Gessweinpreis 1999 für Kurzhörspiele

Als ich von der Hetzau in die Schindlau ging

Andreas Renoldner

(2. Platz Gessweinpreis 1999)


SCHNECKE: Kommt jetzt!

EINER: Die Wasserflasche fehlt noch! Wer geht, schwitzt, Wer schwitzt, muß trinken.

SCHNECKE: Du wirst nicht schwitzen.

EINER: Du hast gesagt, daß es zunächst über einen Bergsattel -

SCHNECKE: Es ist kühl in der Nacht. Außerdem entspringt hinter dem Sattel ein klarer Bach -

EINER: Auch Proviant sollte ich mitnehmen.

SCHNECKE: Einer wie du braucht keinen Proviant. Wir gehen jetzt.

EINER: Aber -

SCHNECKE: Du hast in der Hetzau alles erledigt. Jetzt geht es in die Bärenfeuchten.

EINER: Wo ist das?

SCHNECKE: Hörst du sie?

EINER: Die Bärenfeuchten?

SCHNECKE: Den Mann und die Frau in der Hütte hinterm Moos. Das Moos wird Bärenfeuchten genannt.

ALTER MANN: Einmal bin ich hier in einem Unwetter gesessen. Die Nacht taghell von Blitzen. Sie sagen, es sei elektrische Spannung. Doch es war wie Feuer.

ALTE FRAU: Ich habe gesehen, wie Schlangen aus Feuer durch das Gras den Hang herunter gefahren sind. Am nächsten Tag bin ich hinüber. Das Gras war verbrannt.

ALTER MANN: Nicht jeder der Blitze berührt den Boden. Weit mehr als jeder zweite von ihnen bleibt in den Wolken. Streckt sich über den Himmel. Verliert sich als Leuchten in den Horizont.

ALTE FRAU: Die Hütte hat es nie getroffen.

ALTER MANN: Ja. Die Hütte hat es zum Glück nie getroffen.

ALTE FRAU: Einmal hat es eine Kuh erwischt. Drüben beim Moos. Sie ist unter einem Baum gelegen. Der Baum war an einer Seite verkohlt. Der aufgetriebene Bauch der Kuh hat nach verbrannten Haaren gerochen. Entlang der Schulter eine Spur wie von Feuer.

ALTER MANN: Es gibt Plätze, an denen es oft einschlägt, und Plätze, die nie -

ALTE FRAU: Doch. Einmal ist die Hütte getroffen worden. Ich erinnere mich jetzt, daß mein Vater so etwas gesagt hat. Es muß vor hundert Jahren gewesen sein.

ALTER MANN: Ist sie abgebrannt?

ALTE FRAU: Nein. Nur ein Dachbalken hat an einer Seite eine schwärzliche Spur getragen - ein wenig Ruß -

ALTER MANN: Du sitzt und horchst. Zählst bis fünf. Bis sieben. Bis zehn.

ALTE FRAU: Bei zehn ist man für einen Augenblick gerettet.

ALTER MANN: Schon bei drei ist man gerettet. Nein: Wenn du Zeit für das Zählen hast, bist du gerettet.

ALTE FRAU: Die Kuh hat es bei zwei erwischt. Es sind zweihundert Schritte bis zum Moos.

ALTER MANN: Du sitzt und horchst. Die Schuhe geschnürt. Die Jacke auf den Schultern. Das Feuer im ofen erlischt.

ALTE FRAU: Ich habe nie den Rosenkranz genommen. Ich habe nie eine schwarze Karze angezündet -

ALTER MANN: Wenn das Wetter aufzieht, kommen die Blitze näher heran. Die Gefahr dauert keine zehn Minten. Dann entfernt sich der Donner wieder.

ALTE FRAU: Ich habe mich ins Bett verkrochen mit Schuhen und Jacke. Ein kleiner Spalt zwischen Matratze und Decke hat mich das Feuer der Blitze sehen lassen, auch wenn ich die Augen geschlossen -

ALTER MANN: Ich habe gehört, wo es einschlägt. Ich habe gehört, ob es einen Baum trifft oder einen Felsen.

ALTE FRAU: Fünf Gewitter jedes Jahr. Manchmal sechs. Weniger sind es nue gewesen. Der Somme mit der erschlagenen Kuh ist mein letzter Sommer da heroben gewesen. Ich habe gewußt, daß ich eines Tages wie die Kuh daliegen werde.

SCHNECKE: Gehen wir.

EINER: Warum gehen? Wir klopfen an der Hütte _

SCHNECKE: Ich will sie nicht stören. Wer weiß, wie lange sie einander noch haben für eine Nacht -

EINER: Mir ist kalt.

