Podium 100 - Jubiläum

Selbstbildnis

Wilhelm Szabo

 

lch, der ein Leben lang kuschte,

in Winkel gescheucht wie ein Hund,

ich, der sein Wahrstes vertuschte,

ich, dem sie verboten den Mund.

lch, dem als Trank sie die Jauche

und Unrat vermeinten als Brot,

ich, an dem Tröpfe und Gauche

streiften den Müll ab, den Kot.

Ich, wider den alle zeugten,

ich, dem sie zeigten den Herrn,

ich, den sie bogen und beugten,

ich, bötig und subaltern.

Ich, der küßte die Felder,

davon ihm kein Fußbreit gehört,

ich Findling, ich Abscheu der Wälder,

ich, heillos entäußert, verstört.

Ich, nicht hochwohlgeboren,

gering ich, kein nobler Besuch,

ich, dampfend aus allen Poren

Kleinbürger- und Häuslergeruch.

Ich, ein Sack voll Ranküne,

ein Kessel, berstend vor Wut,

ich, an Entrüstung ein Hüne,

ein Zwerg an Kälte und Mut.

Ich, mit Narben der Qualen

von Acht und Kränkung geziert,

ich, mit den Muttermalen

der Traurigkeit tätowiert.

Ich, namlos verstreut in Gesänge,

in Herzen von Kindern versät,

ich, der aus der Gosse und Menge,

der Dorflehrer ich, der Poet!


Wilhelm Szabo, geb. 1901 in Wien, lebte im Waldviertel, gest. 1986 in Wien, Präsident des Podium; zahlreiche Lyrikbände, "Lob des Dunkels", NÖ Pressehaus 1981.

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