Gessweinpreis 2003 für Reiseliteratur

Chisinau

Rosemarie Poiarkov

Rosemarie Poiarkov

Vperjod! - Vorwärts!
Alte kommunistische Weisheit

Obwohl Nacht, ist es im Zimmer immer noch heiß. Vor mir liegt der offene Rucksack. Die Sonnenblume, mit der mich Paul gestern am Flughafen begrüßte, lässt schon ihren Kopf hängen, obwohl ich den Stiel mit dem Feuerzeug abbrannte; die Rose aber blüht, als wolle sie nie zu blühen aufhören.

Lieber Rainhard!

Moldawien war einfach großartig. Wien ist so wie immer.
Den Wodka haben wir schon fast geleert.
Vergiss bitte meine Poduschki nicht, und falls du noch so ein wunderbares, gehäkeltes Shirt siehst (zufällig natürlich), dann kauf es doch bitte.
Für die Kamera, die du mir geschenkt hast, habe ich mich noch nicht ordentlich bedankt. Danke!!!!
Cu in vienna

Judith

Gestern um diese Zeit war ich schon wieder in Österreich. Bald, nachdem Paul und ich in die Wohnung gekommen waren, begannen wir moldawischen Wodka zu trinken. Später dann gingen wir noch ins Chinarestaurant um die Ecke, aßen Suppe - Ciorba, die Suppe Chisinaus, gab es nicht -, und nachher saßen wir in der Küche, tranken Wodka und redeten.

Ich wollte gerade die Nachrichten auf meiner Mailbox abhören, als Paul, "Happy Birthday" singend, mit der Torte hereinkam. Ich war gerührt, ich freute mich, aber glücklich war ich nicht. Glück ist etwas anderes, etwas Leichtes, wie am frühen Abend mit Rainhard den Boulevard Stefan cel Mare entlangzuschlendern, nichts Spezielles vorzuhaben, die Ausstellungseröffnung erfolgreich hinter uns gebracht. Wir überlegen, ob wir nicht ins Kino gehen, uns ein kitschiges Ost-Liebes-Melodram ansehen sollen, sind beide dafür, gehen aber trotzdem weiterhin langsam die Straße entlang, obwohl der Film in fünf Minuten beginnt, und wir nicht wissen, wie weit es noch bis zum Kino ist. Unter den Lärm der Autos mengt sich ein helles Geräusch, ein wiederkehrendes Pling. Auf der anderen Seite des Boulevards sitzt ein Mann in rotem T-Shirt unter einem Baum und macht Musik. "Den Xylophonspieler muss ich aufnehmen", sagt Rainhard. Es ist Sonntag, die Menschen schlendern wie wir über den Stefan cel Mare, die Hauptstraße Chisinaus. Rainhard läuft auf die andere Seite und packt vor dem Straßenmusiker seine Radiomacher-Ausrüstung aus. Über die Straße sehe ich, wie Rainhard die Kopfhörer aufsetzt und das Mikrofon vor das Instrument hält, wie er die Zahlen und Ausschläge auf seinem Aufnahmegerät beobachtet und sich freut, dass es keinen Wind gibt. Gäbe es einen, hätte er mir wohl schon gewinkt, und ich hätte mit meiner Jacke ein paar Minuten als Windschutz gearbeitet.

Das Kino ist nur wenige Meter entfernt. Für den Film, den wir sehen wollen, gibt es keine Karten mehr. Wir spazieren wieder auf die Straße, zu dem Park gleich daneben, zu den Kiosken, vor denen Männer und Frauen mit Bierflaschen sitzen, zu den Jugendlichen, die den Park als Treffpunkt benützen, kaufen uns Eis, gehen in den Park hinein.

"Wir verbringen den Sonntag wie zwei Moldawier", sage ich, "Eis essend im Park."

"Das ist doch schön", erwidert Rainhard.

Als wir aus dem Park kommen, sitzt der Musikant direkt davor. Auf Rainhards Bitte hin frage ich ihn, wie das Instrument heißt. Der alte, starke Mann drückt mir die Klöppel in die Hand, mit denen ich ein paar der Metalltasten anschlage, bevor ich die Holzstäbe an Rainhard weiterreiche. Und dann kommen schon die Kinder, um ebenfalls ein paar Töne zu klopfen.

