Gessweinpreis 2003 für Reiseliteratur |
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ChisinauRosemarie Poiarkov
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Vperjod! - Vorwärts!
Alte kommunistische Weisheit
Obwohl Nacht, ist es im Zimmer immer noch heiß. Vor mir liegt der offene Rucksack. Die Sonnenblume, mit der mich Paul gestern am Flughafen begrüßte, lässt schon ihren Kopf hängen, obwohl ich den Stiel mit dem Feuerzeug abbrannte; die Rose aber blüht, als wolle sie nie zu blühen aufhören.
Lieber Rainhard!
Moldawien war einfach
großartig. Wien ist so wie immer.
Den Wodka haben wir schon fast
geleert.
Vergiss bitte meine Poduschki nicht, und falls du noch so ein
wunderbares, gehäkeltes Shirt siehst (zufällig natürlich), dann
kauf es doch bitte.
Für die Kamera, die du mir geschenkt hast, habe
ich mich noch nicht ordentlich bedankt. Danke!!!!
Cu in
vienna
Judith
Gestern um diese Zeit war ich schon wieder in Österreich.
Bald, nachdem Paul und ich in die Wohnung gekommen waren, begannen wir
moldawischen Wodka zu trinken. Später dann gingen wir noch ins
Chinarestaurant um die Ecke, aßen Suppe - Ciorba, die Suppe Chisinaus,
gab es nicht -, und nachher saßen wir in der Küche, tranken Wodka
und redeten.
Ich wollte gerade die Nachrichten auf meiner Mailbox
abhören, als Paul, "Happy Birthday" singend, mit der Torte hereinkam. Ich
war gerührt, ich freute mich, aber glücklich war ich nicht.
Glück ist etwas anderes, etwas Leichtes, wie am frühen Abend mit
Rainhard den Boulevard Stefan cel Mare entlangzuschlendern, nichts
Spezielles vorzuhaben, die Ausstellungseröffnung erfolgreich hinter uns
gebracht. Wir überlegen, ob wir nicht ins Kino gehen, uns ein kitschiges
Ost-Liebes-Melodram ansehen sollen, sind beide dafür, gehen aber trotzdem
weiterhin langsam die Straße entlang, obwohl der Film in fünf
Minuten beginnt, und wir nicht wissen, wie weit es noch bis zum Kino ist. Unter
den Lärm der Autos mengt sich ein helles Geräusch, ein
wiederkehrendes Pling. Auf der anderen Seite des Boulevards sitzt ein
Mann in rotem T-Shirt unter einem Baum und macht Musik. "Den Xylophonspieler
muss ich aufnehmen", sagt Rainhard. Es ist Sonntag, die Menschen schlendern wie
wir über den Stefan cel Mare, die Hauptstraße Chisinaus.
Rainhard läuft auf die andere Seite und packt vor dem Straßenmusiker
seine Radiomacher-Ausrüstung aus. Über die Straße sehe ich, wie
Rainhard die Kopfhörer aufsetzt und das Mikrofon vor das Instrument
hält, wie er die Zahlen und Ausschläge auf seinem Aufnahmegerät
beobachtet und sich freut, dass es keinen Wind gibt. Gäbe es einen,
hätte er mir wohl schon gewinkt, und ich hätte mit meiner Jacke ein
paar Minuten als Windschutz gearbeitet.
Das Kino ist nur wenige Meter
entfernt. Für den Film, den wir sehen wollen, gibt es keine Karten mehr.
Wir spazieren wieder auf die Straße, zu dem Park gleich daneben, zu den
Kiosken, vor denen Männer und Frauen mit Bierflaschen sitzen, zu den
Jugendlichen, die den Park als Treffpunkt benützen, kaufen uns Eis, gehen
in den Park hinein.
"Wir verbringen den Sonntag wie zwei Moldawier",
sage ich, "Eis essend im Park."
"Das ist doch schön", erwidert
Rainhard.
Als wir aus dem Park kommen, sitzt der Musikant direkt davor.
Auf Rainhards Bitte hin frage ich ihn, wie das Instrument heißt. Der
alte, starke Mann drückt mir die Klöppel in die Hand, mit denen ich
ein paar der Metalltasten anschlage, bevor ich die Holzstäbe an Rainhard
weiterreiche. Und dann kommen schon die Kinder, um ebenfalls ein paar Töne
zu klopfen.
