Podium 100 - Jubiläum

Der Textvogel

Lullo und Lulla oder Die unwahrscheinliche Wahrheit

Eine kernbeißerische Idylle

Albert Drach

I
 
Lullo singt

Es ist gebräuchlich, daß Tierhaltung einen gewissen Nutzen, wenn nicht Ertrag abwirft. Schon in der Schule lernt man, daß das Rindvieh Fleisch und Häute liefert, die weiblichen Tiere hiezu auch noch ihre Milch zu leisten haben, welche man bereits automatisch deren Zitzen entnimmt. Ebenso ist bekannt, daß Jungtiere, welche nicht zur Aufzucht benötigt werden, nur ausnahmsweise zur Säugung zugelassen werden, ansonsten aber in noch saugfähigem Alter der Schlachtmaschine zuzuführen sind. Männliche Rinder bleiben der Verochsung vorbehalten, wodurch sie zum Ziehen schwerer Fuhren geeignet bleiben und nach Ermüdung im Wege des Zerlegens unter anderem trotz Kastrierung noch guten Ochsenschlepp abgeben. Nur in Spanien ist man so grausam, unkastrierte männliche Rinder in die Arena zu stellen, damit sie von Matadoren mit Pfeilen belegt, von Toreadoren durchbohrt, geköpft, ihrer Ohren entledigt und schließlich von gierigen Fleischfressern noch warm vertilgt werden. Die Juden hinwiederum schächten so, daß das Tier ausgeblutet ist, bevor es hingerichtet wird. Bei Schweinen, an die sie sich diesbezüglich noch nicht heranmachen, ist Ausblutung allerdings wegen Erzeugung von Blutwürsten hierzulande empfehlenswert. Hasen, Kaninchen, Rehe, Hirsche, Gemsen erhalten den Gnadenschuß, sofern sie bei der Jagd auf sie schlecht getroffen sind. Sie dürfen überdies nur vom Jagdberechtigten und nicht außerhalb der Schonzeit zur Strecke gebracht werden. Der Marquis de Sade, welcher allerdings ein Antimoralist war, hält den Genuß von Menschenfleisch auch außerhalb von Not und Belagerungszeiten für vertretbar. Auf moralischem Wege ließe sich bisher nur Seife aus Judenfett herstellen, die Ölverbilligung erfolgt lediglich im Tauschweg gegen ihre Kadaver.

Bei Federvieh verfallen Gänse, Enten, Hennen der Hausschlachtung, bei ersteren vornehmlich am St.-Martins-Tage, weil dieser Heilige bei seiner Wahl zum Bischof in seinem Versteck von solchem Federvieh verraten worden ist. lmmerhin schonen auch die Italiener die gleichen Tiere nicht, obgleich sie seinerzeit durch deren Geschnatter von der Belagerung durch die Vorgänger der Franzosen gerettet worden waren. Ja, sie vergehen sich sogar an den Singvögeln, welche so herzig sind, daß sie in westlichen Ländern sonst vorwiegend zu schonen sind. Bei uns ist nur der Abschuß solcher wildlebender Federtiere zugelassen, die entweder ergiebig und wohlschmeckend wie Fasan und Rebhuhn sind oder deren ausgestopftes Äußere sich als Trophäe für Wirtshäuser eignet wie Auerhahn, Geier, Trappe und Uhu oder die überzählig und schädlich sind wie Türkentauben und Krähen.

Lullo gehört in keine dieser Ordnungen. Wegen seines starken Schnabels wäre er selbst in ltalien nur ungern gegessen worden. In Südfrankreich, wo keine Einrichtung besonderer Tage für die Pirsch auf Kleinstvögel besteht, können sich solche vor Flintenanlegern wirksamer in den dort noch vorhandenen Gehölzen verstecken. lm alten Maryland sollen sie als Delikatesse dem Spieß vorbehalten worden sein. Zu seinem Glück wurde er aber hierorts und von mir und meiner Frau aufgefunden.

