Der Rollstuhlmord
Ingrid Lavee
"Grimlitz", sagt der Vater und macht die Gurte am
Rollstuhl auf, "wenn Du noch einmal rausfliegst, bleibst Du am Boden liegen."
Grimlitz sagt nichts. Er wartet, daß der Vater ihn aufhebt.
Grimlitz ist nicht schwer, aber der Vater hat keine Kondition. Er hockt sich
neben Grimlitz, das linke Knie auf dem Boden, und dreht ihn herum. Dann, linker
Arm um Grimlitz' Rücken und Grimlitz in Sitzstellung gebracht. Grimlitz'
Kopf an des Vaters Schulter. Rechter Arm unter Grimlitz' Knie und Grimlitz
zusammengebündelt. Das linke Bein in die Hocke zurück. Grimlitz auf
seinen Armen. Der Vater stöhnt und sieht Grimlitz böse an.
Grimlitz tut nichts.
Der Vater beugt sich vor, drückt
Grimlitz an seine Brust, als hätte er ihn gern. Halsmuskeln angespannt
fast zum Zerreissen. Die Augen treten aus den Höhlen. Aber er steht.
Wankt, macht einen Schritt zurück. Richtet sich ganz auf. Drückt den
Rücken zurück. Zwei Schritte vorwärts, und er läßt
Grimlitz in den Rollstuhl fallen.
"Au!"
Aber Grimlitz sagt
nicht Au. Er sagt gar nichts und bleibt schräg im Rollstuhl hängen,
so wie er hineingefallen ist. Der Vater flucht. Er schwitzt. Er sieht hinunter
auf den schräg liegenden Grimlitz. Dann dreht er sich um und
läßt sich auf Grimlitz' Bett fallen. Er keucht und schaut Grimlitz
an. Grimlitz schaut den Vater an.
Immer, wenn der Vater ihm in
die Augen schaut, überfällt es Grimlitz. Dann sieht er alles ganz
genauso, wie es damals war. Wie der Vater die Mutter mit dem Wastl aus der
Klinik nach Hause gebracht hat.
Damals haben sie noch in dem grossen
Haus am Land gewohnt. Immer, wenn die Eltern nicht zu Hause waren, ist ein
Babysitter gekommen. Auch als der Wastl zur Welt kam. Da war der Grimlitz, der
damals noch Peter hieß, schon fünf Jahre alt und Susi ging in die
zweite Klasse. Susi, das ist seine Schwester. Sie heißt jetzt Hilde.
Eigentlich hat sie immer Hilde geheißen, nach der Großmutter. Nur
hat Hilde niemand so richtig gefallen und alle nannten sie Susi. Bis es
passierte. Seither rufen sie sie Hilde. Nur für Grimlitz ist sie Susi
geblieben.
Da hat also der Vater die beiden nach Hause gebracht und
alle haben die Mutter begrüßt und das Baby, das später der
Wastl wurde, bestaunt. Keines von den Kindern hat vorher ein ganz neues Baby
gesehen, außer der Susi, nämlich den Peter. Aber die war damals
selbst noch klein und konnte sich nicht erinnern. Renate Schneidmeier, der
Babysitter, hatte keine Geschwister.
Dann sagte der Vater, er bringt
die Renate nach Hause. Der Peter wollte mitfahren. Der Vater sagte,
"Nein."
Der Peter fing an zu brüllen. Die Mutter sagte,
"Geh, bitte, nimm ihn mit! Darauf kommt es doch wirklich nicht an."
Der Peter saß hinten im Wagen, Renate vorne, neben dem Vater. Der
Peter schaute zum Fenster hinaus. Er sah gern die Felder vorüberflitzen
und die Weiden mit den Kühen und manchmal ein Pferd. Auf einmal hört
er die Renate sagen,
"Nein! Nein, Herr Satzky! Nein! Lassen Sie mich!
Nein!"
Der Vater will der Renate etwas tun und die Renate schreit und
stößt den Vater weg. Der Peter beugt sich vor, um besser zu sehen.
Da macht die Renate die Autotür auf und will während der Fahrt
hinausspringen. Der Vater greift nach ihr.
