Gessweinpreis 1995 für Kurzgeschichten |
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O. T.Bernhard HatmanstorferSir Karl Popper lobte, anläßlich seines Verweilens im Stadtteil Auhof, den Campus-Charakter der Linzer Universität und ließ sich auch später, im Anschluß an seinen zündenden Vortrag über Altbekanntes, nichts anderes mehr einreden. Er schaltete sein Hörgerät aus. Es heißt, die Rote Armee sei während der Besatzungszeit, also nach der unmittelbaren Befreiung, nach dem so bezeichneten Umbruch, Zusammenbruch etc., am Ende des Zweiten Weltkriegs, dem bekanntlich anderthalb Jahre vor seinem Ausbruch der Anschluß Österreichs an das Tausendjährige Reich vorausgegangen war usw., nun, die Rote Armee, von der heißt es also, sie, bzw. ein repräsentativer Teil ihrer oberen Führungsgarnitur im Land ob der Enns, sei im Schloß Auhof einquartiert gewesen, für die Dauer eines Dezenniums. 1955 gingen dann die Alliierten wieder heim, nach Maison City, Iowa, nach Reims, Minsk, Dover, Leningrad, Nowoswertlowsk, Paris, Frankfurt am Main oder Südkorea. Österreich bekam einen Staatsvertrag und, wie erinnerlich, seine Hoheitlichkeit zurück und das souveräne Parlament verabschiedete später für vorübergehend die immerwährende Neutralität. Die Rote Armee ließ das Schloß da wo es war und hernach wurde es zu einem Gutteil abgerissen und in den Hochschulbau eingefügt. Dann hat es geheißen, die Russen hätten die halbe Einrichtung mitgenommen oder wenigstens demoliert und die Substanz sei nicht mehr zu retten gewesen. Als man gegen Ende der 50er Jahre in Linz ansetzte, Schloß Hagen dem Erdboden gleichzumachen, hieß es mit Beginn der 60er Jahre, das seien die Bombenschäden anno 45 gewesen. Die Theresianische Manufaktur an der Donaulände, genannt Wollzeugfabrik. mußte weichen, als die Tabakwerke ihren Betriebsparkplatz vergrößerten. Im Stadtteil Urfahr errichtete der Magistrat das städtische Rathaus neu. Dem so titulierten Jahrhundertbauwerk, ein Waschbetonplattengebirge am Flußufer mit zeitweilig undichtem Kupferblechdach, mußten 40 Häuser weichen, darunter die kunsthistorisch wertvollsten Bestände einer vierhundertjährigen Siedlung, ehe man administrativ ihre Reste beseitigte. Linz ist eine Stadt mit Vergangenheit. Darum erübrigt es sich, ein sensibles Verhältnis zu ihr zu haben. Dafür ist man modern. Freilich zu dem Preis, uninteressant zu sein. Alles was modrig wird, wird entkernt und bekommt eine heruntergeputzte Fassade. Die Stadt der permanenten und der hin und wieder insbesonderen Klangwolken, eines sich mutmaßlich im Bau befindlichen virtuellen Museums zur Vergötterung des schnöden Scheins und des schön gestalteten Geltungsbeirats, einem mit vorzüglichen Koryphäen beschickten Gremiums des archtektonischen Dürfenlassens und des städtebaulichen Weißichnicht. Die Nähe einer Großstadt erkennt man an den unübersehbaren Faultürmen in ihrer Umgebung. Linz hat im Osten die gigantischen Zementeier der Astener Kläranlage prangen, dem Strömungsziel aller Klospülungen der Region. Eine Idylle wie Eisenhüttenstadt auf dem Land. Das Luftbild: ein zerronnener, zäher Brei über dem Boden, mit fransigen Fühlern in jede Richtung, auch in die Höhe hinauf und in die Tiefe hinab. Auf den Ausfallstraßen: die Ästhetik der Flutlichtpeitschenlampen und der im normgeregelten Abstand angebrachten Notfalltüren. Straßenknoten wie