SCHNECKE: Du lügst. Einem wie dir ist nie kalt.

EINER: Was soll das heißen?

SCHNECKE: Wir gehen weiter.

EINER: In der Dunkelheit?

SCHNECKE: Für uns ist es hell genug.

EINER: Wohin?

SCHNECKE: Rechts. Und dann den Saubach hinauf.

EINER: Wir laufen im Kreis.

SCHNECKE: Wir schlagen Haken. Doch es gibt eine Richtung. Nach Osten. Der Sonne entgegen.

EINER: Ich will nicht weitergehen

SCHNECKE: Warum?

EINER: Sag du mir einen Grund.

SCHNECKE: Ist die Tatsache, daß wir sind, nicht Grund genug für ein Gehen?

EINER: Ich sage nur Antelao.

SCHNECKE: Was ist das?

EINER: Ein Berg. Oder Terza grande.

SCHNECKE: Auch ein Berg?

EINER: Ja. Es gibt Tausende von Bergen. Hunderttausende. Die Liste an Bergen, die zu besteigen mich interessiert, ist zu groß für mein Leben.

SCHNECKE: Man muß nicht auf allen Bergen gewesen sein.

EINER: Soviele berühmte und weniger berühmte Ziele, die zu sehen reizvoll wäre. Landschaften. Gebäude. Höhlen. Wasserfälle.

SCHNECKE: Man muß nicht alles gesehen haben.

EINER: Alleine die Flüsse und Bäche, die ich mit dem Kajak befahren wollte, wären zuviele für mein Leben.

SCHNECKE: Man muß nicht auf allen Flüssen -

EINER: Hör auf damit. Du weißt genau, was ich meine.

SCHNECKE: Mich interessieren weder Berge noch Flüsse.

EINER: Du stellst dich mit Absicht blöd.

SCHNECKE: Du hast entdeckt, daß dein Leben für deine Neugierde zu klein ist.

EINER: Was tut einer, der seine Zeit schwinden sieht? Er ordnet die Wünsche nach deren Größe. Wie aber soll man die Befahrung eines kanadischen Flusses gegen eine Reise nach Feuerland abwägen?

SCHNECKE: Vergiß die Ziele.

EINER: Das habe ich getan!

SCHNECKE: Wunderbar!

EINER: Übrig bleibt das Nichts der Belanglosigkeit.

SCHNECKE: Du fällst von einem Extrem ins andere.

EINER: Dazwischen liegt Beliebigkeit.

SCHNECKE: Na und?

EINER: Nur einer Schnecke kann das genügen.

SCHNECKE: Es genügt allen.

EINER: Mir nicht. - Was ist das für ein Haus?

SCHNECKE: Zeckerkeusche.

EINER: Der Name sagt alles.

FRAU: Es war keine schöne Zeit.

ALTE FRAU: Du hast es zu ernst genommen.

FRAU: Hätte ich lachen sollen?

ALTE FRAU: Vielleicht.

FRAU: Du hast leicht reden. Deiner ist sein Leben lang bei dir geblieben.

ALTE FRAU: Wer weiß, ob das besser war.

FRAU: Von heute auf morgen davon.

ALTE FRAU: Dein Vater war immer da. Jeden Morgen sein Gesicht. Er hat selten gelacht.

FRAU: Das stimmt.

ALTE FRAU: Man schaut herum und sieht welche, die auch lachen können.

FRAU: Hast du einen Freund gehabt?

ALTE FRAU: Ich habe auch heute einige Freunde.

FRAU: Du weißt schon, was ich meine.

ALTE FRAU: Einen Liebhaber? - Nein.

FRAU: Ich glaube, man bleibt, weil es bequemer ist.

ALTE FRAU: Das ist Gerede. Da ist etwas gewesen zwischen uns -

FRAU: Liebe?

ALTE FRAU: So redet man im Kino. Oder in Romanen.

FRAU: Du hast ihn gern gehabt.

ALTE FRAU: Ich weiß nicht. Er ist immer da gewesen. Wie das Bett und der Tisch.

FRAU: Eine Vertrautheit.

ALTE FRAU: Vielleicht.

FRAU: Ich habe einmal gedacht: Wenn sie nur packen und mit uns davongehen würde -

ALTE FRAU: Wohin?

FRAU: Weg.

ALTE FRAU: Du warst noch ein Kind.

FRAU: Nein. Ich war sechzehn.

ALTE FRAU: Also ein Kind.

FRAU: Du hast doch einen Beruf erlernt. Du hättest Arbeit bekommen -

ALTE FRAU: Welchen Grund hätte ich nennen sollen?

FRAU: Daß ihm die Familie vollkommen gleichgültig gewesen ist.