Er befand sich zu dieser Zeit mitten auf einem Waldweg, zappelte und piepste. Auch war er ziemlich nackt und hungrig, vielleicht auch durstig und konnte offenbar nicht fliegen. Nur auf seinem Kopf zeigten sich drei oder vier borstenartige zum Büschel vereinigte Federn. Jedenfalls erschien er trotzdem herzig und mitnehmenswert. Nach den einschlägigen Berichten von Rundfunk, Fernsehen sowie der meistgelesenen Zeitungen pflegen Mütter ihre Jungtiere zwar bei ersten Ausgängen oder Ausflügen zu begleiten, sie aber dann vorübergehend im Stich zu lassen, um sich sonstigen hausfraulichen Verpflichtungen zu unterziehen. Sie nehmen weiters angeblich ihre Jungen nicht mehr an, wenn diese von Menschengeruch behaftet sind. Es blieb daher empfehlenswert, den Fund nicht anzurühren, von ihm einen gewissen Abstand zu halten, damit die natürliche Anspruchswerberin nicht abgeschreckt werde, und eine genaue halbe Stunde bis zur Mitnahme abzustoppen. Während dieser Wartezeit kam allerdings ein Motorradfahrer herbei, der trotz angebrachter Verbotstafel offenbar im Hinblick auf seine bodenständige Erscheinung den Forstweg befuhr und Miene machte, den künftigen Lullo an sich zu bringen. Zur Unterstützung der schwachen Proteststimme des Kückens legte sich meine Gattin mit der ihren, welche ihr als ausgebildeter Konzertsängerin zukam, ins Mittel, so daß es der ortsansässige Gaspedalbediener bei ein paar Runden um das streitgegenständliche Jungtier bewenden ließ, bevor er sich aus dem von ihm aufgewirbelten Staube machte. Freilich war nunmehr kaum noch daran zu denken, daß die Vogelmutter das von ihr fallengelassene Kind wieder aufheben wollte, obzwar dieses zwar nicht mit Menschengeruch, wohl aber mit dem von Auspuffgasen behaftet war. Im übrigen schien es bei inzwischen stattgehabter Überlegung durchaus unsicher, ob der lebendige Streitgegenstand von ihr zu Unterrichtszwecken, etwa der Erteilung von Flugstunden, hier abgesetzt worden war oder nicht vielmehr von einem Raubvogel, anmaßendem Kuckuckseischlüpfung, wegen dessen Behinderung im Platz oder von dem Kindesvater selbst futterökonomischer Gründe halber aus dem Nest herausgeworfen worden war. Dafür sprach einerseits die Narbe oberhalb des Schnabels des Kückens, weiters der Umstand, daß es nahezu unausgesetzt mit Nahrung versehen werden wollte, was es durch weites Aufsperren des hiezu vorhandenen Organes und durch Lautgebung aus eben demselben zum Ausdruck brachte. Es war daher Sache meiner Frau, ihm auch nachts, bei gebotenem Wachbleiben, die nötige Fürsorge im Hinblick auf Speise und Trank angedeihen zu lassen.

Dazu wäre allerdings die vorherige Einordnung des aufgegriffenen Lebewesens in eine bestimmte Art empfehlenswert gewesen. Von tierhändlerischer Seite wurde es zwar für eine werdende Spottdrossel gehalten. Dessen Bevorzugung von Kalbfleisch als Nahrungsmittel ließ aber doch diese Einteilung als fraglich erscheinen. Eine plötzlich aufgetretene Vorliebe für Gemüse aller Art schloß die Einreihung unter die Grünlinge durchaus nicht aus. Seine undankbare Haltung nach und vor der Fütterung sowie die Schnabelkrümmung legte die Annahme einer Krähenherkunft nahe, obwohl es hinwiederum die Haarbüschel am Kopfe als Wiedehopfabkömmling verdächtigen ließen. Auch der Gedanke an Rassenschande der Mutter durfte bei so vielen Möglichkeiten nicht unbedingt ausgeschlossen werden, diese hätte eine Kindesweglegung im Wege der Hinausschleuderung aus dem Neste seitens des Ehemanns verständlich gemacht. Inzwischen hatte sich das langsam herangewachsene Tier auf Körpernahrung umgestellt, wenn es allerdings außerdem alles sonst Essenswerte gierig in sich aufnahm. Als seine Farbgebung schließlich ins Rötlichbraune überging und ein schwarzes Dreieck auf weißem Grunde halsseitig aufgetragen war, auch die Haarbüschel auf dem Kopfe durch geschlossene Federbekleidung abgelöst wurden, war es einem auf Urlaub befindlichen englischen Professor vorgestellt worden. Wenngleich derselbe nicht Naturgeschichte und schon gar nicht Vogelkunde unterrichtete, erkannte er in dem Vorgezeigten ein prächtiges männliches Exemplar der species coccothraustes coccothraustes, deutsch Kirschkernbeißer.