Paul erzählte gestern, noch am Flughafen, als er mich
immer wieder, so zwischendurch, kurz küsste, dass er mich vermisst habe,
dass er nicht gedacht habe, dass ich ihm so abgehen würde, die ersten
Tage, die ersten drei Tage habe er gar nicht schlafen können.
In
letzter Zeit unterbricht mich Paul oft, wenn ich ihm etwas erzähle, nimmt
eine Kleinigkeit, die in dem Erzählten gerade vorkam, auf und lenkt mit
diesem Detail das Gespräch in eine vollkommen andere Richtung. Es ist mir
unangenehm, nicht einfach etwas erzählen zu können, sondern dann
irgendwo, ja, da könnte sich doch eine gute, eine witzige Geschichte
ergeben, einsteigen zu müssen, und bei etwas Absurdem, das schon absehbar
ist, zu landen.
Gestern aber erzählte mir Paul eine schöne
Geschichte. Über Birgit, seine erste Freundin; in der dritten Klasse
Hauptschule sei das gewesen. Mit dem Fahrrad sei er zu einer Blockhütte,
dort am Land, wo er aufgewachsen ist, gefahren, und dann seien sie in dieser
Blockhütte am Tisch gesessen, Paul und Birgit, ganz nah beieinander, lange
seien sie dort gesessen, und dann hätten sie sich geküsst, lange
hätten sie sich geküsst, und er hätte es dann sogar gewagt,
seine Hand unter ihr T-Shirt zu schieben, "dieser Busen!", sagt Paul, "dieser
Busen!". Die ganze Nacht habe er nicht schlafen können.
Rainhard
roch nach Bier, als er mich am Flughafen abholte, und war sehr guter Stimmung.
Dass er diesen Taxifahrer erwischt habe, sei Glück gewesen, und die Zimmer
habe er auch schon reserviert. Nur die Fernsehapparate funktionierten schlecht,
was scheiße sei, wir müssten unbedingt einen funktionierenden
Fernsehapparat finden, wenn nötig eben andere Zimmer nehmen, denn es war
die Zeit der Fussball-WM. Er hoffe, dass mir das Zimmer gefalle, 5-Sterne-Hotel
sei es keines, aber das habe er mir ja vorher schon gesagt.
"Du hast
mir klapprige Busse versprochen", sagte ich.
"Ja, da hättest du
mit mir von Rumänien hierher fahren müssen."
Bevor wir ins
Hotel gingen, kauften wir Bier im 24-Stunden-Supermarkt. Rainhard kaufte auch
eine Dose Fisch und eine Zitrone. Beides blieb in meinem Zimmer, das ich gleich
mochte, gemütlich, nicht zu klein und sogar mit Balkon.
In
Rainhards Zimmer tranken wir Bier, bis im Fernsehen die Hymne erklang und das
Testbild erschien.
Am nächsten Tag holten wir Roland vom Flughafen
ab. Wir hatten endlich ein angenehmes Lokal mit Fernsehapparat gefunden, in dem
sie alle Spiele zeigen würden. Roland war mir auf den ersten Blick
unsympathisch, aber als wir dann in der Bar mit dem Fernsehapparat saßen,
der Bar Extremal, stundenlang, und redeten, bevor wir Abend essen gingen,
begann ich ihn zu mögen, und ich glaube, bei ihm war es ähnlich.
Privjet Paul!
Ich habe den Flug in der
Supermini-Ausgabe eines Flugzeuges überstanden, ganz gut sogar, und ja,
jetzt bin ich da, Ex-Republik der Ex-Sowjetunion Moldawien! Chisinau!
Roland und Rainhard müssen beide nach Hause telefonieren, um zu
berichten, dass sie gut gelandet sind, also tue ich das jetzt auch.
Irgendwie habe ich gerade nichts zu erzählen. Hm, vielleicht
ändert sich das noch.
Falls du irgendwelche Mitbringselwünsche
hast, schreibe mir das doch bitte zeitgerecht.
Ich küsse
dich.
Judith
Rainhard, Roland und ich verstanden uns gut. "Eine ironische Atmosphäre" hätten wir, er und ich, geschaffen, meinte Rainhard, der sich Roland angepasst habe.
Hallo Judith!