Paul erzählte gestern, noch am Flughafen, als er mich immer wieder, so zwischendurch, kurz küsste, dass er mich vermisst habe, dass er nicht gedacht habe, dass ich ihm so abgehen würde, die ersten Tage, die ersten drei Tage habe er gar nicht schlafen können.

In letzter Zeit unterbricht mich Paul oft, wenn ich ihm etwas erzähle, nimmt eine Kleinigkeit, die in dem Erzählten gerade vorkam, auf und lenkt mit diesem Detail das Gespräch in eine vollkommen andere Richtung. Es ist mir unangenehm, nicht einfach etwas erzählen zu können, sondern dann irgendwo, ja, da könnte sich doch eine gute, eine witzige Geschichte ergeben, einsteigen zu müssen, und bei etwas Absurdem, das schon absehbar ist, zu landen.

Gestern aber erzählte mir Paul eine schöne Geschichte. Über Birgit, seine erste Freundin; in der dritten Klasse Hauptschule sei das gewesen. Mit dem Fahrrad sei er zu einer Blockhütte, dort am Land, wo er aufgewachsen ist, gefahren, und dann seien sie in dieser Blockhütte am Tisch gesessen, Paul und Birgit, ganz nah beieinander, lange seien sie dort gesessen, und dann hätten sie sich geküsst, lange hätten sie sich geküsst, und er hätte es dann sogar gewagt, seine Hand unter ihr T-Shirt zu schieben, "dieser Busen!", sagt Paul, "dieser Busen!". Die ganze Nacht habe er nicht schlafen können.

Rainhard roch nach Bier, als er mich am Flughafen abholte, und war sehr guter Stimmung. Dass er diesen Taxifahrer erwischt habe, sei Glück gewesen, und die Zimmer habe er auch schon reserviert. Nur die Fernsehapparate funktionierten schlecht, was scheiße sei, wir müssten unbedingt einen funktionierenden Fernsehapparat finden, wenn nötig eben andere Zimmer nehmen, denn es war die Zeit der Fussball-WM. Er hoffe, dass mir das Zimmer gefalle, 5-Sterne-Hotel sei es keines, aber das habe er mir ja vorher schon gesagt.

"Du hast mir klapprige Busse versprochen", sagte ich.

"Ja, da hättest du mit mir von Rumänien hierher fahren müssen."

Bevor wir ins Hotel gingen, kauften wir Bier im 24-Stunden-Supermarkt. Rainhard kaufte auch eine Dose Fisch und eine Zitrone. Beides blieb in meinem Zimmer, das ich gleich mochte, gemütlich, nicht zu klein und sogar mit Balkon.

In Rainhards Zimmer tranken wir Bier, bis im Fernsehen die Hymne erklang und das Testbild erschien.

Am nächsten Tag holten wir Roland vom Flughafen ab. Wir hatten endlich ein angenehmes Lokal mit Fernsehapparat gefunden, in dem sie alle Spiele zeigen würden. Roland war mir auf den ersten Blick unsympathisch, aber als wir dann in der Bar mit dem Fernsehapparat saßen, der Bar Extremal, stundenlang, und redeten, bevor wir Abend essen gingen, begann ich ihn zu mögen, und ich glaube, bei ihm war es ähnlich.

Privjet Paul!

Ich habe den Flug in der Supermini-Ausgabe eines Flugzeuges überstanden, ganz gut sogar, und ja, jetzt bin ich da, Ex-Republik der Ex-Sowjetunion Moldawien! Chisinau!

Roland und Rainhard müssen beide nach Hause telefonieren, um zu berichten, dass sie gut gelandet sind, also tue ich das jetzt auch.

Irgendwie habe ich gerade nichts zu erzählen. Hm, vielleicht ändert sich das noch.

Falls du irgendwelche Mitbringselwünsche hast, schreibe mir das doch bitte zeitgerecht.

Ich küsse dich.

Judith

Rainhard, Roland und ich verstanden uns gut. "Eine ironische Atmosphäre" hätten wir, er und ich, geschaffen, meinte Rainhard, der sich Roland angepasst habe.

Hallo Judith!

