Podium Lyrikflugblatt 2006

GERHARD KOFLER

der lebende garten

für Eva-Maria, Andreas
Judith, Johann August
und für uns

igel laufen
glühwürmchen fliegen
eichhörnchen springen
vögel singen
die katze
einst streunend
schläft

erscheinung
zweier sterne
für eine dämmerung
lebendig an träumen

es ist ein verzauberter
garten
und wir
ganz einfach
mitten drin

verzaubert
zum leben

29. Juni 2003

HANS RAIMUND

Hinterm Haus

Ins Erdreich eingefurcht
Mit schlierem Eis verglast
Traktorenreifenspuren

Zu schwer vom unzeitigen
Schnee und von den Äpfeln
Die am Zweig verrotten ist
Der morsche Ast gebrochen

Amselweide

Halbe Nußschalen leer
Haufen weißen Flaums
Katzenpfotenspuren

Auf dem schneegeschminkten
Schrägen Scheunenfenster
Krabbeln Fliegen sich zu Tod

*

HANNES VYORAL

der sommer

der sommer schiebt
einen tag in den andern
atemstoß um atemstoß
wie beim aufblasen
des blauen luftballons

am ende
wird er dünn
& überm stoppelfeld
zerplatzt er

(für leonie vyoral)

EVELYN SCHLAG

Septemtriones XXVI

Eine Handvoll Wörter immer nur mit
denen ich dich hungrighalten will
mein Raubtier Pranken größer als
mein Herz - so wär ich gern gefangen
Krallen Gitterstäbe sanft gesetzt mit
jedem Herzschlag stoßend an dein
bleib bei mir.

*

MICHAEL DONHAUSER

Heidelberg

Erfroren waren die Magnolien, braun standen ihre
blassen Blüten, und hell schien im Dunst, der das
Sonnenlicht streute, die Stadt, das Tal, wo als vor
Toren draussen weit die Ebene lag, wie auf halber
Höhe wir da gingen und standen, auf dem einstigen
Wingertweg - nur die Trockenmauern noch, sie
zeugten vom Anbau der Reben, doch unten, jene
Brücke sei eine der schönsten gewesen und wurde
nach dem Krieg von neuem errichtet, dass sie sich
kräftig wieder schwang und leicht über den Strom:
wir nahmen den schlängelnden Weg, der uns, wo
Liebende sonst hinan in inniger Eile stiegen, ans
Ufer hin führte, des ziehenden Wassers, das, von
Strassen gesäumt, nur kaum von seiner Herkunft
noch erzählte - doch blieb zu sehen die Weise der
Türme und Häuser, gebaut zu sein, um südlicher
bald zu empfangen das späte Licht, hier, nah der
Mündung des Wassers in sein fernes Fliessen: und
so war es im Frühling ein kleiner Herbst, war ein
Erinnern da im Verblühen, der Abende, wie diese
leuchteten am Gemäuer, damit wir es sagten, es
sähen, strömen und brechen am Stein oder milder
anliegen dann, befriedet im Wiegen wie Schiffe am
ufernden See, das Licht, das ewig alles versöhnte

GOTTFRIED W. STIX

schau in den spiegel
und betrachte dich selbst doch
verweil nicht zu lang

 

 

 

 

Das Lyrikflugblatt mit vielen weiteren Texten erscheint am 1. März und wird kostenlos abgegeben.

Näheres in der Seite mit den Publikationen.

*

Das Flugblatt 2006 enthält Gedichte von:

  • Bettina Baláka
  • Georg Bydlinski
  • Manfred Chobot
  • Ernst David
  • Michael Donhauser
  • Brigitta Falkner
  • Marianne Gruber
  • Sabine Gruber
  • Graziella Hlawaty
  • Hermann Jandl

Redaktion: Christa Nebenführ

  • Gerhard Jaschke
  • Ilse Kilic
  • Gerhard Kofler
  • Andreas Okopenko
  • Hans Raimund
  • Evelyn Schlag
  • Gottfried W. Stix
  • Alois Vogel
  • Hannes Vyoral
  • Fritz Widhalm