riesenhafte Zementschlaufen. Die um Tonnen erleichterte Schwerindustrie nach der Stahlkrise, die Brache eines Strukturmanagements, der nun unumwunden überwundenen Reregulierungsrenitenz, auf einem enormen Areal der wuchernden Krauthäupter. Dort wurde für Jeff Koons ein großer Edelstahlhase gegossen und blitzblank poliert. Der Anschein funkelt im Glanze berückend. Doch wie sieht es darunter aus? Dahinter? Ich habe keine Lust, versäumte Diskurse zu führen, nachzuholen, was eine Generation des gegenseitigen Hochlobens und der fraternisierenden Amtshandlungen stillschweigend, im wechselseitigen Einvernehmen scheint's, unterlassen hat zu überlegen. Die Folgen einer Tat des Wegschauens kann man nicht durch eine Großtat des Erinnerns ausbügeln. Dafür geraten die Verläufe einer Stadt zu kompliziert. Das einzig urbane wäre ein multiples Bewußtsein. Der Mannigfaltigkeit der Geschehnisse, der allmählichen Formung der Hergänge und ihr symptomatisches Gipfeln in Wirkungen durch ein Mitdenken vertrackter Strukturen gerecht werdend. Zumindest der Versuch. Nehmen wir die Verkehrslinien, allesamt. Ein wirres Knäuel Fiberglas-, Draht-, Strom-, Telefonkabeln, geteerter, gepflasterter, überdachter, unterhöhlter, ausgeschachteter, verrohrter, verstohlener Wege. Schienen, Straßen, Trottoirs, Gehsteige, Mauerkronen, Sackgassen, Dienstkappen, Hauptplätze. Und auch ein Gerücht nimmt seinen Weg. Die Stadt hat allemal den Vorteil, daß man hier weniger gern bekannt ist, als in der Zutraulichkeit dörflicher Abgeschiedenheit. ln der Stadt lebt man von den großen Dingen weniger getrennt. Freilich - ob es je die wichtigeren sind? Bedeutsamkeit nährt keine Wertung, nur ein Empfinden. Wer fühlt sich schon groß im Souterrain? Aber von den Balustraden der Domturmplattformen kann man protzen. Mückengroß, vom Boden aus betrachtet. Die Großstadt ist ein Zerwürfnis von Zufall und Prosperität mit der verlorenen Übersicht und ihrer gegenteiligen Ankündigung. Paris ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Und Berlin muß erst wieder werden, was es schon einmal gewesen ist. Wien hat die Brachialgestaltung von Haussmann österreichisch adaptiert. Und hat einst einen Camillo Sitte gesehen. Natürlich Wagner, Plecnik, Loos, Hufnagl, Peichl, Isozaki etc. Paris hat Tschumi und Jean Nouvel, London James Sterling und Zaha Hadid, Berlin Rob Krier. Linz? Der Arnulf Rainer kommt öfters die Vernissagen in der oberösterreichischen Landesgalerie San Francisco Carbolineum besuchen. Er geht in handgearbeiteten Schuhen aus England. Einmal hab' ich ihm Würschtlsenf aus Versehen auf den Vorfuß gepappt. Nicht in Prinzendorf, in Wien hab' ich den Hermann Nitsch getroffen. Die Großstadt macht die Unschuld unmöglich! Man weiß, wo man hingeht, wenn man eine Arbeit hat, eine Anstellung sozusagen. Das ist praktisch. Praktisch wäre es nicht, wenn man nicht weiß, wo man hingeht, man aber gehen muß, dauernd aufs neue fort, nur eben nirgendwo hin. Eine Stadt beherbergt viele Menschen, die nirgendwo hingehen, aber beständig unterwegs sind, das zu suchen, wo sie hingehen könnten. Aber diesen Ort gibt es nirgends, für manche. Man ist dann nicht da, obwohl man da ist. Man ist dann aus allem raus, obwohl man wenigstens in eins hineinmöchte. Vielleicht ins Glück, vielleicht aber auch nur eine Nacht aus der Kälte ins Warme. Ein Aspekt des Lebens in der Stadt