Gessweinpreis 2001 für Kurzkrimis

Der Rollstuhlmord

Ingrid Lavee

"Grimlitz", sagt der Vater und macht die Gurte am Rollstuhl auf, "wenn Du noch einmal rausfliegst, bleibst Du am Boden liegen."

Grimlitz sagt nichts. Er wartet, daß der Vater ihn aufhebt. Grimlitz ist nicht schwer, aber der Vater hat keine Kondition. Er hockt sich neben Grimlitz, das linke Knie auf dem Boden, und dreht ihn herum. Dann, linker Arm um Grimlitz' Rücken und Grimlitz in Sitzstellung gebracht. Grimlitz' Kopf an des Vaters Schulter. Rechter Arm unter Grimlitz' Knie und Grimlitz zusammengebündelt. Das linke Bein in die Hocke zurück. Grimlitz auf seinen Armen. Der Vater stöhnt und sieht Grimlitz böse an.

Grimlitz tut nichts.

Der Vater beugt sich vor, drückt Grimlitz an seine Brust, als hätte er ihn gern. Halsmuskeln angespannt fast zum Zerreissen. Die Augen treten aus den Höhlen. Aber er steht. Wankt, macht einen Schritt zurück. Richtet sich ganz auf. Drückt den Rücken zurück. Zwei Schritte vorwärts, und er läßt Grimlitz in den Rollstuhl fallen.

"Au!"

Aber Grimlitz sagt nicht Au. Er sagt gar nichts und bleibt schräg im Rollstuhl hängen, so wie er hineingefallen ist. Der Vater flucht. Er schwitzt. Er sieht hinunter auf den schräg liegenden Grimlitz. Dann dreht er sich um und läßt sich auf Grimlitz' Bett fallen. Er keucht und schaut Grimlitz an. Grimlitz schaut den Vater an.



Immer, wenn der Vater ihm in die Augen schaut, überfällt es Grimlitz. Dann sieht er alles ganz genauso, wie es damals war. Wie der Vater die Mutter mit dem Wastl aus der Klinik nach Hause gebracht hat.

Damals haben sie noch in dem grossen Haus am Land gewohnt. Immer, wenn die Eltern nicht zu Hause waren, ist ein Babysitter gekommen. Auch als der Wastl zur Welt kam. Da war der Grimlitz, der damals noch Peter hieß, schon fünf Jahre alt und Susi ging in die zweite Klasse. Susi, das ist seine Schwester. Sie heißt jetzt Hilde. Eigentlich hat sie immer Hilde geheißen, nach der Großmutter. Nur hat Hilde niemand so richtig gefallen und alle nannten sie Susi. Bis es passierte. Seither rufen sie sie Hilde. Nur für Grimlitz ist sie Susi geblieben.

Da hat also der Vater die beiden nach Hause gebracht und alle haben die Mutter begrüßt und das Baby, das später der Wastl wurde, bestaunt. Keines von den Kindern hat vorher ein ganz neues Baby gesehen, außer der Susi, nämlich den Peter. Aber die war damals selbst noch klein und konnte sich nicht erinnern. Renate Schneidmeier, der Babysitter, hatte keine Geschwister.

Dann sagte der Vater, er bringt die Renate nach Hause. Der Peter wollte mitfahren. Der Vater sagte,

"Nein."

Der Peter fing an zu brüllen. Die Mutter sagte,

"Geh, bitte, nimm ihn mit! Darauf kommt es doch wirklich nicht an."

Der Peter saß hinten im Wagen, Renate vorne, neben dem Vater. Der Peter schaute zum Fenster hinaus. Er sah gern die Felder vorüberflitzen und die Weiden mit den Kühen und manchmal ein Pferd. Auf einmal hört er die Renate sagen,

"Nein! Nein, Herr Satzky! Nein! Lassen Sie mich! Nein!"

Der Vater will der Renate etwas tun und die Renate schreit und stößt den Vater weg. Der Peter beugt sich vor, um besser zu sehen. Da macht die Renate die Autotür auf und will während der Fahrt hinausspringen. Der Vater greift nach ihr.

