Gessweinpreis 2001 für Kurzkrimis

9. Juni 1957

Hanno Millesi

Der Fernschreiber hatte soeben die neueste Meldung herausgestottert. Der dritte Mord in kaum acht Monaten, und alle auf ein und dieselbe Art begangen.

Die Mitglieder des zentralen Moskauer Polizeikommissariats, innerhalb der UDSSR dafür bekannt, zur Aufklärung eines Verbrechens kaum länger als Tage zu beanspruchen, sahen sich gegenseitig aus langen Gesichtern an. Zumindest die, die an diesem Nachmittag Dienst taten. Unter den Beamten befand sich auch Lev Glasunov, der seit einem Jahr bei der Mordkommission tätig und stolz darauf war, an der Aufklärung der meisten bisher gemeldeten Verbrechen irgendwie beteiligt gewesen zu sein.

Davor hatte Lev mehrere Jahre als Funker in der Roten Armee gedient, sich aber zur Polizei versetzen lassen, nachdem er an den verschiedensten, strategisch wichtigen Punkten der kommunistischen Welt stationiert gewesen war, um an die riesigen Straßenzüge der imposanten Stadt zurückzukehren, sich niederzulassen und allmählich an die Gründung einer Familie zu denken. Er hatte sich daran gewöhnt, einen gleichbleibenden Weg zur Arbeit zurückzulegen, in einem verhältnismäßig kleinen Büro in einem unveränderbaren Gebäude hinter einem Schreibtisch zu sitzen, in dessen oberster Schublade sich die berühmteste sowjetische Handfeuerwaffe befand: Eine 9mm Makarov.

Im Gegensatz zu der mit Abzeichen geschmückten Uniform, die seine militärische Identität nach außenhin sichtbar gemacht hatte, fädelte er sich nunmehr den Gürtel, der ihm die Hose obenhielt, durch ein ledernes Etui, in dem er die Waffe auf dienstlichen Wegen vor der Öffentlichkeit verborgen transportierte.

Im gesamten Sicherheitsbüro herrschte betretenes Schweigen. Ein Mörder trieb in der sowjetischen Hauptstadt sein Unwesen. Dreimal hatte er bereits zugeschlagen. Eine Frauenleiche war am 25. Oktober mitten auf der Uljanowskaja aufgefunden worden. Das heißt ihr Körper wurde in der ganzen Umgebung verstreut angetroffen. Kopf, Rumpf, Arme, Beine im weitläufigen Straßenzug plaziert, wahrscheinlich so, daß sich der Umriß eines Sterns ergeben hätte, wären die einzelnen Fundorte miteinander verbunden worden.

Dies unterließ man allerdings, und es gelang auch auf keiner der Fotografien, die am Fundort der Leiche angefertigt wurden, denn erst die zweite Tragödie, ein am 7. November, dem Jahrestag der großen Revolution, zerfetzt am Dobryninskaja Platz aufgefundener Körper gab Aufschluß darüber, daß der zweifellos irrsinnige Täter jeden Leichnam in seine Bestandteile zerlegte und in symbolischer Anordnung drapierte. Am Dobryninskaja lagen die Körperfragmente im Umriß eines Hammers, des Wahrzeichens befreiter Arbeiterschaft, und ausserdem jenes Werkzeuges, mit dem der Mörder seine weiblichen Opfer ums Leben gebracht haben dürfte. Die Bestandteile der zweiten Leiche waren so eng aneinandergelegt, daß unweigerlich auf die Hammerform geschlossen werden konnte, als hätte der Wahnsinnige sich besonders bemüht, die Sicherheitsbehörden auf diesen makabren Aspekt aufmerksam zu machen.

Lev war es, der daraus schloß, daß wahrscheinlich auch das erste Mal ein symbolisches Zeichen mit den einzelnen Teilen des Leichnams gesetzt worden sein dürfte. Auf diesen Hinweis, der von seinen Kollegen mit einem schuldbewußten Kopfnicken bedacht wurde, wie man es besserwisserischen Quellen entgegenhält, die einen auf ein persönliches Versagen aufmerksam machen, war der junge Beamte sehr stolz gewesen. Mochte es sich auch eher um eine Einzelheit in Hinblick auf das ganze Spektrum dieser Untat gehandelt haben, es war der erste aktive Beitrag, den Lev zur Aufklärung eines Verbrechens beisteuerte. Man einigte sich dann auf den Stern, da er das weitläufigste, einem einzigen Blick sich entziehende Bild zu geben schien. Eine schlüssigere Vermutung konnte nachträglich sowieso nicht mehr angestellt werden.

