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Mittags
Mittags sinken uns vor Schlaf die Flügel,
mittags halten wir im Schatten Rast,
liegen eingewühlt ins Fell der Hügel
unter einem breiten Ahornast.
Oben flimmert düsteres Gefunkel,
wo der dicke Honig-Himmel kocht.
Doch im Tiefen, im verworr'nen Dunkel,
hockt geheimnisvoll ein Herz und pocht.
Purpurroter Rausch küßt uns die Lider,
wie die Mutter einst am Kinderbett.
Ringsum über Wälder wächst wie Flieder
der Gewitter dunkles Violett.
Schon umspült vom Brausen schwerer Träume
blinzeln wir noch durch das Laub empor,
und das Donnern aus den Wolkenbäumen
murrt in unser blutdurchsummtes Ohr.
Aus: Lynkeus (1948/49) H .4, S .28.
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Das Meer
Wir kommen mit wunden Füßen daher;
der Schmutz an den Schuhen hängt klobig und schwer.
Wir blicken zum Himmel. Der Himmel ist kahl;
und kahl geschoren sind Berge und Tal,
und wir selber so leer, so leer.
Wir sehen die Häuser geduckt unterm Wind.
Wir sehen, daß alle verlassen sind,
und wissen, da ist keine Herberge mehr
und schlürfen weiter, so schwer, so schwer
im flachen, flatternden Wind.
Dann treten wir klein durch ein Felsentor,
da singt eine Stimme uns finster ins Ohr,
eine Stimme ungeheuer und leer,
wie aus längst vergessenem Winterschlaf her,
und in drohender Schwärze wächst es empor,
das Letzte: die Weite: das Meer.
Aus: Wort und Wahrheit 5 (1950) H. 11, S. 831.
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Signatur Hans Lebert
Nachts
Der schmale, junge Mond schon lag ertrunken
In diesem Waldes-Drohen. Vom Heimweh lallt
die Nachtigall; und Haare spinnen alt
dich ein. - Du bist in Schlaf gesunken,
dein wächsernes Gesicht verschweigt die trunken
durchtaumelten Tage. Tau hängt kalt
dir an den Brauen; schwärzer schwillt der Wald
um morschen Schlaf. - Vielleicht liegt wo versunken
im Wiesengrund ein Dorf, das deiner harrt. -
Zu spät! Schon schwillt der Wald, schon wächst der Bart,
und Moose überwuchern das Gesicht
wie kühler Tod, wie Nachtigallen-Schall:
aus deiner aufgedunsnen Tiefe bricht
der Mutterstimme nächtlich nasser Schwall.
Aus: Tür an Tür. Gedichte vierzehn junger Autoren.
Hg. v. Rudolf Felmayer. Wien 1950, S. 52f.
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Reminiszenz
Wir lebten, von Liebe verschlagen,
in jener träumenden Stadt.
Aus Gärten und Parkanlagen
summte der Sommer so matt.
Manchmal von Rummelplätzen
hörten wir Harlekin.
Wolken, goldene Fetzen,
schwanden im Äther dahin.
Lavendelweiber sangen
schlaftrunkne Litanein.
Unsere Kinderwangen
glühten von purpurnem Wein.
Wie fern zwischen Feldern rollte
ein Zug in den Abend hinaus!
Die wachsende Weite grollte
mit Stimmen und dumpfem Gebraus.
Und sanken wir gleich müden
Winzern in Dämmer und Duft,
erwachte hoch im Süden
ein Stern in rosiger Luft.
Ach, unter Blumen und süßem Flitter
unser Atem sich traf,
und nächtliche Gewitter
rauchten durch trunkenen Schlaf.
Aus: Tür an Tür. Gedichte vierzehn junger Autoren.
Hg. v. Rudolf Felmayer. Wien 1950, S. 54.
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Der Brunnen
Am Abend, wenn in den Bäumen das Dunkel sich sammelt,
kommen die Mägde zum Brunnen mit tappendem Tritt
und neigen die Traum-überdämmerten Stirnen vom Tag
in den kühlen Atem des schwarzen, geschmeidigen Wassers.
Ihre Haare bergen den Staub aus den Feldern noch,
auf den braunen Nacken lastet noch immer die Sonne,
und in den Falten der Kleider nistet ein Duft
von Dung und Heu und heißer, gärender Erde
Wind rauscht auf. Fledermäuse beginnen
den finsteren Flug, umgeistern Giebel und Turm.
Rauch nebelt; düster brausen die Wiesen,
und fernher vom Berge röchelt ein Hirtenhorn.
Und die Mägde tauchen die Arme bis zu den Achseln
in die schwere, nächtliche Flut, und sie fühlen ihr
Fleisch
und schaudernd die Tiefe und sehen des Mondes Gesicht
in dem erschrockenen Spiegel gespenstisch zerreißen.
Aus: Tür an Tür. Gedichte vierzehn junger Autoren.
Hg. v. Rudolf Felmayer. Wien 1950, S. 52.
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