ALTE FRAU: Übrigens: Ich habe einen Liebhaber gehabt.

FRAU: Wen?

ALTE FRAU: Kennst du nicht.

FRAU: Wann?

ALTE FRAU: Damals.

FRAU: Wann hast du dich mit ihm getroffen? Und wo?

ALTE FRAU: Ich bin in der Nacht aus dem Haus geschlichen.

FRAU: Dein Leben hätte vollkommen anders werden können, wenn du davongegangen wärst.

ALTE FRAU: Er war auch nicht anders. Ein Mann eben. Wie alle anderen.

FRAU: Bist du sicher?

ALTE FRAU: Ja. Sie sind alle gleich.

FRAU: Das glaube ich nicht.

EINER: Hast du gehört? Es ist, als hätte ich geredet.

SCHNECKE: Man kann alles daherreden. Das Reden und das Leben aber haben nicht miteinander zu tun.

EINER: Auch das ist Gerede.

SCHNECKE: Erzähl mir lieber, wie du in die Hetzau gekommen bist.

EINER: Mit dem Auto.

SCHNECKE: Gib eine Antwort!

EINER: Da ist nichts mehr, das auf mich wartet. Die große Liebe: Vorbei. Die großen Ziele: Erreicht. Die größten Ziele: Unerreichbar.

SCHNECKE: Du hast dich aufgegeben.

EINER: Ich habe die Wirklichkeit erkannt.

SCHNECKE: Jede Stunde ist spannend und neu.

EINER: Schon kommen die ersten Schmerzen. Das erste Vergessen.

SCHNECKE: Erfahrung -

EINER: Du bist, wie du nie hast sein wollen.

SCHNECKE: Weisheit -

EINER: Verblödung muß das heißen. Altersstarre. Verknöcherung.

SCHNECKE: Und nirgendwo Freude?

EINER: Du kannst dir nicht vorstellen, wie steif ich zuletzt am Morgen gewesen bin. Beim Wenden des Kopfes den Oberkörper mitdrehen müssen -

SCHNECKE: Wer regelmäßig Gymnastik -

EINER: Eine Verzögerung um wenige Monate. Vielleicht Jahre.

SCHNECKE: Immerhin.

EINER: Ich habe alles erlebt, was zu erleben ein Leben ausmacht. Von nun an geht es bergab.

SCHNECKE: Und dann?

EINER: Bin ich in die Hetzau gefahren.

SCHNECKE: Weil dort Wildnis ist?

EINER: Der Bergsee ist ein geeigneter Platz. An Abenden im Herbst menschenleer.

SCHNECKE: Der Platz einer Erinnerung?

EINER: Es hat mit der Insel zu tun.

SCHNECKE: Ein Rückzug in ein Schneckenhaus!

EINER: Nein. Sie haben für diese Nacht heftige Regenfälle angekündigt. Weiter im Westen gibt es schon Überschwemmungen. Ganze Dörfer unter Wasser.

SCHNECKE: Das Wasser sollte dich auf der Insel einschließen!

EINER: Ich habe mich hingelegt. Der Biwaksack ist wasserdicht. Da wird dir nicht kalt.

SCHNECKE: Und wenn das Wasser steigt?

EINER: Es soll steigen. Über meinen Kopf. Ich träume von einer Wanderung und einem Bad in einem Bergsee, spüre das Wasser im Traum, doch das Wasser ist echt. Noch vor dem Erwachen wäre ich ertrunken. Das Leben und der Tod nur ein Traum.

SCHNECKE: Du hast geglaubt, das könnte funktionieren?

EINER: Es hat funktioniert.

SCHNECKE: Woher weißt du das?

EINER: Weil ich jetzt mit einer Schnecke in einem Affentempo übers Land ziehe. Von der Hetzau in die Bärenfeuchten ginge man drei Tage, von dort zum Kaskeller einen Tag. Wir haben keine zehn Minuten gebraucht.

SCHNECKE: Du bist also tot?

EINER: Ja.

SCHNECKE: Ich glaube, daß du träumst.

EINER: Es ist möglich, daß der Tod erst kommt. Das Wasser aber steht mir sicher schon bis zum Hals.

SCHNECKE: Der Wasserspiegel des Sees in der Hetzau kann in einer Nacht keine zehn Zentimeter steigen. Die Zuflüsse sind viel zu klein. Es sind nur zwei winzige Bäche -

EINER: Ich habe mich ganz ans Ufer gelegt. Ohne Kopfpolster. Seitlich eingerollt. Der Mund knapp ober der Wasserfläche. Da genügen fünf Zentimeter -

SCHNECKE: Wenn du dich im Schlaf auf den Rücken drehst, bist du für eine Nacht gerettet.