Dann liegt der Peter auf der Straße. Das Auto steht kaputt an einem Baum. Ein Stück weiter drüben liegt Renate mit offenen Augen. Auf einmal weiß Peter, was tot heißt. Die Renate ist tot. Der Vater beugt sich über sie, hält sich ein Taschentuch an die Schläfe. Mit der anderen Hand schüttelt er die tote Renate und sagt ein übers andere Mal,

"So ein Blödsinn! So ein Blödsinn!"

Ein Rettungswagen kommt. Der Vater steht auf und geht zu Peter. Die Männer springen aus dem Wagen, ihre Doktortaschen in der Hand. Der Peter hört sie rufen,

"Nicht anrühren! Lassen Sie ihn liegen!"

Aber der Vater hat ihn schon aufgehoben. Etwas in Peters Genick hat geknackt. Dann ist sein Kopf hinten hinuntergebaumelt, wie damals bei dem Teddybären, als Peter ihm fast den Kopf abgerissen hat. Die Mutter hat dem Teddy den Kopf wieder angenäht. Peter stellte sich vor, daß sie jetzt seinen Kopf auch annähen müssen. Da ist der eine Mann schrecklich zornig geworden, hat den Vater angeschrien, als hätte der ihm etwas getan. Der andere Mann mußte ihn zurückhalten. Da hat der Peter verstanden, daß bei ihm etwas kaputt gegangen ist, das man nicht reparieren kann.

Der Peter ist dann so lange im Spital gewesen, daß er geglaubt hat, er muß für immer dort bleiben. Zuerst ist nur die Mutter zu Besuch gekommen. Später hat sie manchmal Susi mitgebracht. Das war fein. Die Mutter hat immer nur geweint, aber die Susi hat ihm von der Schule erzählt. Sie hat ihre Schultasche mitgebracht und angefangen, ihm die Buchstaben beizubringen. Nach einer Weile hat die Mutter gesagt,

"Geh, laß ihn! Er kann das nicht lernen."

"Aber, Mutti! Er lernt sogar sehr rasch. Und es macht ihm Spaß. Siehst Du das denn nicht?"

Die Mutter hat ihr nicht geglaubt.

"Jetzt siehst Du auch schon Hirngespinste!" sagte sie.

Aber sie brachte die Susi immer öfter ins Spital und ging weg. Holte sie erst gegen Abend wieder ab. Susi machte ihre Aufgaben und lernte dann mit Peter. Oder sie las ihm vor.

Susi war die einzige, die ihn verstand. Er brauchte nur zu denken und schon antwortete sie ihm. Die anderen, auch die Ärzte, behandelten ihn, als könnte er nicht nur nicht reden, sondern auch nicht hören.

Der Professor kam immer mit einem ganzen Schwanz Studenten.

"Hier, meine Damen und Herren, sehen Sie, was passieren kann, wenn Schwerverletzte unsachgemäß transportiert werden. Besonders tragisch ist, daß in diesem Fall der Vater es hätte besser wissen müssen."

Eines Tages bekam Peter einen neuen Rollstuhl, einen elektrischen, mit dem er ohne Hilfe auf den Gängen herumrollen konnte.

"Sobald Du damit umgehen kannst, darfst Du nach Hause."

Peter konnte sich das gar nicht vorstellen. Dann fiel ihm ein, daß er Susi jeden Tag sehen würde, und er freute sich. Als es so weit war, küßten ihn die Schwestern. Die Ärzte klopften ihm auf die Schulter und sagten "junger Mann" zu ihm. Der Krankentransportwagen brachte ihn in das Haus in der Stadt, wo er jetzt im elften Stock zu Hause war.

Die Wohnung war kleiner als das Haus auf dem Land. Behindertengerecht, sagte der Vater. Ein eigenes großes Zimmer für Grimlitz. So nannte ihn der Vater jetzt. Zuerst nur, wenn er mit ihm und dem Wastl allein war. Dem Wastl gefiel das. Und weil der Wastl ihn Grimlitz nannte, taten es auch die anderen. Sogar Susi. Sie weiß, daß es ihm nichts ausmacht; daß er selbst meint, daß Grimlitz besser zu ihm paßt, jetzt, wo er nur seinen linken kleinen Finger gebrauchen kann.

