9. Juni 1957
Hanno Millesi
Der Fernschreiber hatte soeben die neueste Meldung
herausgestottert. Der dritte Mord in kaum acht Monaten, und alle auf ein und
dieselbe Art begangen.
Die Mitglieder des zentralen Moskauer
Polizeikommissariats, innerhalb der UDSSR dafür bekannt, zur
Aufklärung eines Verbrechens kaum länger als Tage zu beanspruchen,
sahen sich gegenseitig aus langen Gesichtern an. Zumindest die, die an diesem
Nachmittag Dienst taten. Unter den Beamten befand sich auch Lev Glasunov, der
seit einem Jahr bei der Mordkommission tätig und stolz darauf war, an der
Aufklärung der meisten bisher gemeldeten Verbrechen irgendwie beteiligt
gewesen zu sein.
Davor hatte Lev mehrere Jahre als Funker in der Roten
Armee gedient, sich aber zur Polizei versetzen lassen, nachdem er an den
verschiedensten, strategisch wichtigen Punkten der kommunistischen Welt
stationiert gewesen war, um an die riesigen Straßenzüge der
imposanten Stadt zurückzukehren, sich niederzulassen und allmählich
an die Gründung einer Familie zu denken. Er hatte sich daran gewöhnt,
einen gleichbleibenden Weg zur Arbeit zurückzulegen, in einem
verhältnismäßig kleinen Büro in einem unveränderbaren
Gebäude hinter einem Schreibtisch zu sitzen, in dessen oberster Schublade
sich die berühmteste sowjetische Handfeuerwaffe befand: Eine 9mm Makarov.
Im Gegensatz zu der mit Abzeichen geschmückten Uniform, die seine
militärische Identität nach außenhin sichtbar gemacht hatte,
fädelte er sich nunmehr den Gürtel, der ihm die Hose obenhielt, durch
ein ledernes Etui, in dem er die Waffe auf dienstlichen Wegen vor der
Öffentlichkeit verborgen transportierte.
Im gesamten
Sicherheitsbüro herrschte betretenes Schweigen. Ein Mörder trieb in
der sowjetischen Hauptstadt sein Unwesen. Dreimal hatte er bereits
zugeschlagen. Eine Frauenleiche war am 25. Oktober mitten auf der Uljanowskaja
aufgefunden worden. Das heißt ihr Körper wurde in der ganzen
Umgebung verstreut angetroffen. Kopf, Rumpf, Arme, Beine im weitläufigen
Straßenzug plaziert, wahrscheinlich so, daß sich der Umriß
eines Sterns ergeben hätte, wären die einzelnen Fundorte miteinander
verbunden worden.
Dies unterließ man allerdings, und es gelang
auch auf keiner der Fotografien, die am Fundort der Leiche angefertigt wurden,
denn erst die zweite Tragödie, ein am 7. November, dem Jahrestag der
großen Revolution, zerfetzt am Dobryninskaja Platz aufgefundener
Körper gab Aufschluß darüber, daß der zweifellos
irrsinnige Täter jeden Leichnam in seine Bestandteile zerlegte und in
symbolischer Anordnung drapierte. Am Dobryninskaja lagen die
Körperfragmente im Umriß eines Hammers, des Wahrzeichens befreiter
Arbeiterschaft, und ausserdem jenes Werkzeuges, mit dem der Mörder seine
weiblichen Opfer ums Leben gebracht haben dürfte. Die Bestandteile der
zweiten Leiche waren so eng aneinandergelegt, daß unweigerlich auf die
Hammerform geschlossen werden konnte, als hätte der Wahnsinnige sich
besonders bemüht, die Sicherheitsbehörden auf diesen makabren Aspekt
aufmerksam zu machen.
Lev war es, der daraus schloß, daß
wahrscheinlich auch das erste Mal ein symbolisches Zeichen mit den einzelnen
Teilen des Leichnams gesetzt worden sein dürfte. Auf diesen Hinweis, der
von seinen Kollegen mit einem schuldbewußten Kopfnicken bedacht wurde,
wie man es besserwisserischen Quellen entgegenhält, die einen auf ein
persönliches Versagen aufmerksam machen, war der junge Beamte sehr stolz
gewesen. Mochte es sich auch eher um eine Einzelheit in Hinblick auf das ganze
Spektrum dieser Untat gehandelt haben, es war der erste aktive Beitrag, den Lev
zur Aufklärung eines Verbrechens beisteuerte. Man einigte sich dann auf
den Stern, da er das weitläufigste, einem einzigen Blick sich entziehende
Bild zu geben schien. Eine schlüssigere Vermutung konnte nachträglich
sowieso nicht mehr angestellt werden.