EINER: Ich spüre meine Beine nicht mehr. Meine Hände sind steif und kalt.

SCHNECKE: Du bist ein Clown!

EINER: Komm weiter!

SCHNECKE: In dieser Hütte reden zwei.

EINER: Ich will nicht irgendeinem Geschwätz zuhören.

SCHNECKE: Du muß ja nicht hinhören. - Der Platz wird übrigens Leerensack genannt. - Jetzt!

FRAU: Ich habe gewußt, daß es so enden wird.

MANN: Beruhige dich bitte.

FRAU: Um fünf Uhr nachmittags aufbrechen. Und das Ende September.

MANN: Wie oft muß ich das noch anhören?

FRAU: Und dann nach links abbiegen.

MANN: Ich -

FRAU: Und ich sage noch: Schau auf die Karte!

MANN: Ich habe die falsche Karte mit - Blatt 68 statt Blatt 69 -

FRAU: Hast du wenigstens eine Ahnung, wo wir sein könnten?

MANN: Vielleicht bei der Bodenwies?

FRAU: Und die Forststraße? Endet die im Hang?

MANN: Wenn wir südwärts fahren, erreichen wir die Bundesstraße. Es ist nur eine Frage der Zeit -

FRAU: Es kann also Stunden dauern bis in den nächsten Ort.

MANN: Auch in drei Stunden schlafen dort alle -

FRAU: Wenn ich wenigstens mitfahren hätte wollen -

MANN: Ich habe gesagt -

FRAU: Aber wehe, wenn ich nicht tue, was du willst -

MANN: Also hör mal -

FRAU: Ich will nicht eine Nacht lang in der Kälte hocken, nur weil die Batterien leer sind.

MANN: Wer rechnet schon damit, daß -

FRAU: Wer ölt die Ketten und Zahnräder? Wer kontrolliert die Batterien in den Lampen?

MANN: Wir sind immerhin zwei Stunden in vollkommener Finsternis -

FRAU: Das war meine letzte Tour mit dir.

MANN: Wir sollten es uns lieber gemütlich machen.

FRAU: Im verschwitzten Dress?

MANN: Wir könnten auch zu Fuß -

FRAU: In diesen verdammten Spezialschuhen?

MANN: Es ist nicht so schlimm -

FRAU: Wir werden uns verkühlen. Uns den Tod holen.

MANN: Wir könnten uns gegenseitig wärmen -

FRAU: Komm mir nicht zu nahe! Ich weiß, wie verschwitzt du bist!

MANN: Hör auf. Es nützt ja nichts -

FRAU: Ich will nach Hause! Ich will nicht in der Kälte auf einem mühsam zusammengekratzten, staubigen, vermoderten, stinkenden heuhaufen voller Mäuse hocken -

EINER: Ich kenne das alles. Genau deshalb habe ich mich auf die Insel gelegt.

SCHNECKE: Wegen einer Frau?

EINER: Wegen allem. Alles ist schrecklich, wenn man genau hinschaut. Jedes Lächeln entspringt einem tragischen Anlaß -

SCHNECKE: Ich glaube nicht, daß du tot bist.

EINER: Dir zuliebe sage ich, daß ich von einer Wanderung mit einer Schnecke träume. Ich liege daheim im warmen Bett.

SCHNECKE: Davon war nie die Rede. Wir sind einander in der Hetzau begegnet.

EINER: Ich liege noch auf der Insel im Wasser?

SCHNECKE: Du bist mit mir unterwegs. Mehr weiß ich nicht.

EINER: Wohin geht es eigentlich?

SCHNECKE: In die Schindlau.

EINER: Ist dort auch ein See?

SCHNECKE: Nein. Ein breites Becken in einem Bach. Im Becken steht ein Inselstein.

EINER: Was ist der Unterschied?

SCHNECKE: Der Bach steigt bei einem Unwetter in wenigen Minuten mehr als einen halben Metter!

EINER: Du bringst mich an einen Platz, an dem mein Vorhaben gelingen kann!

SCHNECKE: Ich gehe in die Schindlau. Was du tust, ist deine Sache.

EINER: Wird es dort regnen?

SCHNECKE: Woher soll ich das wissen? Ich bin nur eine Schnecke.

EINER: Es wird regnen!

SCHNECKE: Ich glaube nicht, daß dein Plan gelingt.

EINER: Warum?

SCHNECKE: Weil man erwacht, wenn man im kalten Wasser liegt.

EINER: Wenn ich mich zum Schlafen lege und den festen Vorsatz im Kopf trage, nicht erwachen zu wollen, erwache ich nicht.

SCHNECKE: Du wirst es erleben.

