Podium 101 - Niederösterreich

Purgatorio

Des Pechwalds finsterer Morgen

Rudolf Kraus

Der Mond schien durch die Baumwipfel und legte einen blauen Schleier über den düsteren Pechwald. Großvater war gerade zwölf Jahre alt geworden, als ihn sein Stiefvater zum ersten Mal zum Pechen mitnahm. Noch bevor der Morgen graute, standen sie bereits bei den ersten Fichten und Föhren, in deren blankes Stammholz sie Kerben schlugen und dann mit Pechscharten und Tontöpfen versahen. Am späteren Morgen, sprich um halb acht, wischte sich mein Großvater das Pech, so gut er konnte, von den Händen und begab sich in die Schule.

So kam es denn auch, daß Großvater das vom Stiefvater erlernte Handwerk zu seinem Beruf machte. Von meist zwei Bauern pachtete er rund sechstausend Bäume des Pechwaldes, die ihn von nun an ernähren sollten. lm Frühling ging es daran, die Bäume sorgsam aufzuhacken. Dabei durfte er nicht zu viel Rinde weghacken, da dies die Nutzungsdauer der Bäume reduziert hätte. In die schräg geschlagenen Kerben steckte er Pechscharten, die das Harz auffingen und in die mit einem Nagel befestigten Pechtöpfe leiteten. ln den letzten Jahren seiner Pechertätigkeit verwendete Großvater nicht mehr den Dechsel, jene scharf geschliffene Hacke, sondern den Pechhobel, der die Arbeit bei weitem erleichterte. Anstatt an die dreißig Schläge mit dem Dechsel, reichten ihm nun zwei geschickte, rasche Züge mit dem Pechhobel, um einen Baum zu bearbeiten. ln den Sommermonaten begann dann das wirklich harte Brot der Pecherei. Um vier Uhr früh stieg Großvater ins Wopfinger Mühltal empor und begann, das gewonnene Harz einzusammeln. Mit einem Pechlöffel holte er das Harz aus den Töpfen und goß es in sein Harzbüttel, das er, sobald es voll war, nach Piesting zur Pechhütte (und später in die Harzfabrik) brachte, wo es gewogen und bezahlt wurde. Von den Einnahmen der Pecherei mußte er 40 % als Pachtteil an die Bauern abliefern. Selbst in den harten Sommermonaten, wo es bereits um kurz nach drei Uhr früh galt aufzustehen, hielt Großvater nichts davon ab, am Abend mit Freunden im Wirtshaus ein paar Achterl Rotwein zu genießen. Dabei konnte es auch etwas später werden, was ihn aber nicht daran hinderte, noch vor Sonnenaufgang bereits im Pechwald zu sein, um das Harz einzusammeln. Das Geld, das er im Sommer mit dem Pechen verdiente, mußte für das ganze Jahr reichen. Denn im Winter waren alle Pecher arbeitslos. Doch wer harte Arbeit gewöhnt ist, kann auch im Winter nicht untätig herumsitzen. So ging er in den kalten Monaten zu den Bauern zum Sautanz. Großvater wurde gerne zum Abstechen der Schweine geholt. Für seine Brat- und Blutwürste war er geradezu berühmt. Das brachte ihn über den Winter hinweg und bescherte ihm sogar noch zusätzliche Einkünfte.

Zwischen den Bauern und den Pechern bestand eine fruchtbare wirtschaftliche Achse, denn einerseits ernährte der Wald zu einem Gutteil den Bauern wie den Pecher, auf der anderen Seite wurde aus dem abgelieferten Harz von den Pechsiedern eine Vielfalt von Produkten hergestellt. Diese reichten vom Terpentinöl über das Geigenharz, die Schuhpasta, die Heilsalbe und die Wagenschmiere bis hin zum Schiffs- und Schusterpech. In den siebziger Jahren war es dann aber mit dem Pechen vorbei. Die Kunstharzfabriken verdrängten das wertvolle Pech und setzten somit auch diesem Beruf ein Ende. Großvater jedoch blieb den Bäumen weiterhin verbunden, denn er hatte sich eine Stelle im Sägewerk in Miesenbach gefunden, wo er dann relativ zufrieden bis zu seiner Pensionierung arbeitete. An den Wochenenden ging er frühmorgens in den Wald, besuchte seine Bäume, besah seine groben Pecherhände, strich über die verwitterten Tontöpfe, die noch an manchen Bäumen hingen, und atmete tief ein. Er suchte eine Stelle, wo er tief ins Piestingtal hineinblicken konnte, in jenes Tal, dessen rauher Charme ihn nicht mehr loslassen konnte. Wenn die Sonne über den waldbehangenen Hügeln lachte und die Piesting sich glitzernd durch das Tal schlängelte, dann wurde es warm in Großvaters Herzen. Er spürte seine Wurzeln sprießen, denn er wußte, nur hier würden sie einst wieder in der Erde ruhen.

Die wirkliche Stadt in den engeren Gassen. Auch dort beginnt sie erst im zweiten Stock, oder hinter den Fassaden, in den Höfen, wo die alten Gebäude ihre liebenswerte Unscheinbarkeit behalten durften, nicht zum grellen Schrei falsch verstandener Traditionspflege umgefärbelt wurden.

Rudolf Kraus, geb. 1961 in Wiener Neustadt, lebt seit 1981 in Wien. Mitarbeit bei Zeitschriften in Österreich, BRD und Schweiz, zuletzt erschienen: ,,Der Lykanthrop der Erinnerung", Prosaminiaturen, Essays und Kurzgeschichten, Aachen 1995.

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