Was allerdings ein solcher in einem Walde zu suchen gehabt hatte, in welchem die zu seiner Namensgebung herangezogenen Gegebenheiten gar nicht oder höchstens im Wegwerfwege jahrzeitbedingt vorkamen, konnte hiedurch nicht aufgeklärt werden. Auch zeigte er sich zunächst durchaus ablehnend, als ihm einschlägige Kerne angeboten wurden. Sobald sein Schnabel die zur Knackung erforderliche Stärke aufwies, biß er lieber in die Kirsche als in das, was diese in sich umschloß. Und sowie man ihm die bereits aus dem Fleisch gelösten Innenstücke vor Augen hielt, verging er sich an dem ihm hingehaltenen Finger, als ob ihm dieser zur Knackung bereitgestellt würde. Freilich tat er dies nicht in der laut Brehms Tierleben 2. Auflage warnungshalber angeführten, besonders schmerzhaften Form, zumal er sich bereits in, wenn auch nur lockerem, Familienverbande befand und demgemäß schon vor seiner Entlarvung als Kernbeißer mit dem Namen Lullo versehen worden war. Schließlich fraß er den Kirschkern doch, unter der irrigen Annahme, bei diesem Vorgang ungesehen zu bleiben, also heimlich. Er schämte sich offenbar seiner Art, was ihm zur Unnatur gereichen mußte.

Immerhin war ihm nunmehr ein Käfig beizustellen, um ihn vor dem Zertretenwerden zu schützen, wie es einem seiner Vorgänger in der Vogelwelt versehentlich widerfahren war, der allerdings ein Gimpel gewesen ist. Zum Unterschied von diesem strebte Lullo bei ihm noch immer gestatteten Zimmerausflügen hoch hinaus und saß, sobald man ihn beschränkt freiließ, auf der Karniese, aber auch auf dem Gummibaum, von dem er ohne eingeholte Gestattung die großen Blätter am Stengel abknappte, obwohl er sie nicht zu verzehren gedachte. Wurde er noch rechtzeitig gestellt, bediente er sich einer freilich nur angemaßten Amtsmiene und drohte dem Verbotsanmelder sogar mit weit geöffnetem Schnabel, zog sich allerdings bei Fruchtlosigkeit seines Trotzgebarens, aber unter Beibehaltung seiner Überheblichkeit, beleidigt in den Käfig zurück.

Überdies beobachtete er fortan ein nahezu ununterbrochenes Schweigen. Nur wenn die Kehrmaschine ging, glaubte er zu Lauten Anlaß zu haben, wenn es auch nicht feststellbar blieb, ob diese Protest oder Zustimmung zu technischen Errungenschaften ausdrücken sollten.

Im Sommer verlor er fast alle Federn. Trotzdem unterließ er seine Höhenflüge nicht. Er nahm auch täglich in den Morgenstunden ein kaltes Bad.

Nur wenn mein Sohn zu Mittag an seiner Suppe löffelte, badete er abermals, sorgte dabei , daß gebrauchtes Badewasser im Wege der Strahlenbildung auf den noch nicht geleerten Teller bei Tische drang. Währenddem hatte er sich inzwischen laut Tafel einschlägiger Bücher und mit Zustimmung berufener Sachverständiger vollends das farbige Äußere eines prächtigen Kernbeißermännchens angeeignet. Den 5. 12. 1973 bei absinkender Kälte sang er fast den ganzen Tag, und zwar ohne Einschaltung der Kehrmaschine noch in Berücksichtigung etwaiger Zuhörer trotz drohendem Wintereinbruch echtes Sangesgut der Kirschenkernbeißer mit dem Ausdruck einer heilen Welt.

II
 
Lullo singt nicht

Verhaltensforschung kommt allerdings zu dem Ergebnis, daß Vogelsang zweckgebunden ist und, soweit er nicht Werbung von Geschlecht zu Geschlecht bedeutet, durch ihn die Behauptung des eigenen Platzes zum Ausdruck gebracht wird, was allerdings in seinem Fall die Bekanntgabe des Anspruchs eines Gefangenen auf seinen Platz im Käfig anlangen müßte. Auch das ist gewissermaßen noch Inbegriff einer urtümlichen Gesinnung, denn die Vogelhaltung geht auf altes Brauchtum zurück, wenn auch gegenwärtig die Einfangung von Kernbeißern nicht mehr zulässig wäre. lm übrigen stellt sich die Frage nach der Aussage seines Singens kaum, denn Lullo hat längst mit diesem aufgehört. Allem, was an ihn herankommt, steht er vielmehr gänzlich lautlos gegenüber. Zwar kann er noch immer kleineren Kindern in noch nicht schulpflichtigem Alter als Onkel Lullo vorgestellt werden, der sie bei Nachweis ihres Wohlverhaltens durch Körperannahme belohnen, im gegenteiligen Falle durch Biß in den Finger bestrafen würde. Doch ließen es die Angesprochenen, vielleicht ihres Ungeratenseins bewußt, auf keine Probe ankommen, die er wohl kaum bestanden haben würde, denn wenn auch die aus dem Französischen entlehnte Bezeichnung für den Mutter- oder Vaterbruder seither auch auf hausfremde Personen, sogar den Liebhaber der Mutter und Verführer unmündiger Nachkommen ausgedehnt wurde und daher selbst einen Vogel betreffen konnte, so war dessen Interesse an Kindern durchaus geringfügig und würde sich im Begegnungsfalle auf die Beibringung von Bißwunden beschränkt haben, dies allerdings ohne Rücksichtnahme auf sonstigen Gehorsam oder Ungehorsam der Zweitbeteiligten.

