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podium porträt 31: Konstantin Kaiser

DER ORT HAT EIN FLACHES HERZ,
das ich
selbst flachen Herzens
abgeh
flach und matt der Schritt,
die flachen Herzen
aus dem Augenwinkel beobachte ich:
Die hier wachsen
unter der Aufsicht
kleiner dunkler Mütter,
Bauernfrauen, ängstlich,
angstwissend
was geschieht.

*

Konstantin Kaiser Signatur

MORGENS
hole ich meine Worte heraus,
brummend umschwirrn sie mich,
Schar unruhiger Hummeln
oder sehr kleiner Engel.
(Auf dem Selbstbildnis Gauguins,
grün-wächsern das scharfe Gesicht
auf dem Kissen,
kannst du sie sehen.)
Worte sind sie, sie spielen,
purzeln,
zeigen unter den Hemdchen
entzückende Puttenärschchen
oder gelb-schwarz in Borsten
die Farben
des alten Kaiserreichs.

*

ZU ERINNERN IST
an die vorzüglichen Ausführungen
des Londoner Exilgelehrten Karl Marx
zur ursprünglichen Akkumulation
und hier besonders
auf den Übergang von Frondienst zu Mehrarbeit
wobei die Taglöhner der Donaufürstentümer
mit ihren kleinen Gärten
und winzigen Äckern
auf beiden Seiten des Übergangs
die Waage im Gleichgewicht
zu halten hatten

*

DIE VERNUNFT DER KÜCHE
Abfolge der Handbewegungen
Licht, das von der Seite fällt
Arbeitsplatte, Herd, Waschtisch

Hier - sehen Sie? -
ein schöner, praktischer Gegenstand: Wiegemesser.
Salbeiblätter, Rosmarin.
Jenes kleine Messer stand im Ruf,
besonders brauchbar zu sein
zum Gemüseputzen und
zum Zerschneiden
uralten Kühlschrank-Parmesans/Partisans.
Auch dieser Tonkrug
hat Reputation,
wiewohl er den Motten Vorschub leistet.

Reden wir nicht von den Ölen und Saucen,
von griffig und glatt, Rund- oder Langkorn.
Die Vernunft des Materials
hält der Analyse nicht stand.

Ich küsse, was von dir da ist, das kleine
Basilikum-Blatt,
es redet mir grün in den Mund.

Konstantin Kaiser

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NUN, SIEH AN, was
geworden ist
aus unsrer schönen Republik,
in der es schien,
daß man Gerechtigkeit verlangen dürfe
trotz der Unsterblichkeit
des Eigentums.

Nun, sieh an, wie
wir mit leeren Händen stehen,
in fünfzehn Jahren alles verloren.

*

DIE NASE GLIEDERT das Gesicht in zwei Seiten,
die nicht gleich sind.
Auch die Nase wird von dieser Ungleichheit
in Mitleidenschaft gezogen.
Also kannst du nicht mit allen Teilen
deines Gesichtes gleichermaßen trauern
oder mit Wange, Auge, Mund das gleiche Wehgeschrei
anstimmen.
Immer weht dir ein kühler Hauch ums Ohr
oder sitzt dir ein vergessenes Lächeln in der Braue.
Oder es treffen sich Jochbein und Jochbein
ungleich in einem Zorn.

OFT DOCH
erwache ich in deiner Haut
wie in einer samtenen Schatulle
oder als läge ich
in einer Pfingstrose,
die mich zudem küßt.

Manchmal zerreiße ich
das Hautgespinst
mit einem Ruck.

Das macht mich nicht freier.

*

HEUTE
schlafe ich auf meinem Herzen
und den Stücken Fleisch in meinem Magen
genommen aus der Brust des Lamms

Heute
schlafe ich auf meinem Herzen
meine linke Hand stützt links die Leiste
meine Rechte ballt sich über meinem Scheitel
und dazwischen liege ich
auf meinem Herzen

*


Konstantin Kaiser: Ausgewählte Gedichte. Vorwort: Daniela Strigl. 64 Seiten, 1 Foto. Euro 6,-. Podium (Podium Porträt 31), Wien 2007

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