EINER: Wie geht es weiter?

SCHNECKE: Nach Süden!

EINER: Nein. Geradeaus in den Wald. Wo kein Haus ist. Dort lege ich mich ins Moos und schlafe.

SCHNECKE: Du kommst mit mir in die Schindlau.

EINER: Nein. Geradeaus in den Wald. Wo kein Haus ist. Dort lege ich mich ins Moos und schlafe.

SCHNECKE: Du kommst mit mir in die Schindlau.

EINER: Warum muß ich von einer Insel zu einer anderen gehen?

SCHNECKE: Ich verstehe die Frage nicht.

EINER: Du willst mir helfen?

SCHNECKE: Ich will gar nichts. Ich weiß nur, daß du mit mir gehst.

EINER: Warum drängst du mich zum Weitergehen? Und warum hast du mich nicht in der Hetzau in Ruhe schlafen lassen?

SCHNECKE: Ich tue nichts.

EINER: Aber du redest die ganze Zeit.

SCHNECKE: Wenn es dir lieber ist, werde ich schweigen.

EINER: Ich will wissen, was du mit mir zu tun hast. Warum du mich mitnimmst. Warum du mir die Gespräche Fremder vorspielst wie von einem Tonband.

SCHNECKE: So viele Fragen.

EINER: Du sollst antworten!

SCHNECKE: Du suchst nach einem Sinn, den es nicht gibt.

EINER: Du kannst mir nicht weismachen, daß es zufällig geschieht, wenn ein Verstorbener von einer Schnecke bei einer Wanderung über das Land begleitet wird.

SCHNECKE: Ein anderer träumt vielleicht von einem Adler. Oder von einer prüfung, die er zu bestehen hat. Oder von einem Engel.

EINER: Du bist ein Bild meiner Vorstellung?

SCHNECKE: Nein. Ich bin eine Schnecke.

EINER: Ich habe Schnecken nie ausstehen können. Ich habe sie als Kind im Garten meiner Eltern von den Salatblättern klauben müssen. Um mich vor dem Schleim zu schützen, habe ich Löwenzahnblätter ausgerissen. Dann habe ich die Schnecken in einen Blecheimer mit heißem Wasser geworfen.

SCHNECKE: Mich hast du nie erwischt.

EINER: Das war vor mehr als vierzig Jahren. So lange leben Schnecken nicht.

SCHNECKE: Was weißt du schon von Schnecken.

EINER: Ich weiß, daß ihnen die Eingeweide aus dem Loch quellen, das man ihnen mit einer Harke in den Leib sticht.

SCHNECKE: Auch dir würden die Eingeweide aus dem Leib quellen -

EINER: Jaja. - Du bist also nicht aus meinen Gedanken gekommen?

SCHNECKE: Nein. - Wir sind übrigens schon im Paradies.

EINER: Wo?

SCHNECKE: Die Ortschaft heißt Paradies. Steht zumindest auf dem Schild.

EINER: Tatsächlich! - Paradies.

ALTER MANN: Daß du noch vorbeikommst!

FRAU: Beim Kindergeburtstag ist soviel Kuchen übrig geblieben - und ich weiß ja, wie gern du den hast.

ALTER MANN: Das ist zuviel! Nur die Hälfte -

FRAU: Du schaffst das schon.

ALTER MANN: Du willst, daß ich dick werde.

FRAU: Ja. Du bist viel zu schmal.

ALTER MANN: Schau her! Das sind nur Muskeln -

FRAU: Warum du noch immer so viel arbeitest -

ALTER MANN: Soll ich den ganzen Tag sitzen?

FRAU: Davon ist auch nicht die Rede -

ALTER MANN: Wenn du mit dem Sitzen anfängst, geht es bergab.

FRAU: Vor lauter Arbeit hast du nie Zeit -

ALTER MANN: Soll ich die Äpfel liegen lassen?

FRAU: Du könntest uns besuchen -

ALTER MANN: Drüben bei der Birke lege ich gerade einen kleinen Teich an. Biotop, nennen sie so etwas. Für Frösche und Kröten und Libellen -

FRAU: Die Kinder fragen oft nach dir.

ALTER MANN: Wenn ich komme, schauen sie mich nicht an.

FRAU: Das stimmt nicht. Wenn du vorliest -

ALTER MANN: Ich grabe lieber. Lesen war noch nie meine Stärke -

FRAU: Naja. Ich werde wieder sausen -

ALTER MANN: Hast du sie alleine gelassen?

FRAU: Sie sind groß genug. Außerdem schlafen sie.

ALTER MANN: Und wie gehts dir?

FRAU: Es geht.

ALTER MANN: Du siehst blaß aus.

