Silberbauer # 46 Niederle # 47 Seidlhofer # 48
             

podium porträt #17: Ilse Tielsch

Frühling

Die Kirschbäume blühen
die Weinstöcke treiben aus
ich habe mein Fahrrad
mit bunten Netzen bespannt
im Haus gegenüber
spielt mein Vetter die Geige
Großvater prophezeit uns
ein gutes Jahr
Jetzt werde ich wieder
über die Hügel gehn
nachts im Traum
mein Vetter geigt schon
lange nicht mehr
Großvater hat man
in Röthenbach begraben
das liegt in Franken
wie ist er dorthin gekommen
über den Weinberg führt
eine Autobahn
ich habe mir wieder ein Fahrrad gekauft
die bunten Netze gibt es nicht mehr
wie bin ich hierhergekommen
wie sind wir alle dorthingekommen
wo wir jetzt sind

*

Wir sind zufrieden

Die Straßen sind gut
wir kommen schneller
voran
wir werden schneller vergessen

Die Entfernungen werden kleiner
die Ziele schrumpfen
das Erinnerungsvermögen
nimmt ab

Die Fenster sind abgedichtet
die Türschlösser sind patentiert
wir essen die Suppe lauwarm
wir wollen uns nicht
verbrennen

Immer noch sind die Mörder
unterwegs
wir nehmen es nicht so
schwer

so stirbt es sich
leichter

*

Altes Thema geringfügig abgewandelt

Wir sahen den Lichtschein
dachten:

DORT IST EIN HAUS

die alten Worte fielen uns ein:
Mensch Bruder und Brot
Dach Tisch und Bett
Barmherzigkeit
Frieden

Ochs und Esel
trafen wir nicht
auch Hirten
waren keine unterwegs
in der Stube
fraßen die Gäste
von vollen Schüsseln

Wir fragten nicht
nach dem Kind
aber der Wirt
las uns die uralte Hoffnung
aus dem Gesicht

er deutete mit dem Daumen
zur Tür
und sagte:

DRÜBEN IM STALL

Ilse Tielsch


Ilse Tielsch wurde 1929 in der südmährischen Kleinstadt Auspitz (Hustopece) geboren. Schon als Volksschülerin verfasste sie die ersten Gedichte. ..
[Mehr...]

Tagtraum

Manchmal falle ich mitten im Tag
aus dem Lärm meiner lauten zeit
zurück in die Stille und in den Glanz
einer fernen Vergangenheit
dann geh ich in meiner großen Stadt
durch eine andere Welt
und träume mich in mein Kinderland
zwischen Weinberg und Weizenfeld
und trete durch Türen und geh durch ein Haus
von dem nicht ein Stein mehr steht
und höre Stimmen die lange schon
vergessen sind und verweht
und sehe Bilder: den glitzernden Knauf
am Kirchturm im Abendlicht
Großvaters Hof mit dem Birnbaum davor
und Großmutters sanftes Gesicht
sie kommt durch den Garten
mit leichtem Schritt
und streicht mir über das Haar
ein Kornfeld wellt sich im Sommerwind
die Zeit steht still
ich bin wieder das Kind
das ich war

*

Zur Winterszeit

endlich die Stille
von der du geträumt hast
jetzt weißt du um ihr Gewicht
durch die geschlossenen Fenster
hörst du die Schritte der Toten
die über das Eis gehen und
nach dem Tor zur verheißenen
Ewigen Seligkeit suchen
du öffnest ihnen die Haustür
aber sie gehen vorbei die Ängste
der Lebenden haben keine
Bedeutung für sie
unruhig wanderst du
durch dein Haus
der Spiegel zeigt dir
wer du nicht bist
jede Schneeflocke
hat einen Schatten
dafür daß dein Blut
noch warm ist gibt es
keine Erklärung


Ilse Tielsch: Ausgewählte Gedichte. Vorwort: Barbara Neuwirth. 64 Seiten, Euro 6,-. Podium (Podium Porträt Nr. 17), St. Pölten - Wien 2004. ISBN 3-902054-28-X
 

bestellen