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Fragmente einer Stadt
St. Pölten oder anderswo. Keine Beschreibung.
Gerhard Egger

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I
Am Beginn der Beschreibung die einfachen Sätze, die
einfachen Blicke. Postkartenblicke.
In den Selbstdarstellungen auffällig plaziertes Barock als
Inbild der Bürgerlichkeit und Rechtschaffenheit, das Rathaus herausgeputzt
zum leicht erkennbaren Briefmarkenwahrzeichen. Die ältere, nicht so
attraktive Vergangenheit am Hauptplatz verschüttet: zuasphaltierte Ruinen,
über denen nun die Autos parken.
Die wirkliche Stadt in den engeren Gassen. Auch dort beginnt sie
erst im zweiten Stock, oder hinter den Fassaden, in den Höfen, wo die
alten Gebäude ihre liebenswerte Unscheinbarkeit behalten durften, nicht
zum grellen Schrei falsch verstandener Traditionspflege umgefärbelt
wurden.
Oder der Charme des langsam verblassenden Glanzes
gründerzeitlicher Villenvierteln, die sich rund um den Stadtkern ins
Umland hinaus ausdehnen. Längst beherbergen sie nicht mehr den Wohlstand,
für den sie gebaut worden sind, sondern bestenfalls solide
Bürgerlickeit. Langsam werden sie von Bäumen und Büschen wieder
überwachsen und so der Stadt entrissen und wieder dem Land
eingegliedert.
Und dann noch der abwertende, verächtliche Blick auf die
Betonsiedlungen am Stadtrand, planlose Wucherungen des sozialen Wohnbaus, die
aus der Entfernung für Vorboten einer Großstadt gehalten werden
könnten. Beim Näherkommen doch nur einzelne Monumente einer anonymen
Architektur, die sich inmitten der Kleinhäuslerromantik etwas verlassen
vorkommen. Vorteilhaft ein Weitwinkelblick. der alles umfaßt (denn noch
ist diese Stadt erfaßbar). Die ganze Stadt eine Ansammlung einzelner
Motive, Variationen über ein Thema, eine Collage, die Unvereinbares
nebeneinander setzt und hofft, auf diese Weise eine Individualität zu
entwickeln.
Wenig findet sich, was für diese Stadt charakteristisch
wäre, die Architektur hat nicht vermocht, ihr ein eigenes Gesicht zu
geben, sie ist nichts weiter als eine größenwahnsinnig gewordene
Ansammlung mehr oder weniger häßlicher Bauten verschiedenen Alters,
ein außer Kontrolle geratener, wild wuchernder Tumor, der doch nur totes
Gewebe und kein lebendiges Fleisch erzeugt.
II
Diese Stadt hat keine Geschichte, ihre ganze Vergangenheit
besteht aus ein paar Fundstücken, wie man sie auf jeder besseren
Schutthalde findet. Die echten Relikte (unscheinbar, aber umso wertvoller)
übersieht man, dafür fällt man auf blechern glänzende
Scherben herein, die zu Zeugen einer großen Vergangenheit hochstilisiert
werden. Man sucht nach dem, was man auch andernorts schon gefunden hat, und so
werden nur Duplikate zutage gefördert. Daraus läßt sich keine
Geschichte machen, die der Stadt allein gehört und die ihr so etwas wie
eine Identität verleihen könnte, es reicht höchstens für
ein paar amüsante Histörchen, die sich genausogut irgendwo anders
zugetragen haben könnten, die auch kein Ganzes, kein einheitliches Bild
ergeben, aber den Ansprüchen dieser Stadt genügen sie.
Die Menschen, die hier wohnen, haben sich mit der bequemen
Geschichtslosigkeit ihrer Stadt abgefunden, sie fühlen sich, sagt man,
einigermaßen wohl. Warum das so ist, können sie selbst nicht so
recht erklären: man ist eben hier geboren, aufgewachsen, man hat hier
Freunde, Bekannte, und es läßt sich hier doch recht gut leben
(,,dahinleben" wäre wohl der passendere Ausdruck, aber der ließe
sich nicht mehr mit dem masochistisch auferlegten Lokalpatriotismus
vereinbaren). Man ist zufrieden und vermeidet es ängstlich, über die
Grenzen der Stadt hinauszublicken.