Hm, von Wien gibt´s auch nicht viel zu erzählen, fußballmüde bin ich schon etwas, die Wohnung sollte ich endlich aufräumen, muss jetzt dann zur Arbeit ...
Ich habe keine Mitbringselwünsche, will nur dich... (na ja, Zigaretten wären nicht schlecht, hmm, Wodka wäre auch super...)
Schöne Eröffnung, schönes Wochenende.
Übrigens: Spiderman war gar nicht so schlecht.
Schlaflose Küsse aus einem so unendlich leeren Bett
P

Paul, ach Paul, die Eröffnung ist vorbei, es war nett, wirklich nett, sehr vielsprachig, russisch, rumänisch, deutsch, auch ein wenig englisch, die Stimmung am Schluss war herzlich, offen.
Hier regnet es wie bei euch.
Rainhard, Roland und ich sind schon eine Gang. Wir essen, wir trinken, wir schauen WM (heute nicht, heute mussten wir arbeiten).
Jetzt geht´s ins klassische Konzert.
Baba (das sagen auch die Rumänen)

Judith

Paul sagt oft, ich rieche nach Liebe. "Du riechst nach Liebe", sagt er, wenn wir am Bett liegen, nachdem wir Sex hatten, beide schweißnass, das Leintuch zerwühlt.

Der Schweiß auf unserer Haut erinnert mich an Afrika. In Afrika aber roch unser Schweiß anders, dunkler, echter. In Afrika war unser Zimmer, auch am Abend, voll schwerer Hitze, die der Deckenventilator zum unverglasten Fenster hinauswirbelte, durch die kleinen Löcher des Moskitonetzes hindurch.

"Ich rieche nach Liebe", sagt Paul, "da wäre es doch eine Sünde, jetzt noch duschen zu gehen".

Ich schaue Paul an, lächle und weiß nicht, ob er Recht hat.

Ich, und er, riechen nach Sex, nach gutem Sex, nach erregendem Immer-mehr und Nie-genug. Wenn Paul kommt, wenn ich seinen Schwanz fühle, wie er größer wird und Paul dann in mich loslässt, sich gibt, in kurzen unkontrollierbaren Stößen sein Sperma in mich entlädt, dann ist Paul kurz so, wie wenn er schläft, leise und laute Seufzer, die von ihm erzählen, ein tiefes Durchatmen, dann dreht er sich zur Seite, dann wieder zu mir, und nimmt meine Hand oder legt seinen Kopf auf meine Brust, umfasst mich mit seinen Armen, seufzt wieder und schläft weiter.

Wenn ich komme, wenn ich mit Paul schlafe, dann sind es sanfte, frühlingshafte Orgasmen, die nachher keine Traurigkeit hinterlassen wie andere, sichtbarere.

Vor dem Abflug nach Chisinau saßen Paul und ich auf einer Bank vor der Passkontrolle im Duty-Free-Bereich. Ich hatte meinen Kopf an seine Schulter gelehnt. Wir sprachen kaum. Paul rauchte eine Zigarette nach der anderen, müsse man doch, wenn es schon eigene Raucherinseln gebe, sagte er, bevor wir uns zum Abschied kurz auf den Mund küssten.

Ich ließ mein Gepäck durchleuchten, zitterte vor dem Flug und saß dann mit wenigen Leuten hinter der gläsernen Wand vor dem Flugfeld, schloss die Augen und atmete tief, ein paar Minuten nichts außer mit der verbrauchten Luft die Angst aus dem Körper zu atmen, um in das winzige Flugzeug einsteigen zu können, das mich nach Chisinau, Russisch Kishinjow, die Hauptstadt Moldawiens, bringen sollte.

Vielleicht schafft man sich ein Bild nur dann, wenn man allein ist, ein Bild von sich selbst, vielleicht fühlt man sich auch nur dann, wenn man allein ist, vielleicht. Ich liebe den Geruch dieses Hotelzimmers, die Geräusche, auch wenn sie Stille sind. Was ich denke, ist innen und sagt nichts. Nicht im Gegensatz zu einem Gedicht, nicht im Gegensatz zu einer Geschichte, sondern zu dem, was ist.

In Dar es Salaam, Tanzania, am Weg vom Restaurant Aduza zu unserem Motel.

