfurcht vor der Schöpfung gekennzeichnet. ln dem immer wiederkehrenden Kreis der Natur scheint das Schicksal eines einzelnen Menschen zeitlich sehr begrenzt zu sein. Als großer Bewunderer der Natur setzt sich Alois Vogel sehr energisch für ihre Erhaltung in einem möglichst unverwahrlosten Zustand ein. Viele seiner Gedichte sind eine leidenschaftliche Anklage gegen heutige Menschen, die rücksichtslos nach Wohlstand streben und mit den Folgen eines unbegrenzten Eingriffs in die natürliche Umwelt nicht rechnen. Einige Gedichte aus diesem Band sind in ihrer Aussage so stark, daß sie sicherlich im Kampf der Naturschutzorganisationen für die Erhaltung der Umwelt in ihrem natürlichen Zustand dienen könnten. Einschließend möchte ich noch auf den letzten, vor kurzem veröffentlichten Lyrikband hinweisen, der meiner Meinung nach fast alle Tendenzen, die ich früher zu nennen versucht habe, verbindet. Der Band Vom austriakischen Ringelspiel und dem prosperierenden WeItuntergang setzt sich u. a. mit den zeitgeschichtlichen Ereignissen auseinander. Der Dichter nimmt Bezug auf die Situation in Österreich in den Zwischenkriegsjahren. Es werden erste Versuche der Machtübernahme von Nationalsozialisten und der Einmarsch der deutschen Truppen am 12. März 1938, mit dem eine Volksabstimmung gegen Hitler verhindert wurde, geschildert. Die begeisterte Begrüßung Hitlers auf dem Heldenplatz, von der die ganze Welt gehört hat, wird den Verhaftungen von Sozialisten, Kommunisten und Juden, von denen man in der Presse nicht schrieb, entgegengesetzt. Diese Gedichte klagen an: ,,Befehlnotstand, / sagt man nach Jahren, / wenn einer fragen würde, / warum sie auf Frauen / und Kinder geschossen" 23, sie sind aber auch eine Warnung, daß die Geschichte wiederholbar sein kann, da jetzt die Zeit gekommen ist, in der ,,man wieder Totenköpfe trägt". Wie in anderen seinen Werken bleibt Alois Vogel auch in seinem letzten Band ein scharfer Gesellschaftskritiker. So wird z. B. die Wiederentstehung der nationalsozialistischen Bewegung in einem der Gedichte erklärt: ,,Wer dazu (lies: Surfen oder Gletscherschilauf, A. d. V.) kein Geld hat, / wird folgerichtig frustriert, / von Wehrkampfgruppen, mit glattrasiertem Schädel / zur Ausländerjagd trainiert" 24. Man kann daraus einen erschreckenden Schluß ziehen, daß die Menschen aus der Geschichte nichts lernen, denn es gibt immer noch Kriege, Habsucht, Intoleranz und Ausländerhaß in der Welt. Viele Gedichte sind von Angst und Pessimismus gekennzeichnet, welche Spuren diese Generation hinterläßt. ln dem Gedicht mit einem kurzen, aber prägnanten Titel Noch fragt der Dichter verzweifelt, wie lange diese Welt noch bestehen wird. Denn alles ist vergänglich: ,,Homer und Vergil / Shakespeare und Goethe / Händels Messias / und Beethovens Neunte / werden vergehen / das Klagen der Bettler / der Liebenden / Jubel // Die Zukunft / gehört den Steinen", stellt Alois Vogel in dem Gedicht Das gelobte Land 25 fest. Sowie der zweite Teil des Titels ,,Der prosperierende Weltuntergang", der zwei Gegensätze enthält, sind auch die Stimmungen verschiedener Gedichte in diesem Band ambivalent. Der Pessimismus läßt manchmal nach und gibt dem Optimismus den Vorzug: ,,Immer / haben wir / noch den Mut / trotz allem zu leben", heißt es im Gedicht Von früh bis spät 26. So hat der ganze Band doch einen positiven Ausklang. Das Schlußgedicht mit einer Anspielung auf die biblische Lehrerzählung über den engstirnigen, widerspenstigen Propheten Jona, der durch den Herrn vor dem Sturm im Bauch des Fisches gerettet wurde und danach sein Lob verkündete, enthält eine vage Hoffnung. 