Wenn man von der Stadt spricht (im guten oder im bösen),
gebraucht man Sätze, die auch auf tausend andere Städte zutreffen
würden, man müßte nur die Namen austauschen. Es ist eine Stadt,
über die sich nur Phrasen dreschen lassen, eine Stadt, über die sich
leicht schimpfen, aber nur wenig erzählen läßt, es lohnt kaum,
sie zu beschreiben. Die Stadt hat keine Vergangenheit, und man könnte
meinen, sie habe auch keine Gegenwart, fürchten, sie habe keine Zukunft.
Man müßte für diese Stadt erst eigene, unverwechselbare
Geschichten erfinden, um ihr eine Vergangenheit und eine Zukunft zu geben. So
zum Beispiel die Erzählung, daß die ersten Bewohner der Stadt dem
Fluß, damals noch ein breites und mächtiges Gewässer,
entstiegen wären. Schwere Felsbrocken wären aus den blauen Tiefen
gehievt worden und hätten die Fundamente der ersten Gebäude gebildet.
Später hätte der Fluß mit seinem Fischreichtum und wohl auch
mit so mancher nächtens angeschwemmten Gabe die junge Stadt ernährt
und zu einem bescheidenen Reichtum geführt. Bis man die eigene Herkunft
vergaß, den Fluß bekämpfte, in Bahnen zwang, nicht mehr als
Helfer, sondern als Hindernis empfand, weil er die neue Handelsroute, die ihn
querte, behinderte. Der Fluß zog sich zurück und wurde mit den
Jahrhunderten zu jenem armseligen Gewässer, das heute noch zu sehen ist.
Er fließt an der Stadt vorbei. Die Menschen vergaßen mit der Zeit
ihre Herkunft, wurden auf diese Weise zu Wurzellosen, die sich dieses Mangels
aber nicht einmal bewußt sind.
Geschichten wie diese wurden niemals erzählt und niemals
aufgeschrieben, und wenn es sie in der Stadt überhaupt jemals gegeben hat,
so sind sie längst vergessen worden.
III
Man darf nicht nach der Wahrheit dieser Stadt suchen, man
muß ihre Wahrhaftigkeit entdecken. Es ist keine richtige Stadt, es ist
eine werdende, sie ist die Summe aller ihrer Möglichkeiten. Eine Stadt in
der Möglichkeitsform, eine Stadt ohne Eigenschaften.
Man hat sich viele Namen gegeben, läßt sich gerne mit
prägnanten Formulierungen kennzeichnen: Industriestadt, Kulturstadt,
Haupt- oder Nebenstadt, alte oder junge Stadt, Barock-, Beton- oder
Gartenstadt. Alle Bezeichnungen passen irgendwie, und doch scheint keine davon
ganz zutreffend. Hinter jedem Gesicht dieser Stadt grinst noch ein anderes
hervor: Janusstadt. Schizophrene Stadt.
Wenn man bloß wüßte, was alles dazugehört,
zu ihrem Wesen (und nicht bloß zu ihrem äußeren
Erscheinungsbild, zum hochglanzgeprägten Image, das von einer eigens
dafür eingerichteten Magistratsabteilung kultiviert werden soll). Als
Hypothesen zwei Extrempositionen: alles oder gar nichts. Die allumfassende
Stadt, die in sich Vergangenheit und Zukunft des ganzen Landes, um nicht zu
sagen der ganzen Welt komprimiert, oder eine leere Hülse, die nur deshalb
interessant ist, weil sie Platz bietet, Freiraum für eine Geschichte, die
es erst zu finden gilt. Eine leere Stadt, in der die einzelnen Straßen,
Plätze, Häuser nur aneinandergereihte Schauplätze einer
möglichen Handlung sind. Die ganze Stadt somit ein Bühnenbild (kein
besonders einfallsreiches): Ein typischer Ort für typische Handlungen,
oder ein typischer Ort für individuelle Handlungen? Oder ein individueller
Ort, der dem Akteur gar keine Handlungsfreiheit mehr läßt?
Die Bewohner in diesem Fall also reduziert auf die Daseinsform
von Schauspielern, denen niemand eine Rolle geschrieben hat, jeder in seinem
Innersten ein Regisseur, distanziert betrachtend und deshalb nicht bereit,
selbst mitzuspielen - ein Ensemble, das auf der Bühne herumsteht und nicht
merkt, daß sich der Vorhang längst gehoben hat. Im Parterre sitzen
die Kritiker und lachen, denken voll sadistischem Genuß an den
gnadenlosen Verriß, mit dem sie diese Stadt vernichten werden, diese
Stadt, in der keiner bereit ist, eine Rolle zu spielen, ein Charakter zu
werden, Verantwortung zu tragen.