Hm, von Wien gibt´s
auch nicht viel zu erzählen, fußballmüde bin ich schon etwas,
die Wohnung sollte ich endlich aufräumen, muss jetzt dann zur Arbeit ...
Ich habe keine Mitbringselwünsche, will nur dich... (na ja, Zigaretten
wären nicht schlecht, hmm, Wodka wäre auch super...)
Schöne
Eröffnung, schönes Wochenende.
Übrigens: Spiderman war gar
nicht so schlecht.
Schlaflose Küsse aus einem so unendlich leeren
Bett
P
Paul, ach Paul, die Eröffnung ist vorbei, es
war nett, wirklich nett, sehr vielsprachig, russisch, rumänisch, deutsch,
auch ein wenig englisch, die Stimmung am Schluss war herzlich, offen.
Hier
regnet es wie bei euch.
Rainhard, Roland und ich sind schon eine Gang. Wir
essen, wir trinken, wir schauen WM (heute nicht, heute mussten wir arbeiten).
Jetzt geht´s ins klassische Konzert.
Baba (das sagen auch die
Rumänen)
Judith
Paul sagt oft, ich rieche nach Liebe. "Du riechst nach Liebe",
sagt er, wenn wir am Bett liegen, nachdem wir Sex hatten, beide
schweißnass, das Leintuch zerwühlt.
Der Schweiß auf
unserer Haut erinnert mich an Afrika. In Afrika aber roch unser Schweiß
anders, dunkler, echter. In Afrika war unser Zimmer, auch am Abend, voll
schwerer Hitze, die der Deckenventilator zum unverglasten Fenster
hinauswirbelte, durch die kleinen Löcher des Moskitonetzes hindurch.
"Ich rieche nach Liebe", sagt Paul, "da wäre es doch eine
Sünde, jetzt noch duschen zu gehen".
Ich schaue Paul an,
lächle und weiß nicht, ob er Recht hat.
Ich, und er, riechen
nach Sex, nach gutem Sex, nach erregendem Immer-mehr und Nie-genug. Wenn Paul
kommt, wenn ich seinen Schwanz fühle, wie er größer wird und
Paul dann in mich loslässt, sich gibt, in kurzen unkontrollierbaren
Stößen sein Sperma in mich entlädt, dann ist Paul kurz so, wie
wenn er schläft, leise und laute Seufzer, die von ihm erzählen, ein
tiefes Durchatmen, dann dreht er sich zur Seite, dann wieder zu mir, und nimmt
meine Hand oder legt seinen Kopf auf meine Brust, umfasst mich mit seinen
Armen, seufzt wieder und schläft weiter.
Wenn ich komme, wenn ich
mit Paul schlafe, dann sind es sanfte, frühlingshafte Orgasmen, die
nachher keine Traurigkeit hinterlassen wie andere, sichtbarere.
Vor dem
Abflug nach Chisinau saßen Paul und ich auf einer Bank vor der
Passkontrolle im Duty-Free-Bereich. Ich hatte meinen Kopf an seine Schulter
gelehnt. Wir sprachen kaum. Paul rauchte eine Zigarette nach der anderen,
müsse man doch, wenn es schon eigene Raucherinseln gebe, sagte er, bevor
wir uns zum Abschied kurz auf den Mund küssten.
Ich ließ
mein Gepäck durchleuchten, zitterte vor dem Flug und saß dann mit
wenigen Leuten hinter der gläsernen Wand vor dem Flugfeld, schloss die
Augen und atmete tief, ein paar Minuten nichts außer mit der verbrauchten
Luft die Angst aus dem Körper zu atmen, um in das winzige Flugzeug
einsteigen zu können, das mich nach Chisinau, Russisch Kishinjow, die
Hauptstadt Moldawiens, bringen sollte.
Vielleicht schafft man sich ein
Bild nur dann, wenn man allein ist, ein Bild von sich selbst, vielleicht
fühlt man sich auch nur dann, wenn man allein ist, vielleicht. Ich liebe
den Geruch dieses Hotelzimmers, die Geräusche, auch wenn sie Stille sind.
Was ich denke, ist innen und sagt nichts. Nicht im Gegensatz zu einem Gedicht,
nicht im Gegensatz zu einer Geschichte, sondern zu dem, was ist.
In Dar
es Salaam, Tanzania, am Weg vom Restaurant Aduza zu unserem Motel.