Dann liegt der Peter auf der
Straße. Das Auto steht kaputt an einem Baum. Ein Stück weiter
drüben liegt Renate mit offenen Augen. Auf einmal weiß Peter, was
tot heißt. Die Renate ist tot. Der Vater beugt sich über sie,
hält sich ein Taschentuch an die Schläfe. Mit der anderen Hand
schüttelt er die tote Renate und sagt ein übers andere Mal,
"So ein Blödsinn! So ein Blödsinn!"
Ein Rettungswagen
kommt. Der Vater steht auf und geht zu Peter. Die Männer springen aus dem
Wagen, ihre Doktortaschen in der Hand. Der Peter hört sie rufen,
"Nicht anrühren! Lassen Sie ihn liegen!"
Aber der Vater
hat ihn schon aufgehoben. Etwas in Peters Genick hat geknackt. Dann ist sein
Kopf hinten hinuntergebaumelt, wie damals bei dem Teddybären, als Peter
ihm fast den Kopf abgerissen hat. Die Mutter hat dem Teddy den Kopf wieder
angenäht. Peter stellte sich vor, daß sie jetzt seinen Kopf auch
annähen müssen. Da ist der eine Mann schrecklich zornig geworden, hat
den Vater angeschrien, als hätte der ihm etwas getan. Der andere Mann
mußte ihn zurückhalten. Da hat der Peter verstanden, daß bei
ihm etwas kaputt gegangen ist, das man nicht reparieren kann.
Der Peter
ist dann so lange im Spital gewesen, daß er geglaubt hat, er muß
für immer dort bleiben. Zuerst ist nur die Mutter zu Besuch gekommen.
Später hat sie manchmal Susi mitgebracht. Das war fein. Die Mutter hat
immer nur geweint, aber die Susi hat ihm von der Schule erzählt. Sie hat
ihre Schultasche mitgebracht und angefangen, ihm die Buchstaben beizubringen.
Nach einer Weile hat die Mutter gesagt,
"Geh, laß ihn! Er kann
das nicht lernen."
"Aber, Mutti! Er lernt sogar sehr rasch. Und es
macht ihm Spaß. Siehst Du das denn nicht?"
Die Mutter hat ihr
nicht geglaubt.
"Jetzt siehst Du auch schon Hirngespinste!" sagte sie.
Aber sie brachte die Susi immer öfter ins Spital und ging weg.
Holte sie erst gegen Abend wieder ab. Susi machte ihre Aufgaben und lernte dann
mit Peter. Oder sie las ihm vor.
Susi war die einzige, die ihn
verstand. Er brauchte nur zu denken und schon antwortete sie ihm. Die anderen,
auch die Ärzte, behandelten ihn, als könnte er nicht nur nicht reden,
sondern auch nicht hören.
Der Professor kam immer mit einem ganzen
Schwanz Studenten.
"Hier, meine Damen und Herren, sehen Sie, was
passieren kann, wenn Schwerverletzte unsachgemäß transportiert
werden. Besonders tragisch ist, daß in diesem Fall der Vater es
hätte besser wissen müssen."
Eines Tages bekam Peter einen
neuen Rollstuhl, einen elektrischen, mit dem er ohne Hilfe auf den Gängen
herumrollen konnte.
"Sobald Du damit umgehen kannst, darfst Du nach
Hause."
Peter konnte sich das gar nicht vorstellen. Dann fiel ihm ein,
daß er Susi jeden Tag sehen würde, und er freute sich. Als es so
weit war, küßten ihn die Schwestern. Die Ärzte klopften ihm auf
die Schulter und sagten "junger Mann" zu ihm. Der Krankentransportwagen brachte
ihn in das Haus in der Stadt, wo er jetzt im elften Stock zu Hause war.
Die Wohnung war kleiner als das Haus auf dem Land. Behindertengerecht,
sagte der Vater. Ein eigenes großes Zimmer für Grimlitz. So nannte
ihn der Vater jetzt. Zuerst nur, wenn er mit ihm und dem Wastl allein war. Dem
Wastl gefiel das. Und weil der Wastl ihn Grimlitz nannte, taten es auch die
anderen. Sogar Susi. Sie weiß, daß es ihm nichts ausmacht;
daß er selbst meint, daß Grimlitz besser zu ihm paßt, jetzt,
wo er nur seinen linken kleinen Finger gebrauchen kann.
