Gessweinpreis 2003 für Reiseliteratur

Unterwelt

Christiane Neudecker

Der Vesuv. Flirrend fährt er an der staubigen Fensterscheibe vorbei, groß und still und dunkel. "Er atmet noch", denkt der Junge in der elften Reihe, "wenn ich still bin, kann ich ihn hören." Er schließt die Augen und lauscht, aber jetzt haben die anderen den Vulkan entdeckt. Plötzlich platzt die schläfrige Stille im Bus wie ein prall gefüllter Wasserballon, kreischend und lachend werfen sich die Reisenden an die rechte Fensterfront: "Seht nur, da ist er, seht nur, seht!"

Der Junge in der elften Reihe gräbt die Hände über seine Ohren, aber sie lassen ihn nicht zurück in die Stille - er sitzt auf der rechten Seite, auf einem der nun begehrtesten Plätze. Über, neben, unter ihm sind sie auf einmal, sie krabbeln über seinen Schoß, um ihre Kameralinsen in die Glasscheiben zu bohren oder ihre verschwitzten Reiseklamotten in seine Nase, und pusten ihm ihrem Kaffeeatem in den Nacken: "Der Vesuv, der Vesuv!" Erwachsen sind sie angeblich alle, aber das kann der Junge gerade nicht mehr glauben. Vorne neben dem Busfahrer ist die Reiseleiterin aufgesprungen, hektisch, sie hat verschlafen und angelt mit fahrigen Bewegungen nach ihrem Mikrofon. "Der Vesuv, jaja!", ruft sie und wischt sich mit einer panischen Geste die plattgelegenen Haare aus dem Gesicht, "der Vesuv!" Auf ihren Wangenknochen hat sich das Polstermuster des Sitzes eingegraben, eine feine Maserung, die ihrem biederen Aussehen etwas Abenteuerliches verleiht, eine Indianerin auf Abwegen. Ihren Text hat sie in der Eile vergessen, aber das macht nichts, sie hat etwas viel Wichtigeres zu sagen, nämlich: "Halten können wir leider nicht."

Da braust ein Sturm der Entrüstung durch den Bus: was soll das heißen, kein Stop, um den Vulkan auf lichthungrige Negative zu brennen, keine Glanzabzüge, keine Dias, keine Filme ohne Scheibendreck? Das geht nicht, das kann nicht sein, man hat für den Vesuv bezahlt. Aber die Reiseleiterin bleibt unerbittlich, sie hat jetzt wieder alles unter Kontrolle. Sie weiß, was passiert, wenn der Bus für eine kurze Pause anhält. Siebenundzwanzig Erwachsene und ein Kind quellen dann auf den Asphalt. Und während die eine Hälfte enthusiastisch ihre Kameras zückt und sich im Gebüsch verheddert, weil man dort das beste Motiv vermutet, will sich die andere Hälfte nur mal eben kurz die Beine vertreten. Die muß die Reiseleiterin dann wieder aufsammeln, aus den Toiletten fischen, aus fremden Bussen zerren, unter Souvenirs ausgraben und von hübschen Italienerinnen herunterheben und schwuppdiwupp wird aus der Pause ein Tagesausflug, das hat sie schon oft genug erlebt. Nein, hier wird sie hart bleiben, das gehört zu ihrem Beruf. Der Vesuv bleibt für diese Gäste hinter Glas.

"Sie wollen doch Pompeji noch sehen", sagt sie streng und weist damit die Nörgler in ihre Schranken. Pompeji, sicher, da muss man gewesen sein, das ist schon richtig. Und der Vesuv, naja, der spuckt sowieso kein Feuer mehr, da lobt man sich den Ätna, der bietet einem noch etwas fürs Geld.

Der Junge in der elften Reihe rutscht tiefer in seinen Sitz. Dass er überhaupt hier sitzt, hat damit zu tun, dass er dreizehn ist. Und damit, dass seine abergläubische Oma es nicht über sich bringt, einen Dreizehnjährigen bei sich zu beherbergen, wenn seine Eltern in den Urlaub fahren. Da muss er eben mit, der Junge. Das ist auch gut so, findet die Mutter, er soll ruhig mal was sehen von der kulturellen Welt. Nicht immer nur die kinderfreundlichen Strände, an die man ihn schleppt. Er ist alt genug, um Kirchenschiffe von innen zu betrachten. Weswegen Stefan jetzt im Rücken seiner Eltern kauert. Während der Vater auf der Sitzlehne mit dem Fotoapparat dem Vesuv hinterher hangelt, ist die Mutter damit beschäftigt, sich für Pompeji vorzubilden. "Dort gibt es Leichen, die innen hohl sind", sagt sie und wirft ein beifallsheischendes Lächeln über die Sitzlehne. Der Junge wendet sich dem Fenster zu und schweigt.