Die
Straßen in Dar sind dunkel, kaum Straßenlaternen, den Weg leuchten
die Sterne. Die Luft roch frisch und heiß, grün von den Bäumen,
staubig von der unasphaltierten Straße.
Emmanuel hatte zu uns
gesagt, dass wir doch irgendwann heiraten müssten, das sähe man doch,
dass wir zusammen gehörten. Ich antwortete, ich will ihn ja heiraten, aber
er mich nicht, und Paul konterte, ich will ja Kinder von ihr, aber wozu denn
heiraten?, worauf ich zu Emmanuel gesagt hatte, siehst du, so kommen wir nicht
zusammen.
In dieser Nacht, kurz nach der Brücke, sagte Paul zu
mir, natürlich würde ich dich heiraten. "Einen echten Heiratsantrag
macht man auf Knien", sagte ich, und Paul kniete sich nieder und fragte,
"Willst du mich heiraten, schöne, geliebte Judith?" und ich lachte und
sagte "Ja".
Nachdem Paul und ich das erste Mal miteinander geschlafen
hatten, ging ich am nächsten Tag zum Arzt, um die Pille-danach zu nehmen,
die ich bis dahin noch nie genommen hatte. Plötzlich hatte ich ein Bild
der Wirklichkeit vor Augen, dass ich von Paul - auch wenn die biologische Zeit
dies so gut wie ausschloss - schwanger sein könnte, und dann dachte ich
nach, und dachte, ist das dein Ernst? Könntest du dir wirklich vorstellen,
von Paul schwanger zu sein, von ihm ein Kind zu haben?
Kurz darauf, ich
weiß nicht, wie das passierte, war ich verliebt. In Paul. Wahrscheinlich,
dachte ich, war es wahr, ich hatte Paul schon immer geliebt, aber immer
gewusst, dass so, wie Paul war, und so, wie ich war, es mit uns nie etwas
werden könnte.
Dann war dieser Sommer.
Dann dieser
September.
Nachdem wir die Bilder des einstürzenden World Trade
Centers im Fernsehen gesehen hatten, schliefen wir miteinander. "Wir haben dem
Hass Liebe entgegengesetzt", sagte Paul.
Ich habe kürzlich
irgendwo gelesen, dass der Terroranschlag anscheinend auch andere Leute dazu
bewogen hatte, dem Hass Liebe entgegenzusetzen; es sollen viele Kinder
unterwegs sein, die am 11. 9. 2001 gezeugt wurden.
Lieber Paul!
Deine Mail ist noch in meiner
Inbox, und da ich sowieso nur an dich denke, kann ich mir die Beantwortung
anderer Mails sparen, und schreibe jetzt dir eine Antwort, obwohl ich
eigentlich nichts zu sagen habe. Ich habe noch immer, schon wieder oder was
auch immer, bisschen Angst vor der Zeit, wenn du nicht mehr da bist. Warum
weiß ich nicht. Was soll schon passieren, außer dass ich weinend am
Stephansplatz stehe und ´Paul´ schreie? Das machen andere
schließlich auch, nur schreien die nicht ´Paul´, sondern
´Krieg` oder ´Frieden´. Dass sie nicht ´Paul´
schreien, liegt einzig und allein daran, dass sie dich nicht kennen.
Das mit gestern tut mir leid. Irgendwie ist jetzt vielleicht irgendwo
ein Riss, der gar nicht notwendig gewesen wäre. Scheißabschiede!
Scheißwien! Scheißpostmoderne!
Ich hab´ dich viel zu
gern, Paul
Judith
Liebe Judith!
Gestern ist schon lang nicht
mehr. Es war auch kein Riss, es gab keine Risse, und das ist es auch, was so
weh tut. Ich mache den Riss, ich hau´ ab... Alles
Scheißwörter.
Judith, ich liebe dich und fahre weg. Egal ob
gut oder schlecht, ob Ende oder nicht, was weiß ich. Mir wird ganz
schwindlig, wenn ich deine Mails lese...
Paul.
Ich begleitete Paul zum Bahnhof, fliegen würde er erst in
ein paar Tagen.
Wir tranken noch einen Kaffee, dann küssten wir
uns.