Alles ist
anders als früher in dem Haus draußen auf dem Land. Die Mutter geht
arbeiten und kommt nur zum Schlafen nach Hause. Dafür ist der Vater immer
da. Er schlurft im Unterhemd in der Wohnung herum. Meistens hängt ihm eine
Zigarette im Mundwinkel. Die nimmt er nur weg, wenn er wieder einen Schwung
Bier aus der Flasche nimmt. Für gewöhnlich tut er gar nichts
außer fernsehen. Nur manchmal, da kriegt er einen Anfall von Fleiß.
Da beginnt er zu streichen und hämmern und sägen. Macht alle
verrückt damit.
Der Wastl wächst auf wie er will und wird
immer mehr wie der Vater. Einmal ist er neben dem Grimlitz auf einen Sessel
geklettert und hat ihm etwas in den Kragen getan. Dann hat er sich ihm
gegenüber gesetzt und hat gewartet. Grimlitz hat nicht gewußt, was
los ist, bis er die Schachtel auf dem Tisch bemerkt hat. "Juckpulver" ist
draufgestanden.
Das nächste Mal hat der Wastl es mit Niespulver
versucht. Grimlitz wäre fast gestorben. Die Ärzte haben dem Vater
gesagt, er muß auf die Kinder besser aufpassen. Der Vater hat es
versprochen.
"Ich kann mir wirklich nicht denken, wie so etwas
passieren konnte. Wir halten die beiden anderen immer zu Rücksichtnahme
und Hilfsbereitschaft gegenüber dem kranken Bruder an."
Zu Hause
hat er dann gelacht. Hat dem Wastl auf den Rücken gehaut,
"Bist
ein echter Satzky, Wastl, das sieht man gleich! Nicht so einer wie der
Krüppel, der nichts kann, als anderen Leuten das Leben vermiesen."
Grimlitz liegt schräg in seinem Stuhl. Der Vater steht
auf, kommt zu ihm, zerrt ihn nach hinten, nach rechts, bringt Grimlitz' Kopf in
die richtige Stellung. Gurtet ihn fest.
Der Vater macht das Fenster
auf. Der Vorhang weht mit dem ersten Luftzug. Er hat wieder in Grimlitz' Zimmer
geraucht. Er raucht immer in Grimlitz' Zimmer. Dann lüftet er. Grimlitz
fröstelt.
Der Vater geht. Grimlitz sitzt im Rollstuhl als
täte er gar nichts. Er lauscht. Der Vater geht den Flur hinunter. Die
Wohnzimmertür fällt hinter ihm zu. Grimlitz wartet noch einen Moment.
Dann drückt er mit dem linken kleinen Finger auf den Knopf.
Der
Elektromotor beginnt leise zu summen. Der Rollstuhl fährt ein paar
Zentimeter rückwärts, rechts, links, vorwärts. Jetzt ist er in
der richtigen Position. Grimlitz zittert wie ein Rennpferd vor dem Start. Er
ist ganz Konzentration. Auf Los geht es los. Die ganze Kraft seines linken
kleinen Fingers liegt auf dem Knopf. Der Rollstuhl beschleunigt in gar keiner
Zeit von Null auf Maximum. Er rast auf den Schrank zu. Schon sieht man ihn
hineinkrachen, da geht Grimlitz ohne das Tempo zu verringern in die Kurve und
saust haarscharf vorbei, auf den Tisch zu. Dann zum Fenster, zum Bett, und
wieder zum Schrank. Nach ein paar Runden bringt er den Rollstuhl zum Stehen,
wendet, und los geht es in die Gegenrichtung.
Nachher kommt das kleine
Programm. Grimlitz läßt den Rollstuhl tanzen. Fast auf der Stelle
ruckt er ihn einmal in die Richtung, einmal in jene, dann eine volle Drehung
auf dem Platz. Und wieder von vorne.
Als er fertig ist, ist Grimlitz so
müde, daß seine Augen wie wild im Kopf herumrollen und sein linker
kleiner Finger zittert. Grimlitz ruht aus. Er weiß, er hat es verdient.
Er läßt sich einschlafen.
Grimlitz schläft nicht fest.
