|
Frühling
Die Kirschbäume blühen
die Weinstöcke treiben aus
ich habe mein Fahrrad
mit bunten Netzen bespannt
im Haus gegenüber
spielt mein Vetter die Geige
Großvater prophezeit uns
ein gutes Jahr
Jetzt werde ich wieder
über die Hügel gehn
nachts im Traum
mein Vetter geigt schon
lange nicht mehr
Großvater hat man
in Röthenbach begraben
das liegt in Franken
wie ist er dorthin gekommen
über den Weinberg führt
eine Autobahn
ich habe mir wieder ein Fahrrad gekauft
die bunten Netze gibt es nicht mehr
wie bin ich hierhergekommen
wie sind wir alle dorthingekommen
wo wir jetzt sind
*
Wir sind zufrieden
Die
Straßen sind gut wir kommen schneller voran wir werden schneller
vergessen
Die Entfernungen werden kleiner die Ziele schrumpfen das
Erinnerungsvermögen nimmt ab
Die Fenster sind abgedichtet die
Türschlösser sind patentiert wir essen die Suppe lauwarm wir
wollen uns nicht verbrennen
Immer noch sind die
Mörder unterwegs wir nehmen es nicht so schwer
so stirbt
es sich leichter
*
Altes Thema geringfügig
abgewandelt
Wir sahen den Lichtschein dachten:
DORT IST
EIN HAUS
die alten Worte fielen uns ein: Mensch Bruder und
Brot Dach Tisch und Bett Barmherzigkeit Frieden
Ochs und
Esel trafen wir nicht auch Hirten waren keine unterwegs in der
Stube fraßen die Gäste von vollen Schüsseln
Wir
fragten nicht nach dem Kind aber der Wirt las uns die uralte
Hoffnung aus dem Gesicht
er deutete mit dem Daumen zur
Tür und sagte:
DRÜBEN IM STALL |