Am 27. Mai, dem Tag des Beginns der Untersuchung, war also die Meldung des dritten Verbrechens eingetroffen, und im Büro herrschte betroffenes Schweigen. Das änderte sich auch nicht, als das Einsatzkommando, eine gute Stunde nach Verlassen der Zentrale, zurückgekehrt war. Mit niedergeschlagenen Stimmen berichteten die Beamten, daß diesmal ein zerstückelter Körper am Sadowaja-Sucharjewskaja Prospekt derart arrangiert aufgefunden worden war, daß sich auf den zweiten Blick die Krümmung einer Sichel, eines weiteren innigen Symbols der sowjetischen Staatsidee, ergab.

Zur Frage, warum der Leichnam erst in den Vormittagsstunden aufgefallen war, paßte die Antwort, daß die Passanten ihn während der Morgenstunden für die Teile eines verendeten Tieres gehalten hatten.

Kommandant Rassolnik schrie mit seiner nervösen Stimme durch die Behördenzimmer, daß hiermit der Ausnahmezustand für alle Sicherheitskräfte gelte, alle Urlaubsansuchen und ausnahmsweise Freistellungen außer Kraft gesetzt wären, bis der geistesgestörte Täter dingfest gemacht worden sei. Lev stöhnte unhörbar und blickte seinem Kollegen Nesterenko, mit dem er eine Arbeitsstube teilte, in die Augen, woraufhin dieser die Pupillen unhörbar nach oben gleiten ließ. Sie wußten, was das hieß. Ab sofort wäre der normale Arbeitsbetrieb aufgehoben. Der Einsatzbefehl gelte rund um die Uhr, ausgenommen die wenigen Stunden Schlafes, die man benötigt, um die Gesundheit nicht über Gebühr zu strapazieren. Diese knappen Erholungsphasen könnte man auch in den Amtszimmern hinter sich bringen. Ihre privaten Räumlichkeiten würden die Beamten erst dann wieder zu Gesicht bekommen, wenn das Verbrechen aufgeklärt und der Verbrecher gefaßt wäre.

Rassolnik würde darauf bestehen, daß jedes Detail der bekannten Tathergänge unendlich oft wiederholt, daß literweise Kaffee getrunken und die ganze Zeit über kaum etwas gegessen werde. Ein Marathon an durchgehaltenen Stunden im Einsatz. Jeder Beamte versucht damit zu beweisen, daß er ganz besonders an der Aufklärung eines Verbrechens interessiert ist. Alle schlürfen Kaffee, übertreffen sich im nichts Essen, als gelte es, tageweise um Jahre zu altern. Tagaus tagein wiederholen sie, was auf den Fotos zu sehen ist, was aus den Archiven und Erinnerungen altgedienter Polizisten über ähnlich gelagerte Fälle hervorgekramt werden konnte. Einen vergleichbaren Fall hatte es allerdings in Moskau noch nie gegeben, und deswegen lernten sie alles auswendig, was an Kriminellem diesem Entsetzen am nächsten kam.

Rassolnik saß währenddessen hinter seinem riesigen Schreibtisch, im Schatten des Bildnisses des Parteiobmannes, und begutachtete ungeduldig, ob tatsächlich jeder Beamte einer klischeehaften Tätigkeit angestrengten Überlegens nachkomme. Als ob das gesamte Büro der Meinung wäre, durch eine bestimmte Verhaltensform der Lösung dieses kriminalistischen Rätsels näherzukommen. Eine Denkerpose schien unweigerlich Gedanken anzuziehen, die optischen Accessoires hartnäckigen Nachforschens schienen zu bedeuten, daß hartnäckig nachgeforscht werde.