Zitronenbäume sausen am Bus vorbei. Wie kleine Kometen wischen die harten, gelben Früchte über die Glasscheibe. Stefan würde gerne die Hand ausstrecken und sie pflücken, aber das geht nicht. Der Bus hat eine Klimaanlage, die Fenster sind versiegelt. Das sei doch nicht so schlimm, findet die Reiseleiterin, bei der sich der luftliebende Vater deswegen beschwert hat, und die Zitronen, naja, die könne man dann sicher auf der Zitronenplantage pflücken, die am fünften Tag um vierzehn Uhr auf dem Programmzettel steht.

Heute ist Tag vier. Der vierte, überquellende Reisetag. Nur am ersten Tag gab es außer abendlichen Spaghetti Carbonara in einem kalten, leeren Hotelkasten nicht besonders viel zu sehen. Aber seitdem prasseln die Eindrücke auf die winterverschlafenen Augen der Deutschen. Frühling ist hier schon - und zu Hause, berichten die Verwandten, hat es geschneit! Durch das aufblühende Rom hat man sie hindurchchauffiert, das endlos weite Colosseum haben sie bewandert und in der letzten Nacht durften sie im Dämmerlicht die Gassen von Neapel durchlaufen. In Capri werden sie die blaue Grotte bestaunen, sie werden durch Olivenhaine und die Ausgrabungsstätte von Pompeji schlendern und am letzten Tag wird man ihnen gegen Bezahlung elektrische Heizdecken und bunte Plastikstühle anbieten. Die man ja nicht kaufen muss, wie der Vater Stefan erklärt. Die Reise sei deswegen so billig, weil einige Trottel dem Reiseunternehmen allen möglichen Krempel abkauften. Dem Vater werde das natürlich nicht passieren. Das sei alles eine Frage der psychologischen Abhärtung. Die Mutter hat bekräftigend genickt und dabei heimlich die Plastikausgabe des Colosseums in bisschen tiefer in ihre Handtasche gedrückt.

"Pompeji lag unter einer sechs Meter dicken Ascheschicht!" ruft sie jetzt so begeistert, als hätte man ihr einen Kuchen mit extra dicker Zuckerglasur vor die Nase gesetzt. Stefan will ihr sagen, dass ihm das egal ist, aber er lässt es lieber. Vielleicht vergisst sie dann, dass er da ist. Zu Hause gelingt ihm das manchmal. Er schließt Türen hinter sich, er verkriecht sich im Garten, im Keller, auf dem Dachboden und dann hüllt ihn die Stille ein, solange, bis ihnen wieder einfällt, dass es ihn gibt. Dann fangen sie an zu rufen und zu suchen und er muss ihnen antworten, weil sie sonst die Polizei herbeitelefonieren.

Auf dieser Reise gibt es keine Dachböden. Das ist das Schlimmste, findet Stefan. Die langweiligen Städte, durch die sie hindurchstapfen, kann er ertragen, die spitzen Entzückungsrufe der Erwachsenen kann er überhören, die albernen Kommentare der Reiseleiterin kann er ausblenden, aber die abwesenden Türen, die er nicht schließen kann, die machen ihm zu schaffen. Selbst nachts darf er nicht alleine sein. Er muss sich auf unbequemen Sofas und dazugeschobenen Gitterbetten ablegen, während der Vater schnarcht und die Mutter bis tief in die Nacht mit ihrem Reiseführer raschelt. Tagsüber versucht er manchmal, zwischen den anderen Reisenden abzutauchen. Aber weil er das einzige Kind ist, fällt er auf. Die Frauen fangen an zu gurren, wenn er sich in ihre Nähe bewegt, und schieben ihm halbgeschmolzene Schokoriegel zwischen die Zähne. Die Männer machen Witze, von denen sie glauben, dass er sie nicht versteht. Am zweiten Tag hat er versucht, mit dem Ehepaar aus Franken die Plätze zu tauschen. Er wollte hinten sitzen, ganz hinten, den freien Rücken an die Wand gepresst, so dass jeder, der ihn beobachten hätte wollen, den Hals in seine Richtung hätte zwirbeln müssen. Aber das fränkische Ehepaar ist kinderlos und hat ihm nicht zugehört. Sie waren zu verblüfft darüber, dass er schon sprechen kann. "Allmächdla na", rief die rundliche Ehefrau beeindruckt aus, "der Bou is scho a glanner Moo!" Später hat ihm die Mutter zugezischt, dass er die Mitreisenden nicht belästigen soll und seitdem spricht er gar nicht mehr.

Weit weg, am Horizont, kann er jetzt das Meer aufblitzen sehen, aber das nützt ihm nichts, weil es noch viel zu kalt zum Baden ist. Wenn es ihm wenigstens gelänge, braun zu werden, würde dieser Urlaub sogar Sinn machen. In seiner Klasse tragen jetzt alle Lederbändchen am rechten Handgelenk, so lange, bis sie von alleine abfallen. Sein heimliches Ziel ist es, die Haut unter dem Band in einen weißen Streifen zu verwandeln. Dann kann er sich von Katharina fragen lassen, wo er in den Ferien war. Für sie merkt er sich die Antworten. Er wird ihr von den Zitronen erzählen und von Rom und davon, dass er einen echten Vulkan gesehen hat. Er weiß nicht, wofür sie sich interessiert, deswegen muss er sich ziemlich viel merken. Die Mutter lächelt ihm zu, wenn sie seinen wachen Blick beobachtet. Er muss also vorsichtig sein, denn lächelnde Mütter sind nicht gut für das Selbstbewusstsein eines Dreizehnjährigen.