FRAU: Manchmal ist es anstrengend - die Kinder - die Arbeit -

ALTER MANN: Das hält jung.

FRAU: Ich glaube, daß ich langsam alt werde -

ALTER MANN: Wir alle werden alt. Man muß gar nichts dazu tun.

FRAU: Du könntest am Sonntag zu uns kommen.

ALTER MANN: Vielleicht.

FRAU: Ich rufe an.

EINER: Ich werde jetzt sitzen bleiben.

SCHNECKE: Warum?

EINER: Ich habe mich auf die Insel in der Hetzau gelegt, um ein für alle Mal liegen zu bleiben. Dann kommst du und zerrst mich über das Land.

SCHNECKE: Ich zerre dich nicht übers Land -

EINER: Warum man nicht einmal nach dem Tod seine Ruhe haben kann.

SCHNECKE: Wir sind uns begegnet.

EINER: Was soll das heißen.

SCHNECKE: Zufällig sind wir beide auf der gleichen Route unterwegs.

EINER: Warum redest du von einem Ziel?

SCHNECKE: Ich habe ein Ziel. Du kommst mit. So einfach ist das.

EINER: Ich will nicht mitkommen.

SCHNECKE: Du gehst auf einer Straße. Ich gehe neben dir. Das hat mit Mitkommen nichts zu tun.

EINER: Du windest dich mit Gerede heraus.

SCHNECKE: Ich sage die Wahrheit.

EINER: Warum spielst du mir Geschichten von fremden Menschen vor?

SCHNECKE: Ich gehe mit dir übers Land. Dabei schnappen wir Teile von Gesprächen auf.

EINER: Ich habe gedacht, nach dem Tod geschieht etwas mit uns. In den Geschichten höre ich nur, was ich von allen kenne.

SCHNECKE: Sollen sie Helden sein? Oder Zauberer?

EINER: Alles ist möglich. Trotzdem tun alle das Gleiche. Was für ein Hohn.

SCHNECKE: Wer sagt, daß euch alles möglich ist?

EINER: Eine Schnecke kann natürlich nur kriechen und Salat fressen.

SCHNECKE: Ihr erlernt einen Beruf, heiratet und zeugt Kinder.

EINER: Das ist mir zuwenig.

SCHNECKE: Das ist aber alles. Auch wenn du es nicht wahrhaben willst.

EINER: Ich will in Ruhe tot sein. Und ich will, daß unsere Begegnung ein Ende hat.

SCHNECKE: Sie wird ein Ende haben.

EINER: Sie soll jetzt ein Ende haben.

SCHNECKE: Es wird noch eine Weile dauern.

EINER: Warum weißt du das?

SCHNECKE: Ich nehme das an.

EINER: Warum?

SCHNECKE: Einfach so. Ich könnte auch sagen: Es ist jetzt vorbei.

EINER: Wunderbar. Endlich kann ich in Ruhe tot sein. (Kurze Pause)

EINER: Bist du noch da?

SCHNECKE: Ja.

EINER: Verschwinde! Los! Hau ab! Ich will dich nicht mehr hören! (Kurze Pause)

EINER: Bist du noch da?

SCHNECKE: nein.

EINER: Ich höre dich aber antworten.

SCHNECKE: Eine Schnecke kann nicht sprechen.

EINER: Du willst mich in den Wahnsinn treiben.

SCHNECKE: Du bist mir vollkommen gleichgültig. Daher habe ich auch keine Pläne mit dir.

EINER: Warum hältst du dann nicht endlich das Maul?

SCHNECKE: Versuch einmal, einer Schnecke zu sagen, daß sie deinen Salat nicht fressen soll. Versuch es!

EINER: Es heißt, im Jenseits strahlt grelles Licht. Manche sprechen von Engeln, die sie empfangen haben. Vielleicht ist diese Schnecke mein Engel.

SCHNECKE: Du bist ein Clown!

EINER: Bin ich nicht!

SCHNECKE: Auch weiß ich nicht, was Jenseits bedeuten soll. Da kenne ich mich nicht aus.

EINER: Vielleicht bist auch du im Jenseits. Dich hat soeben ein Autoreifen plattgewalzt. Oder ein Igel zerbissen.

SCHNECKE: Ich spüre nichts.

EINER: Das wäre ein Beweis.

SCHNECKE: Nein.

EINER: Ich wüßte zu gerne, ob ich jetzt tot bin.

SCHNECKE: Worin besteht der Unterschied zum Leben?

EINER: Im Leben würde ich dich mit einem Löwenzahnblatt packen und weit in den See hinausschleudern.

SCHNECKE: Warum?

EINER: Weil ich das von meinen Eltern gelernt habe. Schnecken sind Ungeziefer.