besteht aus Bluff und Beherbergung. Ein anderer Menschenschlag sind die Berber. Man ist manchmal schneller aus allem raus, als man sich vor Augen halten möchte. Die Stadt ist der Platz der vielen Orte, der Ballung. So viele Orte auf einem Haufen, so viele Orte unter einer einzigen Adresse gibt es nur in Städten. Das ist erstaunlich. Aber vor diesen Dingen erstaunt niemand. In der Stadt nimmt man nämlich nichts so an, wie es daherkommt. Ohne ein bestimmtes Daherkommen ist man von bestimmter Seite nicht angenommen. Das Daherkommen ist eine Vorwegnahme des Zukommenden. Man weiß, aus der Vergangenheit kommend, vor der Zukunft die Augen verschließend, in der Gegenwart sich häuslich einigelnd. Ein paar Dutzend Fernsehkanäle versetzen einen in die Welt vors Wohnzimmersofa, kommod. Man bleibt daheim und geht trotzdem groß aus und Einkaufen kann man auch. Telebanking ist die größte Erfindung der Menschheit. Die spielende Ermöglichung von Dingen, deren Verwirklichung niemandem als notwendig einleuchtet, ist eine großartige Beflügelung der menschlichen Freiheit im elektrifizierten Zeitalter. Aber inmitten der falschen Zusammenhänge kann man die Dinge so richtig verdrehen, daß sie nicht unrichtig und nicht als falsch erscheinen. Stadt ist ein Gefühl von Welt. Man setzt sich in den Schanigarten und läßt flanieren, promenieren, hetzen, streiten, anrempeln, niederboxen, bellen. Unter den Menschen findet sich das beste Versteck für den, der sie fliehen möchte. Der, der sich in der Einschicht vergräbt - wie sehr martert ihn nicht der Hunger nach den Menschen? Alles was man an der Stadt lobt, hat mindestens einen doppelten Boden. Leben wie in der Dekoration zu Doktor Caligaris Schreckenskabinett. Verzogener Perspektivenschwindel. Nett ist alle Absicht, die sich verrät. Das Undurchschaubare zeigt sich im gesetzten Habitus des Argwohns. Auch eine Angewohnheit, allzusehr mit Seinesgleichen auf gleich zu verkehren. Man pflegt einen gewissen Umgang, zur Zierde der Konvention. Die Höflichkeit als Maskenfest der Berechnung. Es wird geläutet. Die Tür geht auf, so weit wie es die Kette zuläßt. Aber zwischen Tür und Angel wird nichts gekauft und hergegeben sowieso nichts. In drei Wochen vierzehn Bettelüberfälle durchgestanden. Spendenaufrufe im Fernsehen, Auktionsanbahnungen im Rundfunk, Erlagscheine als Zeitungsbeilagen. Das schlechte Gewissen wird systematisch eingekreist. Rasterfahndung nach spendablen Herzen. Zuletzt schlummert das Grinsen in den Koloniakübeln. Man sagt, man sei betroffen und denkt sich nichts dabei. Aber vielleicht war auch der Bundespräsident besoffen. Die Tür knallt zu. Es läutet an der nächsten. Alles ist ständige Bewegung, eine unausgesetzte Verkehrung der Fronten, ein gewaltiges Durcheinander. Die Nadeln findet man hinter den Stauden im Park mit Blick auf die Aussicht zum Hotel mit dem Spielkasinobetrieb. ln den Nepplokalen wuselt sich nach der Tageswende ein Yuppie mit XTC durchs Gedränge. Es gibt einen Zwang, dauernd dabei und gut drauf zu sein, wie es heißt. Rabiate Techno-Raver auf Tanzflächen unter Laserlichtgezuckel, tolles Gerede von großartigen Ankündigungen, lässig vergißt man das kühn überzogene Konto. Das Erwachen hat keinen fixen Termin. Da müßten sich schon die verblendeten Fassaden von den alten Bausünden schaben. Wer wollte aber darauf warten? Wunder ist ein Dorf in Flandern. Die