"Meine Damen und Herren", schnurrt die Reiseleiterin ins Mikrofon, "in wenigen Minuten erreichen wir Pompeji. Wir werden gemeinsam im Antiquarium einige besonders interessante Fundstücke betrachten, danach haben Sie zwei Stunden Zeit, sich frei auf dem Ausgrabungsgelände zu bewegen. Ich muss Sie bitten, keine Steine oder Mosaikstücke einzupacken. Wir Touristen haben schon ein Viertel der Stadt abgetragen und in der Welt verstreut." Die Touristen lachen selbstgefällig. Stefans Mutter dreht sich zu ihm um. Er hält die Luft an. Seit Tagen redet sie von nichts anderem mehr. Pompeji, Pompeji, eine Stadt, versunken unter glühenden Lavamassen, heraufgewürgt aus dem Inneren des aufkochenden Berges, erkaltetes Leben in Momentaufnahmen festgebrannt. Ist das nicht interessant? Heimlich hat er den Verdacht, dass der Vulkanausbruch extra für seine Mutter stattgefunden hat. Damit sie Jahrtausende später hierher reisen und ihm mit ihren Entdeckungen in den Ohren liegen kann. "Die Stadt ist so groß wie hundert Fußballfelder", sagt sie jetzt und strahlt.

"Porta Marina", ruft die Reiseleiterin, "wir sind da! Alles fertig machen zum Aussteigen bitte!" Stöhnend und kichernd rappeln sich die Reisenden auf, sortieren ihre Knochen, ihre Fotoausrüstungen, ihre Handtaschen und klettern die enge Bustreppe hinunter. Die Frühlingssonne strahlt warm und trocken vom Himmel und Stefan krempelt schnell die Ärmel seines Sweatshirts in die Höhe. "Des is alzo etz Bombäi", staunt die fränkische Ehefrau, die neben Stefan in den flirrenden Straßenstaub plumpst. "Bassd scho", brummelt ihr Ehemann und zückt seine Spiegelreflexkamera. Der Vater nimmt Stefan bei der Schulter. Die Reiseleiterin schwingt ihren roten Schirm und die Gruppe setzt sich trabend in Bewegung.

Vor ihnen ragt das Stadttor auf. Aus dem eckigen Torturm drücken sich zwei abgerundete, dunkle Gassen. Die grauen Steine darüber sehen alt und brüchig aus, ein aufeinander geschütteter Haufen aus abgeschliffenen Felsbrocken. "Wenn das mal hält", unkt der Vater, während die Mutter ehrfürchtig aufseufzt. Stefan heftet den Blick auf den Boden. Er sucht die Ascheschicht, von der ihm die Mutter erzählt hat, weil er glaubt, dass Katharina sich dafür interessieren könnte. Sechs Meter, das ist immerhin eine Ganze Menge. Er könnte das nebenbei erwähnen, im Schwimmbad, wenn er mit ihr vom Dreier springt. Aber er sieht nur Steine. Überhaupt nur Steine. Steine überall. Eine lange, steinige Straße öffnet sich, als sie durch das Tor treten, mit Steinhäusern, Steinruinen, Steinblöcken, Steinquadern links und rechts. Stefan stöhnt. "Ist das nicht schön?" ruft die Mutter. Gleich wird sie begeistert in die Hände klatschen.

Der rote Schirm lockt sie in ein Gebäude, in dessen kargem Innenraum tönerne Krüge aufgebahrt sind. Mindestens drei andere Reisegruppen drängeln sich um glänzende Glasvitrinen. "Das Antiquarium", verkündet die Reiseleiterin stolz, als wäre ihr etwas ganz Besonderes gelungen. Stefan beißt sich auf die Lippen. Er hat vorhin nicht richtig zugehört und geglaubt, sie würden ein Aquarium besuchen. Fast hatte er schon Hoffnung geschöpft, dass sie dort antike Fische sehen würden, die es nirgends sonst auf der Welt gibt. Große, schuppige, mit gefährlichen Zähnen und riesigen Kiemen. Sein Freund Karl hat schließlich auch mal ein echtes Dinosaurierskelett zu sehen gekriegt. Aber es war ja klar, dass ihm so etwas nicht passiert.

"Dort hinten müssen die Leichen sein", raunt ihm die Mutter zu und beugt sich auf einen Wink der Reiseleiterin über eine Glasphiole. Schulter an Schulter stehen die Reisenden jetzt, eine eingeschworene Gemeinschaft, im lebenden Ring um die Phiole gewoben. Niemand achtet auf Stefan. Das ist seine Chance. Vorsichtig tritt er einen Schritt von ihnen weg, probehalber. Keine Reaktion. Er weicht noch einen Schritt zurück. Niemand ruft ihn zur Gruppe. Die Reiseleiterin ist zu beschäftigt damit, sich an ihren Text zu erinnern. Die Augen der Eltern sind im spiegelnden Glas versunken. Stefan macht sich klein und stielt sich leise davon.