Die Straßen in Dar sind dunkel, kaum Straßenlaternen, den Weg leuchten die Sterne. Die Luft roch frisch und heiß, grün von den Bäumen, staubig von der unasphaltierten Straße.

Emmanuel hatte zu uns gesagt, dass wir doch irgendwann heiraten müssten, das sähe man doch, dass wir zusammen gehörten. Ich antwortete, ich will ihn ja heiraten, aber er mich nicht, und Paul konterte, ich will ja Kinder von ihr, aber wozu denn heiraten?, worauf ich zu Emmanuel gesagt hatte, siehst du, so kommen wir nicht zusammen.

In dieser Nacht, kurz nach der Brücke, sagte Paul zu mir, natürlich würde ich dich heiraten. "Einen echten Heiratsantrag macht man auf Knien", sagte ich, und Paul kniete sich nieder und fragte, "Willst du mich heiraten, schöne, geliebte Judith?" und ich lachte und sagte "Ja".

Nachdem Paul und ich das erste Mal miteinander geschlafen hatten, ging ich am nächsten Tag zum Arzt, um die Pille-danach zu nehmen, die ich bis dahin noch nie genommen hatte. Plötzlich hatte ich ein Bild der Wirklichkeit vor Augen, dass ich von Paul - auch wenn die biologische Zeit dies so gut wie ausschloss - schwanger sein könnte, und dann dachte ich nach, und dachte, ist das dein Ernst? Könntest du dir wirklich vorstellen, von Paul schwanger zu sein, von ihm ein Kind zu haben?

Kurz darauf, ich weiß nicht, wie das passierte, war ich verliebt. In Paul. Wahrscheinlich, dachte ich, war es wahr, ich hatte Paul schon immer geliebt, aber immer gewusst, dass so, wie Paul war, und so, wie ich war, es mit uns nie etwas werden könnte.

Dann war dieser Sommer.

Dann dieser September.

Nachdem wir die Bilder des einstürzenden World Trade Centers im Fernsehen gesehen hatten, schliefen wir miteinander. "Wir haben dem Hass Liebe entgegengesetzt", sagte Paul.

Ich habe kürzlich irgendwo gelesen, dass der Terroranschlag anscheinend auch andere Leute dazu bewogen hatte, dem Hass Liebe entgegenzusetzen; es sollen viele Kinder unterwegs sein, die am 11. 9. 2001 gezeugt wurden.

Lieber Paul!

Deine Mail ist noch in meiner Inbox, und da ich sowieso nur an dich denke, kann ich mir die Beantwortung anderer Mails sparen, und schreibe jetzt dir eine Antwort, obwohl ich eigentlich nichts zu sagen habe. Ich habe noch immer, schon wieder oder was auch immer, bisschen Angst vor der Zeit, wenn du nicht mehr da bist. Warum weiß ich nicht. Was soll schon passieren, außer dass ich weinend am Stephansplatz stehe und ´Paul´ schreie? Das machen andere schließlich auch, nur schreien die nicht ´Paul´, sondern ´Krieg` oder ´Frieden´. Dass sie nicht ´Paul´ schreien, liegt einzig und allein daran, dass sie dich nicht kennen.

Das mit gestern tut mir leid. Irgendwie ist jetzt vielleicht irgendwo ein Riss, der gar nicht notwendig gewesen wäre. Scheißabschiede! Scheißwien! Scheißpostmoderne!

Ich hab´ dich viel zu gern, Paul

Judith

Liebe Judith!

Gestern ist schon lang nicht mehr. Es war auch kein Riss, es gab keine Risse, und das ist es auch, was so weh tut. Ich mache den Riss, ich hau´ ab... Alles Scheißwörter.

Judith, ich liebe dich und fahre weg. Egal ob gut oder schlecht, ob Ende oder nicht, was weiß ich. Mir wird ganz schwindlig, wenn ich deine Mails lese...

Paul.

Ich begleitete Paul zum Bahnhof, fliegen würde er erst in ein paar Tagen.

Wir tranken noch einen Kaffee, dann küssten wir uns.