Im übrigen benahm sich der neue Onkel insofern ungewöhnlich, als er plötzlich zu wippen begann, wenn er auf der Stange saß, aber von dieser immerfort hinausstrebte und nicht mehr gefangen bleiben wollte, obwohl er außerhalb des Käfigs im Zimmer kein Futter fand und auch nicht ins Freie beurlaubt werden durfte, da sein Angriffstrieb selbst Hunde und Katzen und sonstige größere Tiere nicht ausgenommen und so insbesondere für ihn selbst kaum zum Vorteil gereicht hätte. Diese Verhaltensumstellung konnte, vom Wippen ausgehend, das von vorne nach hinten und von hinten nach vorne erfolgte, zwar mit Geschlechtslust zusammenhängen, wiewohl die Partnerin fehlte, aber auch Verdauungsschwierigkeiten zum Ausdruck bringen, zumal er nunmehr niemals beim Stuhlgang betroffen wurde. In gleiche Richtung wies noch die völlige Abstandnahme von fester und flüssiger Nahrung, so daß sich die Beiziehung eines Tierarztes dringend empfahl.

Dieser kam noch am selben Sonntagmorgen. Der Patient mußte von der Karniese mittels einer metallenen Schiebeleiter herabgeholt werden, da er sich freiwillig keinerlei Untersuchung zu unterziehen geneigt schien.

Er wurde im übrigen vom Veterinär sofort mit einem bereits für alle Fälle mitgebrachten roten Pulver versorgt, das sich für Vitaminzufuhr an gefangenes Federvieh ganz allgemein eignete und in dem Badewasser aufgelöst werden mußte. Der zu Behandelnde stellte nun allerdings sowohl das Baden als auch das Trinken ein und war daher im Wege der Schnabelöffnung mit dem Pulver vertraut zu machen, das er hinwiederum alsbald nach Einflößung ausspie. Dagegen riß er in offenbarer Absicht, den Medizinmann durch Vortäuschung der Nahrungsaufnahme irrezuführen, einen Zipfel des Salatblattes ab, das sich seit Tagen unberührt im Käfig befand, ließ es jedoch sofort fallen, als jener ihm den Rücken zukehrte, um seine Note zu berechnen, die auf S 160,- lautete. lm übrigen ging letzterer auf weitere einschlägige Fragen und Vorstellungen nicht mehr ein, faßte nur zusammen, daß es sich hier um ein wohlgenährtes prächtiges Kernbeißermännchen handle, welches noch weitere drei Fasttage vertragen würde.

Sobald aber Onkel Lullo selbst am dritten Tage noch nicht fraß und kein weiterer Tierarzt dem Vogel helfen wollte oder konnte, wurde die Gelegenheit des Ankaufes eines heimischen Behälters für ein schon vor Jahresfrist zugelaufenes Meerschweinchen namens Pucko dazu benützt, um den Händler auch noch über Onkel Lullos Zustand und dessen allfällige Behebung zu befragen.

Die sohin an unzuständiger Stelle unentgeltlich eingeholte Auskunft lautete dahin, daß dem offenbar an Verstopfung leidenden Kernbeißer Öl verabreicht werden sollte, das sich dieser im übrigen ohne nennenswerte Gegenwehr einflößen ließ und im Anschluß daran einen langen weißen Pfropfen hinterrücks zu Tage förderte, der möglicherweise das Restprodukt französischen Käses war, welchen er bei gegebener Gelegenheit einheimischer Erzeugung vorgezogen hatte.