SCHNECKE: Menschen auch.

EINER: Warum weißt du, daß in der Schindlau eine Insel zu finden ist?

SCHNECKE: Ich war bereits dort.

EINER: Eine Schnecke kann nicht zweihundert Kilometer weit kriechen.

SCHNECKE: Wer sagt das?

EINER: Ich.

SCHNECKE: Woher willst du wissen, wie weit Schnecken kriechen können?

EINER: Sei still.

SCHNECKE: Sei lieber du still.

EINER: Eine gute Idee!

SCHNECKE: Und hör genau zu!

EINER: Ich will nicht zuhören.

SCHNECKE: Die Ortschaft Pumhösl liegt an unserem Weg. Ich habe nicht gewußt, daß so spät in der Nacht hier noch Menschen miteinander reden -

EINER: Du lügst.

SCHNECKE: Das hat noch keiner zu einer Schnecke gesagt.

EINER: Ich rede nicht mehr mit dir.

ALTE FRAU: Woran denkst du?

ALTER MANN: Zum Beispiel der Huber -

ALTE FRAU: Was ist mit dem Huber?

ALTER MANN: Du hast gesagt, daß du ihn nicht ausstehen kannst.

ALTE FRAU: Das stimmt auch.

ALTER MANN: Du hast dich heimlich mit ihm getroffen!

ALTE FRAU: So habe ich entdeckt, daß er ein eingebildeter Affe ist.

ALTER MANN: Von dem Treffen hast du nie erzählt.

ALTE FRAU: Du hast auch nie erzählt, was du in der Stadt getrieben hast, wenn du über Nacht geblieben bist.

ALTER MANN: Natürlich habe ich das erzählt!

ALTE FRAU: Nur die Hälfte.

ALTER MANN: Willst du mir jetzt Vorwürfe machen -

ALTE FRAU: Nein.

ALTER MANN: Ich habe dir auch nie einen Vorwurf gemacht.

ALTE FRAU: Warum man sich nur an das Schlechte erinnert. An die harten Winter. Die Unwetter. Den Streit -

ALTER MANN: Wie du in den Straßengraben gefahren bist -

ALTE FRAU: Ich wüßte gerne etwas Schönes.

ALTER MANN: Ich habe mich gefreut, als man mich in die Pension geschickt hat.

ALTE FRAU: Vielleicht gibt es zuviel Schönes.

ALTER MANN: Wie meinst du das?

ALTE FRAU: Darum fällt es nicht auf.

ALTER MANN: Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot verdienen. - Von Lachen ist keine Rede.

ALTE FRAU: Aber dazwischen ist es auch schön. Wenn die Enkelkinder kommen -

ALTER MANN: - und herumbrüllen -

ALTE FRAU: Kinder sind so. Mich stört das nicht.

ALTER MANN: Nicht alle sind so.

ALTE FRAU: Als Kind habe ich viel gelacht. Beim Rodeln -

ALTER MANN: Mir sind immer die Zehen eingefroren. Meine Schuhe haben Löcher gehabt.

ALTE FRAU: Warum freut man sich nicht, daß man einheizen kann, indem man an einem Knopf dreht?

ALTER MANN: Ich käme mir blöd vor, wenn ich beim Aufdrehen der Heizung vor mich hin lachen würde.

ALTE FRAU: Du könntest dich im Stillen freuen.

ALTER MANN: Weißt du, worüber ich mich gefreut habe? - Über das Mittagessen. Das war eine Überraschung!

ALTE FRAU: Weil ich sonst nie Schnitzel koche?

ALTER MANN: Ja. Du solltest öfter ein Schnitzel -

ALTE FRAU: Dann würdest du dich nicht mehr freuen.

ALTER MANN: Vielleicht hast du recht.

ALTE FRAU: Schön war, daß heute Nachmittag die Sonne noch so kräftig geschienen hat.

ALTER MANN: Jetzt schüttet es.

ALTE FRAU: Jetzt gehen wir schlafen.

SCHNECKE: Hast du zugehört?

EINER: Ich rede nicht mehr mit dir.

SCHNECKE: Ich aber rede mit dir.

EINER: Das mit den Engeln habe ich mir anders vorgestellt.

SCHNECKE: Was sind Engel?

EINER: Jedenfalls keine Schnecken!

SCHNECKE: Woher weißt du das?

EINER: Wenn ich könnte, würde ich dich zertreten.

SCHNECKE: Zum Glück kannst du das nicht.

EINER: Wenn ich nur wüßte, ob ich träume oder tot bin.

SCHNECKE: Was macht das für einen Unterschied?

EINER: Halt das Maul!

SCHNECKE: Du kannst mir nichts befehlen.