Am 27. Mai, dem Tag des Beginns
der Untersuchung, war also die Meldung des dritten Verbrechens eingetroffen,
und im Büro herrschte betroffenes Schweigen. Das änderte sich auch
nicht, als das Einsatzkommando, eine gute Stunde nach Verlassen der Zentrale,
zurückgekehrt war. Mit niedergeschlagenen Stimmen berichteten die Beamten,
daß diesmal ein zerstückelter Körper am Sadowaja-Sucharjewskaja
Prospekt derart arrangiert aufgefunden worden war, daß sich auf den
zweiten Blick die Krümmung einer Sichel, eines weiteren innigen Symbols
der sowjetischen Staatsidee, ergab.
Zur Frage, warum der Leichnam erst
in den Vormittagsstunden aufgefallen war, paßte die Antwort, daß
die Passanten ihn während der Morgenstunden für die Teile eines
verendeten Tieres gehalten hatten.
Kommandant Rassolnik schrie mit
seiner nervösen Stimme durch die Behördenzimmer, daß hiermit
der Ausnahmezustand für alle Sicherheitskräfte gelte, alle
Urlaubsansuchen und ausnahmsweise Freistellungen außer Kraft gesetzt
wären, bis der geistesgestörte Täter dingfest gemacht worden
sei. Lev stöhnte unhörbar und blickte seinem Kollegen Nesterenko, mit
dem er eine Arbeitsstube teilte, in die Augen, woraufhin dieser die Pupillen
unhörbar nach oben gleiten ließ. Sie wußten, was das
hieß. Ab sofort wäre der normale Arbeitsbetrieb aufgehoben. Der
Einsatzbefehl gelte rund um die Uhr, ausgenommen die wenigen Stunden Schlafes,
die man benötigt, um die Gesundheit nicht über Gebühr zu
strapazieren. Diese knappen Erholungsphasen könnte man auch in den
Amtszimmern hinter sich bringen. Ihre privaten Räumlichkeiten würden
die Beamten erst dann wieder zu Gesicht bekommen, wenn das Verbrechen
aufgeklärt und der Verbrecher gefaßt wäre.
Rassolnik
würde darauf bestehen, daß jedes Detail der bekannten
Tathergänge unendlich oft wiederholt, daß literweise Kaffee
getrunken und die ganze Zeit über kaum etwas gegessen werde. Ein Marathon
an durchgehaltenen Stunden im Einsatz. Jeder Beamte versucht damit zu beweisen,
daß er ganz besonders an der Aufklärung eines Verbrechens
interessiert ist. Alle schlürfen Kaffee, übertreffen sich im nichts
Essen, als gelte es, tageweise um Jahre zu altern. Tagaus tagein wiederholen
sie, was auf den Fotos zu sehen ist, was aus den Archiven und Erinnerungen
altgedienter Polizisten über ähnlich gelagerte Fälle
hervorgekramt werden konnte. Einen vergleichbaren Fall hatte es allerdings in
Moskau noch nie gegeben, und deswegen lernten sie alles auswendig, was an
Kriminellem diesem Entsetzen am nächsten kam.
Rassolnik saß
währenddessen hinter seinem riesigen Schreibtisch, im Schatten des
Bildnisses des Parteiobmannes, und begutachtete ungeduldig, ob tatsächlich
jeder Beamte einer klischeehaften Tätigkeit angestrengten Überlegens
nachkomme. Als ob das gesamte Büro der Meinung wäre, durch eine
bestimmte Verhaltensform der Lösung dieses kriminalistischen Rätsels
näherzukommen. Eine Denkerpose schien unweigerlich Gedanken anzuziehen,
die optischen Accessoires hartnäckigen Nachforschens schienen zu bedeuten,
daß hartnäckig nachgeforscht werde.
Rassolnik würde
sich ebensowenig zurückziehen, bis ihn sein Adjutant nach tagelangem
ununterbrochenem Aufzeichnen, was schon bekannt war, Auflisten, was jeder
wußte, und über kurz oder lang auswendigen Memorierens, was zu
erwarten wäre, wenn es so weitergehen würde wie bisher, zu
überzeugen verstünde, daß einige Stunden in seinen
Privaträumen seiner aufdeckerischen Kraft nützlich sein könnten.