1 Hahnl, Hans Heinz: Der gute Geist der Literatur, NÖ. Kulturpreis für Alois Vogel. ln: NÖ. Kulturberichte v. Januar 1978. 2 Vogel, Alois: Von Durchbruch zu Durchbruch. ln: Der Dichter Alois Vogel. Schriftenreihe des NÖ, Kulturforums, Wr. Neustadt: Gutenberg 1987, S. 6. 3 Hemingway, Ernest: Die grünen Hügel Afrikas. Reinbeck 1952. 4 Vogel, Alois: Fragen (ll). ln: Vom austriakischen Ringelspiel und dem prosperierenden Weltuntergang. Aufzeichnungen. St, Pölten: Literaturedition Niederösterreich. 1996, S. 18. 5 Vogel, Alois: Von Durchbruch zu Durchbruch. ln: Der Dichter Alois Vogel. (s. Anm. 2), S. 5. 6 Vogel, Alois: Sprechen wir von etwas anderem. ln: Sprechen und Hören. München: Delp'sche Verlagsbuchhandlung 1971, S. 25. 7 Kaszynski, Stefan: Der österreichische Kriegsroman nach 1945. ln: Die österreichische Literatur. Ihr Profil von der Jahrhundertwende bis zur Gegenwart (1880-1990). Teil l. Hrsg. v. Zeman, H.; Kaszynski, Stefan. Graz: Akademische Druck- und Verlagsanstalt 1989, S. 1095, 8 Vogel, Alois: Von Durchbruch zu Durchbruch. ln: Der Dichter Alois Vogel. (s. Anm, 2), S. 6. 9 Vogel, Alois: Schlagschatten. Roman. Wien: Kremayr & Scheriau 1977, S. 286. 10 Kaszynski, Stefan: Der österreichische Kriegsroman nach 1945. ln: Die österreichische Literatur ... (s. Anm, 7), S. 1097. 11 Vogel, Alois: Totale Verdunkelung. Wien: Jugend und Volk 1980, S. 190. 12 ebda., S. 157. 13 Die Leiche im Keller. ln: arbeit & wirtschaft 11/77, S. 39. 14 Hahnl, Hans Heinz: Das letzte Kriegsjahr in Wien. ln: Kultur 10/1980, S. 17. 15 Janetschek, Albert: Mein Freund Alois Vogel. ln: Der Dichter Alois Vogel. (s. Anm. 2), S. 11. 16 Vogel, Alois: Winterliches Bild 1981. ln: Beobachtungen am Manhartsberg. St. Pölten - Wien: Niederösterreichisches Pressehaus 1985, S. 41. 17 Vogel, Alois: Über meinen Roman ,,Jahr und Tag Pohanka". Manuskript an der Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur in Wien. 18 Benesch, Kurt: Alois Vogel. Jahr und Tag Pohanka. ln: Wort in der Zeit, Heft 9/1964. 19 Vogel, Alois: lm Zeitstaub. Nachdichtungen ägyptischer Fresken, 18. Dynastie um 1400 v. Chr. Baden bei Wien: Grasl 1990. 20 Vogel, Alois: Nachbemerkung zum Gedichtband Im Zeitstaub (s. Anm. 19), S. 63. 21 Engerth, Ruediger: Das Eigentliche an menschlichen Beziehungen. Zum Werk von Alois Vogel. ln: Wiener Kunsthefte, Nr. 11l/1971, S. 9. 22 Vogel, Alois: Beobachtungen am Manhartsberg (s. Anm. 16), S. 7. 23 Vogel, Alois: Fragen (Vll) ln: ders.: Vom austriakischen Ringelspiel... (s. Anm. 4), S. 23. 24 Vogel, Alois: Überlegungen eines alten Mannes (XlX). ln: ders.: Vom austriakischen Ringelspiel... (s. Anm. 4), S. 47. 25 Vogel, Alois: Das Gelobte Land (VI). In: ders.: Vom austriakischen Ringelspiel... (s. Anm. 4), S. 89. 26 Vogel, Alois: Von früh bis zu spät. In: ders.: Vom austriakischen Ringelspiel... (s. Anm. 4), S. 61.
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