Gessweinpreis 1999 für Kurzhörspiele |
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Der StimmkäfigCarl Gundolf(2. Platz Gessweinpreis 1999)
/Waldesrauschen/ /Blubberndes Wasser/ F2: Jemand hat mir heute seine Stimme geliehen. Es ist dies ein glücklicher Tag. Ich spiele Hören. Es ist ein Radio /kurzes Radiorauschen/, in dem meine Stimme spricht. Sie liegt im Radio, wie im Bauch des großen Fisch. F1: Das Hören, das ich höre, hören Sie, ist nicht meines. Es ist das Hören einer anderen Frau. /lauter/ F2: Hören Sie, der Wärter spricht zur Gefangenen durch
ein Sprechfenster, hören Sie. M: Sie sitzen vor dem Radio in einem Raum und sehen mich nicht. Sie sehen meine Sprache nicht. Sie sehen gesprochenes Deutsch nicht. Sie werden mich nicht sehen. Sie werden mit ihren Ohren nicht sehen. Sie werden nur das gesprochene Deutsch spüren wie es Ihre Ohren berührt. Die Wellen rinnen hinunter in die Muschel Ihres Ohrs. Sie sind in Ihrer Welt gefangen und ich in meiner. Sie sitzen und lauschen, Sie mit Ihrem Ohr, dem großen Tor, in das Sie die Welt hereinlassen, hinein in das Innerste, ich reise mit meiner geliehenen Sprache, in das Ohr, das Ziel, das Sie mir schenken, mit den Schallwellen der deutschen Lautsprache, tief in die Spirale Ihres Ohrs, hinein in Ihr Zentrum, dem Ende meiner Reise. Ich sitze weit von Ihnen entfernt, ich sage etwas Entferntes, das schwingt sich durch den Spiegel des Radios hinüber in Ihren Raum. Ich spreche und ich bin schon angekommen. F1: Das Radio gibt die Schwingungen einer Stimme wieder wie der Spiegel das Bild eines Gesichts. Die Radiostimme ist nur der helle Spiegel meiner Stimme, die spricht in einer Sprache, die gibt Laute von sich und das Laute der Stimme bricht sich durch den Spiegel des Radios in Ihren Raum. Was machen Sie mit meiner Stimme im Raum, Ihrem Raum? Ich bin eine Fremde bei Ihnen. Ich bin die Stille, die bei Ihnen zu Gast ist. Die Stille, die zu Ihnen spricht. Sie hören mir zu. Ich bin gehörlos. Ich kann nicht hören, wissen Sie. Aber das Radio gibt die Schwingungen einer Stimme wieder wie der Spiegel das Bild eines Gesichts. Meine Stimme ist eine Kopie. Eine andere Frau verkörpert meine Stimme in den Räumen des Hörbaren. /still/ Die laute Sprache reist still zu Ihnen. Von mir, laut, dann still, und dann wieder laut hinein in Ihr aufnahmebereits gastfreundliches Ohr. F2: Keine Stimme, keine Bänder, die man öffnet wie die
Schleifen eines Geschenks, durch das sich Sprache schenkt, die sich hören
läßt; keine Stimme, keine Ritze, durch welche Luft dringt wie Wind
durch die Äste des Baums. M: Kein Ohr, keine Muschel, die man sich aus dem Meer birgt
& in der es rauscht. F1: Meine Hände sind meine Sprache. Sie sind die Schwerelosigkeit der Walflossen, sie sind die Leichtigkeit der Adlerflügel. Ich werfe Dir mit meiner Hand eine Welt zu aus dem Radio, aber Du siehst sie nicht. Du siehst die Sprache meiner fliegenden Hände nicht. Hör mal zu! Wir sprechen jetzt! S T I L L E M: Das Radio schwimmt wie ein Wal im Meer der Sprache. F2: Das Radio ist ein Fisch. F1: Wir alle sitzen in einem Fisch. M: Ich bin Jona im großen Bauch des Radio. F1: Wir sind hörverdunkelt, in der Hörfinsternis. F2: Die Stimme hier, Sie wissen es, ist nichts anderes als Duplikat. M: Die Radiostimme ist Duplikat. Die Stimme, die Sie hören, ist nicht meine. F1: Meine Stimme ist ein Instrument, auf der eine fremde Person