IV
Die Protagonisten für eine Geschichte wären bald
gefunden, zusammengesammelt, die Typen sind ja vorhanden: die Theken und die
dunklen Winkel der Wirtshäuser sind gute Fundorte. Dort sitzen die
potentiellen Hauptdarsteller, oder sie laufen dir einfach über den Weg: Du
blickst kurz in irgendein Gesicht, das an dir vorbeihastet, das dir im
Kaffeehaus gegenübersitzt, und du kennst mit einem Mal die ganze
Geschichte, die dazugehört, eine Geschichte, die sich allerdings nie
ereignen wird, eine Geschichte, die in der Möglichkeitsform
steckengeblieben ist. Solche Gesichter sind wie geschaffen für diese
Stadt, es ist eine seelische Physiognomie des Provinziellen, die zu solchen
Eigenarten eskalieren kann, daß sie schon wieder einer Großstadt
würdig wäre.
Sie hätten Schauspieler werden können, oder Pianisten
oder Sänger, wollten von der Kleinstadt aus die Welt erobern als
Unternehmer oder Wissenschaftler, waren schon als hoffnungsvolle Talente, als
die Frauen und Männer der Zukunft gehandelt worden, dann immer vor dem
letzten Schritt zurückgeschreckt. Doch lieber einen ,,ordentlichen" Beruf
erlernt, statt auf den künstlerischen Durchbruch zu hoffen, doch lieber
die Beamtenlaufbahn ergriffen, auf die Pragmatisierung hingearbeitet, statt
selbst Verantwortung zu übernehmen.
So kommt es, daß die wahren Künstler hier im Publikum
sitzen, über das angeblich Drittklassige, das ihnen geboten wird,
lästern, das ihrer, die doch so viel bessere Anlage hätten, nicht
würdig ist. Man galt als talentiert, hochtalentiert sogar, die
Aufnahmeprüfung im Konservatorium war schon bestanden, dann doch darauf
verzichtet, Sicherheit geht vor. Inzwischen sind die Finger steif geworden, es
reicht gerade noch für ein wenig Hausmusik, vierhändig mit der Gattin
des Chefs, damit kann man bei der Weihnachtsfeier im Betrieb beeindrucken.
Auch die wahren Unternehmer, die wirklich kreativen Köpfe,
jene, die sich zu Führungspositionen, zu echten Entscheidungen berufen
gefühlt haben, sind hier in subalternen Positionen steckengeblieben,
verfolgen eifersüchtig die Aktivitäten der wirklich Mächtigen
und haben für deren Handeln nur verächtliche Kommentare bereit.
Selbst hätte man alles viel besser gekonnt.
Es ist eine Stadt der vergehenen Möglichkeiten. Man hat
Angst, einem anderen ins Gesicht zu sehen, weil man darin all die
verpaßten Chancen und Hoffnungen entdecken könnte, die man selbst zu
vergessen versucht. Oder man könnte - noch schlimmer - der
allgegenwärtigen Ignoranz gegenüberstehen, jener verächtlichen
(im Grunde wohl neidischen) Mißachtung jeglichen Tatendranges, der jede
neue ldee nur als Größenwahn erscheint, und die damit eigentlich
schuld an der hier typischen Kleinstadt-Depression ist.
Das Personal für eine Handlung wäre also vorhanden:
klischeehafte, wenig interessante, höchst durchschnittliche Typen, doch
gerade sie sind der Tragödie dieser Stadt angemessen.
V
Wo beginnen Geschichten, und wie beginnen sie? Man könnte
es sich leicht machen, sich Geschichten einfach erzählen lassen, doch wer
wüßte von dieser Stadt etwas zu berichten, was er nicht irgendwo
anders aufgeschnappt hat? Eine Geschichte, die er irgendwo gelesen hat und
jetzt, des größeren Interesses bei seinen potentiellen Zuhörern
wegen, in den vertrauten Straßen ansiedelt. ln dieser Stadt kann man sich
keine Geschichten erzählen lassen, hier müssen sie sich erst
ereignen, wenn schon nicht in den Straßen, dann wenigstens in den
Köpfen. Es genügt nicht, Überliefertes einfach aufzuschreiben,
man muß erst entdecken, der Stadt ihre Geschichten ablauschen.
VI
Sich am Rande des Denkmals (eines der erträglicheren,
unauffällige Steinschwingungen statt unbeholfen epigonenhafte
Figuralität) niedersetzen, sich auf diese Weise solidarisiert mit dem
verspotteten Artefakt, ohnehin schon durch das Sitzen in Opposition zu der
geschäftig vorbeihastenden Menge gegangen, sich mißtrauisch
beobachtet auf einen Beobachterstandpunkt zurückgezogen.
