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podium porträt #12: Kurt Klinger

Die Reichen

Den Reichen gehört auch der Schmutz
auf deiner Haut,
wie ihnen alles gehört.
Darum herrschen sie dich an:
Wo ist mein Schmutz?
Er kostet mich ein Vermögen.
Kein Zementstaub im Gesicht?
Keine Verbrennungen
durch Teer und Asphalt?
Keine Steinsplitter
unter den Fingernägeln,
kein Schmieröl?
Warum bist du nicht bedreckt
von oben bis unten?
Warum kriecht dir nicht
der Sand der Mischmaschinen
bis in den Arsch hinein?
Sag das noch einmal:
Du wäschst dich?
Wer hat dir befohlen,
daß du dich waschen sollst.
Das wird vom Lohn abgezogen.
Ich will meinen Schmutz
auf deinem Körper sehen!

*

Im Lesesaal

Heiße Köpfe: Alchimistengefäße.
Innen brodelt
zartes Hirngewebe.

Vorsichtig faßt die Pinzette
meiner Fragen hinein.
Die Weisheit fühlt sich verletzt.

Entgeisterter Dampf
entweicht betroffen
ins ungebildete All.

*

Auf einen Brief

          (Für Christoph Meckel)

Der Brief duftet noch
im Kuvert. Ich habe ihn aufbewahrt.
Die trockenen Gewürze
der Provence,
schmale Sonnenkörner,
die Wärme vieler Felder,
vieler Wangen. War es
ein glücklicher Sommer?
Was kann ich geben?
Sende ich hundert Tage Schnee,
werden sie auf der Reise zerfließen.
Sende ich, in Blättern verschnürt,
das Braungold
unserer nußbaumschweren Nächte -
zu weit ist der Weg.
Sie erreicht dich nicht mehr
vor Sonnenaufgang
unsere Nacht.
Könnte ich mein Land
in zwei Händen fassen
und dir übergeben,
ich täte es unbesorgt.
Du bist nicht fremd.

Kurt Klinger


wurde am 11. Juli 1928 in Linz geboren. Er lebte zuletzt in Rom und in Wien und starb am 23. April 2003 in Wien...
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Vita

Aus einem Land, in dem ich nicht leben kann
in ein Land, in dem ich nicht leben möchte
in ein Land, in dem man das Leben nicht liebt.
Über drei Grenzen hinweg, einen Wall und über ein Weltmeer
in ein Land, in dem das Leben nicht lohnt
in ein Land, in dem niemand sein Leben begreift
in ein Land, in dem man sein Leben vergeudet
in ein Land, in dem Leben gefährlich ist.
Weiter zu großen und weiter zu kleineren Inseln
eingeschifft, verfrachtet, auf Kais abgestellt,
auf Handelsstraßen unter kriegerischen Flaggen
in ein Land, in dem man zu leben vergißt
in ein Land, in dem man das Leben nimmt
in ein Land, in dem man sein Leben verbüßt
in ein Land, das erst morgen zu leben beginnt.
Über drei Grenzen hinweg, einen Wall und über ein Weltmeer
zurück in das Land, in dem ich nicht leben kann
in das Land, in dem ich nicht leben will.

*

Heute

          (Für Carlos Bueno)

Heute steht Rom
auf Säulen eisiger Luft.
Schrittgewaltig
gehen die nahegerafften Berge
dem Licht voraus.
Es wird ein Tag
voll dröhnender Schönheit sein,
wenn sich gekrönte Türme
gegen die Schatten werfen
und die Täler entriegeln
für den Einfall
von Jubel und Schmerz.
Geblendet
erleide ich
die Atemnot des Universums
unter entlaubtem Winterblau,
das ich heilig nenne.



Kurt Klinger - Ausgewählte Gedichte. Vorwort: Bernhard Widder. 64 Seiten, DIN A6, Euro 6,-. Podium (Podium Porträt 12), St. Pölten - Wien 2003. ISBN 3-902054-22-0
 

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