spielt. F2: Klar die Nacht, verklärt in deinen Erklärungen und Aufklärungen einer Nacht in Deiner Hörfinsternis. F1: Ich bin ein Satz, der liegt im Radio wie auf einer Zunge, die schwingt aus ihrer roten Fahne die laute Zungenrede. Hören Sie, ein Satz der roten Zunge. Hören Sie! Ein Satz der roten Zunge. Der rote Zungensatz. Ich rufe Sie an! /Ein Telephon klingelt. F2 hebt ab/ M: Meine Hörlosigkeit ist ein Geysir, eine aufspringende
Fontäne. Ich wüte. F1: Hallo. Ich bin eine Fremde bei Ihnen in Ihrem Raum. Ich spreche, und indem ich spreche, bin ich für Sie da, hören Sie mir zu. Sie hören, ich bin. Ich bin, indem Sie mich hören. /suggestiv/ Stellen Sie sich vor, ich spreche vor Ihnen auf einem Stuhl, ja der, der vor Ihnen leer ist. Ich setze mich jetzt darauf und spreche mit Ihnen auf diesem Stuhl, der fremd ist und mir nicht gehört, aber solange ich spreche und Sie mir zuhören, kann ich mich auf ihn setzen, kann ich Sie besetzen, sprechend, hallo, hören Sie auch noch zu, wirklich zu, meine ich, wissen Sie das, was wirklich zuhören ist, ein wirkliches Zuhören, jetzt im Augenblick, jetzt, hören Sie mich, diesen einen Laut, dieser einen Lautsprache, ein einziges und letztes Mal, ungeteilt, mit dem Herzen Ihres ganzen Ohrs. Mein Sprechen wird Ihr Hören, sprechen und hören werden eins. Hallo! Hallo! Wir machen eine Übung hier, konzentrieren Sie sich, das ist ein Hörspiel, die regeln des Spiels habe ich Ihnen erklärt, Sie hören alles, als ob Sie es zum ersten und letzten Mal hörten, Ihr ganzes sterbliches Leben, im Hören eines einzigen Lauts. /Ein Radiobalken wird langsam eingestellt/ M: Stockstumm wie ein Fisch, meine Stimme, ein Stockfisch, der
im Dunkel des Traums im Wasser schwimmt. F2: Ich bin heute kein Fisch im Bauch des großen Fisch. Ich bin die Schwingung meiner Stimme. F1: Ich bin stumm wie ein Fisch. Wir sind alle im Bauch des großen Fisch. M: Hallo, hier spricht ein Fisch. Ich schwimme zu Ihnen
hinüber, wie ich zu einer Insel schwimme. /in schneller Abfolge/ F2: Also, hören Sie, dies ist das Spiel vom Hören
Gehörloser. Wir spielen sprechen, wir spielen hören, hören Sie u
n s zu, zum Beispiel beim Spiel! M: Wie konnten Sie die Stille hören, das Sprechen der Hände hören. Die Augen, ja, die Augen müßten hören. F1:Also. Hören Sie, ja Sie, da draußen, dies ist das Spiel vom Hören. Sie hören nun eine Abfolge von Geräuschen, hören d i e Geräusche, nur d i e Geräusche hören, konzentrieren Sie sich nur auf das, was Sie hören. Bleiben Sie mit Ihrem Ohr fest dran, solange bis die Ohren keine Spiegel mehr sind, bis der Hörer und das Gehörte nicht mehr zu trennen sind, dann haben Sie wirklich gehört. In Ordnung, sind Sie beeit? Sind Sie fertig? Sind Sie fertig für Ihren eigenen Tod als Hörer. Der Tod des Hörers durch das Hörspiel. Haben Sie alles verstanden. Gut, dann fangen wir an. /eine Abfolge von Geräuschen: M: Das Knistrige des Knisterns, das Feurige des Feuers, das Tropfige des Tropfens, das Knistern knistert, der Tropfen tropft, das Feuer feuert, das Rauschen rauscht, das Rauschige des Rauschens, das Glockenschlaghaftige des Glockenschlags, der Glockenschlag glockenschlägt, die Kirchturmglocke kirchturmglockt, das Zufallende des Zufallens, der Bleistift bleistift, die Tür türt, ihr Schlag schlägt zu /eine Tür geht laut zu/ haben Sie es gehört? F1: Es geht weiter. Hören Sie Ihren Raum. Ihren Raum. Der
Raum raumt und sonst nichts! F2: Was hören Sie, wenn es totenstill ist in Ihrem Raum.