Als ich die Rolltreppe hinunterstieg, dachte ich mir, was ist das schon? Vier Monate? Was ist das schon? Ich hatte Pläne, plötzlich auch keine Angst mehr, bis ich in der U-Bahn saß. Vier Monate ohne Pauls Körper neben meinem. Ohne seine Hände auf mir, neben mir, um mich. Ohne seine Stimme. Vier Monate! Ich wollte plötzlich hinaus aus diesem Waggon, nur hinaus, Paul hinterher, irgendwohin, nur nicht vier Monate auf etwas warten, auf Paul warten, nur nicht vier Monate ohne Paul sein. Ich blieb sitzen, stieg bei der geplanten Station aus, schleppte mich in die Wohnung, zitterte, rief eine Freundin an, sagte, das schaffe ich nie, dann trank ich Whiskey, bis ich betrunken genug war, um einzuschlafen, als ich mich hinlegte.

Am Abend begann der Krieg der USA gegen Afghanistan.

Ich weiß nicht, ob das bei denen, die dem Hass die Liebe entgegensetzten, dann auch so war. Dass plötzlich ein Zustand herrschte, den man vorher nicht gekannt hatte.

Als Paul weg war, träumte ich davon, tagträumte ich, dass er plötzlich vor der Tür stehen würde, oder unten an einer Telefonzelle, anrufen und sagen würde, "ich bin da, um dich zu holen", so wie er es versprochen hatte. Ich wollte zu ihm, aber ich wusste nicht, ob ich es schaffen würde. Ich hatte Angst bekommen, Angst vor der Liebe, Angst vor fremden Ländern, Angst vor Straßenbahnen. Ich las Pauls Mails und weinte, stellte mir vor, wie er kommen würde, um mich zu holen. Ich wusste, wie absurd das war. Dass ein Flug 700 Euro mindestens kosten würde. Er aber hatte geschrieben, "wenn du nicht kommst, dann komme ich und hole dich". Darauf vertraute ich. Ich hoffte, er würde anrufen und sagen "ich bin da", ich würde ihm entgegenlaufen, ihn umarmen, immer wieder seinen Namen murmeln, und weinen, an seine Brust gelehnt, seine Wärme spürend, weinen, und er würde mich streicheln und sagen, "ich bin da." Nur das "ich bin da".

Manchmal lag ich fast bewegungslos auf der Couch, voller Angst aus dem Fenster zu sehen, Angst, auf die Straße zu gehen, Angst, mit Menschen zu reden, weil sie dann alle sehen würden, wie sehr ich Angst war, und wie leichtsinnig man in Gedanken mit dem Leben spielte, gerade dann, wenn es kostbar geworden war.

Manchmal, in kurzen Momenten, in denen das Übrige, Große nicht zählte, war ich glücklich.

Liebe Judith!

Stimmt doch nicht, das mit dem Vorhersehen-Können, was passiert. War mir so sicher, von dir zu lesen. Gestern noch der Meinung, diese tägliche Kommunikation würde uns doch nur ermüden, nur Buchstaben, kein Körper, keine direkte Kommunikation. Heute der Meinung, ich brauche zumindest ein paar Zeilen von dir, um nicht in totale Schwermut zu verfallen. War mir so sicher, dass sie da waren, Wörter von dir.

Schön, immer wieder schön, dass du kommst. In die neue Welt. Afrika ist mir im Moment egal ohne dich.

Paul

Erst in den letzten Tagen, bevor ich fliegen sollte, deutete ich Paul gegenüber an, dass ich vielleicht nicht kommen würde. Ich hatte ein Ticket bestellt, war aber bis dahin nicht fähig gewesen, es abzuholen.

Die lange Zeit, während ich im Bett lag und nicht einschlafen konnte, stellte ich mir noch immer vor, dass er kommen, plötzlich da sein würde, und wusste gleichzeitig noch immer, dass das nichts helfen würde, dass er doch, und ich doch, aber manchmal war da nur dieses Gefühl, er würde kommen, er würde mich holen, und nachher würde schon alles irgendwie weitergehen, das war doch immer so.

Erst am Tag vor dem Abreisetermin ging ich ins Reisebüro, holte das Ticket, schloss eine Reiseversicherung ab. Ich kaufte einen Kilo Medikamente, besorgte mir einen teuren Reiseführer über Tanzania, hob Geld von der Bank ab, packte und war mir immer noch nicht sicher, dass ich fliegen würde.