Und der Kommandant würde sich im Glauben aus dem Büro
zurückziehen, daß ohne ihn die gesamte Recherche stillstände,
mit einem Blick, als ob er der Aufklärung dieser Serie an Verbrechen
intuitiv unglaublich nahe wäre. Der Posenhaftigkeit gereicht eben nur
optische Kontrolle zum Garanten. Lev saß während eines solchen
Ausnahmezustandes ruhig auf seinem Sessel, versuchte einen Eindruck zu machen,
als bewundere er die dienstälteren Kollegen, die sich vor Müdigkeit
und Einsatzbereitschaft nur noch mühsam auf den Beinen halten konnten,
sich aber unablässig dennoch von den Fotos des Tatorts zur
Verbrecherkartei und von der Kaffeemaschine zum Fenster schleppten, aus dem sie
einen sehnsüchtigen Blick warfen.
Lev war davon überzeugt,
daß sich irgendwann unter seinen Kollegen einer finden würde, der
bereit wäre, die Tat, eine gesamte Kette von Verbrechen, auf sich zu
nehmen, um damit zu gewährleisten, daß das Sicherheitsbüro von
dieser Untersuchung befreit wäre. Und er glaubte außerdem, daß
die knisternde Nervosität daher rührte, daß jeder der Beamten
befürchtete, diesmal selbst derjenige zu sein, der sich aus eigenem
Antrieb für seinen Vorgesetzten und für das Kollektiv zu opfern
hätte.
Die Aussicht, in einigen Stunden einen zu Kräften
gekommenen und dennoch niedergeschlagenen, einen dem erbarmungslosen
öffentlichen Druck ausgesetzten Kommandanten vor sich zu haben, ließ
lediglich zwei Möglichkeiten offen. Entweder es gelänge, das
Verbrechen bis zur Rückkehr des Kommandanten aufzuklären, oder es
müsse ein Schuldiger gefunden werden, sodaß es wenigstens
vorübergehend so aussähe, als bestehe vorläufig keine
Notwendigkeit, die Untersuchung fortzuführen.
Währenddessen
wurde gestöhnt, wurde geschwitzt, das Uniformhemd gewechselt und
unablässig telefoniert. Alle Anwesenden versuchten, sich jedes Detail des
Geschehenen zu vergegenwärtigen. So hatten sie es gelernt, denn das
hieß, sich die Tat zu verinnerlichen, eins zu werden mit dem wahnsinnigen
Geist des Verbrechers, wie ein Fallensteller in der sibirischen Hochebene in
die Seele jenes Rentieres kriecht, das er erschlagen möchte.
Man
stellte sich gegenseitig Fragen, schrie sich wegen unvollständiger
Antworten an oder wenn eine Antwort nichts an sich hatte, was den Fragenden
weiterzubringen versprach. Immer wieder wurden die Fotografien angestarrt, die
man vom Tatort mitgebracht hatte, und ständig gaben Bürodiener
Vergrößerungen der unbedeutendsten Kleinigkeiten ab. Winzigkeiten,
die sich auf den vergrößerten Formaten als Nichts herausstellten, in
denen Augenblicke zuvor noch der Schlüssel zum Verständnis der
Greueltaten vermutet wurde.
Lev beobachtete seinen Kollegen Nesterenko,
der sich selbst damit beauftragt hatte, einem potentiellen Tatzeugen
einzubleuen, daß sogar in der scheinbar unwichtigsten Einzelheit die
entscheidende Information verborgen sein könnte. Nesterenko trachtete
danach zu beweisen, daß er jede Unwahrscheinlichkeit riskiere, sofern sie
Aufschluß über die Tat bedeuten könnte, und er trug graue Ringe
unter seinen Augen. Er hatte sich den Kragen der Uniform aufgeknöpft, als
ginge es um jedes Quentchen Luft, das er zusätzlich in seine Lunge
bekäme, und seine sonst sauber gescheitelten Haare durcheinandergebracht,
weil das nach Verzweiflung, nach Entschlossenheit und jemandem, der sich seiner
Sache sicher ist, aussah. Die Augen des vermeintlichen Zeugen waren
blutunterlaufen. Ihm war erklärt worden, daß während einer
Untersuchung nicht ans Schlafen oder ans Essen zu denken wäre, sondern
stattdessen jede nur irgendwie bemerkenswerte Tatsache, ja selbst alles
Unwichtige unbedingt zur Sprache gebracht werden müsse. Nesterenko
appellierte an die Vernunft des Anrainers, sich irgendeiner klitzekleinen
Abweichung zum alltäglichen Ablauf zu besinnen. Lev war überzeugt,
daß der Befragte früher oder später dem Beamten zuliebe einen
Hinweis geben würde. Wahrscheinlich dachte er bereits darüber nach,
was halbwegs Glaubwürdiges er behaupten könne, um dem Beamten
wenigstens den Anschein einer Erlösung zu ermöglichen.
