| "Austern" oder "As time goes by"
Das Leben ist eine runde Sache. Rund wie ein Kreis, in dem wir
unseren Reigen tanzen. Mitunter geht eine Tür auf. Das braucht
Zeit. Man darf nicht ungeduldig sein. Und Sinnlichkeit kommt von
Sinn!
Sie muss eine gute Flugbegleiterin gewesen sein. Das sieht man
schon an der Strecke zwischen ihrem Rocksaum und dem Stiefelschaft.
Leidenschaft steht da geschrieben. Beine blitzen wie Augen und
Zähne. Die Frau strahlt Gesundheit aus. Auch Energie. Daran
ändert eine gelegentliche Zigarette nichts, auch nicht die
schlechte Luft in den Lokalen. Wie sie raucht, ist hocherotisch.
Ihr machen auch ein paar Halbe nichts, wenn es um Bier geht, oder
ein paar Gläser Wein. Selbst die fehlenden Schlafstunden
um Mitternacht machen sie nicht welk. Wenn es der Anlass verlangt,
dass sie erst in den frühen Morgenstunden heim findet, schläft
sie eben sehr kurz und lüftet sich dann eine Stunde oder
länger beim Joggen aus. Sie ist ein Kind der Natur, mit Schönheit
und Verstand gesegnet, wie mit den Mitteln der Wohlhabenheit.
Aus reichem Elternhaus, selbst gut verdient, in der Welt herumgekommen,
einen tollen Mann gefunden, der sie vergöttert und verwöhnt,
obwohl er viel unterwegs sein muss und dafür viel Geld nach
Hause bringt. Zu seiner Kaiserin und zur Prinzessin, der vielversprechenden
Tochter.
Wahrscheinlich ist diese Sonja die Hübscheste in der kleinen
Stadt zwischen den hohen Bergen. Dass sie ihren Kaiser, der Baumeister
ist, in der Luft gefunden und in die Heimat importiert hat, war
für die einheimischen Männer eine Enttäuschung.
Gesagt wird ihr heute noch: Bei uns hat es eine einzige gegeben,
die keinen Burschen an sich heran gelassen hat, und das warst
du! - Hast du es überhaupt versucht? - Das wäre doch
sinnlos gewesen, aber du hast gewußt, dass ich dich immer
gerne gesehen habe. - Mir ist nichts aufgefallen, aber gut, dass
ich es jetzt weiß. - So oder ähnlich geht das Geplänkel,
das Flirten, das Abtasten derer, die in Frage gekommen wären
oder in Frage kämen. Dazu das Spiel der Schultern, das eigenwillige
Kinn, das Zuprosten, sich Feuer geben lassen, das Hin-, Weg- und
Zuneigen.
Wie ein Tanz auf dem Vulkan. Sie findet es spannend. Bevor die
Glut erlischt, geht sie heim. Es soll nicht alles tot sein. Und
sie hat eben ihre Zustände, die mitunter quälend sind.
Daheim ist alles bestens, ihr lieber Kaiser hat ein großes
Haus für den kleinen Hofstaat hierher gebaut. Das glückliche
Prinzesschen ist auch schon zehn Jahre alt und wird nie allein
gelassen. Niemand mangelt es an Zuwendung, an Spielgefährten,
an Familie.
Und warum bitte, Sonja, bleibst du nicht zu Hause? Es würde
doch genügen, wenn du mit deinem Mann ausgehst, wenn er hier
ist. Er macht doch dir zuliebe alles mit. Manchmal tut Sonjas
Mutter diesen Stoßseufzer. Und Sonny, der Sonnenschein aller
Dreißig- bis Sechzigjährigen gibt es zu: Ich kann nicht,
ich bringe es nicht fertig, ich muss fortgehen!
Selbst der besten Freundin ist diese Gewohnheit schleierhaft und
sie fragt, was denn das besondere an dem Herumhängen wäre.
Sonny würde gerne beichten, aber sie weiß nicht was:
Ich liebe meinen Mann, ich liebe mein Kind, mein Haus, meinen
Hund, meine Eltern, meine Großmutter, aber es ist mir zu
wenig. Glaube mir, ich kämpfe jeden Tag, ich möchte
ja eine brave Ehefrau und eine gute Mutter sein, ich möchte
ja bei ihnen bleiben. Aber es geht nicht. Bevor ich leide, fahre
ich zum Heurigen, stelle mich in die Vinothek, wo ich immer jemand
treffe, oder verabrede mich an irgendeiner Theke, und die Qual
hat ein Ende. Aber ich ergebe mich meinem Schicksal nie kampflos!