Auch nicht in der Nacht. Er ist gleich wach, als die Wohnungstür aufgeht.
Es ist erst eins. Susi kommt nie nach Hause um diese Zeit. Wenn sie früh
aus hat, dann geht sie zu Elke. Elke ist Susis Freundin.
"Hallo,
Grimlitz!" sagt sie, als sie ins Zimmer kommt, und klingt gar nicht
fröhlich. Sie sieht das offene Fenster und macht es zu.
"Hat er
schon wieder bei Dir geraucht!? Kalt ist es hier herinnen. Der bringt Dich noch
um, der Vater."
Susi setzt sich auf Grimlitz' Bett, dort wo vorher der
Vater gesessen ist. Sie druckst herum. Weiß nicht, wie sie sagen soll,
was sie sagen will.
"Denkst Du noch manchmal an die Renate? Ich auch.
Besonders seit ich in die Klasse gehe, in die sie gegangen ist, damals. -
Weißt Du, was heute passiert ist? Die neue Französisch-Professorin
ist gekommen. Zuerst hat sie das Klassenbuch genommen und uns aufgerufen, damit
sie uns kennenlernt. Wie sie zu mir gekommen ist, sagt sie: ,Satzky. Satzky,
Hildemarie. Ein seltener Name. Haben Sie Verwandte in der Gegend von Neudorf?'
,Nein', sage ich, ,ich habe selbst dort gewohnt. Beim Bleifelder Moor. Aber das
ist schon lange her.' ,Aha', sagt sie und schaut mich so über die Brille
an, ,Aha. Satzky. Sie sind das also.' Sie hat das so gesagt, als hätte ich
etwas angestellt. Aber, weil sie nicht gesagt hat was, konnte ich nicht einmal
sagen, daß es nicht stimmt, daß ich es gar nicht getan habe. Die
anderen haben mich dann auch alle komisch angeschaut und in der Pause haben sie
hinter mir getuschelt. Wie die Schule aus war, hat die Elke nicht auf mich
gewartet. Hat nur gesagt ,Tschüs. Bis morgen!' und ist mit der Karin und
der Brigitte gegangen."
Grimlitz hätte Susi gern umarmt und
getröstet.
"Du bist lieb, Grimlitz", sagt Susi, "Weißt Du,
was ich glaube? Ich glaube, sie war die Französisch-Professorin von der
Renate."
Plötzlich steht der Vater im Zimmer. Sie haben ihn nicht
kommen gehört. Grimlitz hat Angst, daß er fragt, worüber sie
geredet haben. Aber der Vater fragt nicht.
"Hab' ich doch richtig
gehört. Wenn Du schon da bist, Hilde, kannst' mir gleich helfen die
Balkonmöbel wegstellen."
Susi steht auf und folgt dem Vater aus
dem Zimmer. Sie sagt immer, wenn man etwas Unangenehmes sofort erledigt, ist es
wenigstens nicht lange unangenehm.
Grimlitz schämt sich, daß
er sich freut, daß Susi schon da ist. Seine Tage sind lang und leer. Wenn
Susi zu Hause ist, ist sie fast immer bei ihm in seinem Zimmer. Sie redet mit
Grimlitz. Und, wenn sie keine Zeit hat, ihm vorzulesen, dann baut sie ein Buch
vor ihm auf und blättert für ihn die Seiten um.
Grimlitz
sitzt in seinem Rollstuhl und wartet. Er freut sich, daß er Susi zur
Schwester hat. Susi ist die beste Schwester der Welt. Ganz bestimmt.
Da
hört er Susi schreien. Kann das wirklich Susi sein? Es kommt Grimlitz vor,
als hätte er schon einmal jemand so schreien gehört.
"Nein!
Nein!!!!" schreit Susi.
Dann weiß Grimlitz, wen er so schreien
gehört hat. Und wann.
Noch bevor er Zeit hat zu denken, ist der
Rollstuhl auf dem Flur und saust auf Susis Schreie zu. Die Wohnzimmertür
geht auf, der Rollstuhl fährt durch und bleibt stehen.
Susi liegt
bäuchlings auf dem Sofa. Sie schreit und wehrt sich verzweifelt, will den
Vater abschütteln, der auf ihr liegt und sie niederhält. Den
Schulrock hat er ihr bis zur Mitte hinaufgeschoben.