Nacht hat einen würzigen Geschmack - vor dem Pizza-Lokal. Ein Levantiner walgt den Teig und schupft ihn akrobatisch in die Luft, ein Perser stellt zu. Der Chef ist ein Sizilianer. Er teilt mit einem Polen. Ich schütt' im Stehen einen Grappa rein und mampf dazu Lasagne. Noch einen Grappa. Guter Trebernbrand ist eine seidenraupenwertvolle Seltenheit, vorzüglicher ein glattes Wunder. Der Mann aus dem Blutorangenland hält sich bedeckt, was die Herkunft anlangt. Man müsse schon weit herumkommen, dafür. Das ist der Preis. lm Lachen der Menschen wird einmal das Gold der Goldzähne völlig verschwinden, denke ich. Die Polizei kübelt vorbei, mit leuchtturmlichtartig herumrührendem Signalreflex. An der Peripherie ist immer was los. Zumal, wenn im Zentrum tote Hose angesagt ist. Die Lärmempfindlichkeit der Anrainer drängt die Experimentierer und saisonalen Bankrotteure an den Rand. An den Rand der Stadt, Doderers Ernstfallgegend. Man wälzt Vielversprechendes. Die sogenannte Altstadt, ein kümmerlicher, pittoresker Restposten, Refugium des Versumpfens und der Allnachtsbrutalitäten, läuft Gefahr, ihr Publikum zu verlieren. Ein Wirt und verhätschelter Steuerhinterzieher entgeht Schuldenbergsbesteigung und Zwangsausgleich vorerst durch Flucht ins Ausland. Er wird wiederkehren, reüssieren als Tycoon der tuntigen Typen. Die großen Partys steigen in den Vororten. Dort gibt es das erheblich größere Gerangel um die kleineren Anteile. Anderswo verlaufen sich nächtens die Menschen. Man trifft seine Leute jeweils in den gleichen Lokalen. Nachdem es kein rechtes Stadtgründerdatum gibt, beschloß man kurzerhand einen Jubel-Äon anzukündigen. Der Tradition folgt man dort, wo man einst eine begründet hat. Die Wurzel solcher Sitte ist zumeist eine Satzung. Das sagt schon alles aus. Plakate stieren dich an. Fadesse und Filmtabletten. Beobachtung und stillschweigender Rückzug. Das Problem sind die dünnen Wände zwischen den Zinsparteien. Man sieht auch das, vor dem man die Augen verschließt. Schließlich kann jeder einmal ausrasten. Die Courage war eine Mutter im Krieg. Glück allein bringt einem kein Geld. Kehricht mit Zigarettenkippen. Männer in signalfarbenem Orange, die zur Morgenstund die Wege wischen. Eiskugeln und Hohlhippen auf Aussichtsterrassen. Verstohlen an faulen Zähnen zuzeln. Vom Uferprospekt in die Donau flunkern. Der Flüsterasphalt knarrt allen Anwohnern ein Wiegenlied. Am Hauptbahnhof: Polizisten der Bereitschaft kommen zur Stippvisite und perlustrieren die Leichen des Wartesaals. Draußen im geharkten Kieskaro springinkerlt der Schalenbrunnen. Die Straßenbahngarnituren quietschen in den Kehren. In der Luft der Geschmack von Flintstein und verschlissenen Bremsbacken. Zweimal die Woche wird ein Pensionist Opfer seines Alters und der Tramway. Im Kreisverkehr rotiert die Uneinsichtigkeit und zirkulieren die Fehlgeleiteten der Verkehrsschildertücke im ewigen Umgang. Der Urwald aus emblematischen Piktogrammen wurlt als selbstreferentielles System. Das tagtägliche Angesprochenwerden beim Einkaufen beweist einem, daß man noch da ist. Für jeden Zustand gibt es die entsprechende Dosis. Das Präparat macht einen high, die Euphorie hingegen hipped. Man sollte den Tag ausschöpfen, ehe man sich schlafen legt. Die Dauer ist jeweils eine Frage der Hartnäckigkeit. Im Dunkeln blinken die Lichter so schön. Lau ist die Nacht, wenn