Alles ist anders als früher in dem Haus draußen auf dem Land. Die Mutter geht arbeiten und kommt nur zum Schlafen nach Hause. Dafür ist der Vater immer da. Er schlurft im Unterhemd in der Wohnung herum. Meistens hängt ihm eine Zigarette im Mundwinkel. Die nimmt er nur weg, wenn er wieder einen Schwung Bier aus der Flasche nimmt. Für gewöhnlich tut er gar nichts außer fernsehen. Nur manchmal, da kriegt er einen Anfall von Fleiß. Da beginnt er zu streichen und hämmern und sägen. Macht alle verrückt damit.

Der Wastl wächst auf wie er will und wird immer mehr wie der Vater. Einmal ist er neben dem Grimlitz auf einen Sessel geklettert und hat ihm etwas in den Kragen getan. Dann hat er sich ihm gegenüber gesetzt und hat gewartet. Grimlitz hat nicht gewußt, was los ist, bis er die Schachtel auf dem Tisch bemerkt hat. "Juckpulver" ist draufgestanden.

Das nächste Mal hat der Wastl es mit Niespulver versucht. Grimlitz wäre fast gestorben. Die Ärzte haben dem Vater gesagt, er muß auf die Kinder besser aufpassen. Der Vater hat es versprochen.

"Ich kann mir wirklich nicht denken, wie so etwas passieren konnte. Wir halten die beiden anderen immer zu Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft gegenüber dem kranken Bruder an."

Zu Hause hat er dann gelacht. Hat dem Wastl auf den Rücken gehaut,

"Bist ein echter Satzky, Wastl, das sieht man gleich! Nicht so einer wie der Krüppel, der nichts kann, als anderen Leuten das Leben vermiesen."



Grimlitz liegt schräg in seinem Stuhl. Der Vater steht auf, kommt zu ihm, zerrt ihn nach hinten, nach rechts, bringt Grimlitz' Kopf in die richtige Stellung. Gurtet ihn fest.

Der Vater macht das Fenster auf. Der Vorhang weht mit dem ersten Luftzug. Er hat wieder in Grimlitz' Zimmer geraucht. Er raucht immer in Grimlitz' Zimmer. Dann lüftet er. Grimlitz fröstelt.

Der Vater geht. Grimlitz sitzt im Rollstuhl als täte er gar nichts. Er lauscht. Der Vater geht den Flur hinunter. Die Wohnzimmertür fällt hinter ihm zu. Grimlitz wartet noch einen Moment. Dann drückt er mit dem linken kleinen Finger auf den Knopf.

Der Elektromotor beginnt leise zu summen. Der Rollstuhl fährt ein paar Zentimeter rückwärts, rechts, links, vorwärts. Jetzt ist er in der richtigen Position. Grimlitz zittert wie ein Rennpferd vor dem Start. Er ist ganz Konzentration. Auf Los geht es los. Die ganze Kraft seines linken kleinen Fingers liegt auf dem Knopf. Der Rollstuhl beschleunigt in gar keiner Zeit von Null auf Maximum. Er rast auf den Schrank zu. Schon sieht man ihn hineinkrachen, da geht Grimlitz ohne das Tempo zu verringern in die Kurve und saust haarscharf vorbei, auf den Tisch zu. Dann zum Fenster, zum Bett, und wieder zum Schrank. Nach ein paar Runden bringt er den Rollstuhl zum Stehen, wendet, und los geht es in die Gegenrichtung.

Nachher kommt das kleine Programm. Grimlitz läßt den Rollstuhl tanzen. Fast auf der Stelle ruckt er ihn einmal in die Richtung, einmal in jene, dann eine volle Drehung auf dem Platz. Und wieder von vorne.

Als er fertig ist, ist Grimlitz so müde, daß seine Augen wie wild im Kopf herumrollen und sein linker kleiner Finger zittert. Grimlitz ruht aus. Er weiß, er hat es verdient. Er läßt sich einschlafen.