Rassolnik würde sich ebensowenig zurückziehen, bis ihn sein Adjutant nach tagelangem ununterbrochenem Aufzeichnen, was schon bekannt war, Auflisten, was jeder wußte, und über kurz oder lang auswendigen Memorierens, was zu erwarten wäre, wenn es so weitergehen würde wie bisher, zu überzeugen verstünde, daß einige Stunden in seinen Privaträumen seiner aufdeckerischen Kraft nützlich sein könnten. Und der Kommandant würde sich im Glauben aus dem Büro zurückziehen, daß ohne ihn die gesamte Recherche stillstände, mit einem Blick, als ob er der Aufklärung dieser Serie an Verbrechen intuitiv unglaublich nahe wäre. Der Posenhaftigkeit gereicht eben nur optische Kontrolle zum Garanten. Lev saß während eines solchen Ausnahmezustandes ruhig auf seinem Sessel, versuchte einen Eindruck zu machen, als bewundere er die dienstälteren Kollegen, die sich vor Müdigkeit und Einsatzbereitschaft nur noch mühsam auf den Beinen halten konnten, sich aber unablässig dennoch von den Fotos des Tatorts zur Verbrecherkartei und von der Kaffeemaschine zum Fenster schleppten, aus dem sie einen sehnsüchtigen Blick warfen.

Lev war davon überzeugt, daß sich irgendwann unter seinen Kollegen einer finden würde, der bereit wäre, die Tat, eine gesamte Kette von Verbrechen, auf sich zu nehmen, um damit zu gewährleisten, daß das Sicherheitsbüro von dieser Untersuchung befreit wäre. Und er glaubte außerdem, daß die knisternde Nervosität daher rührte, daß jeder der Beamten befürchtete, diesmal selbst derjenige zu sein, der sich aus eigenem Antrieb für seinen Vorgesetzten und für das Kollektiv zu opfern hätte.

Die Aussicht, in einigen Stunden einen zu Kräften gekommenen und dennoch niedergeschlagenen, einen dem erbarmungslosen öffentlichen Druck ausgesetzten Kommandanten vor sich zu haben, ließ lediglich zwei Möglichkeiten offen. Entweder es gelänge, das Verbrechen bis zur Rückkehr des Kommandanten aufzuklären, oder es müsse ein Schuldiger gefunden werden, sodaß es wenigstens vorübergehend so aussähe, als bestehe vorläufig keine Notwendigkeit, die Untersuchung fortzuführen.

Währenddessen wurde gestöhnt, wurde geschwitzt, das Uniformhemd gewechselt und unablässig telefoniert. Alle Anwesenden versuchten, sich jedes Detail des Geschehenen zu vergegenwärtigen. So hatten sie es gelernt, denn das hieß, sich die Tat zu verinnerlichen, eins zu werden mit dem wahnsinnigen Geist des Verbrechers, wie ein Fallensteller in der sibirischen Hochebene in die Seele jenes Rentieres kriecht, das er erschlagen möchte.

Man stellte sich gegenseitig Fragen, schrie sich wegen unvollständiger Antworten an oder wenn eine Antwort nichts an sich hatte, was den Fragenden weiterzubringen versprach. Immer wieder wurden die Fotografien angestarrt, die man vom Tatort mitgebracht hatte, und ständig gaben Bürodiener Vergrößerungen der unbedeutendsten Kleinigkeiten ab. Winzigkeiten, die sich auf den vergrößerten Formaten als Nichts herausstellten, in denen Augenblicke zuvor noch der Schlüssel zum Verständnis der Greueltaten vermutet wurde.

Lev beobachtete seinen Kollegen Nesterenko, der sich selbst damit beauftragt hatte, einem potentiellen Tatzeugen einzubleuen, daß sogar in der scheinbar unwichtigsten Einzelheit die entscheidende Information verborgen sein könnte. Nesterenko trachtete danach zu beweisen, daß er jede Unwahrscheinlichkeit riskiere, sofern sie Aufschluß über die Tat bedeuten könnte, und er trug graue Ringe unter seinen Augen. Er hatte sich den Kragen der Uniform aufgeknöpft, als ginge es um jedes Quentchen Luft, das er zusätzlich in seine Lunge bekäme, und seine sonst sauber gescheitelten Haare durcheinandergebracht, weil das nach Verzweiflung, nach Entschlossenheit und jemandem, der sich seiner Sache sicher ist, aussah. Die Augen des vermeintlichen Zeugen waren blutunterlaufen. Ihm war erklärt worden, daß während einer Untersuchung nicht ans Schlafen oder ans Essen zu denken wäre, sondern stattdessen jede nur irgendwie bemerkenswerte Tatsache, ja selbst alles Unwichtige unbedingt zur Sprache gebracht werden müsse. Nesterenko appellierte an die Vernunft des Anrainers, sich irgendeiner klitzekleinen Abweichung zum alltäglichen Ablauf zu besinnen. Lev war überzeugt, daß der Befragte früher oder später dem Beamten zuliebe einen Hinweis geben würde. Wahrscheinlich dachte er bereits darüber nach, was halbwegs Glaubwürdiges er behaupten könne, um dem Beamten wenigstens den Anschein einer Erlösung zu ermöglichen.