Er weiß nicht, was er vorhat. In zwei Stunden wird er sich wieder am Bus einfinden müssen. Bis dahin kann er tun, was er will. Er atmet durch. Seit vier Tagen war er nicht mehr allein. Selbst die Badezimmertüren in den Hotels durfte er nicht hinter sich schließen. "Lass lieber angelehnt, Schatz", rief die Mutter, "bei fremden Türen weiß man nie!" Er will schnell aus dem Antiquarium heraus, bevor sie ihre Blicke aus den Vitrinen lösen und ihn zu suchen beginnen. Die Leichen wird er sich für später aufheben. Er stellt sie sich wie Mumien vor. Er wird sie besuchen, wenn er sicher sein kann, dass sich der Inhalt des Busses, der draußen auf dem staubigen Vorplatz auf seine Insassen wartet, über hundert Fußballfelder zerstreut hat. Es ist ein Spiel, denkt Stefan, es muss ihm nur gelingen, das eine Feld zu finden, auf dem er mit niemandem zusammenstößt.

Er tritt aus dem Gebäude. Er schiebt das Stadttor in seinen Rücken. Dann lässt er sich treiben. Eine Gruppe englischer Touristen spült ihn in die Stadt hinein. Große Granitblöcke liegen unter seinen Füßen, mit tiefen Rillen, Spuren längst verrotteter Wagen. Links und rechts an ihm ziehen die Steine vorbei, zu harten Säulen gepresst, zu flachen Wänden gestapelt oder scheinbar wahllos übereinander geschüttet. Überall sind Menschen. Sie kraxeln in den Gebäuden herum, krabbeln hinter Basaltbrocken hervor, stecken ihre Köpfe in steinerne Brunnen und ringeln sich durch marmorne Säulengänge. Stefan kann sie schnattern hören. Auf englisch, deutsch, italienisch saust ihm ihr Sprachenwirrwarr durch die Ohren. Vor ihm sind sie, neben ihm und bald werden die, die er nicht sehen will, hinter ihm sein. Er duckt sich in den Schatten einer Ruine. Es hat keinen Zweck, er muss sich abseits halten, wenn er nicht will, dass sie ihn finden.

Hinter der Ruine entdeckt er einen Kieselweg. Die Steine sind hier kleiner, das ist gut. Das Gras am Wegrand ist mit einer matten Staubschicht bedeckt. Stefan folgt der Spur, den Kopf gesenkt. Seine Schritte wirbeln mehr Staub auf, knirschend reiben unter dem Gewicht seines Körpers die Kiesel aneinander. Er entdeckt eine eingestaubte Blume, die er nicht kennt. Grau ist sie, beschlagen mit einer graubraunen Schicht. Die Kieselsteine sind auch grau, braun, einige schwarz. In manche sind scharfe Kerben eingegraben. Stefan würde gerne einen mit Loch in der Mitte finden. Den könnte er um den Hals hängen. Oder ihn Katharina schenken. Wenn er sich traut. Im Gehen bohrt er suchend seine Schuhspitzen in die Steindecke.

Der Weg windet sich, mal links mal rechts. Stefan spürt die Sonne, die ihm von oben in den Nacken brennt. Sein Vater wollte ihn mit einem Film aus Sonnencreme überziehen, aber es ist ihm gelungen, sich dagegen zu wehren. Unter seinen Fußsohlen dünnen die Steine langsam aus. Der Staub scheint von unten hervorzuquellen. Er breitet sich über immer größerer Flächen, zermahlt die Kiesel zu kleiner und kleiner werdenden Sandkörnern, bis der Weg zu einem Pfad zusammenschmilzt. Stefan hebt den Blick. Es ist niemand mehr da.

Vor ihm erstreckt sich flaches Gras. Ein paar Ruinen wölben sich aus dem Boden. Sie sehen merkwürdig aus, findet Stefan. Hohl. Er denkt an den Vater, dem der Zahnarzt beim letzten Termin gesagt hat, sein hinterer Backenzahn wäre eine schöne Leiche. Von außen völlig intakt, aber innen tot und zerfressen. Schöne Leichen, das ist es.

Stefan dreht sich um. Der Weg liegt hinter ihm, ruhig und unverrückbar. Zurück kann er jederzeit. Über ihm ist der Himmel hell und offen. Es ist still. Stefan schließt die Augen. Er hört seinen Atem durch die Nasenlöcher fließen. Und er hört das Schnarren von Grillen im flirrenden Gras. Still. Die Luft riecht nach - was? Ein Küchenkraut. Spaghetti. Oregano? Salbei vielleicht. Der Junge blickt auf. Die Ruinen. Alt. Sehr alt. Ganz anders jetzt, wo niemand sie belebt, sie erklettert, sie umringt.

Zögernd setzt er sich in Bewegung. Die Ruinen sind niedrig. Niedrige Gebäude, gähnende Höhlen. Er tastet sich vor zu der ersten. Durchbrochene Wände. Sonnenlicht im Inneren. Fahl. Eine Nische. Nichts. Auch die Zweite rauh. Leer. Lehm. Steine, grau, rotbraun, übereinandergeschichtet, Unkrautfäden in den Ritzen. Brennesseln kniehoch. Die anderen nicht einmal mehr bedeckt, verlorene Wände, abgenagt aus dem Boden gewachsen.

Von prachtvollen Mosaiken hat die Mutter geschwärmt, von prunkvoll verzierten Wasserspeiern, bronzenen Statuetten, bunten Wandmalereien mit Göttern, gefiederten Fabelwesen, Galeeren. Nichts. Stefan setzt sich ins Gras, den Rücken an eine der Steinmauern gelehnt. Plötzlich fällt ihm ein, dass er keine Uhr dabei hat. Wie lange ist er schon fort?

"What are you doing here, eh?" sagt jemand. Stefan fährt hoch. Ein Mann ist zwischen den Steinbrocken aufgetaucht. Er ist alt, dicklich, die angeknitterte Haut von der Sonne dunkel gebrannt. Das Tageslicht bricht sich in den dicken Gläsern seiner Brille. Stefan kann die Augen nicht sehen. Der Mann stützt sich mit rissiger Hand an der Ruinenmauer ab. Seine Kleidung ist verstaubt, dunkelblaue Hose, graues Hemd aus Leinen unter einem glänzenden Kahlkopf. Unsicher steht Stefan auf. Der Mann räuspert sich tief und spuckt aus. Ein grünweißer Fleck aus Spucke klatscht an die Steinmauer. Stefan schluckt. "I am", sagt er, "am a tourist." Einen kurzen Moment lang ist es still. Dann wirft der Mann ruckartig den Kopf in den schwulstigen Nacken und lacht. "Tourist, eh?", dröhnt er, "Tourist, veramente?" Gelbe Zahnstummel ragen aus seinem Mund. Er löst sich von der Mauer und kommt auf Stefan zu. "Di dove sei tu?", sagt er, "Where from?" Stefan will instinktiv zurückweichen, aber stattdessen reckt er sich dem Alten entgegen. "Germany", sagt Stefan. Seine Stimme klingt jetzt wieder fester. Das hier ist nur ein alter Mann, ein Wärter vielleicht, nichts, wovor man sich fürchten müsste. "Ah, Germania, Deutschland!" ruft der Alte aus, "Schwarzwald." Stefan nickt, obwohl er noch nie im Schwarzwald war. "Ich Wächter", sagt der Mann und zieht aus seiner Hosentasche einen Bund mit großen, rostigen Schlüsseln. "Wächter, you see?" Wieder nickt Stefan. Der Alte ist jetzt so nah, dass der Geruch seines Körpers in Stefans Nase steigt. Er riecht nicht unangenehm, ein bisschen zu salzig vielleicht. "Where are your parents?" will er wissen. Stefan weist vage mit der Hand in die Richtung, aus der er gekommen ist. "Is boring, eh?" sagt der Alte und wiegt verständnisvoll seinen glatten Schädel. Stefan lacht.

"I show you", sagt der Wärter, "come, come" Er setzt sich in Bewegung, umrundet zielstrebig die Ruinen. Unschlüssig bleibt Stefan stehen. "Come", ruft der Wärter ihm über die Schulter zu, "andiamo!" Stefan zuckt mit den Schultern und läuft ihm hinterher.

Sie schreiten schnell voran, Stefan immer im Rücken des Alten. Zuerst versucht Stefan, sich die Umgebung einzuprägen, doch nach einer Weile gibt er auf. Für ihn sieht alles gleich aus. Gras und Steine. Nur einmal begegnen ihnen Leute und Stefan zieht den Kopf ein. Aber sie kennen nicht ihn, sondern den Alten. Sie rufen ihm etwas zu, das Stefan nicht versteht. Der Wärter lacht, hält aber nicht an.

Am Himmel schieben sich weiße Wolken vor die Sonne. Sofort wird es kühl. Stefan will sein Sweatshirt wieder nach unten krempeln, aber er hat irgendwo einmal gehört, dass die UV-Strahlen durch Wolken hindurchkommen, deswegen lässt er es oben. Ab und zu reibt er sich die nackten Unterarme. Der Alte bemerkt es, und grinst. "Come ti chiami?" will er wissen. "Stefan", sagt Stefan. "Bene, Stefano, we will be there soon."

Um die beiden herum beginnen sich die Steine zu Gebäuden zu verdichten. Konturen werden erkennbar, Wände, Dächer und Decken zeichnen sich aus der Steinwüste ab. Der Boden ist jetzt wieder mit dicken Granitquadern belegt, die sich wie übergroße Puzzleteile zu einer Straße zusammenfügen. Dicht drängen sich am Rand die Häuser, ziehen sich zusammen, rücken näher aneinander heran, bis sie mit ihren dunklen Schatten die Straße zu einer länglichen Gasse schrumpfen.

"Here", sagt der Alte. Sie stehen vor einem Eisengitter, das in einen alten Hauseingang eingelassen ist. Neugierig lugt Stefan durch die Gitterstäbe. Warum sperren sie hier ab? Der Wärter blickt einmal prüfend nach links und rechts, bevor er seinen Schlüsselbund zückt. Quietschend öffnet er das Gitter und drängelt Stefan hinein. "No tourists here", sagt er, als er das Tor hinter ihnen verschließt. Sie stehen in einem Gang, der zu einem kleinen Innenhof führt. Der Fußboden ist rot, mit großen schwarzen Steinen verziert und hat eine Einfassung aus schmalen, dunklen Leisten. An den Wänden blättern die Überreste eines Wandgemäldes. Stefan kann nicht erkennen, was es darstellt. Als er näher herantreten will, schiebt ihn der Alte in den Innenhof, den ein Gang aus hellen, weißen Marmorsäulen umspannt. Kleine, runde Büsche gruppieren sich um eine verfallene Zisterne. Daneben ruht ein dicker, leerer Sockel aus rötlichem Fels. Die angrenzenden Hauswände sind in gedeckten Farben bemalt: eine nackte Frau räkelt sich in einem Gestrüpp aus verknoteten Pflanzen auf dem Boden, während über ihr ein sehniger Mann mit weitaufragendem Schwanz eine Peitsche durch die Luft wirbelt. Stefan wird rot und dreht sich schnell weg. Aber der Alte scheint ihn nicht beobachtet zu haben. Er steht in einer der Türöffnungen und winkt ihn zu sich heran.

Sie treten in ein Gewölbe. Obwohl draußen kaum noch Sonne scheint, braucht Stefan einen Augenblick, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnen. Bunte Punkte flimmern vor seinen Augenlidern. Dann beginnen sich Figuren aus dem Wandrelief zu drücken: Schlangen kann er erkennen, Vögel, Insekten. Gesplitterte Tonplatten lehnen an der linken Seite, ein kopfloser Hund zwischen zwei geflügelten Gestalten, eine barbusige Frau, die sich über eine geöffnete Schatulle beugt. Ein geometrisches Muster aus kleinen, eckigen Nischen zieht sich als Leiste auf Brusthöhe über die rechte Wand. Doch der Alte ist noch nicht am Ziel. Hastig geht er weiter, Stefan an einem unsichtbaren Band hinter sich herziehend. "Look", sagt er immer wieder, "Look." Aber er bleibt nie stehen.

Stuckschnörkel ranken sich von Raum zu Raum, ineinander verflochtene Steinblätter durchweben die Wände, bunte Fresken fließen ineinander über. Ein, zwei bleiche Statuen kreuzen ihren Weg, ein gerahmtes Mosaik aus bunten Steinplättchen, es zeigt ein Schiff, mit Menschen, zerfledderten Menschen, krumm und klein mit großen Augen, vielleicht sind es Götter. Schneller und schneller geht der Alte, "Look", skandiert er in immer hitziger werdendem Rhythmus, "look, look, look."

Sie laufen jetzt nicht mehr, sie rennen. Der Alte stürmt voran mit fliegenden Schritten. Wieder und wieder muss Stefan das Tempo beschleunigen, um mit ihm mithalten zu können. Schon beginnen um ihn herum die Wände zu verschwimmen, die Farben lösen sich, schweben vor ihm, über ihm, werden zu Fratzen, da, ein weitaufgerissener Schlund, hier ein entsetzt aufgerissenes Augenpaar, weiter, weiter - wohin? Plötzlich ein schlanker Mann in einer düsteren Nische, bewaffnet, nein, wieder eine Statue, schon vorüber, "Look!" Keuchend läuft Stefan dem alten Wärter hinterher, in immer enger werdende Räume, weit greifen seine Schritte aus, schneller, schneller, weiter. Die Überreste eines Mosaiks sind über die Decke gesprenkelt, leise senkt sie sich herab - gehen sie nach unten? Rasen sie abwärts, kann das sein? Stefan weiß es nicht. Die Luft wird stickig, die Wände kreisen ihn ein, zum Anhalten bleibt keine Zeit. Er wird von seinen eigenen Schritten fortgerissen, weiter, tiefer, fort. Fast schon kann er nicht mehr denken, die Geschwindigkeit rauscht durch ihn hindurch, leert ihn aus. Wo gehen sie hin? Er weiß es nicht, weiß nicht mehr, ob er es jemals wusste. Hat er danach gefragt? Ein flüchtiger Gedanke zuckt durch Stefans fliehenden Kopf. Er versucht ihn zu greifen, darf ihn nicht verlieren, er ist wichtig: Stehen bleiben muss er, stehen!, wasimmer es ist, er darf dort nicht hin.

Da bäumt sich der Junge auf, stemmt sich gegen den Sog, versperrt sich dem Wind, der ihn in den Rücken des Alten treibt, anhalten, anhalten, jetzt. Der Wärter spürt den Wiederstand, wirft einen Blick über die Schulter, grinst ihm zu, nun erst kann Stefan die Augen sehen. Die Augen, die wässrig sind, wässrig und bleich. Stefan breitet die Arme aus, fängt sich an den Seitenwänden auf, gräbt seine Fingernägeln in bröckligen Stein und kommt endlich zum Stehen. "Stop", sagt er und erschrickt vor dem zerbrechlichen Klang seiner eigenen Stimme, "Stop", sagt er, "Where do we go."

Im Bogen der nächsten Türöffnung hält Wärter an, dunkel, halb schon verborgen in dem dahinterliegenden Gang. Langsam dreht er sich zu ihm. Scharfkantig fallen die Gedankensplitter durch Stefans Kopf, was hat er sich nur gedacht, hierher zu kommen, wer ist dieser Fremde, wo führt er ihn hin, was ist dieser Ort. Niemand weiß, wo Stefan sich befindet, nicht einmal er selbst, er könnte überall sein, überall und genauso gut nirgends, es wird Monate dauern, bis sie die Ausgrabungsstätte durchsuchen und wer tut das schon, für irgendeinen Jungen, der seinen Eltern davonläuft.

"Come", sagt der Alte, die Augen wieder hinter dem Glasvorhang verborgen. Er versucht, ihm zu schmeicheln, aber seine Stimme klingt hohl und falsch, Stefan kann es jetzt genau hören. "No", sagt er, die Finger noch fest in den Stein gekrallt. Zu gerne würde er sich umdrehen, um zu sehen, ob er den Weg zurück auch alleine finden kann, aber etwas sagt ihm, dass er dem Alten jetzt nicht den Rücken zukehren darf und er bleibt starr. Der Wärter tritt aus dem Schatten. Er wittert seine Angst, Stefan kann es spüren. "Stefano", sagt der Alte und bewegt sich auf ihn zu. Stefan versucht zu lachen. "My parents", sagt er und würgt sich Gelächter aus der Kehle, "they are waiting." Er schlägt sich mit den Fingern auf das Lederbändchen, dorthin, wo seine Uhr sein müsste. Katharina. Der Alte mustert ihn. Sein unsichtbarer Blick fährt durch die Brillengläser hindurch und wandert über Stefans Körper. "You will like it", sagt er. In Stefan ist alles still. Er kann nichts sagen, kann sich nicht regen, friert ein. Er kann den Atem des Alten hören, schwer und rauh rasselt er durch die dunklen Korridoren des Gewölbes, ist um ihn, über ihm, fängt ihn ein. Gleich wird er noch näher kommen. Stefan gräbt in seinem Inneren, er muss etwas tun, etwas sagen, schnell. "My parents", sagt er wieder. Der Alte runzelt die Stirn. Einen Moment lang wird er ruhig. Dann gerät etwas in ihm ins Schwanken. Er schnaubt verächtlich und drängt sich an Stefan vorbei, unter dessen immer noch ausgebreiteten Armen hindurch, in den Gang hinein, aus dem sie gekommen sind.

Der Rückweg dauert viel länger als der Abstieg. Stefan versucht, sich nicht zu dicht hinter dem Alten zu halten. Seine Finger sind klamm, die Starre weicht nicht mehr aus seinen Gliedern. Wenn er wollte, könnte er jetzt die Bilder sehen, die ihn umgeben, all die Fresken und Mosaiken, die Frauen, die auf weichen Untergrund gegossen sind, die abblätternden Flügelwesen, die Schlangen, die Götter. Aber er richtet den Blick fest auf den Alten, der betont langsam einen Fuß vor den anderen schiebt. Ihre Schritte fallen auf den Boden, hallen nach im klapperndem Echo der leeren Räume. Sie sind vorher abwärts gelaufen, hinab in die Tiefe, Stefan ist sich jetzt sicher. Schritt für Schritt arbeiten sie sich zurück, dem widerstrebenden Tageslicht entgegen. Stefan zittert unter seiner Kleidung. Er versucht, die Lippen zu einem Lächeln zu biegen, der Alte soll seine Zähne nicht klappern hören.

Als sie in den Innenhof treten, gleißt die Sonne auf. Schmerzhaft schießt Stefan das Licht in die weitgeöffneten Pupillen, doch er wagt nicht die Augen zu schließen, noch nicht. Selbst einen letzten, wehmütigen Blick auf das Wandgemälde mit der nackten Frau kann er sich verkneifen, er hält den Blick fest auf den Alten gebannt.

Sie stehen vor dem Eisengitter, als der Wächter sagt "What if I don´t open that door." Kalt senkt sich die Angst auf Stefans Nacken. Er hat es geahnt. "Entschuldigung?" sagt Stefan und versucht, das weit schwingende Entsetzen in seiner Stimme nach unten zu drücken. "What", sagt der Alte ruhig, "if I don`t open that door." Stefans Blick flirrt zum Gitter. "I don´t understand", sagt er und ringt die Hände zu einem Fragezeichen. Der Wärter klirrt bedeutungsvoll mit dem Schüsselbund. Stefan zuckt zusammen. "Ich muss gehen", sagt er, "ich verstehe Sie nicht, non capisco, scusi, prego, I don`t understand!" "The door", sagt der Alte.

Alles hält an in diesem Augenblick. Nichts ist mehr zu hören, nichts regt sich. Stefans Brustkorb wird starr. In seinem Kopf ist alles leer. Er weiß, dass er etwas tun muss, aber es fällt ihm nichts ein. In sich spürt er sein Herz schlagen, schnell, hart und klein. Dann, endlich, hat er eine Idee.

"I am only nine years old", sagt er leise. Der Alte richtet sich auf. Überraschung überzieht seine Gesichtszüge. "Nine", sagt er ungläubig. "Yes", sagt Stefan und für einen kurzen Moment gelingt es ihm, seinen Blick auf die dicken Brillengläser zu richten, "Yes." Bedächtig wiegt der Wärter seinen Kopf. Er pickt einen Staubflusen von seinem Leinenhemd. Er klirrt mit dem Schlüsselbund. Dann leckt er sich die knittrigen Lippen. "Give me a kiss and I open the door, bambino."

Vorsichtig nähert sich Stefan dem Alten. Er versucht, nicht zu denken, als er sich zu ihm reckt. Er versucht, nicht an die gelben Zahnstummel zu denken, die hinter den angefeuchteten Lippen auf ihn lauern. Er denkt nicht. Bevor er die Augen schließt, sieht er das Gesicht des Alten auf sich zukommen, speckig glänzend, in froher Erwartung.

Wenig später jagt Stefan über die breiten Blöcke der Granitstraße. Er wird nicht denken, immer noch nicht. Er weiß nicht, wohin, aber das ist ihm egal. Menschen braucht er, den Ausgang, eine Richtung, irgendetwas. Er muss etwas finden, was, ist ihm egal. Keuchend läuft er die Strasse entlang, sie muss sich gabeln, enden, irgendwann, irgendwohin führen. Wieder die Steine überall, die Steine, die so unendlich gleich aussehen. Jemand ruft seinen Namen. Das fränkische Ehepaar zuckelt auf ihn zu. "Was hasdsn a soo eilich?", wundert sich der Ehemann, vor dem Stefan schweratmend zum Stehen kommt, "Is scho so schbäd?"

Es ist spät. In der Ferne können sie die Reisleiterin erkennen, die wutschnaubend mit dem roten Schirm die Luft über ihrem Kopf verquirlt . "Wo bleiben Sie denn!" brüllt sie ihnen zu, während sie ein eingefangenes Buspärchen daran hindert, wieder auszubüchsen. Im Näherkommen sieht Stefan ihr vor Aufregung geflecktes Gesicht. Die Eltern fallen ihm ein. Er schiebt sich zwischen das fränkische Ehepaar und das Buspärchen, lässt sich mit ihnen von der keifenden Stimme der Reiseleiterin über den Irrgarten der kantigen Strassen treiben. Als sie die Porta Marina erreichen, bleibt er kurz stehen, aber dann überlegt er es sich anders und dreht sich nicht um.

Der Bus ruht mit geöffneten Türen im Staub. Ungeduldig tritt der Busfahrer neben einem der dicken, hohen Vorderreifen von einem Fuß auf den anderen und schnippt eine angerauchte Zigarette auf den Boden. Die Eltern sind nirgends zu sehen. Wahrscheinlich durchkämmen sie in heller Aufregung das Ausgrabungsgelände, rufen Stefans Namen in widerhallende Brunnenschächte, brüllen nach ihrem Sohn in weitgefächerte Ruinenstrukturen. Stefans Blick fliegt zur Reiseleiterin, aber sie scheint noch nichts zu wissen und er erklimmt hinter dem rundlichen Hintern der fränkischen Ehefrau die Stufen zum Inneren des Busses.

Er weiß nicht, was er sagen wird, wenn sie hier eintreffen. Vielleicht wird er es ihnen erzählen müssen, wenn sie ihn mit Vorwürfen überschütten. Vielleicht wird er es ihnen erzählen können, wenn sie ihn erleichtert in die Arme schließen. Er weiß es nicht.

Langsam läuft er durch den engen Gang, vorbei an den lächelnden Mündern der Mitreisenden, die sich gegenseitig triumphierend die Ansichtskarten in die Gesichter halten, als wären es besonders wertvolle Spielkarten beim Poker. Die Eltern sitzen auf ihren Plätzen. "Na", strahlt die Mutter, "war das nicht super?" Sie hat den Reiseführer auf das ausgefahrenen Klapptablett gelegt und zeichnet in den Plan vom Pompeji die Route ein, die sie abgelaufen ist. Der Vater wiegt stolz die Kamera auf den Knien. "Es ist alles hier drin", sagt er. Die Mutter lacht. "Dann können wir es uns zu Hause anschauen, sooft wir wollen. Ist das nicht toll?"

Stefan steht. Nickt. Und setzt sich.

Christiane Neudecker, geboren 16.3.74, Dipl.-Regisseurin, Ausbildung an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, derzeit Teilnehmerin einer Prosawerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin LCB, Veröffentlichungen u.a. im Prairie Scooner New York, Macondo, Wortlaut; Preise u.a. Literaturpreis des Fränkischen Schriftstellerverbandes 2000; Bremer Shakespeare Company; seit 2000 intensive Zusammenarbeit mit phase7 lebt und arbeitet in Berlin.