Lev
empfand tiefes Mitleid für beide Teilnehmer dieser Befragung. Und Lev tat
sich selbst leid, denn er hatte sich gleich zu Beginn der Untersuchung den
Stadtplan der Millionenstadt Moskau vorgenommen und versprochen, er werde nach
einer geografischen oder wenigstens einer topologischen Analogie unter den
verschiedenen Fundorten Ausschau halten. Nun wußte er nicht, was dem
Straßenverzeichnis abzugewinnen war, hatte er doch bereits alle
betroffenen Gäßchen und Plätze miteinander verbunden, die
Straßenbahnlinien, die Nebenwege und Abzweigungen berücksichtigt.
Lieber hätte er den vermeintlichen Zeugen danach befragt, wie es um die
Annehmlichkeiten jenes Wohngebietes bestellt wäre, in dem man das letzte
Opfer aufgefunden hatte. Ihm war aufgefallen, daß es genau zwischen einer
Einkaufsstraße, dem vielbefahrenen Bahnhof und nahe am weitläufigen
Bibliotheksviertel lag. Während um ihn herum alle damit beschäftigt
waren, eine Verhaltensform einzunehmen, die jener glich, mit der man
beschäftigt ist, wenn einem der entscheidende Einfall glückt,
träumte Lev davon, sich in jener Alltäglichkeit zu befinden, in
welcher der potentielle Zeuge des Verbrechens angestrengt nach einer Lücke
suchte.
Auch Lev hatte sich seit Tagen nicht mehr gewaschen und es
sogar vermieden, auf die Toilette zu gehen. Ein derart unterdrücktes
Bedürfnis verlieh ihm den Anschein, der darauf hindeutete, daß er
genauso versessen darauf war, hinter das Geheimnis zu kommen wie alle anderen.
Eine fortwährende nervöse Bewegung im Sitzen, hin und wieder ein
Krümmen, das von Magenkrämpfen verursacht wird, von denen sich zu
befreien einfach keine Zeit bleibt.
Die Tage und Wochen verstrichen,
draußen wechselten sich über der Moskwa Tageslicht und Dunkelheit
ab, während drinnen die Nervosität anstieg. Niemand konnte
voraussagen, wann der Kommandant seinen Dienst wieder aufnehmen würde. Und
von einer Lösung des komplizierten Falles war man denkbar weit entfernt.
In ihrer Verzweiflung über die Enttäuschung, die der
ausbleibende Fahndungserfolg ihrem Vorgesetzten bereiten werde, waren die
Sicherheitsbeamten dazu übergegangen, sich die Fotografien aller
während der letzten Jahre aufgegriffenen Straftäter einzuprägen.
Niemand war in der Lage, der Untersuchung einen inspirierenden Impuls zu
verleihen, und es schien, als hätte sich der Kommandant deswegen
zurückgezogen, weil ihm selbst ein solcher ebensowenig gelingen wollte.
Lev gab sich immer noch den Anschein, als wäre er körperlich
vergleichbar am Ende und mit dem letzten übermenschlichen Rest an Kraft
ausschließlich darauf bedacht, dem Täter auf die Schliche zu kommen,
indem er nach wie vor den Plan der riesigen Moskauer Innenstadt anstarrte.