Als ich die Rolltreppe hinunterstieg, dachte ich mir, was ist das
schon? Vier Monate? Was ist das schon? Ich hatte Pläne, plötzlich
auch keine Angst mehr, bis ich in der U-Bahn saß. Vier Monate ohne Pauls
Körper neben meinem. Ohne seine Hände auf mir, neben mir, um mich.
Ohne seine Stimme. Vier Monate! Ich wollte plötzlich hinaus aus diesem
Waggon, nur hinaus, Paul hinterher, irgendwohin, nur nicht vier Monate auf
etwas warten, auf Paul warten, nur nicht vier Monate ohne Paul sein. Ich blieb
sitzen, stieg bei der geplanten Station aus, schleppte mich in die Wohnung,
zitterte, rief eine Freundin an, sagte, das schaffe ich nie, dann trank ich
Whiskey, bis ich betrunken genug war, um einzuschlafen, als ich mich hinlegte.
Am Abend begann der Krieg der USA gegen Afghanistan.
Ich
weiß nicht, ob das bei denen, die dem Hass die Liebe entgegensetzten,
dann auch so war. Dass plötzlich ein Zustand herrschte, den man vorher
nicht gekannt hatte.
Als Paul weg war, träumte ich davon,
tagträumte ich, dass er plötzlich vor der Tür stehen würde,
oder unten an einer Telefonzelle, anrufen und sagen würde, "ich bin da, um
dich zu holen", so wie er es versprochen hatte. Ich wollte zu ihm, aber ich
wusste nicht, ob ich es schaffen würde. Ich hatte Angst bekommen, Angst
vor der Liebe, Angst vor fremden Ländern, Angst vor Straßenbahnen.
Ich las Pauls Mails und weinte, stellte mir vor, wie er kommen würde, um
mich zu holen. Ich wusste, wie absurd das war. Dass ein Flug 700 Euro
mindestens kosten würde. Er aber hatte geschrieben, "wenn du nicht kommst,
dann komme ich und hole dich". Darauf vertraute ich. Ich hoffte, er würde
anrufen und sagen "ich bin da", ich würde ihm entgegenlaufen, ihn umarmen,
immer wieder seinen Namen murmeln, und weinen, an seine Brust gelehnt, seine
Wärme spürend, weinen, und er würde mich streicheln und sagen,
"ich bin da." Nur das "ich bin da".
Manchmal lag ich fast bewegungslos
auf der Couch, voller Angst aus dem Fenster zu sehen, Angst, auf die
Straße zu gehen, Angst, mit Menschen zu reden, weil sie dann alle sehen
würden, wie sehr ich Angst war, und wie leichtsinnig man in Gedanken mit
dem Leben spielte, gerade dann, wenn es kostbar geworden war.
Manchmal,
in kurzen Momenten, in denen das Übrige, Große nicht zählte,
war ich glücklich.
Liebe Judith!
Stimmt doch nicht, das mit
dem Vorhersehen-Können, was passiert. War mir so sicher, von dir zu lesen.
Gestern noch der Meinung, diese tägliche Kommunikation würde uns doch
nur ermüden, nur Buchstaben, kein Körper, keine direkte
Kommunikation. Heute der Meinung, ich brauche zumindest ein paar Zeilen von
dir, um nicht in totale Schwermut zu verfallen. War mir so sicher, dass sie da
waren, Wörter von dir.
Schön, immer wieder schön, dass
du kommst. In die neue Welt. Afrika ist mir im Moment egal ohne
dich.
Paul
Erst in den letzten Tagen, bevor ich fliegen sollte, deutete ich
Paul gegenüber an, dass ich vielleicht nicht kommen würde. Ich hatte
ein Ticket bestellt, war aber bis dahin nicht fähig gewesen, es abzuholen.
Die lange Zeit, während ich im Bett lag und nicht einschlafen
konnte, stellte ich mir noch immer vor, dass er kommen, plötzlich da sein
würde, und wusste gleichzeitig noch immer, dass das nichts helfen
würde, dass er doch, und ich doch, aber manchmal war da nur dieses
Gefühl, er würde kommen, er würde mich holen, und nachher
würde schon alles irgendwie weitergehen, das war doch immer so.
Erst am Tag vor dem Abreisetermin ging ich ins Reisebüro, holte
das Ticket, schloss eine Reiseversicherung ab. Ich kaufte einen Kilo
Medikamente, besorgte mir einen teuren Reiseführer über Tanzania, hob
Geld von der Bank ab, packte und war mir immer noch nicht sicher, dass ich
fliegen würde.