Als ich spürte, wie die Räder des Flugzeuges die Erde des Flughafens Dar es Salaam berührten, begannen mir die Tränen über die Wangen zu laufen. Ich hatte es geschafft! Paul! Ich war so glücklich, stieg aus dem kühlen Flugzeug hinaus in eine Welt voller Hitze und seltsamen Gestanks, lächelte die Menschen an, Paul!, Afrika!, wartete auf meinen Rucksack, stellte mich an, zeigte dem freundlichen Grenzbeamten meinen Pass, machte ein Visum, und dann trat ich hinaus in die große Halle. Hinter der Absperrung blickten mir die vielen Wartenden aufmerksam entgegen, und dann sah ich auch Paul, braungebrannt, in rotem Hemd und schwarzer Hose, eine Zigarette zwischen den Fingern. Ich ging zu ihm, er küsste mich auf den Mund, Karibu Judith!, wir lachten beide. Während der Fahrt im Taxi hinein in die Stadt berührten Paul und ich uns kaum, aber es war Paul, der neben mir saß, auch wenn er anders roch. Als ich spürte, wie die Angst wiederkam, sah ich nicht mehr aus dem Autofenster.

Wir waren noch an den Strand gegangen. In dem graubraunen Sand lagen Baumstückchen, Teile von Wasserpflanzen, Abfall. Es war still, nur das Meer schlug seine Wellen ans Ufer. Der Himmel war nah, die Wolken zogen am dunkelblauen, sternenübersäten Firmament ihrer Wege, das Licht des Mondes. Gott musste irgendwo dahinter sein. Mein Kopf lag in Pauls Schoß.

Wir waren in Bagamoyo. Der Name bedeutet "Leg dein Herz nieder" oder auch "Throw off melancholy". Nach dem langen Marsch durch das Innere des Landes, mit den Sklaven in Ketten, ruhten sich die Karawanenführer am Meer bei Palmwein aus. Bagamoyo war nun eine heruntergekommene kleine Stadt. Früher aber war es die Hauptstadt Deutsch-Ostafrikas gewesen.

Ich konnte Gott weder sehen noch spüren. Paul zeigte mir die Boote auf der rechten Seite und erzählte von den Fischern. Wir sprachen über die Welt, über hier und über dort und über den Himmel über uns, der uns klein und verloren machte.

Lieber Paul!

Heute scheint hier endlich die Sonne. Chisinau ist wirklich eine schöne Stadt, sehr grün, und wenn die Sonne scheint, glitzern auch die Augen der Menschen. Das Essen hier ist so gut, dass ich allein deswegen gern noch eine Woche länger bleiben würde. Und der moldawische Rotwein!

Rosenberger, der Kulturattaché, war gestern gerührt, und Murmauer (Sektionschefin....), und überhaupt alle. Die paar Tage haben uns zusammen geschweißt.

Bussi links rechts links

Judith

In dem kleinen Propellerflugzeug auf dem Weg von Chisinau nach Wien schlief ich, bevor ich mir, da waren wir schon über Österreich, die Wolken und das Land unter mir ansah. Ich hatte im Flugzeug schon lange nicht mehr aus dem Fenster gesehen, und wunderte mich, wie schön die Welt war.

Liebe Judith,

Chisinau ist ohne dich ein bisschen traurig. Habe Roland heute noch zum Flughafen gebracht, er war auch irgendwie richtig fertig.

Ich arbeite fleißig.

Ich freue mich sehr, dass es dir gefallen hat, besonders auch, dass du mir gleich eine Mail schreibst, weil das wollte ich eben auch noch wissen, dass du gut gelandet bist... wie immer, ich werde versuchen, dein Pölsterchen zu finden, und viel Glück in Wien und mit der Arbeitssuche, viel Glück überhaupt.

Rainhard

Rosemarie Poiarkov, geboren 9.6.74 in Baden bei Wien; Studium der Philosophie, Germanistik, Politwissenschaften "Eine CD lang. Liebesgeschichten", Zsolnay 2001 Stipendium des Stadtsenats Berlin 2001 Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften