Silberbauer # 46 Niederle # 47 Seidlhofer # 48
             

podium porträt # 49: Lev Detela

Was am Abend geschieht

Am Abend ist das Möbel gefährlich:
der Klappstuhl explodiert mit schlimmem Knall,
der Schrank geht von selbst in die Brüche,
der Schreibtisch wird auf die Wolken getragen,
Bilder fallen von der Wand wie vergilbtes Herbstlaub.
Am solchen Abend zerlegt sich der Dichter in Urfaktoren:
der Kopf rollt nach Afrika, macht den Negern unerfüllbare
Voraussagen,
die Hände bummeln durch Paris, von allen gefürchtet, weil
rumpflos,
die Beine bleiben im Arbeitszimmer
und spielen einen gespenstischen Fußball mit den Büchern
und dem zerfallenden Mobiliar.
Alles ist unglaublich finster und feierlich.
Nur die Uhr schlägt von Zeit zu Zeit mit sonderbarer Absicht,
wenn sie die Zeit des Ungeheuers ankündigt.

*

 

Lev Detela
Lev Detela

Biografie von Lev Detela


 Zucker und Peitsche

In der Zeit und im süßen Wasser schäumt
der Zucker,
der Zucker ist die andere Zeit und das
andere Wasser,
fließt ab, es gibt ihn nicht mehr, er wird zu
Salz,
doch wieder strömt der neue Zucker zu.

Die Menschenjahre vergehen,
das Skelett bleibt und spricht: Da waren wir.
Da am Strom knallten wir mit Peitschen,
als der Zucker in die Ozeane troff.

Der Zucker umgibt wundersame Inseln,
doch niemand sieht sie vom Festland aus.
Im Unwetter hören wir scharfe
Peitschenknalle,
der Sinn des Lebens wird entzweigeschnitten.

*


Signatur von Lev Detela

 

Mord in der Rue Morgue

(Nach Edgar Allan Poe)

Tollwütige Affen zerreißen alle Ketten,
die Lichter verlöschen, Dschungelgeheul
erhellt die Nacht.
Die Sterne flüchten auf die Kirchturmspitzen,
schauerlich erglühen Kreuze und vergoldete
Wetterhähne,
Blitze schlagen aus heiterem Himmel ein,
alles ist in Flammen.

Noch schlagen die Glocken,
noch brennen die Kathedralen.
Vor den Altären führen Affen aus Afrika
Zauberriten aus.

Der Oberste Affe schleift sein Rasiermesser.
Die Fenster in den Häusern stehen offen,
es herrscht die afrikanische Hitze.
In das letzte Zimmer klingt wahnsinniges
Glockengeläute,
der Oberste Affe schleicht durch die Säle.
Alle liegen unter den Betthimmeln mit
durchtrennten Kehlen,
die blutige Klinge des Obersten Affen glüht
in der Feuersbrunst.

*

 

Testament des hohen Vogels

Ich, der letzte Vogel aus dem Karazokistamm,
ich, der Sturmvogel, der hohe Vogel des Wahnsinns,
verkündige allen Schichten der einsamen Nächte:
Es bricht ein Zeitalter mit blinden Augen an.

Tote Wälder werden uns entgegenkommen.
Ein versickerter Fluß wird die letzte Mühle treiben,
und ich, der Sturmvogel, der hohe Vogel des Wahns,
werde auf der brennenden Kirche zum starren Hahn.

Erloschene Sterne werden zur Spur im Sand
und zur Beute der Raubtiere die jähzornigen Schlangen,
sitzen werden wir im grauen Glanz
des wahnsinnigen Vogels mit blinden Augen.

*

Lev Detela: Ausgewählte Gedichte. Vorwort: Manfred Chobot. 64 Seiten, 1 Abb., Euro 6,-. Podium (podium porträt 49), Wien 2009/10. ISBN 978-3-902054-76-0
 

bestellen