Lev empfand tiefes Mitleid für beide Teilnehmer dieser Befragung. Und Lev tat sich selbst leid, denn er hatte sich gleich zu Beginn der Untersuchung den Stadtplan der Millionenstadt Moskau vorgenommen und versprochen, er werde nach einer geografischen oder wenigstens einer topologischen Analogie unter den verschiedenen Fundorten Ausschau halten. Nun wußte er nicht, was dem Straßenverzeichnis abzugewinnen war, hatte er doch bereits alle betroffenen Gäßchen und Plätze miteinander verbunden, die Straßenbahnlinien, die Nebenwege und Abzweigungen berücksichtigt. Lieber hätte er den vermeintlichen Zeugen danach befragt, wie es um die Annehmlichkeiten jenes Wohngebietes bestellt wäre, in dem man das letzte Opfer aufgefunden hatte. Ihm war aufgefallen, daß es genau zwischen einer Einkaufsstraße, dem vielbefahrenen Bahnhof und nahe am weitläufigen Bibliotheksviertel lag. Während um ihn herum alle damit beschäftigt waren, eine Verhaltensform einzunehmen, die jener glich, mit der man beschäftigt ist, wenn einem der entscheidende Einfall glückt, träumte Lev davon, sich in jener Alltäglichkeit zu befinden, in welcher der potentielle Zeuge des Verbrechens angestrengt nach einer Lücke suchte.

Auch Lev hatte sich seit Tagen nicht mehr gewaschen und es sogar vermieden, auf die Toilette zu gehen. Ein derart unterdrücktes Bedürfnis verlieh ihm den Anschein, der darauf hindeutete, daß er genauso versessen darauf war, hinter das Geheimnis zu kommen wie alle anderen. Eine fortwährende nervöse Bewegung im Sitzen, hin und wieder ein Krümmen, das von Magenkrämpfen verursacht wird, von denen sich zu befreien einfach keine Zeit bleibt.

Die Tage und Wochen verstrichen, draußen wechselten sich über der Moskwa Tageslicht und Dunkelheit ab, während drinnen die Nervosität anstieg. Niemand konnte voraussagen, wann der Kommandant seinen Dienst wieder aufnehmen würde. Und von einer Lösung des komplizierten Falles war man denkbar weit entfernt.

In ihrer Verzweiflung über die Enttäuschung, die der ausbleibende Fahndungserfolg ihrem Vorgesetzten bereiten werde, waren die Sicherheitsbeamten dazu übergegangen, sich die Fotografien aller während der letzten Jahre aufgegriffenen Straftäter einzuprägen. Niemand war in der Lage, der Untersuchung einen inspirierenden Impuls zu verleihen, und es schien, als hätte sich der Kommandant deswegen zurückgezogen, weil ihm selbst ein solcher ebensowenig gelingen wollte.

Lev gab sich immer noch den Anschein, als wäre er körperlich vergleichbar am Ende und mit dem letzten übermenschlichen Rest an Kraft ausschließlich darauf bedacht, dem Täter auf die Schliche zu kommen, indem er nach wie vor den Plan der riesigen Moskauer Innenstadt anstarrte.