Es ist kaum zu glauben. Sie, die Schlagfertige, die Begabte ist
nicht wählerisch. Hauptsache ist, sie hat einen männlichen
Gesprächspartner, und wenn es der Wirt ist. Hauptsache, sie
ist gut platziert, damit sie die Augen der Männer auf sich
zieht. Man darf sie nicht übersehen und muss sie merken lassen,
wie sie wirkt. Sie möchte alle in ihren Bann ziehen, die
zur Tür hereinkommen. Sie will es wissen, dieses unbeschreibliche
Etwas. Bei ihr wirkt gar nichts.
Weil Sonja nicht entspannt ist, nicht einmal ab dem zweiten Glas.
Sie liegt auf der Lauer, parat zum Austausch. Erotische Anregung
gegen Gnade. Beim dritten Kompliment oder Glas geht es ihr endlich
besser.
Sie hört in sich hinein: Wie ist das beim Fliegen gewesen,
vor der Landung, wenn sie die Augen der Passagiere auf sich spürte,
wenn ihr Lächeln so viel wert war. Im Kopf kreisen ihre Gedanken:
Meine Figur, mein Gang, mein Entgegenkommen? Mein Wissen um die
Bedingungen in allen Häfen dieser Welt. Wie ist das gewesen?
Habe ich etwas Wichtiges vergessen? Bin ich nicht selbst ein Hafen,
ein Hangar im Sturm. So sollte es wohl sein. Aber es passt nicht.
Endlich eine geglückte Landung hinlegen. Mein Frausein, die
Weiblichkeit, Reizbarkeit, Urstände verlangen danach.
Matrosen und Versicherungsvertreter fliegen doch genauso wie Märchenprinzen.
Auf mich. Ich bin neugierig, und knapp vor der Antwort macht der
Himmel zu. Ein plötzlicher Blick, ein Déjàvu,
wann denn und wo. Nichts, aber schon gar nichts wird klar an einem
Abend, an vielen Abenden, in Jahren. Jung und doch schon uralt.
So ein Unsinn!
Da bahnt sich mitunter die Erinnerung an dieses Büffelschnauben
einen Weg. Ein erstaunliches Naturphänomen in einem weiten
Land. Fast wirklich und doch ein Traum. Die Brandung presst das
Wasser zusammen, bis es aus dem Loch im Felsen schießt,
nicht weit von einer kleinen Siedlung, in der Nähe.... zum
Greifen nahe.
Ist sie dort gewesen oder einer Fiktion erlegen. Gab es da Kokosnüsse
oder Austern. Wie weit weg der nächste Tower? Turm. Die Wellen
rauschen in eine auf Höhe des Meeresspiegels gelegene Höhle
und komprimieren die Luft in der Kammer. Dieses Geräusch,
wenn das zusammengepresste Luft-Wasser-Gemisch sich mit ungeheurer
Wucht gegen ein Loch in der Höhlendecke drückt. Alleine,
zu zweit oder unter vielen Menschen, wo ist sie gewesen?
Darf man sich Hoffnung auf einen gemütlichen Abend machen,
fragt der Steff. -
Immerzu, solange keine Langeweile aufkommt. - Schon wieder mitten
im Getändel. (Eine Wassersäule von achtzehn Metern ist
in die Höhe geschossen, und ich habe vergessen, wer ich gewesen
bin.) Ach Träume ..... der Steff ist Realität.
Sie fragt ihn: Und du als guter Jugendfreund, was hältst
du wirklich von mir?
- Nun, du bist charmant, schick, liberal, sehr aufgeschlossen,
wie ich glaube.
Kein biologischer Irrtum?
- Du bist ein biologischer Wahnsinn, das spüre ich mit allen
Sinnen.
Unsinnen, aber danke, Steff. - Egal, wo Sonja gewesen ist, der
Abend hat sich gelohnt.
Kaiser, mein Kaiser, gut dass du schon da bist, ich möchte
deine Kaiserin sein. Diesmal ist sie ihrem Mann in der Umarmung
entgegen gekommen. Er hätte es auf alle Fälle gewollt.
Aber sie musste an Kokosnüsse denken, deren Inneres man auskratzt.
Mit Steinen oder einem Messer? Oder waren es doch Austern gewesen.
Der Schaft blitzt in der Sonne. Hat sie das in einem Kriegsfilm
gesehen?
Mehr! Nicht nur kleine Teile, ich will eine ganze Frucht, Nuss,
Auster. Ich will doch alles haben, aber man hat mir eine doppelte
Perlenkette um den Hals getan, die unbehaglich ist. Aus Unfähigkeit
eine Reihe, aus Sehnsucht die andere. So sehr ich mich einlasse,
immer ein Irrtum. Ich verirre mich in einem Land, in dem ich nie
gewesen bin. Dort sind die Perlen schwarz.
Was ist mit ihr los in den gewissen Stunden?
Eigentlich ist mein Kaiser arm, sagt sie zur Freundin. Weil ich
keine Kanone im Bett bin, ich spiele da nur ihm zuliebe mit. -
Du? - Ich habe manchmal das Gefühl, das da mehr sein könnte.
Da ist noch etwas drinnen. Es liegt nicht an ihm. Er gibt sich
wirklich Mühe. Bestellen wir uns noch ein Viertel, bevor
wir zu den Schützen in die Mostschenke gehen?
Wieder en paar Stunden untermalt vom Kichern einer Ehefrau und
Mutter, die nordöstlich von Kuba im Meer zu treiben scheint.
Irgendwie quälend. Oder ist es eine afrikanische Küste?
Wieviel Sprit haben wir noch? Da taucht es auf, das Atoll der
schwarzen Perlen, aber nur schemenhaft.
- Sonny, wir sollten gehen, deine Mutter regt sich sonst wieder
auf.
-Hast du schon einmal von Rurutu gehört? Nein, sagt die Freundin.
-Ich auch nicht. Aber ich weiß, dass Steineheben von Frauen
erfunden worden ist, wahrscheinlich in der Südsee. Da zählt
nämlich nicht nur Gewicht, sondern auch Schönheit und
Körperhaltung. - Du gehörst ins Bett. - Aber das ist
es ja. Ein Bewerb. Man muss den Stein rasch anheben und sich entscheiden,
ob man ihn mit dem linken oder mit dem rechten Oberschenkel hochhebt.
Zur Schulter ist es zu weit, also zur Brust nehmen. Ich wäre
kräftig genug, habe aber nie einen Preis bekommen. - Sonny,
morgen trinken wir weniger. -
Mein Kaiser ist arm, er legt die beste Landung hin, und ich bin
so kompliziert, nein kränklich. Dabei hat mich doch nie jemand
gekränkt. Morgen bleibe ich zu Hause. Er wird sich freuen,
wenn er das hört. Sonja lächelt.
-Ich dachte, du brauchst Action, du wirst unruhig in der guten
Stube? - Ich weiß nicht...wann ich diese Steine gehoben
habe, ich will eben keine tote Tante sein. (Und dabei kann sie
herzlich lachen.) Morgen fange ich mit dem Trommel-Seminar an!
Der Mann, der das leitet, soll ein Heiler sein.
Das ist wieder eine Erwartung, ein Prickeln, immer eine Möglichkeit,
dass........
Welche Möglichkeit denn? Dass sich die Unruhe einstellt oder
dass sie vergeht. Wozu Gefühlskampf, wo alles so gemütlich
sein könnte. Die Sehnsucht einer Diva oder Zicke kann es
doch nicht sein. Immer hat sie etwas zu befürchten und zu
erhoffen, immer zu gleichen Teilen. Am leichtesten ist, sich Abwechslung
zu verschaffen, an Äußerlichkeiten festzuhalten, damit
dieses innere Theater Spielpause macht. Darüber spotten geht
auch ganz gut: Ich bin zwar nicht Schneewittchen, aber auf sieben
Zwerge habe ich es längst gebracht. Aber mein Prinz ist der
absolute Kaiser und wird es immer bleiben.
-War er es, der dich wach geküsst hat? -
Darüber kann sie auch der Freundin keine genaue Auskunft
geben, weil sie es selbst nicht weiß. - Mein Debüt,
das war so diffus, ich glaube es waren mehrere Anläufe, ich
kann nichts dafür, ich kann nur sagen, dass ich mich gefürchtet
habe. Irgendwie ist es immer mehr Not als Wohlbefinden. Das war
auch beim Fliegen so, dabei habe ich mir den Beruf selbst ausgesucht.
Ich bin für alles, was mein Leben ausmacht, alleine zuständig.
Und es ist mir alles gelungen. Das kann man doch sehen.
Nur die tiefen Wünsche sind so versponnen und entfernt wie
Wolken am Himmel. Was rede ich nur, eigentlich ist in unserem
Alter alles längst Routine, und ich möchte sie nicht
missen. Ich bin meinem Kaiser treu, auch wenn ich gleich drei
von meinen Zwergen anheize. Das ist mir nützlich. Das brauche
ich. Ihre Reden zu hören, die mich bestätigen.
Unsinn, das hast du doch gar nicht notwendig. - Na schön,
dann ist es zwanghaft, und ich kann nichts dafür.
Ab jetzt heißt es, Sonja hat eine Begabung fürs Trommeln.
Dabei ist sie total besonnen, überhaupt nicht hektisch. Sie
fühlt diesen fremden und doch vertrauten Tönen mit geschlossenen
Augen nach: Das bin ich, in dieser konzentrierten Spannung liegt
eine Entwicklung, eine Möglichkeit zu entdecken. Und sie
trommelt. Was, nur was? Tauchen vielleicht, Tauchen nach Austern,
eintauchen in ein Zittern. Wie ist es möglich, mich wie eine
Auster an alle und alles zu hängen, obwohl ich mich nicht
öffnen kann. Und sie trommelt hart wie Kokosnuss. Klettern
und trommeln. Auf eine Palme klettern, und die Nuss zu Boden werfen,
damit sie aufspringt. Damit etwas aus ihr wachsen kann. Und sie
trommelt wie besessen: Wasser, bitte Wasser für die Felder
meiner Väter.
Hat das die reichste Bauerntochter der ganzen Gegend laut gesagt?
Und kaum hörbar: Ich bin ein Graswurzelmensch, ich will stampfen,
ich will klatschen. Gebt mir meine Gesänge zurück.
Der Therapeut stimmt mit ein, setzt seine Rassel in Bewegung und
Sonja schreit: Nein, halt, das nicht, aufhören, bitte aufhören.
Diese Qualen nicht mehr. - Blankes Entsetzen spiegelt sich in
ihrem Gesicht, und sie weint: Ich will das nicht, ich kann das
nicht hören, das tut so weh! Der Austern-Chriurg soll aufhören.
Das schreckliche Geräusch verstummt, Sonja will zurückkommen,
der Mann hält die Rassel still. Er sagt anderes als die vielen
reizenden Zwerge. Er sagt zu ihr: Du bist daran gestorben und
warst nicht einmal Frau. Sonnys Muskeln zucken, sie beisst auf
einen Stein, den sie selber zum Mund hochgehoben hat, weil es
sein musste, weil sie sonst unrein gewesen wäre.
Sie reißt die Augen auf und wundert sich, dass da kein Blut
ist, das ihre Beine entlang rinnt. Dass da keine Klinge blitzt
und ihre Klitoris bedroht, dass das Klatschen und Stampfen aufgehört
hat, dass sie zwischen ihren Heimatbergen mit einem fremden Mann
vor einer Trommel sitzt.
Was weiß dieser Mann? Sie sieht in seine Augen, der Schmerz
läßt nach: Ich habe geglaubt, ich halte das nicht aus,
aber es ist vorbei. Wie gut jetzt die Ruhe, das Nachlassen.
Das war der Ritus, sagt der Mann, ohne Beschneidung hättest
du kein Brautgeld bekommen. Er sagt es sehr bestimmt, und deutliches
Wohlbehagen breitet sich aus, eine Befindlichkeit, die Sonja nicht
gekannt hat.
Merk´ dir, sagt der Mann, die Trommel ist gut für dich,
die Rassel nicht. Du musst dich danach richten. Du bist in einem
anderen Leben ein armes Mädchen gewesen. In Äthiopien.
Die Rassel hat es uns gezeigt.
Die Erschöpfung ist unendlich, Sonny will nur in ihr warmes,
weiches Nest und heim in die Arme von ihrem geliebten Kaiser:
Es geht deiner Kaiserin heute so gut, ich habe ein wunderbares
Leben, unsere gesunde Tochter und dich.
Friede zieht auch in ihre Glieder, Freunde und innige Dankbarkeit.
Heute ist sie eine gute furchtlose Flugbegleiterin, ein Schaft
dem kaiserlichen Turm, Leidenschaft in ihrem entspanntem Körper.
Was sie vermisst hat, für ausgeschlossen hielt, tritt ein.
Die Brandung tobt, der Raum füllt sich, die Doppelreihe aus
schwarzen Perlen ist zerrissen.
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