Während sich der längst zugelaufene, offenbar aus dem Ausland eingeführte Pucko nur ungern an den vaterländischen, voll belichteten Behälter seiner selbst gewöhnte - hatte er sich doch lange Zeit mit einem behelfsmäßigen, zeitungspapierbedeckten abgefunden -, betrachtete er trotzdem mit viehischem Mitgefühl den keineswegs artverwandten Onkel Lullo bei dessen Anstalten zur Wiedererlangung des eigenen Wohlbefindens. Dieser nahm von nun an Kerne nur in ausgelöstem Zustande an, Kirschensteine, wiewohl sie ihm nach seiner Natur vor allem zukamen, lehnte er in jeder Form ab. Zu Gesang fühlte er sich weiter gar nicht veranlaßt, schrie aber im Falle der Berührung. Und Pucko, das Meerschweinchen, stimmte ihm offenbar zu, weil es sich dann ebenso verhielt, was ihm als weiteres Zeichen der Anteilnahme ausgelegt werden konnte. Am dritten Tag badete Onkel Lullo in seinem Trinkgefäß und nicht in der mit verrührtem, vorher verordnetem rotem Pulver angereicherten vollen Badeschale. Er hatte allerdings schon früher eine Abneigung gegen solche Farbe geäußert, was die zahlreichen Einbisse auf die Außenfläche roter Radieschen sowie gleichfarbener an Körnerherzen angebrachter Etiketten vor Augen führten.

Am zehnten Tage knackte Onkel Lullo bereits persönlich vorher unbearbeitete Kerne, nur die von Kirschen nicht. Dem Apfel sprach er besonders zu, möglicherweise erriet er dessen stuhlfördernde Wirkung. Das Meerschwein Pucko, das sich nach Wegnahme des Deckpapiers dauernd Außenstehenden zeigte, zuckte bei Lullos Anblick und blinzelte mit den Augen, doch wohl zum Zeichen des Einverständnisses und der Zustimmung, vielleicht sogar der Freude. Für alle Fälle wurde ihm dieserhalb verwandte Nahrung zugemessen.

Am zwölften Tag flog Onkel Lullo aus, wie er dies vor der Heraufkunft des Tierarztes getan hatte. Nur blieb er auf der Karniese nicht so lang, daß er von dieser wieder geholt werden mußte, sondern kehrte von ihr zeitgerecht aus freien Stücken in den Käfig zurück. Die tierärztlich verordnete Flüssigkeit nahm er nicht. Vom Apfel ließ er übrig, was Pucko dann zukam. Den vierzehnten Tag schwieg Lullo noch immer, auch wenn die Kehrmaschine ging. Dafür schrie Pucko, der zuletzt Lullos Schweigen geteilt hatte. Am fünfzehnten Tag frißt Lullo vorwiegend Zirbelnüsse, singt aber noch immer nicht. Bei Pucko wurde keine Äußerung festgestellt.

Den siebzehnten Tag wird das Fenster geöffnet, während Onkel Lullo im Käfig verbleibt. Der nahe Gesang sonstiger Vögel wirkt nicht beispielgebend auf ihn. Auch heimatliche Klänge aus dem hiefür zuständigen Sender gewinnen für ihn keinerlei aneifernde Wirkung. Er knackt zwar nun Kerne jeder Art, aber nicht jene, deren Knackung er seinem deutschen Namen verdankt. Die ihm statt dessen dargebotenen Weichfrüchte nimmt er gleichfalls nicht an. Sie kommen daher dem Meerschwein Pucko zu, das nun diese gleichfalls unberührt beläßt und sich zur Bekräftigung seiner stillschweigenden Weigerung flach auf den Boden legt. Hält es vielleicht Onkel Lullo nur für vorübergehend wiederhergestellt? Es wäre schlimm, wenn diesem etwas widerführe. Selbst in Strindbergs ,,Fräulein Julie" scheint der Sündenfall eines adeligen Mädchens mit dessen Diener weniger traurig als die darauffolgende Tötung des dem Fräulein gehörigen Vogels durch ebenjenen. Der sodann verübte Selbstmord der Dame wirkt nur folgerichtig.

In der Nacht stoße ich beim Durchgehen ohne Lichteinschaltung an des Meerschweins Pucko neuen Behälter. Am Morgen finde ich das früher für Onkel Lullo mitleidig gewesene Säugetier verendet vor. Der gerettete Kernbeißer, welcher ihm bisher nie Beachtung geschenkt hat, blickt nunmehr auf es vom Gummibaum herab und hält in der Knickung des größten Blattes inne, um eine Salve weißen Stuhls auf das Aas herabzulassen. Das ist seine Art der Bezeugung stolzer Trauer. Lullo singt nicht.


Albert Drach, geb. 1902 in Wien, gest. 1995 in Mödling, Autor zahlreicher Romane und Theaterstücke, 1988 Büchner-Preis, 1993 Grillparzer-Preis.

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