der Gassigeher seinen Köter geduldig ins Blumenbeet brunzen läßt. Das Parkhaus hat rund um die Uhr geöffnet. Der Bürgermeister weiht sein Haus ein. Es steht für alle da. Auf den Vernissagen machen immer dieselben Leute auf wichtig. Man muß sich jetzt genau ansehen, mit wem man in aller Öffentlichkeit ins Gespräch kommt, um nicht ins Gerede zu kommen. Der Kitsch hat ganzjährig Saison. Ausg'steckt is sowieso. Theater ist ein langweiliger Ort. Die Zeitungen geben schon lange nichts mehr her. Man erfährt von den Darmbeschwerden der Kolumnisten das Hauptsächliche, aus der Politik das Nebensächliche. Die lnformation hat der fehlgehenden Belehrung und ihrer faden Bebilderung Platz gemacht. Die Stadt wird grüner. An den Gestaden werden jetzt die letzten Pappeln gefällt und die Holzplanken der Ruhebänke gelackt. Im Programmkino läuft MAMMA ROMA. Man trinkt hinterher ein Glas zuviel. Aber vielleicht . . . Die Verlorenheit ist ein jagendes Herz. Die Rettung rast mit charakteristischem Sirenengeraunz. Ein Herr im Anzug bohrt vor einer Auslage in seiner Nase. Hinter Glas starrt ein Sortiment von Keschern und Sportangeln. Parken wird teurer, Falschparken noch teurer, man wird sich das Stehenbleiben bald überhaupt nicht mehr leisten können. Es geht voran, es zieht uns mit, wir fallen auch hinein. Am Kirchsonntag stapft ein Opa in Gamaschen und unter der Heiligenscheinkrempe seines Rasierpinselhuts durch die vormittäglich ausgestorbene lnnenstadt. Aus seinem Kofferradio plärrt Zarah Leander. Wohin soll man an einem solchen Tag zum Essen gehen, an dem die Gasthäuser und Betriebskantinenküchen zu haben? Im Zeitalter der universellen lnkubation wird Distanz existentiell. Das Türschild an der Wohnungstür hab, ich vorsorglich abgenommen und durch den Hinweis "Transformatorraum. Hochspannung! Lebensgefahr!" ersetzt. Im Kaffeehaus geben sich gar die Blödesten gescheit und selbst die Gezierten affig. Es schaut einem ja sonst selten wer zu. Das Sein einer Mimose bedeutet die Verwünschung guthin zu leben. Auf den Märkten hat die Sprache noch ihr Gewicht, das Fluchen seinen Rang. Im Nebel wächst einem die Watte vor den Augen. Der Mantel wamst das kalte Herz. In den Treibgutrechen der Flußkraftwerke verfangen sich wieder die Wasserleichen, aufgeblustert wie die Luftmatratzen. Die Turteltauben kacken alles zu. Die Standfestigkeit der Denkmäler ruht auf ihrer hohlwandigen Patina. Mit jedem Tritt über ein blutiges Ereignis steigend. Das Schweigen ist voll der Toten. Um alles Schöne prangt ein poliertes Ziertäfelchen. Die alten Kirchen umrandet buckliges Pflaster. Eine baldige Renovierung könnte Ihr Gesicht retten! ln den Krankenhäusern hat die Verzweiflung eine eigene Abteilung. Die Zusatzversicherung ist eine weitere Einrichtung. Die Erkenntnis ist eine altgriechische Zumutung. Dennoch bleibt noch viel zu tun. Sehr viel. Wenn man es recht und nüchtern betrachtet: eigentlich zu viel. Mein Buchhändler sagt mir, Sarah Kofman habe sich umgebracht. Es töten sich immer die Falschen. Die Permanenz des Todes verwehrt einem die Illusion der Entrückung, der Vorwärtsgewandtheit. Es bleibt ausgesetzt, wer sich unbehaust weiß. Plakate brüllen dich an. Über sein Autodach gebeugt weint ein Betrunkener. Bernhard Hatmanstorfer, geb. 1964 in Linz, schreibt und veröffentlicht seit 1986, derzeit im Bundesdienst als Bibliothekar tätig. |