Gedanklich bewegte er sich jedoch zwischen den Straßen, untersuchte auf seiner treuen 1000ccm Ladaskaja die einzelnen Fundorte und versicherte sich aller Einzelheiten einer gewagten und dennoch plausiblen Theorie. Weder dem Kommandanten noch seinen Kollegen hatte er irgendetwas angedeutet. Die Insassen des Sicherheitsbüros hatten ihn ausnahmsweise vom Dienst freigestellt, weil sie überzeugt davon waren, daß er weit über seine Grenzen, die gleichbedeutend mit ihren eigenen waren, gegangen war. Während einer solchen Untersuchung bedeutete es Labsal, wenn einer der Beteiligten bedingungslos zusammenbrach. Ein solcher Anfall von Schwäche stärkte das Durchhaltevermögen der übrigen.

Während der eisige Fahrtwind darum bemüht war, Levs Gesicht gefühllos zu machen, geisterte die vage Idee in seinem Kopf, daß der Kriminelle nach einem bestimmten System vorgehe, ja ein bestimmten Kriterien entsprechendes Programm einhalte. Geographisch würde einiges dafür sprechen, daß das Opfer einer vierten Untat auf der Tschaikowskogo gefunden würde, womit der Kreis um die Innenstadt geschlossen wäre. Die Anfangsbuchstaben der bisherigen Fundorte - und ein geistig abnormer Verbrecher überläßt nichts dem Zufall - ergaben aneinandergereiht die ersten vier Buchstaben der Kurzform der Sowjetunion. Zur Formel der UDSSR fehlte nur noch das R, worin ein Hinweis auf jenen Ort liegen könnte, an dem demnächst im Morgengrauen ein auf bestialische Weise in seine Einzelbestandteile zerlegter Körper aufgefunden werden könnte. Auf der gleichen Höhe wie die Tschaikowskogo, das wußte Lev von seinem Studium des Moskauer Stadtplans, befand sich im Zentrum der prächtige Rote Platz. Statt einer kreisrunden Anordnung der Fundorte würde das eine abnehmende Halbmondform ergeben, ein Halbrund, dessen Basis ebenfalls in Richtung der Kurvatur gekrümmt ist.

Da alle Leichen im Morgengrauen gefunden worden waren, konnte davon ausgegangen werden, daß der Täter abends zuschlug, die Nacht damit verbrachte, sein jeweiliges Opfer nach Herzenslust zu zerlegen, um die einzelnen Bestandteile spätestens um vier oder fünf Uhr an der dafür auserkorenen Stelle zu hinterlassen.

Lev war erleichtert, dem Büro entkommen und während seiner Fahrt von den akribischen Anstrengungen seiner Kollegen, so zu tun, als wären die Absichten für die Verhaltensweisen verantwortlich und nicht umgekehrt, befreit zu sein. Sein Gehirn atmete durch und sein Körpergeruch mäßigte sich an der frischen Luft.

Mitten in dieser Phase der Regeneration ereilte ihn mit einem Mal eine Art Erleuchtung, deren Vorhandensein, zumindest aber deren Nähe er schon geraume Zeit verspürt hatte, ohne Möglichkeit, von ihrer Belichtungskapazität zu profitieren. Jetzt, beim Gedanken an den Roten Platz zu Ehren der Revolution, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Waren die beiden Daten 25. Oktober und 7. November nicht untrennbar miteinander verbunden? Fand nicht die glorreiche Revolution sowohl am einen wie auch am anderen Tag statt, verhältnismäßig, welchen Kalenders man sich bediente?

Und hieße das nicht im weiteren, daß der Wahnsinnige, der am 27. Mai das letzte Mal zugeschlagen hatte, am 9. Juni wieder soweit wäre. Starr vor Schrekken hielt Lev sein Motorrad an und blickte auf seine Uhr, deren Datumsanzeige ihm gerade noch den 8. Juni anzeigte. Es blieben also nur noch wenige Stunden, und daher mußte eine Entscheidung getroffen werden. Lev holte noch einmal den Stadtplan hervor. Der Kreis oder die Halbmondform, wozu bestand eine deutlichere Parallele im kommunistischen Jubelvokabular? Zum Kreisrund fiel Lev nur der Rubel ein, zum Halbmond das osmanische Erbe, der Monatszyklus, eine halbe Rubelmünze und … und der Schnurrbart des legendären Parteiobmannes.

Das mußte es sein. Lev fühlte sich sozusagen körperlich im Bannkreis der Lösung, startete seine Ladaskaja und raste in die Dunkelheit des soeben anbrechenden Tages.