Gedanklich bewegte er sich jedoch zwischen den Straßen,
untersuchte auf seiner treuen 1000ccm Ladaskaja die einzelnen Fundorte und
versicherte sich aller Einzelheiten einer gewagten und dennoch plausiblen
Theorie. Weder dem Kommandanten noch seinen Kollegen hatte er irgendetwas
angedeutet. Die Insassen des Sicherheitsbüros hatten ihn ausnahmsweise vom
Dienst freigestellt, weil sie überzeugt davon waren, daß er weit
über seine Grenzen, die gleichbedeutend mit ihren eigenen waren, gegangen
war. Während einer solchen Untersuchung bedeutete es Labsal, wenn einer
der Beteiligten bedingungslos zusammenbrach. Ein solcher Anfall von
Schwäche stärkte das Durchhaltevermögen der übrigen.
Während der eisige Fahrtwind darum bemüht war, Levs Gesicht
gefühllos zu machen, geisterte die vage Idee in seinem Kopf, daß der
Kriminelle nach einem bestimmten System vorgehe, ja ein bestimmten Kriterien
entsprechendes Programm einhalte. Geographisch würde einiges dafür
sprechen, daß das Opfer einer vierten Untat auf der Tschaikowskogo
gefunden würde, womit der Kreis um die Innenstadt geschlossen wäre.
Die Anfangsbuchstaben der bisherigen Fundorte - und ein geistig abnormer
Verbrecher überläßt nichts dem Zufall - ergaben
aneinandergereiht die ersten vier Buchstaben der Kurzform der Sowjetunion. Zur
Formel der UDSSR fehlte nur noch das R, worin ein Hinweis auf jenen Ort liegen
könnte, an dem demnächst im Morgengrauen ein auf bestialische Weise
in seine Einzelbestandteile zerlegter Körper aufgefunden werden
könnte. Auf der gleichen Höhe wie die Tschaikowskogo, das wußte
Lev von seinem Studium des Moskauer Stadtplans, befand sich im Zentrum der
prächtige Rote Platz. Statt einer kreisrunden Anordnung der Fundorte
würde das eine abnehmende Halbmondform ergeben, ein Halbrund, dessen Basis
ebenfalls in Richtung der Kurvatur gekrümmt ist.
Da alle Leichen
im Morgengrauen gefunden worden waren, konnte davon ausgegangen werden,
daß der Täter abends zuschlug, die Nacht damit verbrachte, sein
jeweiliges Opfer nach Herzenslust zu zerlegen, um die einzelnen Bestandteile
spätestens um vier oder fünf Uhr an der dafür auserkorenen
Stelle zu hinterlassen.
Lev war erleichtert, dem Büro entkommen
und während seiner Fahrt von den akribischen Anstrengungen seiner
Kollegen, so zu tun, als wären die Absichten für die Verhaltensweisen
verantwortlich und nicht umgekehrt, befreit zu sein. Sein Gehirn atmete durch
und sein Körpergeruch mäßigte sich an der frischen Luft.
Mitten in dieser Phase der Regeneration ereilte ihn mit einem Mal eine
Art Erleuchtung, deren Vorhandensein, zumindest aber deren Nähe er schon
geraume Zeit verspürt hatte, ohne Möglichkeit, von ihrer
Belichtungskapazität zu profitieren. Jetzt, beim Gedanken an den Roten
Platz zu Ehren der Revolution, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Waren
die beiden Daten 25. Oktober und 7. November nicht untrennbar miteinander
verbunden? Fand nicht die glorreiche Revolution sowohl am einen wie auch am
anderen Tag statt, verhältnismäßig, welchen Kalenders man sich
bediente?
Und hieße das nicht im weiteren, daß der
Wahnsinnige, der am 27. Mai das letzte Mal zugeschlagen hatte, am 9. Juni
wieder soweit wäre. Starr vor Schrekken hielt Lev sein Motorrad an und
blickte auf seine Uhr, deren Datumsanzeige ihm gerade noch den 8. Juni
anzeigte. Es blieben also nur noch wenige Stunden, und daher mußte eine
Entscheidung getroffen werden. Lev holte noch einmal den Stadtplan hervor. Der
Kreis oder die Halbmondform, wozu bestand eine deutlichere Parallele im
kommunistischen Jubelvokabular? Zum Kreisrund fiel Lev nur der Rubel ein, zum
Halbmond das osmanische Erbe, der Monatszyklus, eine halbe Rubelmünze und
und der Schnurrbart des legendären Parteiobmannes.
Das
mußte es sein. Lev fühlte sich sozusagen körperlich im
Bannkreis der Lösung, startete seine Ladaskaja und raste in die Dunkelheit
des soeben anbrechenden Tages.