EINER: Ein Alptraum. Oder die Hölle. - Um Himmels Willen! Vielleicht ist das die Hölle. Eine Ewigkeit lang mit dieser Schnecke durch das Land ziehen müssen. Das ist die Strafe dafür, daß ich soviele von euch ins heiße Wasser -

SCHNECKE: Beruhige dich. Es ist nur ein Zufall!

EINER: Es muß die Hölle sein. Oder ein Alptraum.

SCHNECKE: Ich finde es interessant.

EINER: Was?

SCHNECKE: Das logische Problem. Wie kann man sich selbst beweisen, daß man tot ist. Oder: Wie schafft man es, sich im Traum aus dem Traum zu wecken?

EINER: Man muß sich nur in den Arm kneifen.

SCHNECKE: Ich habe keinen Arm.

EINER: Aber ich!

SCHNECKE: Und?

EINER: Ich spüre nichts. Wie tot. - Also bin ich tot.

SCHNECKE: Das soll ein Beweis sein?

EINER: Hätte ich geträumt, wäre ich vor Schmerzen aufgewacht.

SCHNECKE: Wenn eine geträumte Hand in einen geträumten Arm zwickt, schmerzt das nicht.

EINER: Ich bin in der Hölle gelandet. Es ist entsetzlicher, als ich mir in den schwärzesten Phantasien vorgestellt habe.

SCHNECKE: Hier ist nicht die Hölle. Wir sind am Ziel.

EINER: Mein Ziel war die Hetzau.

SCHNECKE: Hier ist die Schindlau.

EINER: Was kommt jetzt noch?

SCHNECKE: Nichts.

EINER: Das Nichts? Die Unendlichkeit?

SCHNECKE: Nichts als die Schindlau.

EINER: Ich kann nichts sehen.

SCHNECKE: Da ist der Straffbach.

EINER: Der mit dem Becken?

SCHNECKE: Ja. Der mit dem Wasserbecken und dem Inselstein.

EINER: Und die Häuser dort drüben?

SCHNECKE: Die werden Engel genannt.

EINER: Wie?

SCHNECKE: EN - GEL.

EINER: Die Häuser heißen Engel?

SCHNECKE: Da ist der Stein. Spring!

EINER: Ich bleibe stehen.

SCHNECKE: Jetzt stehst du auf dem Stein.

EINER: Wie es regnet.

SCHNECKE: In einer halben Stunde reicht dir das Wasser bis zu den Knien.

EINER: Ich werde mich hinlegen.

SCHNECKE: Wenn du in den Biwaksack kriechst -

EINER: Dort drüben sind Engel?

SCHNECKE: Der Name der Ortschaft ist Engel.

EINER: Sind wir durchs Fegefeuer gegangen?

SCHNECKE: Ich weiß nicht, wovon du redest.

EINER: Was tust du jetzt?

SCHNECKE: Nichts.

EINER: Gehst du nicht weiter?

SCHNECKE: Ich kann nicht weiter. Ich kann nicht schwimmen.

EINER: Du sitzt mit mir auf dem Inselfelsen?

SCHNECKE: Ja.

EINER: Und wenn das Wasser steigt?

SCHNECKE: - werde ich ersaufen.

EINER: Ich bring dich ans Ufer!

SCHNECKE: Wie willst du das tun?

EINER: Ich werde dich packen -

SCHNECKE: Im Traum kannst du eine Schnecke nicht packen.

EINER: Kann ich doch! (Kurze Pause)

EINER: Kann ich nicht.

SCHNECKE: Ich werde ertrinken. Das Wasser steigt schon.

EINER: Und ich?

SCHNECKE: Bei Menschen kenne ich mich nicht aus.

EINER: Wenn ich einschlafe und das Wasser steigt, werde ich träumen, in einem See zu schwimmen. Vielleicht kommt Wind auf. Hohe Wellen. Ich schwimme und schwimme, das Wasser schlägt über meinen Kopf, nimmt mir die Luft. Ein böser Traum, werde ich denken und ertrunken sein. Glaubst du, daß es so einfach sein wird? (Stille)

EINER: Vielleicht bin ich schon längst ertrunken. Treibe im See in der Hetzau. Was denkst du? (Stille)

EINER: He! Schnecke! Was sagst du? Bin ich tot?

Andreas Renoldner, geb. 11.3.1957 in Linz, freischaffender Autor, mehrere Preise und Stipendien (zuletzt: Werkzuschuß der Literar-Mechana 1996, Ö1-Essay-Förderpreis 1998), Hörspiele v.a. im ORF, bisher sechs Buchpublikationen (zuletzt: "Als käme ein Winter", Styria 1997).