Als er am Roten Platz ankam, wurde Lev bewußt, was für ein riesiges Areal er sich als vermeintlichen Fundort einer neuen Leiche ausgesucht hatte. Den verrückten Mörder in der Weitläufigkeit dieser Gegend auf frischer Tat zu ertappen, käme einem Glückspiel gleich, bei dem es auf jede Sekunde ankommen könnte. Lev machte daher gar keine ordnungsgemäße Meldung, die ein mehrmaliges Verbinden und die Beteuerungen seiner Kollegen und schließlich des Kommandanten bedeutet hätten, er solle nichts erfinden, nur um zu trösten. Lev hinterließ eine anonyme Meldung beim öffentlichen Notruf, lud einfach dazu ein, auf den Roten Platz zu kommen, wenn man den gefährlichen Irren endlich dingfest machen wolle. Sodann nützte er jeden Augenblick, um das Areal abzusuchen und tatsächlich, nach mehreren Viertelstunden, sah Lev eine gebückte Gestalt, die sich auf einem Rasenstück, das in die prächtige Straße gelegt war, zu schaffen machte. Die sich allmählich zurückziehende Dunkelheit ermöglichte Lev auch einen Blick auf mehrere Bündel, mit denen der Gekrümmte hantierte, womit für den sowjetischen Sicherheitsbeamten feststand, daß es sich um den Gesuchten handeln müsse. Ordnungsgemäß rief er ihn an, zog seine Dienstwaffe und riet dem Verdächtigen, sich nicht von der Stelle zu rühren. Als dieser sich dennoch bewegte, kam ihm die Dunkelheit zu Hilfe, da sie ihn weitgehend verschluckte, ehe Lev zielen und abdrücken konnte.

Eine Zeitlang setzte der dem Flüchtigen nach, dann versicherte er sich, daß es sich tatsächlich um die Leichenteile einer weiteren jungen Frau handelte. Er, Lev, war der erste Beamte am Tatort, weil er dem System des Verbrechers auf die Schliche gekommen war, weil er gelernt hatte, wie ein krankes Hirn zu denken, anstatt im Büro jene Posen einzunehmen, von denen es im allgemeinen hieß, man hätte zuvor so ausgesehen, wenn man endlich etwas bewerkstelligt, wenn gerade etwas gelingt.

Als seine Kollegen eintrafen, wollte Lev ihnen die Hände entgegenstrecken, um sich für den überdimensionalen Fortschritt beglückwünschen zu lassen, den die Untersuchung durch seine Einzelleistung erfahren hatte. Da ihm die Festnahme des Mörders nicht gelungen war, hatte er sich entschlossen, seinen Triumph mit seinen Kollegen zu teilen, und lediglich in deren Augen und in denen des Kommandanten als Held dazustehen.

Tatsächlich aber klickten die Handschellen über seinen Gelenken zusammen, denn ein anonymer Hinweis hatte die Sicherheitskräfte auf die Spur des wahnsinnigen Mörders gebracht, der sich die ganze Zeit über in den Reihen der Polizei befunden hatte. Mit diesen Argumenten konnten die schleppenden Fortschritte der Untersuchung und die hemmungslose Brutalität der Tat erklärt werden. Mit seiner Beteuerung, das komplizierte System ganz alleine durchschaut zu haben und lediglich zu spät am Tatort eingetroffen zu sein, erntete Lev lediglich ein höhnisches Lächeln, wußte er doch selbst nur zu gut, daß keine Wahrheit über einen vermeintlichen Fahndungserfolg ging.

Und wenn er das nach einem Jahr in der Mordkommission nicht begriffen hatte, dann war er jetzt selbst Schuld daran.

Hanno Millesi, geb. 1966 in Wien. Studium der Kunstgeschichte, Dr. phil. In den 90er-Jahren Assistent von Hermann Nitsch, in der Folge Mitarbeiter am Museum moderner Kunst in Wien. Buchveröffentlichungen: Disappearing - Rückzugsvarianten (Ritter Verlag, Klagenfurt/Wien 1999); Primavera (Ritter Verlag, Klagenfurt/Wien 2001). Teilnahme am Internetprojekt "die flut" (organisiert von Xaver Bayer und Julia Hadwiger - www. dieflut.at). Lebt als freier Schriftsteller in Wien.
 

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