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podium porträt #11: Hans Heinz Hahnl

Der gute Mensch vom Rhein, Böll, der
Trümmerpoet, puritanischer Christ
und Verliereranwalt,
ehrlich und penetrant
und damit zu einem Praeceptor
Germaniae vorprogrammiert,
als Prediger und als
Kommentator ein Savonarola.
Die Ungerechtigkeit meines Hohns
liegt auf der Hand. Er hat
nichts bewirkt, aber angeblich
den Leuten die Krallen geschärft.
Lesen mag ich ihn nicht, sagte Veli,
aber vor meiner Achtung
kann ihn seit seinem Tod
nichts mehr bewahren.

*

Mein Zaddik hat mich verlassen,
sagte Levi, weit und breit
kein Guru, keine Bibelsprüche,
kein Gleichnis, das eine
schwankende Brücke zwischen mir
und dem Erlöser schlägt.
Die Rabbis haben sich verlaufen,
die Heiligen sind ausgestorben,
keine Märtyrer, nur Opfer
des Kapitalismus und
seiner sozialistischen Aussenstationen.
Führerlos. Das war Velis Land.
Allein in den Wäldern der
Kindheit, in den Buschwinkeln
der Flucht, geschützt von den
Sträuchern der einsamen Rast.

*

Die Flüsse hinab und die Alleen
entlang, aber zu Hause, sagte Veli,
war ich auf unseren Bauernstrassen
mit den schütteren Apfelmostbäumen.
Von Dorf zu Dorf, von
Hundegebell begleitet, den
Stallgeruch und den ersten Blütenduft
erschnuppernd, habe ich mir
die Wege eingeteilt, das ebene
Drittel, den Anstieg und
den Morast durch den Auwald.
Fünfminutenromane, Hymnen, Epen
und Elegien der Vergänglichkeit.
Ich habe zwischen Kirschenbaum
und den ersten Ställen alles
erlebt, was einem zustossen kann,
immer im Schatten des Schicksals,
aber dank meiner Beine und
einer Schotterstrasse mein eigener Herr,
auch in der Qual meiner
tausend Kinderängste.

Hans Heinz Hahnl


Hans Heinz Hahnl wurde am 29.3.1923 in Oberndorf/NÖ geboren, war Kulturredakteur und schreibt Prosa und Lyrik...
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A la Mommsen
wünschte Veli sich seinen Tod.
Bekanntlich traf den 86jährigen Historiker
in seiner Charlottenburger Villa
der Schlag, als er auf der
Bibliotheksleiter stand und
mit steif gewordener Hand
ein Buch aus dem Regal
ziehen wollte. Er glaubte,
den fehlenden vierten Band seiner
unvollendet gebliebenen Römischen Geschichte,
der immer wieder von ihm
eingefordert worden war, gefunden
zu haben und griff ins Leere.

*

Jetzt hast du so viel geschrieben,
gehört und gelesen, gespielt und gesungen,
wofür, fragte Veli, am Grab eines Freundes,
dein Körper vermodert, aber was ist aus deinem
Wissen, deinem Geschmack, deinen
tausend Empfindungsnuancen geworden?
Was hat der grosse Verschwender
da vorgesehen? Lässt er's verkommen?
Er lässt es verkommen.



Hans Heinz Hahnl - Ausgewählte Gedichte. Vorwort: Nils Jensen. 64 Seiten, DIN A6, Euro 6,-. Podium (Podium Porträt 11), St. Pölten - Wien 2003. ISBN 3-902054-21-2
 

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