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podium porträt 43: Franz Kießling

Geleit

Frag nicht, ob dir das Leben
etwas verhehlt;
mehr als uns fehlt
ist uns gegeben.

Oft sieht man erst am Ende,
was einer trägt:
auch in die leersten Hände
ist viel gelegt.

*

Parabel vom sonderbaren Wind

Auf Erden weht ein sonderbarer Wind,
der trägt den Einen alles weg
und trägt den Andern alles zu.

Die Einen möchten mit den Andern gern
die Plätze tauschen. Doch die Andern
sind dagegen. Das versteht sich leicht.

Wer nichts mehr besitzt, dem kann der Wind
nichts mehr entreißen. Seine Hände sind frei.
Doch wem alles zufliegt, dem sind zwei Hände
zu wenig, um das alles festzuhalten.
Denn der Wind setzt niemals aus.

Drum müssen die, die leere Hände haben,
den anderen, die sich nicht zu helfen wissen, helfen.
Das gibt ihnen das schöne Gefühl,
nicht unnütz geboren zu sein.

Und deshalb finden manche Leute
auf Erden alles sinnvoll eingerichtet.

*

 

Franz Kießling 1943

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Franz Kießling


 Wenn du weinen mußt

Wenn du weinen mußt, tu nichts dagegen.
Suche keine Stütze für dein Haupt.
Wenn du weinen mußt, geh in den Regen,
daß kein Lügner dir die Tränen raubt.

Nimm den Untrost auf, der dir begegnet,
wo kein Stein mehr auf dem andern liegt.
Wenn du heimkommst, sag: Es hat geregnet,
und die Dürre hat noch nicht gesiegt.

*


Franz Kießling Signatur


Auf dem Heldenplatz in der Stadt Wien

Auf dem Heldenplatz in der Stadt Wien
traf ich einen Freund, mit dem ich lange sprach,
denn ich hätte gerne von ihm Geld geliehn,
doch mein Mut war für die Bitte noch zu schwach.

Schließlich sagt sich so etwas nicht leicht,
und kein Heldendenkmal macht der Armut Mut,
und man redet und die Zeit verstreicht;
ich bin sicher, ihr versteht mich gut.

Aber dann, im weiteren Verlauf
des Gesprächs, kam mir der Mut ganz nah.
Plötzlich sah mein Freund zum Himmel auf,
und dann sah auch ich, was er dort sah:

Eine Wolke - ach, erwartet nicht,
daß ich sagen kann, wie schön sie kam,
doch so lang hielt jeder sein Gesicht
still nach oben, bis sie Abschied nahm.

Nachher gab ich meinem Freund nur stumm die Hand,
herzlich, doch ein wenig übereilt,
und ich sagte nichts vom Gelde, denn ich fand,
er hat wirklich treu mit mir geteilt.

*


Franz Kießling Autograph

Was die Bäume betrifft

Wir brauchen Bäume.
Wir haben bis jetzt
noch nichts erfunden,
was sie ersetzt.

Wir sind nicht darauf eingerichtet,
in einer Mondlandschaft zu leben.
Wir haben das Mondland gesichtet
und wohnen lieber daneben.

Wir brauchen auf dieser Erde
- sind wir auch erbarmungslos -
der Bäume Schutzengelgebärde,
sonst wird uns der Himmel zu groß.

Wir brauchen Bäume,
damit sie uns die Pest weghauchen.
Wir brauchen Bäume,
so wahr uns die Bäume nicht brauchen.

*

Franz Kießling: Ausgewählte Gedichte. Vorwort: Ilse Tielsch. 64 Seiten, 1 Foto, Euro 6,-. Podium (Podium Porträt 43), Wien 2009. ISBN 978-3-902054-69-2

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