Grimlitz schläft nicht fest. Auch nicht in der Nacht. Er ist gleich wach, als die Wohnungstür aufgeht. Es ist erst eins. Susi kommt nie nach Hause um diese Zeit. Wenn sie früh aus hat, dann geht sie zu Elke. Elke ist Susis Freundin.

"Hallo, Grimlitz!" sagt sie, als sie ins Zimmer kommt, und klingt gar nicht fröhlich. Sie sieht das offene Fenster und macht es zu.

"Hat er schon wieder bei Dir geraucht!? Kalt ist es hier herinnen. Der bringt Dich noch um, der Vater."

Susi setzt sich auf Grimlitz' Bett, dort wo vorher der Vater gesessen ist. Sie druckst herum. Weiß nicht, wie sie sagen soll, was sie sagen will.

"Denkst Du noch manchmal an die Renate? Ich auch. Besonders seit ich in die Klasse gehe, in die sie gegangen ist, damals. - Weißt Du, was heute passiert ist? Die neue Französisch-Professorin ist gekommen. Zuerst hat sie das Klassenbuch genommen und uns aufgerufen, damit sie uns kennenlernt. Wie sie zu mir gekommen ist, sagt sie: ,Satzky. Satzky, Hildemarie. Ein seltener Name. Haben Sie Verwandte in der Gegend von Neudorf?' ,Nein', sage ich, ,ich habe selbst dort gewohnt. Beim Bleifelder Moor. Aber das ist schon lange her.' ,Aha', sagt sie und schaut mich so über die Brille an, ,Aha. Satzky. Sie sind das also.' Sie hat das so gesagt, als hätte ich etwas angestellt. Aber, weil sie nicht gesagt hat was, konnte ich nicht einmal sagen, daß es nicht stimmt, daß ich es gar nicht getan habe. Die anderen haben mich dann auch alle komisch angeschaut und in der Pause haben sie hinter mir getuschelt. Wie die Schule aus war, hat die Elke nicht auf mich gewartet. Hat nur gesagt ,Tschüs. Bis morgen!' und ist mit der Karin und der Brigitte gegangen."

Grimlitz hätte Susi gern umarmt und getröstet.

"Du bist lieb, Grimlitz", sagt Susi, "Weißt Du, was ich glaube? Ich glaube, sie war die Französisch-Professorin von der Renate."

Plötzlich steht der Vater im Zimmer. Sie haben ihn nicht kommen gehört. Grimlitz hat Angst, daß er fragt, worüber sie geredet haben. Aber der Vater fragt nicht.

"Hab' ich doch richtig gehört. Wenn Du schon da bist, Hilde, kannst' mir gleich helfen die Balkonmöbel wegstellen."

Susi steht auf und folgt dem Vater aus dem Zimmer. Sie sagt immer, wenn man etwas Unangenehmes sofort erledigt, ist es wenigstens nicht lange unangenehm.

Grimlitz schämt sich, daß er sich freut, daß Susi schon da ist. Seine Tage sind lang und leer. Wenn Susi zu Hause ist, ist sie fast immer bei ihm in seinem Zimmer. Sie redet mit Grimlitz. Und, wenn sie keine Zeit hat, ihm vorzulesen, dann baut sie ein Buch vor ihm auf und blättert für ihn die Seiten um.

Grimlitz sitzt in seinem Rollstuhl und wartet. Er freut sich, daß er Susi zur Schwester hat. Susi ist die beste Schwester der Welt. Ganz bestimmt.

Da hört er Susi schreien. Kann das wirklich Susi sein? Es kommt Grimlitz vor, als hätte er schon einmal jemand so schreien gehört.

"Nein! Nein!!!!" schreit Susi.

Dann weiß Grimlitz, wen er so schreien gehört hat. Und wann.

Noch bevor er Zeit hat zu denken, ist der Rollstuhl auf dem Flur und saust auf Susis Schreie zu. Die Wohnzimmertür geht auf, der Rollstuhl fährt durch und bleibt stehen.