"Nur spielen", sagt
er und kämpft gegen ihren Widerstand. "Nur spielen. Ich tu Dir nichts. Sei
still. Nur spielen ..."
Grimlitz hat seinen Schreck überwunden.
Sein linker kleiner Finger drückt auf den roten Knopf. Der Rollstuhl heult
auf wie ein Einsatzwagen. Der Vater läßt ab von Susi, erhebt sich
mit einem Ruck. Susi läßt sich auf den Teppich fallen, springt auf.
Ihre schöne, weiße Schulbluse ist offen, alle Knöpfe sind
abgerissen. Ihre Haare sind zerrauft. Ihr Gesicht ist rot und verheult. Susi
hält ihre Kleider zusammen und rennt an Grimlitz vorbei aus dem Zimmer.
Grimlitz läßt den roten Knopf aus. Der Vater macht sich die
Hose zu.
"Ich Trottel!" sagt er, "ich Trottel!"
Der Vater
schaut Grimlitz nicht an.
Draußen fliegt zuerst die Tür von
Susis Zimmer zu, dann die Wohnungstür.
Der Vater fährt sich
mit den Fingern durch die Haare.
"Ich Trottel!" sagt er noch einmal und
schüttelt den Kopf. Langsam geht er hinaus auf die Loggia.
Der
Vater streicht draussen die Wände. Er klettert auf die Leiter. Auf der
Leiter hängt ein Kübel mit Farbe mit einem großen Pinsel darin.
Der Vater nimmt den Pinsel und streicht die Wand über der Tür.
Die Leiter steht nicht gerade, denn der Boden der Loggia ist leicht
schräg nach außen zu. Damit das Regenwasser abfließen kann.
Der Vater hat ein Leintuch aufgebreitet, um den Boden nicht mit Farbe
anzupatzen. Nur eine Seite der Leiter steht auf dem Leintuch. Ein Zipfel des
Tuchs liegt im Zimmer.
Der Elektromotor beginnt zu summen. Grimlitz
fährt zur Balkontür. Der Vater streicht. Grimlitz fährt in
kurzen Rucken hin und her bei dem Leintuchzipf, bis er einen Widerstand
spürt. Der Vater streicht weiter. Grimlitz wendet den Rollstuhl behutsam,
um den Zipfel nicht zu verlieren. Er atmet tief ein. Dann läßt er
den linken kleinen Finger auf den weißen Knopf fallen und drückt
vorwärts mit aller Kraft.
Zuerst zittert der Rollstuhl nur, dann
springt er los. Einen Moment lang glaubt Grimlitz, er hat den Leintuchzipf
verloren. Dann schreit der Vater hinter ihm,
"He! Was tu ..."
Die Leiter knallt gegen das Balkongeländer. Der Pinsel platscht zu
Boden. Der Kübel kracht auf, rollt scheppernd, bis ihn etwas aufhält.
Die Farbe fließt aus. Grimlitz hört den Vater schreien. Einen
langgezogenen Schrei, von immer weiter weg. Ein dumpfer Laut, wie wenn man
einen Korken aus einer Flasche zieht. Dann schreien andere Leute, tief unten.
Grimlitz fährt den Rollstuhl in einem Bogen zurück zur
Balkontür. Er schüttelt den Leintuchzipf ab. Die Leiter liegt leer
gegen die Balkonbrüstung. Die Farbe aus dem Kübel rinnt elf
Stockwerke hinunter auf den gepflasterten Platz vor dem Hauseingang.
Grimlitz wendet und fährt zurück in sein Zimmer. Er dreht
eine Runde. Und noch eine. Dann steuert er in die Mitte des Zimmers und beginnt
seinen Rollstuhltanz.
Ingrid Lavee, geboren 1940 in Wien, Studium der
englischen Literatur an der Universität London. Lebte von 1968 bis 1992 in
Israel. Schreibt seit 1993. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften
und Anthologien. Österreichisches Staatsstipendium für Literatur
1995/96. Erste Romanveröffentlichung "Rafaelas Geschichte" im
Frühjahr 2001 bei Herbig, München. |