Sich. Im Kopf, die Gedanken, laut und polternd, der ständige Lärm, es
ist nie still, nicht wahr. Sind Sie bereit. Ladies and Gentlemen. Der
große Auftritt, Der große Ausritt in sich selbst. Hören Sie
sich selbst. Sie hören. Hören Sie sich in Ihrem eigenen
Stimmkäfig! M: Wir sitzen alle in einem Stimmkäfig. F1: Und wie kommen wir in die Welt? F2: Das Hören verschlingt mich wie ein Fisch. M: Der Wärter spricht zur Gefangenen durch ein Hörfenster. Die Gefangene ist eine Hörinsel. F2: Ich schwimme zur Insel hinüber. F1: Die Stimme ist ein Fisch. M: Stockfinster liegt meine Stimme im Bauch des großen Fisch. Ich gehe ohne Krücke, ohne Stock, mein Los, ohne Stimme, ohne Stütze. Ich spreche nicht, es blüht kein Blumenstock aus meinem Hals. F2: Das Sprechen verschlingt mich wie ein Fisch. M: Das sprechende, große Netz der Hörenden, durch das wir fallen ins sprechende Wasser des Meers, in das Maul des großen Fisch, der schluckt uns stumm. F2: Ich bin das Radio, das spricht. Im Hörkäfig, im Lautsprecher, die Stimme, die spricht. F1: Orpheus! M: Auf der Reise in die Unterwelt spiele ich im Radio ein Lied
für meine tote Stimme. F1: Die Stimmlosigkeit ist in heftiger Liebe zur Stimme entbrannt. F2: Das Radio ist eine Stimme. M: Aus, aus mit dem Spiel. Es gibt kein Woanders. Ein ewiges
Hören, ein ewiges Rauschen im Bauch des großen Fisch. F2: Die Stimme, das Original, sitzt in Haft, im Stimmkäfig. Rücklings liegt die Stimme im Bauch des großen Fisch. F1: Das Sprechen, das ich spreche, ist nicht meines. Es ist das Sprechen einer anderen Frau. M: Hallo, hallo. Ich melde mich aus dem Bauch des großen Fisch. Ich, der Satz, der spricht. /Ein Telephon klingelt, M hebt ab/ /Das Telephon klingelt wieder, F1 hebt ab/ /Das Telephon läutet noch einmal, F2 hebt ab/ F1: Orpheus! M: Ich steige in das Reich der Toten, um meine Stimme zu suchen. F1: Orpheus! M: Hallo. F1: Hier bin ich. Im Radio. M: Ich bin hörverdunkelt, in der Hörfinsternis, aber der Fisch spie mich heute, für kurze Zeit, aus in die Hörhelligkeit, aber es ist so hell, daß ich nichts höre. /Ein Radiobalken wird langsam eingestellt/ F2: Meine Hände sprechen wie verrückt, zwei
aufflatternde Vögel. Ich werfe sie Dir zu aus dem Radio. /Ein Radiobalken geht durch verschiedene Sender/ M: Das Radio, M: Der Wärter spricht zur Gefangenen durch ein
Sprechfenster. Hören Sie hören. Nur den einen Laut. F2: Ich spreche zu I h n e n aus dem Radio. F1: Das Radio ist ein Fisch. F2: Wir alle sitzen in einem Fisch. M: Mein Kopf, F2: Aus meinem Hals speit meine Stimme Feuer wie ein Vulkan. M: Ich bin hier, schau, Dein Radio, das spricht mit Dir. Mit Dir möchte ich sprechen. Sprich in mich hinein, wie ich hineinspreche in Deinen Traum. F1: Hallo, Zuhörer. M: Im Spiel vom Hören flackern die Stimmen in der Hölle der Toten. /Ein Glockenschlag/ /Ein Frequenzmodulator eilt durch verschiedene Sender.
Wortfetzen/ M: Die Sprache, M: Der Kopf, /Ein Frequenzmodulator wird eingestellt/ F2: Das Radio gibt die Schwingungen einer Stimme wieder. M: Nein, aus, es gibt keine Stimme, ein ewiger Jona im Bauch des großen Fisch. /Blubberndes Wasser/ /Windrauschen/ /Stimmengewirr. Einmal versteht man den Satz:/ /Ein Telephon läutet, F1 hebt ab/ Carl Gundolf, geboren 1965 als Sohn einer Schwerhörigen und eines Gehörlosen; Sprach- und Kommunikationstrainer; lebt in Wien |