Susi liegt bäuchlings auf dem Sofa. Sie schreit und wehrt sich verzweifelt, will den Vater abschütteln, der auf ihr liegt und sie niederhält. Den Schulrock hat er ihr bis zur Mitte hinaufgeschoben.

"Nur spielen", sagt er und kämpft gegen ihren Widerstand. "Nur spielen. Ich tu Dir nichts. Sei still. Nur spielen ..."

Grimlitz hat seinen Schreck überwunden. Sein linker kleiner Finger drückt auf den roten Knopf. Der Rollstuhl heult auf wie ein Einsatzwagen. Der Vater läßt ab von Susi, erhebt sich mit einem Ruck. Susi läßt sich auf den Teppich fallen, springt auf. Ihre schöne, weiße Schulbluse ist offen, alle Knöpfe sind abgerissen. Ihre Haare sind zerrauft. Ihr Gesicht ist rot und verheult. Susi hält ihre Kleider zusammen und rennt an Grimlitz vorbei aus dem Zimmer.

Grimlitz läßt den roten Knopf aus. Der Vater macht sich die Hose zu.

"Ich Trottel!" sagt er, "ich Trottel!"

Der Vater schaut Grimlitz nicht an.

Draußen fliegt zuerst die Tür von Susis Zimmer zu, dann die Wohnungstür.

Der Vater fährt sich mit den Fingern durch die Haare.

"Ich Trottel!" sagt er noch einmal und schüttelt den Kopf. Langsam geht er hinaus auf die Loggia.

Der Vater streicht draussen die Wände. Er klettert auf die Leiter. Auf der Leiter hängt ein Kübel mit Farbe mit einem großen Pinsel darin. Der Vater nimmt den Pinsel und streicht die Wand über der Tür.

Die Leiter steht nicht gerade, denn der Boden der Loggia ist leicht schräg nach außen zu. Damit das Regenwasser abfließen kann. Der Vater hat ein Leintuch aufgebreitet, um den Boden nicht mit Farbe anzupatzen. Nur eine Seite der Leiter steht auf dem Leintuch. Ein Zipfel des Tuchs liegt im Zimmer.

Der Elektromotor beginnt zu summen. Grimlitz fährt zur Balkontür. Der Vater streicht. Grimlitz fährt in kurzen Rucken hin und her bei dem Leintuchzipf, bis er einen Widerstand spürt. Der Vater streicht weiter. Grimlitz wendet den Rollstuhl behutsam, um den Zipfel nicht zu verlieren. Er atmet tief ein. Dann läßt er den linken kleinen Finger auf den weißen Knopf fallen und drückt vorwärts mit aller Kraft.

Zuerst zittert der Rollstuhl nur, dann springt er los. Einen Moment lang glaubt Grimlitz, er hat den Leintuchzipf verloren. Dann schreit der Vater hinter ihm,

"He! Was tu ..."

Die Leiter knallt gegen das Balkongeländer. Der Pinsel platscht zu Boden. Der Kübel kracht auf, rollt scheppernd, bis ihn etwas aufhält. Die Farbe fließt aus. Grimlitz hört den Vater schreien. Einen langgezogenen Schrei, von immer weiter weg. Ein dumpfer Laut, wie wenn man einen Korken aus einer Flasche zieht. Dann schreien andere Leute, tief unten.

Grimlitz fährt den Rollstuhl in einem Bogen zurück zur Balkontür. Er schüttelt den Leintuchzipf ab. Die Leiter liegt leer gegen die Balkonbrüstung. Die Farbe aus dem Kübel rinnt elf Stockwerke hinunter auf den gepflasterten Platz vor dem Hauseingang.

Grimlitz wendet und fährt zurück in sein Zimmer. Er dreht eine Runde. Und noch eine. Dann steuert er in die Mitte des Zimmers und beginnt seinen Rollstuhltanz.

Ingrid Lavee, geboren 1940 in Wien, Studium der englischen Literatur an der Universität London. Lebte von 1968 bis 1992 in Israel. Schreibt seit 1993. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien. Österreichisches Staatsstipendium für Literatur 1995/96. Erste Romanveröffentlichung "Rafaelas Geschichte" im Frühjahr 2001 bei Herbig, München.
 

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