Als er am Roten Platz ankam, wurde Lev
bewußt, was für ein riesiges Areal er sich als vermeintlichen
Fundort einer neuen Leiche ausgesucht hatte. Den verrückten Mörder in
der Weitläufigkeit dieser Gegend auf frischer Tat zu ertappen, käme
einem Glückspiel gleich, bei dem es auf jede Sekunde ankommen könnte.
Lev machte daher gar keine ordnungsgemäße Meldung, die ein
mehrmaliges Verbinden und die Beteuerungen seiner Kollegen und
schließlich des Kommandanten bedeutet hätten, er solle nichts
erfinden, nur um zu trösten. Lev hinterließ eine anonyme Meldung
beim öffentlichen Notruf, lud einfach dazu ein, auf den Roten Platz zu
kommen, wenn man den gefährlichen Irren endlich dingfest machen wolle.
Sodann nützte er jeden Augenblick, um das Areal abzusuchen und
tatsächlich, nach mehreren Viertelstunden, sah Lev eine gebückte
Gestalt, die sich auf einem Rasenstück, das in die prächtige
Straße gelegt war, zu schaffen machte. Die sich allmählich
zurückziehende Dunkelheit ermöglichte Lev auch einen Blick auf
mehrere Bündel, mit denen der Gekrümmte hantierte, womit für den
sowjetischen Sicherheitsbeamten feststand, daß es sich um den Gesuchten
handeln müsse. Ordnungsgemäß rief er ihn an, zog seine
Dienstwaffe und riet dem Verdächtigen, sich nicht von der Stelle zu
rühren. Als dieser sich dennoch bewegte, kam ihm die Dunkelheit zu Hilfe,
da sie ihn weitgehend verschluckte, ehe Lev zielen und abdrücken konnte.
Eine Zeitlang setzte der dem Flüchtigen nach, dann versicherte er
sich, daß es sich tatsächlich um die Leichenteile einer weiteren
jungen Frau handelte. Er, Lev, war der erste Beamte am Tatort, weil er dem
System des Verbrechers auf die Schliche gekommen war, weil er gelernt hatte,
wie ein krankes Hirn zu denken, anstatt im Büro jene Posen einzunehmen,
von denen es im allgemeinen hieß, man hätte zuvor so ausgesehen,
wenn man endlich etwas bewerkstelligt, wenn gerade etwas gelingt.
Als
seine Kollegen eintrafen, wollte Lev ihnen die Hände entgegenstrecken, um
sich für den überdimensionalen Fortschritt beglückwünschen
zu lassen, den die Untersuchung durch seine Einzelleistung erfahren hatte. Da
ihm die Festnahme des Mörders nicht gelungen war, hatte er sich
entschlossen, seinen Triumph mit seinen Kollegen zu teilen, und lediglich in
deren Augen und in denen des Kommandanten als Held dazustehen.
Tatsächlich aber klickten die Handschellen über seinen
Gelenken zusammen, denn ein anonymer Hinweis hatte die Sicherheitskräfte
auf die Spur des wahnsinnigen Mörders gebracht, der sich die ganze Zeit
über in den Reihen der Polizei befunden hatte. Mit diesen Argumenten
konnten die schleppenden Fortschritte der Untersuchung und die hemmungslose
Brutalität der Tat erklärt werden. Mit seiner Beteuerung, das
komplizierte System ganz alleine durchschaut zu haben und lediglich zu
spät am Tatort eingetroffen zu sein, erntete Lev lediglich ein
höhnisches Lächeln, wußte er doch selbst nur zu gut, daß
keine Wahrheit über einen vermeintlichen Fahndungserfolg ging.
Und
wenn er das nach einem Jahr in der Mordkommission nicht begriffen hatte, dann
war er jetzt selbst Schuld daran.
Hanno Millesi, geb. 1966 in Wien. Studium der
Kunstgeschichte, Dr. phil. In den 90er-Jahren Assistent von Hermann Nitsch, in
der Folge Mitarbeiter am Museum moderner Kunst in Wien.
Buchveröffentlichungen: Disappearing - Rückzugsvarianten (Ritter
Verlag, Klagenfurt/Wien 1999); Primavera (Ritter Verlag, Klagenfurt/Wien 2001).
Teilnahme am Internetprojekt "die flut" (organisiert von Xaver Bayer und Julia
Hadwiger - www. dieflut.at). Lebt als freier Schriftsteller in
Wien. |