Als ich spürte, wie die Räder des
Flugzeuges die Erde des Flughafens Dar es Salaam berührten, begannen mir
die Tränen über die Wangen zu laufen. Ich hatte es geschafft! Paul!
Ich war so glücklich, stieg aus dem kühlen Flugzeug hinaus in eine
Welt voller Hitze und seltsamen Gestanks, lächelte die Menschen an, Paul!,
Afrika!, wartete auf meinen Rucksack, stellte mich an, zeigte dem freundlichen
Grenzbeamten meinen Pass, machte ein Visum, und dann trat ich hinaus in die
große Halle. Hinter der Absperrung blickten mir die vielen Wartenden
aufmerksam entgegen, und dann sah ich auch Paul, braungebrannt, in rotem Hemd
und schwarzer Hose, eine Zigarette zwischen den Fingern. Ich ging zu ihm, er
küsste mich auf den Mund, Karibu Judith!, wir lachten beide. Während
der Fahrt im Taxi hinein in die Stadt berührten Paul und ich uns kaum,
aber es war Paul, der neben mir saß, auch wenn er anders roch. Als ich
spürte, wie die Angst wiederkam, sah ich nicht mehr aus dem
Autofenster.
Wir waren noch an den Strand gegangen. In dem graubraunen
Sand lagen Baumstückchen, Teile von Wasserpflanzen, Abfall. Es war still,
nur das Meer schlug seine Wellen ans Ufer. Der Himmel war nah, die Wolken zogen
am dunkelblauen, sternenübersäten Firmament ihrer Wege, das Licht des
Mondes. Gott musste irgendwo dahinter sein. Mein Kopf lag in Pauls Schoß.
Wir waren in Bagamoyo. Der Name bedeutet "Leg dein Herz nieder" oder
auch "Throw off melancholy". Nach dem langen Marsch durch das Innere des
Landes, mit den Sklaven in Ketten, ruhten sich die Karawanenführer am Meer
bei Palmwein aus. Bagamoyo war nun eine heruntergekommene kleine Stadt.
Früher aber war es die Hauptstadt Deutsch-Ostafrikas gewesen.
Ich
konnte Gott weder sehen noch spüren. Paul zeigte mir die Boote auf der
rechten Seite und erzählte von den Fischern. Wir sprachen über die
Welt, über hier und über dort und über den Himmel über uns,
der uns klein und verloren machte.
Lieber Paul!
Heute scheint hier endlich die
Sonne. Chisinau ist wirklich eine schöne Stadt, sehr grün, und wenn
die Sonne scheint, glitzern auch die Augen der Menschen. Das Essen hier ist so
gut, dass ich allein deswegen gern noch eine Woche länger bleiben
würde. Und der moldawische Rotwein!
Rosenberger, der
Kulturattaché, war gestern gerührt, und Murmauer
(Sektionschefin....), und überhaupt alle. Die paar Tage haben uns zusammen
geschweißt.
Bussi links rechts links
Judith
In dem kleinen Propellerflugzeug auf dem Weg von Chisinau nach Wien schlief ich, bevor ich mir, da waren wir schon über Österreich, die Wolken und das Land unter mir ansah. Ich hatte im Flugzeug schon lange nicht mehr aus dem Fenster gesehen, und wunderte mich, wie schön die Welt war.
Liebe Judith,
Chisinau ist ohne dich ein
bisschen traurig. Habe Roland heute noch zum Flughafen gebracht, er war auch
irgendwie richtig fertig.
Ich arbeite fleißig.
Ich freue
mich sehr, dass es dir gefallen hat, besonders auch, dass du mir gleich eine
Mail schreibst, weil das wollte ich eben auch noch wissen, dass du gut gelandet
bist... wie immer, ich werde versuchen, dein Pölsterchen zu finden, und
viel Glück in Wien und mit der Arbeitssuche, viel Glück
überhaupt.
Rainhard
Rosemarie Poiarkov, geboren 9.6.74 in Baden bei Wien; Studium der Philosophie, Germanistik, Politwissenschaften "Eine CD lang. Liebesgeschichten", Zsolnay 2001 Stipendium des Stadtsenats Berlin 2001 Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften