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podium porträt # 48: Waltraud Seidlhofer

Jeder Buchstabe
hat seinen Platz
im Alphabet.

Jeder Schatten
sein Licht.

Jeder Ort
seine Geschichte.

Jeder Fluss
sein Bett.

Jeder Stern
seine Bahn.

So hat alles
seinen Platz.

Nur Träume
sind Vagabunden
zuhause im Nirgendwo.

*

Gebrauche nie den Begriff
Liebe
Schone das alte Wort
Es ist so leer geworden
so abgegriffen
so oft mißbraucht
so ausgequetscht
Sein Inhalt kleiner
als ein Fliegenschiss

*

Das lichtdurchflutete Dunkel
und das schwarze Licht sind eins.
Versteht der Tote den Lebenden
wie der Lebende den Toten?

Es gibt keinen
Sessel der Erkenntnis,
auf dem man
Probesitzen kann.

*

 

Waltraud Seidlhofer

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Zur Biographie von Waltraud Seidlhofer

Autograph Waltraud Seidlhofer

Autograph Waltraud Seidlhofer

Signatur Waltraud Seidlhofer

Signatur Waltraud Seidlhofer

 

Was waren das für Zeiten!
Leichtfüßig kamen die Worte
unbeschwert
nicht beladen von verborgenen Bedeutungen.

Vom Sinn entleert
schleppen sich die Worte jetzt
bis aufs Papier
kennen keine Standfestigkeit.

Immer wieder plagt der Zweifel:
Ist die Sprache eine andere geworden
oder habe ich mich verändert?

*
 

Alles schon gesagt,
immer wieder gesagt
und immer wieder gesagt.

Wer originell bleiben möchte,
dem bleibt nur die Suche nach dem Klang
- dem einzigartigen -.

Alles nur mehr Klang?
Sonst nichts?
Dann besser nur mehr schweigen
sonst nichts.

*


Waltraud Seidlhofer: Ausgewählte Gedichte. Vorwort: Christian Steinbacher. 64 Seiten, 1 Abb., Euro 6,-. Podium (podium porträt 48), Wien 2009. ISBN 978-3-902054-75-3

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