Die Kulisse auch hier barock, doch grinst hinter mancher
aufgeklebten Stukkatur noch die Nachkriegsschlichtheit hervor. Im
Erdgeschoß ohnehin Löcher gebrochen in jedes Haus (egal ob barock
oder bloß pseudo), die Konsumwelt ist eingezogen und hat in die
potentielle Filmkulisse wenigstens ebenerdig ein wenig Leben gebracht. Die
Statisten agieren nach genauem Regiekonzept: ungezwungene Gruppierungen,
lockerer Gesichtsausdruck, Gespräche andeutend, zeitweise in der
Dekoration verschwindend, dann wieder auftauchend, langsam schlendernd die
Bühne verlassen. Hauptsache: Sich nicht in den Vordergrund spielen. lm
oberen Stock ein stummes Sich-aus-dem-Fenster-Lehnen.
Manche Auftritte jedoch wiederholen sich, auffällig zuerst
nur deshalb, weil ein Gesicht in der Erinnerung blieb. Einzelne Personen kehren
wieder, schließen sich verschiedenen Gruppen an, folgen bestimmten
Passanten, ahmen dabei, so scheint es dem Beobachter, das Schreiten, Schlurfen,
Trippeln, Hasten dieser Passanten nach. Die Menschen werden zu Schatten,
verfolgen sich gegenseitig, eignen sich dabei ihre Bewegungsweisen an,
speichern diese Arten, wie sich die Menschen durch diese Stadt bewegen, in
ihrem motorischen Gedächtnis.
Die Wiederholungen sind eingeplant, eine urbane Choreographie.
Selbstreproduktion, Gleichförmigkeit und Monotonie als Kennzeichen einer
ganzen Lebensgemeinschaft. Eine Stadt als Spieluhr, ein Perpetuum mobile,
unablässige Bewegung ohne Ziel, ohne sinnvolle Aufgabe. Sinnlos, in das
Spiel eingreifen zu wollen, zu selbstsicher geht jeder seinen Weg. Die Stadt,
diese Stadt, ist ein abgeschlossenes System, das in sich ruht, keine
Störung von außen duldet, eine primitive Maschine, die sich für
ein Kunstwerk hält. Glatte Massenproduktion, keine Kante, kein kleiner
Vorsprung, an den man sich klammern könnte, um Halt zu suchen. Man rutscht
ah. Die Stadt bietet keinen Zugang.
VII
Aus der Innenstadt flüchten. Der schattige Klosterhof
bringt schon Beruhigung, dann der kleine Park mit Springbrunnen und die Freude,
vier Stadtstreicher zu entdecken - endlich jemand, der wirklich diese Stadt in
ihrer Gesamtheit als seine Heimat betrachtet, nicht bloß seine eigenen
vier Wände oder die wenigen, immer gleichen Wege, die bereits tausendmal
abgelaufen sind. Auf einer Parkbank kauern sie, starren in das trübe
Gewässer, lassen stumm einen Doppler kreisen. Auf diese Weise kann man
auch hier ein wenig Heimat finden, eine Wohnung auf einer verwitternden
Parkbank, ein Plastiksackerl aus dem Supermarkt als Behältnis für die
Habseligkeiten.
Sonst auch hier nur Vorbeihasten, kein Verweilen. Der Gang durch
den Park keine Erholung, kein Ausrasten von der sonst allgegenwärtigen
Geschäftigkeit, sondern nur eine Abkürzung auf dem Weg von einem
Termin zum nächsten. Die Stadt hat verlernt, in sich zu ruhen, sie
läuft vor sich davon. Betriebsamkeit ersetzt die Lebendigkeit. Dann weiter
stadtauswärts, die größeren Straßen überqueren,
Autolärm, Staub, die Sonne brennt nun ungehindert herab, ohne sich in den
engen Gassen zu verfangen. Wer auf diesem Weg in die Stadt fährt,
könnte wirklich glauben, es würde ihn eine große, moderne,
lebendige Stadt erwarten. Man glaubt sich an der Schwelle der Urbanität,
doch bevor diese Stadt richtig begonnen hat, ist sie schon wieder zu Ende, und
man fährt wieder zwischen Feldern und vereinzelten Bauernhöfen dem
nächsten Dorf entgegen.
Gerhard Egger, geb. 1965, Germanist und
Mathematiker, AHS-Lehrer, St. Pöltner im Exil. Veröffentlichungen in
Zeitschriften und im ORF.